Ingebrigtsen läuft Europarekord – etliche Topleistungen

Jakob Ingebrigtsen konnte die Erwartungen der norwegischen Leichtathletik-Fans beim Diamond-League-Meeting in Oslo erfüllen: Er gewann den 1.500m-Lauf mit einer schnellen Zeit. Auch in den anderen Laufdisziplinen lieferte das Meeting fantastische Resultate.

© Wanda Diamond League

Die Bühne hätte nicht besser sein können, ausverkauftes Stadion, entsprechender Jubel und eine Topform. Und der „local hero“ lieferte – Jakob Ingebrigtsen verbesserte in einer Zeit von 3:27,95 Minuten nicht nur den Meetingrekord von Hicham El Guerrouj aus dem Jahr 1998 um über eine Sekunde, sondern auch seine persönliche Bestleistung, und damit den Europarekord, um 0,37 Sekunden. „Vor diesem Publikum zu laufen, war grandios. Eine solche Leistung zu bringen, auch grandios, ein Traum!“, jubelte der 22-Jährige ausgesprochen ausgiebig bereits im Ziel und betonte im Interview, der Überzeugung zu sein, noch mehr drauf zu haben. Ingebrigtsen hat zum zweiten Mal in Folge sein Heimrennen gewonnen, im letzten Jahr war es das Meilenrennen.

Ein Rennen nach Plan

Ingebrigtsen erwischte mit der Tempomacher-Unterstützung von Mounir Akbache und Boaz Kiprugut genau das Rennen, das er benötigte. Nach 1:51,68 Minuten waren die ersten 800m absolviert, eine halbe Minute später übernahm der Norweger dann die Führung. Noch gut eine Runde war zu absolvieren, Ingebrigtsen hatte das Rennen von vorne mit einem sicheren Schritt stets alles unter Kontrolle und konnte im Finale beschleunigen – kurzum, er war an diesem Tag unschlagbar. Mit einer Sekunde Rückstand wurde Mohamed Katir Zweiter, in einer immer noch starken Zeit von 3:28,89 Minuten (eine Zehntel über Bestleistung), knapp vor dem US-Amerikaner Yared Nuguse, der in einer Zeit von 3:29,02 Minuten einen neuen Kontinentalrekord für Nord- und Mittelamerika aufstellte. Der 24-jährige Aufsteiger der Wintersaison steigert den US-Rekord von Bernard Lagat (3:29,30) aus dem Jahr 2005, dessen schnellste 1.500m-Rennen noch in die Zeit fallen, in der mit der kenianischen Staatsbürgerschaft antrat.

Das Rennen war aber nicht nur für Ingebrigtsen, sechs Tage zuvor noch mit einer Zwei-Meilen-Weltbestleistung in Paris (siehe RunAustria-Bericht), ideal zum Schnelllaufen, sondern für die meisten im Feld. Timothy Cheruiyot, der die Weltjahresbestleistung einbüßte, konnte als Vierter in 3:29,08 Minuten nachweisen, dass mit ihm im Jahr 2023 zu rechnen ist – auch wenn der Status der Nummer eins der Welt längst an seinen Dauerrivalen Ingebrigtsen weitergegangen ist. Persönliche Bestleistungen erzielten Mario Garcia (3:29,18) und Azzedine Habz (3:29,26), womit vier Europäer in den Top-Sechs verweilten. Garcia und Habz sind nun die Nummer sieben und neun in der ewigen europäischen Bestenliste und nehmen den amtierenden Weltmeister Jake Wightman in die Mitte. Neuer Zehnter in der ewigen Bestenliste in Europa ist übrigens der von Gjert Ingebrigtsen trainierte Narve Gilje Nordas, aus norwegischer Sicht trotz Jakob Ingebrigtsen die Sensation des Rennens. In einer Zeit von 3:29,47 Minuten toppte der 24-Jährige, der am Ende der letzten Saison bei einer Bestleistung von 3:36,23 Minuten stand, die Bestleistungen der britischen Lauflegenden Steve Cram und Sebastian Coe.

Acht Läufer unter 3:29,50!

Kurz vor Nordas war noch Oliver Hoare mit einem neuen ozeanischen Kontinentalrekord ins Ziel gelaufen, 3:29,41 Minuten. Noch nie in der Geschichte der Disziplin musste man für einen fünften, sechsten, siebten und achten Platz so schnell laufen wie gestern in Oslo. Die bisherige Bestmarke waren vier Läufer unter 3:29,50 Minuten in einem Wettkampf (Monaco 2015) und sieben Läufer unter 3:30 Minuten in einem Wettkampf (Monaco 2014).

