Von Birmingham und Rekorden
Eva Wutti bei den Europameisterschaften, Roland Tremel auf Rekordkurs – und dazwischen viele, die einfach besser laufen wollen als gestern. Genau diese Mischung aus internationalem Anspruch, persönlicher Entwicklung und gemeinsamer Freude am Laufen macht Club RunAustria aus.
Eva inmitten ihrer direkten Mitstreiterinnen bei der EM im Marathon
Es gibt Rennen, auf die man sich freut. Und es gibt Rennen, die schon lange vor dem Start größer werden als die Distanz selbst.
Für Eva Wutti war die Europameisterschaft in Birmingham so ein Rennen.
Die Qualifikation allein hatte viel bedeutet. Nicht, weil Eva sich damit einen persönlichen Wunsch erfüllt hatte, sondern weil sie dafür sehr vieles unter einen Hut bringen musste: Beruf, Familie, Alltag und ein Training, das längst nicht unter jenen Bedingungen stattfindet, die eine klassische Profikarriere erlauben würde. Umso größer war die Freude, als endgültig feststand, dass sie Österreich bei den Europameisterschaften vertreten würde.
In Birmingham spürte man diese Vorfreude. Europameisterschaften sind eben etwas anderes als ein Straßenlauf. Die Atmosphäre im Teamhotel, die Akkreditierung, die gemeinsamen Abläufe, die Athlet:innen aus ganz Europa, die Vorbereitung auf den Start – all das erzeugt eine Spannung, die man nicht simulieren kann.
Eva erlebte diese Tage ganz intensiv. Und trotzdem wusste sie, dass der Marathon selbst keine freundliche Veranstaltung werden würde.
Die Strecke war schwer. Sehr schwer.
Permanent wechselnde Rhythmen, Steigungen, Gefälle, kaum Passagen, in denen man einfach nur laufen und Kilometer sammeln konnte. 978 Höhenmeter zeigte im Ziel ihre Garmin an – praktisch ein Bergmarathon. Gerade bei einem Marathon kostet eine solche Topografie mehr als ein paar Sekunden. Sie fordert Muskulatur, Laufökonomie, Konzentration und die Fähigkeit, auch unter zunehmender Ermüdung technisch sauber zu bleiben.
Eva ging das Rennen engagiert an. Aber relativ früh wurde deutlich, dass sie an diesem Tag nicht jene Leistungsfähigkeit abrufen konnte, die wir uns vorgenommen hatten. Auf diesem Kurs wurden auch jene Bereiche sichtbar, an denen wir weiterarbeiten müssen: spezifische Umfänge, Kraftausdauer, muskuläre Robustheit und eine noch konsequentere Regeneration.
Sie selbst hat das nach dem Rennen sehr realistisch eingeschätzt. Keine Ausreden, kein Schönreden. Sie wusste, dass sie sich sportlich mehr vorgenommen hatte. Gleichzeitig wusste sie aber auch, was diese Teilnahme bedeutete.
Und genau hier beginnt für mich als Trainer die eigentliche Einordnung. Eva war in Birmingham die einzige Teilnehmerin eines Salzburger Vereins bei diesen Europameisterschaften. Allein die Qualifikation für ein solches Meisterschaftsfeld ist eine Leistung, die man nicht kleinreden sollte. Wer internationales Niveau erreicht, muss zunächst einmal dort hinkommen. Wichtig war dafür auch ihr Sieg beim heurigen PUMA Salzburg Marathon mit dem Salzburger Landesrekord von 2:36:22 Stunden.
Das Rennen verlief nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Das gehört zum Spitzensport ebenso wie persönliche Bestleistungen und erfolgreiche Tage. Entscheidend ist, was man daraus macht. Eva konnte Birmingham mit einer Erfahrung verlassen, die man in keinem Trainingsplan verordnen kann. Sie hat gesehen, wo sie international steht. Sie hat gespürt, welche Anforderungen eine schwere Meisterschaftsstrecke stellt. Und sie hat erlebt, dass Motivation und Ausdauer allein auf diesem Niveau nicht genügen. Das sind Erkenntnisse, die manchmal mehr wert sind als eine Zwischenzeit.
