Caster Semenya hat ihre Sichtweise veröffentlicht

In ihrer Autobiografie blickt Caster Semenya aus ihrer Sicht auf ihre Laufkarriere zurück und argumentiert eine unfaire Behandlung ihrer Person im Ausschlussprozess von Athletinnen mit erhöhtem Testosteronwert aus Frauen-Wettkämpfen in der Leichtathletik. Die Autobiografie sei seit Jahren geplant und verfolge die Ambition, ihre Geschichte zu erzählen. „The real story“, wie Semenya beharrt. Ihr Titel: „The Race to be Myself“.

© Public Domain Pictures / Pixabay

Das Buch startet mit dem Beginn der in der globalen Öffentlichkeit bekannten Karriere der südafrikanischen Wunderkinds, welches in den Tagen der Weltmeisterschaften von Berlin 2009 kritisch beäugt wurde. Caster Semenya schildert darin die Begebenheit eines Geschlechtstests in Südafrika kurz vor Abreise nach Deutschland inklusive des aufklärenden Gesprächs des beauftragen Gynäkologen. Und den Moment, wo der Fall Semenya aus dem Ruder lief. Nämlich, als als Folge eines Leaks hochprivate Körperdetails über sie in der Presse diskutiert wurden. „Es war wie eine explodierende Bombe, deren Auswirkungen größer und größer wurden. Ich konnte nicht davor flüchten, mein Gesicht und meine Story erschienen am TV-Schirm und in Zeitungen, weltweit.“ Ihr muskulöser Körperbau, ihre sichtlich lockere Überlegenheit, ihre tiefe Stimme, ihre männlichen Züge – Fragezeichen schossen in den WM-Tagen von Berlin wie Pilze aus dem Boden und erforderten (zu schnelle) Antworten, was in Gerüchten, Spekulationen und Halbwissen ausartete. Die Folge für die Südafrikanerin: Das glückliche, scherzende, unschuldige, wissbegierige und hoffnungsfrohe Mädchen auf dem Weg nach Berlin sei auf dem Rückweg verschwunden. (vgl. Publikation auf der Website von „The Guardian“ am 28. Oktober)

Der Weltverband als Gegner

Der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) und die Athletin einigten sich damals auf eine Hormontherapie, um den ca. dreifachen Testosteron-Anteil im Körper Semeyas auf eine vergleichbares Niveau mit anderen Läuferinnen zu regulieren und somit startberechtigt zu bleiben. Davon erfuhr unmittelbar niemand etwas, wie Semeya im „The Guardian“ erzählt. Auch nicht von den Auswirkungen einer Depression. Sie habe ihr bestes Ich geopfert, so bezeichnet sie es heute. Es ist auch der Grund, warum sich Semenya seit Inkrafttreten der neuen Testosteron-Obergrenze für die Teilnahme an Frauen-Wettkämpfen weigert, sich einer Medikation zu unterziehen.

Und sie beschimpft Entscheidungsträger bei World Athletics, wie Präsident Sebastian Coe, ein Verfechter der neuen Zugangsbeschränkung im Sinne der Integrität des Frauensports, wie er nicht müde wird zu betonen, oder Stéphane Bermon, verantwortlich für den Gesundheits- und Wissenschaftsbereich bei World Athletics, mit derben Begriffen. „Am Ende des Tages ist das das Leben. Ich muss diesem Nonsens und dieser Negativität entgegentreten“, sagt sie. Und beharrt darauf, eine Frau zu sein, weswegen sie anders lautende Aussagen als Beschimpfung ihr gegenüber einstuft. Selbst teilt sie in dieser Autobiografie aber verbal ganz schön aus. Ihr zentrales Ziel: Sebastian Coe, mit dem sie ein gegenseitiges, persönliches Problem erkennen will. Wo sie herstamme, ginge man mit dem Vieh besser um als einige im Sport mit ihr umgingen, sagte sie gegenüber der BBC.