17-jährige Haylom dominiert schnelle Meile

Die berühmte Dream Mile der Bislett Games trugen in diesem Jahr die Frauen aus und das Rennen war nur unwesentlich weniger hochklassig als der 1.500m-Lauf der Männer, der als letzter Lauf spätabends im noch taghellen Oslo angesetzt war. Star des ersten Laufbewerbs des Abends aus chronologischer Sicht war die junge Äthiopierin Birke Haylom, die sich bereits früh in der vorletzten Runde der Gesamtdistanz von 1.609 Metern vom Feld abgesetzt hat. Auch wenn es 100 Meter vor dem Ziel dank der stark auflaufenden Australierin Jessica Hull mit der mindestens genau so stark laufenden US-Amerikanerin Cory Ann McGee im Schlepptau kurz so aussah, als könnte die Lücke im letzten Moment noch geschlossen werden, fand die 17-jährige Junioren-Weltmeisterin noch genügend Restenergie, um ihren Sieg abzusichern. In einer Zeit von 4:17,13 Minuten, nicht einmal fünf Sekunden über dem Weltrekord von Sifan Hassan, blieb die Äthiopierin 0,12 Sekunden unter dem 29 Jahre alten Meetingrekord der irischen Lauflegende Sonia O’Sullivan. Außerdem verbesserte sie die wenige Tage alte Weltjahresbestleistung von Nikki Hiltz aus den USA deutlich und auch den Junioren-Weltrekord in dieser Distanz, den World Athletics über die Meile im Gegensatz zu den Olympischen Distanzen nicht offiziell führt. Gehalten hat ihn laut einer auf Wikipedia verfügbaren Übersicht die Britin Zola Judd aus dem Jahr 1985.

Die zweitplatzierte Cory Ann McGee verbesserte in ihrem „race of her life“ (Let’s Run.com) sich auf eine Zeit von 4:18,11 Minuten und ist nun die Nummer drei der ewigen US-Liste hinter Mary Slaney und Jenny Simpson. Hiltz verlor zwar ihre Weltjahresbestleistung, verbesserte sich aber massiv auf 4:18,34 Minuten und ist nun die Nummer vier der ewigen Bestenliste in den USA – als Viertplatzierte in Oslo. Die drittplatzierte Jessica Hull brach in einer Zeit von 4:18,24 Minuten ihren eigenen ozeanischen Kontinentalrekord um 1,65 Sekunden, auch ihre sechstplatzierte Landsfrau Linden Hall ist in ihrem mit Abstand besten Saisonrennen bisher unter dem alten australischen Rekord geblieben. Die 26-jährige Hull führt damit eine bisher starke Saison mit tollen Leistungen in der australischen Sommersaison und der dritten Top-Vier-Platzierung in der Diamond League alleine auf den Mittelstrecken fort, dazu kommt der nun zweite ozeanische Kontinentalrekord der Saison nach jenem im 3.000m-Lauf – erst in diesem Jahr hat die Australierin Nike in Oregon den Rücken gekehrt und trainiert seither wieder in ihrer Heimat.

Beste von zwei Europäerinnen im Rennen war die elftplatzierte Ciara Mageean, die Kanadierin Gabriela DeBues-Stafford kommt in ihrer Comebacksaison nach wie vor bei weitem nicht an ihr Leistungsniveau der letzten Jahre heran und belegte Platz 14.

