„Road to Paris“ – Status quo im Marathon

Mit dem Valencia Marathon und dem Fukuoka International Marathon am vergangenen Sonntag ist das Marathon-Jahr 2023 dem Ende nahe. Damit sind rund zwei Drittel des Qualifikationszeitraums für die Olympischen Spiele vorbei, die Starterfelder nehmen langsam Konturen an. 72 Läuferinnen und 61 Läufer haben das Direktlimit für einen der jeweils 80 vorgesehen Startplätze gebucht. Ende Jänner will World Athletics 64 Startplätze über die „Road to Paris“ an die nationalen Verbände vergeben, was bei den Frauen durch die höhere Anzahl der erzielten Limits schon hinfällig ist.

© Nuno Lopes / Pixabay

Julia Mayer (DSG Wien) ist für den Olympischen Marathon am 11. August 2024 in Paris qualifiziert. Als dritte österreichische Läuferin nach Eva-Maria Gradwohl (2008) und Andrea Mayr (2012 und 2016), freilich mit massiv schwierigeren Qualifikationsanforderungen. Denn die 30-Jährige hat beim Valencia Marathon das Qualifikationslimit von 2:26:50 Stunden unterboten, wofür eine Verbesserung ihres österreichischen Marathonrekords um fast vier Minuten notwendig gewesen ist (siehe RunAustria-Bericht). Österreich ist die 39. Nation, die mindestens das Recht auf einen Startplatz im auf 80 Startplätze und maximal drei Athletinnen pro Nation reglementierten Feld hat – ein international starkes Feld ist unter diesen Voraussetzungen garantiert.

Mayer belegt gegenwärtig Platz 71 der nach erzielten Leistungen angefertigten Reihung der „Road to Paris“. In der Weltrangliste, bei der der Berechnungsfaktor Nummer eins nicht das Olympia-Limit ist, in der nicht auf drei Athletinnen pro Nationen kalkuliert wird und die auf eine laufende Zeitperiode Rücksicht nimmt und nicht auf den fixierten Olympia-Qualifikationszeitraum, bedeutet das gegenwärtig Rang 218. Alleine 74 Äthiopierinnen und 53 Kenianerinnen liegen vor Mayer, aber auch 18 Japanerinnen und 14 Amerikanerinnen. Dass die Weltranglistenposition Mayers trotzdem beachtlich ist, zeigt die Tatsache, dass einige der Läuferinnen, die in der „Road to Paris“ vor ihr liegen, weniger Weltranglistenpunkte haben: z.B. die Deutschen Laura Hottenrott, Fabienne Königstein, die Spanierin Laura Luengo oder die Französin Manon Trapp. Ein wesentlicher Grund dafür ist die hohe Bewertung des Staatsmeistertitels beim Vienna City Marathon.

Ein Olympisches Feld mit mindestens 39 Nationen

Zwölf Nationen haben drei Startplätze sicher: Neben den ostafrikanischen Laufhochburgen Äthiopien und Kenia sind das in der Reihenfolge der Qualität der Leistung der drittbesten Läuferin des Landes Japan, die USA, Australien, Großbritannien, Uganda, Spanien, Deutschland, Frankreich, Bahrain und China. Zwei qualifizierte Athletinnen weisen die Verbände aus Italien, Rumänien, Kroatien, Mexiko, Südafrika, Polen, Ecuador, Niederlande und Tansania auf. Neben Österreich haben die Verbände aus Eritrea, der Türkei, Israel, Kanada, Schweiz, Finnland, Marokko, Kolumbien, Portugal, Tschechien, Ruanda, Neuseeland, Schweden, Mauritius, Irland, Peru und Belgien je einen Startplatz.

Wäre jetzt Qualifikationsschluss, wären auch Argentinien, Südkorea und Kirgistan im Olympischen Feld vertreten, prominenteste Läuferin hinter den Fix-Qualifizierten ist gegenwärtig die holländische EM-Medaillengewinnerin Nienke Brinkmann, die damit um ihren Olympia-Startplatz zittern muss – bzw. bei ihrem Frühlingsmarathon das Olympia-Limit noch unterbieten kann. Der Qualifikationszeitraum läuft bis inklusive 5. Mai 2024.