Dreijährige Unbesiegbarkeit und Goldmedaillen

Nach der WM 2009 stand der Leichtathletik-Weltverband unter Druck, Antworten auf Fragen zu finden. Er etablierte eine umstrittene Regel der Hormontherapie, um Semenyas Startberechtigung zu rechtfertigen. Nach einer Übergangssaison 2010 zeigte Semenya in den Folgejahren eine hohe Leistungsstärke und erbte WM-Gold 2011 und Olympisches Gold 2012, weil die Russin Mariya Savinova nachweislich gedopt war. Doch der medikamentöse Eingriff hatte bei Semenya gesundheitliche Folgen, die sich in ihren Leistungen widerspiegelte. 2013 und 2014 spielte sie kaum eine Rolle, 2015 qualifizierte sie sich last-minute auf der Linzer Gugl für die Weltmeisterschaften, scheiterte aber im Vorlauf. Kurz davon hatte aber die indische Sprinterin Dutee Chand gegen die IAAF geklagt und das Oberste Internationale Sportgericht in Lausanne gab ihr Recht.

Semenya setzte ihre Medikamente ab und startete durch. Ab den Afrikaspielen im Spätherbst 2015 gewann sie bis zum Saisonende 2018 jeden einzelnen 800m-Wettkampf, meist mit spielerischer Leichtigkeit und in einer eigenen Liga. Semenya sicherte sich Olympisches Gold 2016, WM-Gold 2017 und lief ihre schnellsten Zeiten. Viele sind überzeugt, dass es folgenden, wesentlichen Grund für diese Erfolgsserie gibt: Ihr Körper hatte weit mehr Testosteron zur Verfügung als der Körper der meisten Kontrahentinnen. Als eine umstrittene Studie von World Athletics als Argument dafür reichte, dass der CAS einen Testosteron-Maximalwert für die Teilnahme an Mittelstreckenrennen der Frauen akzeptierte, endete die Ära Semenya. Auf kürzeren wie längeren Distanzen konnte sie nie spitzensportliche Leistungen darbringen. 2022 gelang die Qualifikation für die Weltmeisterschaften in Eugene, in der Vorrunde war sie absolut chancenlos.

Prozesse der weiblichen und männlichen Pubertät

Wurde Semenya früher als intersexuell, dann als hyperandrogyne Person bezeichnet, etablierte sich vor einigen Jahren der Begriff der DSD-Athletinnen. DSD steht für Differences of Sexual Development, was also vereinfacht gesagt, Abweichungen von der biologischen Norm einer Frau meint. Da die Biologie eine Definition für den weiblichen Körper kennt und auf der anderen Seite die Vorteile des männlichen Körpers bei der Ausübung von Sport erwiesen sind, gelang es der Sportwissenschaft, eine Grenze zu ziehen.

Die entscheidenden Unterschiede in der Leistungsfähigkeit sind auf Prozesse in der Pubertät zurückzuführen, die die Hormonwelt von Frau und Mann ausbilden. Durchleben Frauen Teile oder Phasen, die nicht der weiblichen Hormonbildung entsprechend sind – zum Beispiel bilden sie ein höheres Level an dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron aus, haben sie genetisch begründete Vorteile im leichtathletischen Wettkampf gegenüber jene, die zum überwiegenden Großteil der Sportlerinnen zählen. Nämlich jene, die nur weibliche Prozesse in der Pubertät durchgemacht haben. Irreversibel, ohne erheblichen medikamentösen Eingriff, den Semenya wie auch einige Mitstreiterinnen aus ethischen Gründen verweigern – eine tatsächlich verständliche Haltung.

Opfer der Regeln

Nicht nur für Caster Semenya sind die Entscheidungen, die zu den entsprechenden Regeln in der internationalen Leichtathletik geführt haben, karriereleitend. Zu groß war die Divergenz ihrer Leistungsfähigkeit zwischen Unbesiegbarkeit in Zeiten offener Regeln und Chancenlosigkeit auf internationalem Terrain in Zeiten von Beschränkungen. Betroffene waren auch die anderen, die im Kampf um die besten Plätze gegen die Südafrikanerin und weitere Kontrahentinnen (z.B. die Rio-Medaillengewinnerinnen Francine Niyonsaba und Margaret Wambui) Nachteilen auf genetischer Ebene ausgesetzt waren. Da der Leichtathletik-Weltverband und weitere internationale Sportverbände unter Berufung auf Fachleute aus dem sportmedizinischen Bereich diese biologische Komponente als nicht akzeptable für einen fairen sportlichen Wettbewerb einstuften, entwickelte sich auf Bestreben von World Athletics ab Beginn der Präsidialzeit von Sebastian Coe ein Prozess, der zur Einführung von Testosteron-Obergrenzen als Teilnahmekriterium an Leichtathletik-Bewerben der Frauen führte.

