Mord an Agnes Tirop hallt in Kenia immer noch nach

Über zwei Jahre ist der Mord an der kenianischen Topläuferin Agnes Tirop nun her. Verstorben an Stichverletzungen im Bauch und im Hals, mutmaßlich umgebracht von ihrem Ehemann Ibrahim Rotich, von dem sie sich offenbar trennen wollte. Dieser wurde von der kenianischen Polizei zwar eingefangen und verhaftet, ist nun gegen eine beachtlich niedere Kaution wieder aus dem Gefängnis gekommen. Das Delikt ist in der kenianischen Laufszene aber längst nicht vergessen, auch, weil ehemalige Kolleginnen der Athletin für die Stellung der Frau in der kenianischen Gesellschaft kämpfen und Entwicklungen, die es in Kenias Städten bereits gibt, voranzutreiben.

Agnes Tirop (r.) bei einer Laufeinheit im Olympischen Dorf von Tokio. © SIP / Johannes Langer

„Wie viele Agnes gibt es da draußen noch? Wie lange wird unsere Gesellschaft noch schweigen und diese Art von Tragödien hinnehmen?“ Diese Frage stellte Langstreckenläuferin Joan Chelimo unmittelbar nach dem Tod Agnes Tirops. Dass ihr Fall nur der ist, der aufgrund ihrer Prominenz internationale Bekanntheit erlangt hat, zeigen Medienberichte aus Kenia ein paar Monate nach Tirops Tod. Eine weitere Läuferin starb, Damaris Muthee, eine kenianische Läuferin aus dem bahrainischen Nationalteam. Mutmaßlich ein Femizid durch den Lebenspartner. Auch an diesen Fall knüpften sich öffentliche Proteste von Frauen in Iten, darunter weltbekannte Läuferinnen, die zu einem Ende der geschlechtsbasierten Gewalt gegen Frauen in Kenia aufriefen.

RunAustria-Lesetipp: Eine Reportage über das Leben von Agnes Tirop, die über den Laufsport den Weg aus der Armut für sich und ihre zehn Geschwister umfassende Großfamilie schaffte, erzählt von Alexis Okoewo im Magazin „The New Yorker“

A Tragic Run

Tirop’s Angels

Zu den am lautesten in der Öffentlichkeit Protestierenden gehört eine NGO namens „Tirops Engel“, zu der neben Mary Keitany, Joan Chelimo und Jocyline Jepkosgei auch Violah Cheptoo gehört, jüngere Schwester von Bernard Lagat. In einem Artikel im britischen Laufmagazin „Athletics Weekly“ vom 5. Juli 2022 (online) sagte sie die bemerkenswerten Sätze: „Es gibt immer noch viele Frauen, die dasselbe durchmachen wie Agnes erlitten hat. Daher wollen wir mit unseren Protesten solche Eskalationen präventiv verhindern. Hier glaubt keiner, Frauen zu schlagen, wäre ein Problem. Wenn ich früher meine Mutter gefragt habe, warum sie von meinem Vater geschlagen wurde, sagte sie, so würden Männer Frauen disziplinieren. Das bekommen kenianische Männer beigebracht und vorgelebt. Macht eine Frau in ihren Augen etwas falsch, pfeifen sie sie zurück. Auch mir wurde beigebracht: Männer suchen sich ihre Wege um Frauen zu kontrollieren.“ Frauen, so Cheptoo, die sagt, Agnes Tirop wäre wie eine Schwester für sie gewesen, würden dagegen gelehrt, trotz der Gewalt in Beziehungen zu blieben, weil eine verheiratete Frau in der kenianischen Gesellschaft angesehen sei. Somit entstehe ein Druck und das Gefühl des Scheiterns, wenn Frauen sich aus männlicher Gewalt befreien würden. Genau diesen Wunsch bezahlte Tirop mit ihren Leben.