Und deshalb konnte sie mit einem guten Gefühl die Heimreise nach Wolfsberg antreten. Nicht happy mit dem Ergebnis. Aber bereichert durch eine Europameisterschaft, die bleiben wird. Anmerken will ich dabei, dass Eva vom ÖLV unterstützt wurde. Als ihr Trainer darf ich mir alle Kosten selbst zahlen. Irgendwie ist das typisch für unser Sportsystem. Die, die das ganze Jahr über die Arbeit machen, müssen bei so einem Anlass selber schauen wie sie weiterkommen. Um das klarzustellen, für mich passt das so. Aktuell kann ich es mir leisten. Da aber die Kosten für so eine mehrtägige Reise insgesamt recht beträchtlich sind, denke ich an andere, die in so eine Situation kommen.
Aber es gibt noch mehr
Schon ein paar Tage zuvor sorgte ein anderer Clubathlet dafür, dass bei RunAustria auch auf den deutlich kürzeren Distanzen Tempo im Spiel blieb.
Roland Tremel startete beim Masters-Länderkampf im slowakischen Trnava über 1.500 Meter und belegte in der altersbereinigten Wertung den hervorragenden dritten Platz. Damit steuerte er wertvolle Punkte für das ÖLV-Team bei.
Für Roland war dieses Ergebnis kein Zufall.
Wir haben in den vergangenen Monaten ganz bewusst an seiner Grundschnelligkeit gearbeitet. Das klingt zunächst paradox, wenn die eigentlichen Ziele später wieder auf Distanzen zwischen 5.000 Metern und Halbmarathon liegen. Ist es aber nicht. Wer auf längeren Strecken schneller werden will, muss zunächst seine Geschwindigkeitsreserve verbessern. Ein höheres Tempo über kürzere Distanzen verändert die gesamte Leistungsstruktur. Die Laufökonomie verbessert sich, die neuromuskuläre Ansteuerung wird effizienter, die Schrittfrequenz steigt und auch das spätere Wettkampftempo über fünf oder zehn Kilometer fühlt sich relativ betrachtet ökonomischer an.
Roland hat diese Trainingsphase konsequent umgesetzt. In dieser Saison blieb er über 1.500 Meter nur knapp über dem österreichischen Rekord seiner Altersklasse. Und wer Roland kennt, weiß, was das bedeutet. Die Sache ist noch nicht erledigt. Ein Versuch steht noch aus.
Natürlich wäre es schön, wenn er sich diesen Rekord holt. Aber fast noch wichtiger ist, dass wir damit zeigen können, was intelligentes Training auch im Masters-Bereich bewirken kann: nicht einfach nur mehr Kilometer, sondern gezielte Reize, klare Trainingsphasen und ein sinnvoller Wechsel zwischen Geschwindigkeit, Ausdauer und Regeneration.
Wenn wir dann noch die Marathon-ÖSTM-Medaille von Veronika Mutsch in Linz und viele weitere starke Leistungen unserer Clubathlet:innen dazunehmen, entsteht ein Bild, auf das wir ein wenig stolz sein dürfen.
Noch viel mehr
Denn RunAustria ist kein Club, der sich ausschließlich über Bestzeiten definiert. Und auch keiner, bei dem Leistung keine Rolle spielt. Vielleicht liegt gerade darin unsere Stärke.
Bei uns laufen Menschen, die gerade erst beginnen und etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Andere möchten zehn Kilometer erstmals ohne Pause schaffen. Manche trainieren für einen Halbmarathon, einen Marathon oder eine neue persönliche Bestzeit. Und wieder andere bewegen sich auf nationalem oder internationalem Leistungsniveau.
Sie alle stehen manchmal gemeinsam auf derselben Bahn. Sie laufen unterschiedlich schnell.
Aber sie gehören zum selben Club. Für mich ist genau diese Verbindung entscheidend: Gesundheit, Freude, Gemeinschaft und sportlicher Anspruch müssen keine Gegensätze sein. Im Gegenteil.
Wenn Einsteiger:innen neben ambitionierten Hobbyläufer:innen trainieren, wenn Masters-Athlet:innen Rekorde angreifen und gleichzeitig eine Athletin unseres Clubs bei Europameisterschaften an der Startlinie steht, dann zeigt das ziemlich genau, was Club RunAustria sein soll.
Ein Ort, an dem niemand laufen muss wie die oder der andere.
Aber jede & jeder die Chance bekommt, ein bisschen besser zu werden als gestern.
Wir bleiben dran, Hannes