Eingangs auf einige wenige Bewerbe rund um die Spezialdisziplinen von Semenya, was teilweise berechtigt den Eindruck einer „Lex Semenya“ hervorrief, seit kurzem ausgedehnt auf alle Disziplinen der Leichtathletik und mittlerweile weiteren Sportarten, wobei der internationale Schwimmverband in den letzten Jahren sehr initiativ agiert hat. Die sportwissenschaftliche Evidenz ist breiter und widerstandsfähiger als bei den ersten Schritten vor einigen Jahren. Damit ist die Position von World Athletics enorm gestärkt worden. „World Athletics ist einzig am Schutz der Integrität der weiblichen Kategorie interessiert. Wären wir das nicht, hätten wir die Befürchtung, dass sich Frauen und junge Mädchen vom Sport abwenden“, heißt es in einem Statement von Seiten des Verbandes.

„Angemessen und verhältnismäßig“

Der Oberste Internationale Sportgerichthof in Lausanne (CAS) stützte das Vorgehen von World Athletics. Eine Diskriminierung der DSD-Athletinnen liege freilich vor, sei aber im Kontext des Spitzensports ein angemessenes und verhältnismäßiges Mittel, wenn andernfalls eine deutlich größere Gruppe im Sinne der Essenz des Sports kategorisch benachteiligt sein würde. Anders gesagt, wenn damit ein fairer Wettkampf gewährleistet wird. Unter dem Dach des Gleichheitsgrundsatzes und des Gleichberechtigungskampfs bekam Semenyas Gegenwehr auf rechtlicher Ebene viel Zuspruch auf der einen Seite, während World Athletics mit der immer klareren Ausgestaltung des Regelwerks für den Frauensport auf der anderen Seite Anerkennung erhielt. Semenya sieht die Menschenrechte auf ihrer Seite und sich im Kampf für den Inklusionsgedanken.

Diskriminierung nicht ausreichend geprüft

Die Südafrikanerin und ihr Team an Anwälten bekamen vergangenen Sommer vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Recht. Ihr Ausschluss sei möglicherweise nicht wasserdicht begründet, befanden die Richter und spielten den Ball zurück an untere Instanzen. Doch nur weil das Urteil besagt, dass das Schweizer Bundesgericht, das im Prinzip das CAS-Urteil bestätigt hatte, den in den Menschenrechten hinterlegten Individualschutz im Fall Semenyas im Entscheidungsprozess nicht ausreichend geprüft und daher gewährt hat, bekommt sie ihr Startrecht (noch) nicht automatisch zurück. Denn auf den wesentlichen Inhalt, wie Sportverbände mit DSD-Athletinnen umzugehen haben, darauf ist der Europäische Gerichtshof der Menschenrechte nicht eingegangen, weil er es nicht kann. So sieht sich World Athletics nicht am Zug und hält am eigenen Vorgehen fest.

Bis zum Ende

Gegenüber der britischen Nachrichtenagentur Reuters sagte die Südafrikanerin, sie kämpfe längst nicht mehr um ihre sportliche Laufbahn, sondern darum, was richtig ist. „Dieser Kampf ist nicht beendet. Wir kämpfen bis zum Ende.“ Dabei maßt sie sich an, für alle Frauen der Welt zu kämpfen. Denn für sie ist Geschlechteridentifikation das entscheidende Kriterium dafür, um die Definition „Frau“ zu erfüllen. Der internationale Sport und die internationale Leichtathletik im Speziellen ziehen die Biologie als Kriterium herbei, um die Kategorie Frauensport zu definieren, deren Existenzberechtigung oder -notwendigkeit im übrigen noch niemand hinterfragt hat. Das wäre aber laut Ross Tucker – der Südafrikaner ist einer der prominentesten und anerkanntesten Sportwissenschaftler der Welt – die automatische, logische Folge, blieben DSD-Athletinnen nicht vom Frauensport ausgeschlossen.

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