Quelle: Athletics Weekly

Junge Athletinnen im Dilemma

Kenianische Talente seien massiv gefährdet, in Trainingszentren mit den Versprechungen, eine finanziell erfolgreiche Karriere zu starten, was dem Traum vieler entspräche, in falsche private Hände zu fallen, betont Cheptoo. Gegenüber der BBC berichtete die ehemalige Mittelstreckenläuferin und nunmehrige Marathonläuferin, dass die Initiativen ihrer Gruppe langsam erste Früchte erzielen. Die Bevölkerung erkenne, dass es hier ein Problem gebe. Der Zuspruch für die Mission, Gewalt an Frauen zum breiten Thema zu machen, sei enorm. Weitere Kampagnen von NGOs wurden gestartet und engagieren sich mit und für Frauen. Der Kenianische Leichtathletik-Verband organisierte Workshops der Aufklärung, prominente Läuferinnen wie Hellen Obiri hatten öffentliche Auftritte und sprachen klare Worte. Sie alle stemmen sich gegen ein tiefsitzendes Problem. Die BBC zitiert den kenianischen Gesundheitsminister, der davon ausgeht, dass fast jede zweite Kenianerin und fast jeder zweite Kenianer Erfahrungen mit Gewalt bereits im Kindes- und Jugendalter machen. NGOs versuchen Druck auf die kenianische Politik auszuüben, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu adaptieren. Auch prominente Läufer unterstützen die Arbeit von „Tirops Engel“, darunter die äthiopische Lauflegende Haile Gebrselassie.

Quelle: BBC

Kenias Stars in verantwortungsvoller Rolle

Eine weitere bekannte Läuferin, die sich enorm für kenianische Frauen engagiert, ist Mary Ngugi, Ex-Frau des 2011 verstorbenen Marathonstars Samuel Wanjiru. Die Prominenz Tirops hätte das Licht der Weltöffentlichkeit auf den Missstand in Kenia gelenkt. „Wir Leichtathletinnen haben die Plattform, Veränderungen zu erzielen. Und selbst wenn uns das nicht gelänge, setzten wir Impulse, dass junge Frauen vorsichtiger werden, wenn sie sich in Beziehungen begeben“, sagte die Marathonläuferin im Oktober 2022 gegenüber der BBC. Ngugi setzte sich initiativ dafür ein, die Stellung der Frau in der Gesellschaft zu stärken. Außerdem gründete sie einen Laufverein für junge Kenianerinnen, in dem ausschließlich weibliche Trainerinnen angestellt werden. Der Nala Track Club in der kenianischen Stadt Nyahururu sei ein sicheres und weniger manipulationsanfälliges Umfeld. „Unser Camp ist ein sicherer Platz für sie, ohne dass sie jemals das Gefühl hätten, die ganze Zeit im Schatten von Männern zu stehen“, sagte Ngugi in einem Interview mit olympics.com. Neben der sportlichen Betreuung bezahlt das Camp auch das Geld für die Ausbildung. Ngugis Vision ist die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit kenianischer Frauen, verbunden mit der Freiheit, sich ihr Leben und ihre Karriere selbst gestalten zu können.

Female Empowerment

Wie wichtig das „Female Empowerment“ Ngugi ist, schildert sie in einem Beitrag von Athletics Weekly, welcher am 15. Juni 2023 online veröffentlicht wurde, und zwar aus eigener Erfahrung. Der Mann ist in Kenia nach wie vor die Person in der Familie, die immer Entscheidungsträger sei. Damit sei jedes Mädchen abhängig von „Ja“ oder vom „Nein“ des Vaters und diese Erziehungsweise werde auch den Burschen vor Augen geführt. Ngugi steht dem Nala Track Club als Mentorin vor. Sie möchte Mädchen entwickeln, die eigene Entscheidungen treffen, die keine Rückversicherung einholen müssen, die jederzeit ablehnen dürfen. Nala ist ein afrikanischer Begriff für Löwin und im übertragenen Sinne für eine starke Frau.