Prognose:
Da bereits jetzt nur noch acht Startplätze frei bleiben und noch etliche schnelle und wichtige Marathonläufe im Frühling anstehen, ist es aus heutiger Sicht äußerst unwahrscheinlich, dass Athletinnen über die Weltrangliste in das Olympische Feld rutschen können. Zumal es die Qualifikationsvariante über niedrigere Limits (2:29:30) für Verbände, die noch nicht im Olympischen Feld vertreten sind, gibt. Das zeigt auch, wie bedeutend es war, dass Julia Mayer am Sonntag in Valencia nicht acht Sekunden länger auf der Strecke gewesen ist.

61 vergebene Startplätze bei den Männern

Bei den Männern sind gegenwärtig 61 Startplätze vergeben. Auch hier sind es zwölf Nationen, die ein Trio stellen können: In der Reihenfolge der Qualität der drittbesten Leistung sind dies Kenia, Äthiopien, Israel, Eritrea, Japan, Frankreich, Marokko, Uganda, Spanien, Italien, China und Belgien. Bisher nur zwei Startplätze – und das im übrigen ohne Berücksichtigung des Trial-Ergebnisses – hat die USA fixiert, außerdem Tansania, Deutschland mit Amanal Petros und Richard Ringer, Norwegen sowie die Niederlande.

32 Nationen haben mindestens einen Athleten, der das Direktlimit geschafft hat. Einen Startplatz fixieren konnten die Läufer aus der Türkei, Bahrain, der Schweiz, Kanada, Südafrika, Dschibuti, Simbabwe, Usbekistan, Brasilien, Australien, Portugal, Peru, Guatemala, Bolivien und Großbritannien. Stand jetzt hätten über die Weltrangliste auch Nationen wie Lesotho, Schweden, die Mongolei oder Chile Anrecht auf einen Startplatz, außerdem liegen der dritte Amerikaner und der dritte Deutsche innerhalb der gegenwärtigen Top-80. In der „Road to Paris“ nicht gelistet sind aktuell die besten Österreicher. Andreas Vojta (team2012.at), Peter Herzog (Union Salzburg LA) und Mario Bauernfeind (KUS ÖBV Pro Team) liegen in der Weltrangliste nahe beieinander, allerdings ist der Abstand zu Platz 80 beträchtlich und keiner der drei hätte gegenwärtig das „Reservelimit“ von 2:11:30 Stunden aufzuweisen.

Prognose:
Da Stand jetzt 19 Plätze über die Weltrangliste zur Verfügung stehen, ist es denkbar, dass der ein oder andere Startplatz letztendlich über die Weltrangliste vergeben wird. Um dieser Hoffnung nachzugehen, ist der Linz Marathon am 7. April 2023 für die heimischen Aspiranten der wohl neuralgische Termin, denn dort finden die Österreichischen Staatsmeisterschaften im Marathon 2024 statt. Die Halbmarathon-Staatsmeisterschaften gehen erst nach den Olympischen Spielen in Salzburg über die Bühne. Der Punktedurchschnittswert von Julia Mayer von 1.168 Zählern ist aber neuerlich ein wichtiges Indiz für alle kommenden Qualifikationskriterien über die Weltrangliste für internationale Wettkämpfe: Ihre fantastische Leistung von Valencia spielte sechs Punkte weniger ein als ihre Leistung beim Vienna City Marathon, weil die Zusatzpunkte für den österreichischen Meistertitel (45) so derartig gewichtig und bedeutend sind, dass sie die vier Minuten Zeitunterschied kompensieren!

Zu bedenken gibt es freilich, dass Marathon-Nationen mit gutem Potenzial wie die USA, Deutschland, Australien, Großbritannien oder Bahrain zurzeit noch nicht das volle Kontingent der drei Startplätze erreicht haben. Das spricht dafür, dass im Frühling 2024 noch Olympia-Limits dazukommen, die die Ausgangsposition verändern könnten. Interessant ist die Tatsache, dass die im Vorspann erwähnte Quote von 64 bis Ende Jänner 2024 nicht erreicht sein könnte, denn bis zu diesem Zeitpunkt findet abseits des Dubai Marathon kaum ein wichtiger Marathon statt. Möglicherweise rutschen dann einzelne Athleten über ihre Weltranglistenposition ins Olympische Starterfeld.

Das ÖLV-Trio wird bis dahin seine Position allerdings nicht verbessern können. Dass einer der österreichischen Läufer das Direkt-Limit von 2:08:10 Stunden beim nächsten Marathon unterbietet, ist fairerweise aus heutiger Sicht sehr unwahrscheinlich.

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