Quelle: Athletics Weekly

Großes Potenzial für Kenias Frauen

Die kenianische Gesellschaft weist eine patriarchalische Struktur auf, Geschlechterstereotype werden aufrechterhalten. Unterschiede gibt es hier zwischen diversen Volksgruppen, außerdem ein wohl deutliches Stadt-Land-Gefälle. Besonders schwach war die Rolle der Kenianerinnen in der britischen Kolonialzeit, die 1963 endete. Im Global Gender Gap Report des Jahres 2021 schaffte es Kenia unter 156 untersuchten Ländern weltweit gerade einmal in die Top-100, zwei Jahre später rangiert Kenia in der von den skandinavischen Nationen, Neuseeland und Deutschland angeführten Rangliste bereits auf Position 77, interessanterweise knapp vor Italien und nur 30 Plätze hinter Österreich.

Quelle: Global Gender Gap Report 2023

In einer aktuellen Studie bezeichnet die United States Agency International Development (USAID) die Potenziale von Frauen und Mädchen in Kenia als „unbegrenzt“. Geschlechtsspezifische Gewalt, Haushaltstätigkeiten, Unterrepräsentanz in Entscheidungsprozessen und Besitzmöglichkeiten hemmten dieses Potenzial bisher stark ein.

Erste Schritte eines Wandels

Gleichzeitig ist das Laufen und der Traum von internationalen Erfolgen für viele am kenianischen Land Aufgewachsene der Weg von ärmlichen Verhältnissen in eine bessere Zukunft – und das nicht nur für sich, sondern gleich für die gesamte Familie. Der dadurch entstehende Druck auf einzelne Athletinnen und Athleten sei beschwerlich, erzählten viele in den Tagen nach dem Tod von Agnes Tirop in diversen kenianischen Medien. Der Konkurrenzkampf im kenianischen Hochland ist hart, der Weg zu Erfolg und finanziellen Verdiensten über das Laufen ist oft an Kontakte und einmalige Chancen geknüpft. Abhängigkeitsverhältnisse seien dabei eine permanente Gefahr, insbesondere für junge und unerfahrene Kenianerinnen.

Auf der anderen Seite hat die Möglichkeit für Läuferinnen, international bis hinauf zum Marathon erfolgreich zu sein und viel Geld zu verdienen, einen Veränderungsprozess in der kenianischen Gesellschaft eröffnet. In einem am 25. Februar 2022 auf der Website der italienischen Sportzeitung „La Gazzetta dello Sport“ veröffentlichten Beitrag erzählt der seit eineinhalb Jahrzehnten in Kenia arbeitende italienische Trainer Gabriele Nicola von seinen Erfahrungen: „Frauen akzeptieren nun nicht mehr, schlecht behandelt zu würden und spüren, eine Würde auf Augenhöhe mit Männern. Dieses Bewusstsein wird immer mehr durch Bildung gefördert. Frauen erkennen, dass das Leben mehr ist als die Familie. Das ist der Status quo in den Städten, in den ländlichen Gebieten und kleineren Dörfern hemmt der soziale Druck Frauen nach wie vor.“ Den Sport bezeichnet Nicola als wichtiges Mittel der Emanzipation für kenianische Frauen, Idole wie die Marathon-Legenden Tegla Loroupe oder Mary Keitany würden dabei eine wichtige Vorbildrolle einnehmen.

Ibrahim Rotich hat Agnes Tirops Lauftalent in Kindesjahren entdeckt und sie in der Schule angeworben, sie zu trainieren. Während Tirops internationale Erfolge, zweimal WM-Bronze im 10.000m-Lauf dazu einige Topleistungen im Straßenlauf, eine erfolgreiche Entwicklung zeichnen, wussten selbst befreundete Athletinnen offenbar wenig aus ihrem privaten Leben. Die toxische Beziehung mit Rotich hielt sie geheim, schreibt olympics.com. Rotich ist nach knapp zwei Jahren im Gefängnis vor rund einem Monat gegen eine Kaution von knapp 5.500 Euro auf freien Fuß gesetzt. Die Mühlen der kenianischen Justiz mahlen langsam, der Ex-Mann von Tirop bestreitet die Tat nach wie vor. In einem Beitrag in der BBC beklagten die Eltern der Ermordeten die Justiz öffentlich und forderten Gerechtigkeit für ihre Tochter.

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