Herzschlagfinale im 5.000m-Lauf

Das mit Abstand spannendste Duell um den Sieg in den vier Laufentscheidungen genoss das Publikum im mit rund 15.000 Zuschauern restlos ausverkauften Bislett Stadion der norwegischen Hauptstadt im 5.000m-Lauf der Männer, der über dies auch noch über eine berauschende Qualität an der Spitze aufwies. Drei Tausendstelsekunden gaben letztendlich den Ausschlag für Yomif Kejelcha und gegen Jacob Kiplimo und zwar nicht nur in der Frage des Siegers, sondern auch in der Frage des neuen Halters des Meetingrekordes (bisher Kenenisa Bekele im Jahr 2003, 12:52,26) und der Weltjahresbestleistung (bisher Mohamed Katir, 12:52,09). Das hohe Niveau des Wettkampf zeigt sich aber am besten in der Qualität der Siegerzeit von 12:41,73 Minuten, womit Kejelcha und Kiplimo gemeinsam Platz fünf in der ewigen Weltbestenliste von World Athletics einnehmen – hinter Joshua Cheptegei, Kenenisa Bekele, Haile Gebrselassie und Daniel Komen. Mit Ausnahme des Weltrekordlaufs von Cheptegei 2020 in Monaco war dies das schnellste 5.000m-Rennen seit der Ära der Lauflegenden aus Äthiopien und Kenia – nämlich seit 18 Jahren. „Es war immer mein Traum, hier in Oslo ein Rennen zu gewinnen. Jetzt fehlt auf meiner Traumliste noch ein Sieg in Monaco und einer bei den Olympischen Spielen. Es war heute ein harter Kampf bis zum letzten Meter und ich bin glücklich darüber, wie er ausgegangen ist“, lautete das Statement von Sieger Kejelcha.

Frühzeitig konnten sich Kejelcha und Kiplimo mit Telahun Bekele wenige Schritte dahinter vom Rest des Feldes lösen und ein auch in der Schlussphase unter dem lauten Applaus des aufgeweckten, fachkundigen Publikums beeindruckendes Tempo halten. Bereits die vorletzte Runde lag deutlich unter einer Minute, Frontläufer Kejelcha dynamisierte seine langen Schritte um eine weitere Stufe, der kleinere Kiplimo folgte geduckt im Windschatten mit höherer Frequenz. Nebeneinander stürmten die beiden die Zielgerade hinunter, Zentimeter um Zentimeter arbeitete sich der Ugander auf die gleiche Höhe des Äthiopiers, ehe der Wettkampf in Zeitgleichheit endete – nach einer Schlussrunde in unter 56 Sekunden. Bekele folgte in einer persönlichen Bestzeit von 12:46,21 Minuten und liegt nun auf Platz zehn der ewigen Weltbestenliste. Es vergingen über zehn Sekunden, ehe die Zielankunft des viertplatzierten Amerikaners Joe Klecker die Ankünfte der Verfolger einleitete. Bester Norweger war weder Henrik Ingebrigtsen (11.) noch Zerei Kbrom (14.), Vize-Europameister über 10.000m, sondern Magnus Tuv Myhre in einer beachtlichen Bestzeit von 13:09,44 Minuten als Zehnter.

Beatrice Chebet baut ihre Serie aus

Im 3.000m-Lauf der Frauen, bei dem Lokalmatadorin und Crosslauf-Europameisterin Karoline Bjerkeli Grövdal an der Startlinie fehlte, forderte die US-Amerikanerin Alicia Monson die ostafrikanische Konkurrenz ordentlich heraus. Die 25-Jährige, die im On Athletics Club in Colorado trainiert, übernahm im letzten Renndrittel lange Zeit die Führung und hielt die Pace hoch. In der letzten Runde übernahmen dann doch die kenianischen Favoritinnen die Initiative und setzten sich bereits deutlich vor der Ziellinie von Monson ab. Die letzten 150 Meter gehörten Beatrice Chebet, die, längst an den auf der Weltjahresbestleistung eingestellten Wavelights vorbeigehuscht, das beste Finale auf die Bahn zauberte (eine 60er-Schlussrunde) und am Ende satte sieben Sekunden unter der bisherigen Weltjahresbestleistung von Jessica Hull aus dem Frühjahr blieb. In einer Zeit von 8:25,01 Minuten, einer persönlichen Bestleistung um gut zwei Sekunden, blieb die 23-jährige WM-Zweite im 5.000m-Lauf des letzten Jahres, auch gut zwei Sekunden unter dem 24 Jahre alten Meetingrekord der Rumänin Gabriela Szabo. „Ich bin sehr dankbar, dass es mir gelungen ist, eine persönliche Bestleistung zu laufen. Das zeigt meine Fortschritte als Athletin, denn Selbstvertrauen ist eine wichtige Komponente in meinen Disziplinen“, kommentierte die Siegerin, die im Februar Crosslauf-Weltmeisterin in Australien wurde. Chebet ist im laufenden Kalenderjahr noch ungeschlagen und hat seit ihrem zweiten Platz bei den Weltmeisterschaften inklusive des Triumphs bei den Commonwealth Games in Birmingham nur mehr ein Rennen nicht gewonnen (Dritte in Lausanne in der Diamond League).

Lilian Rengeruk, die immer besser in Schwung kommt, verbesserte ihre persönliche Bestleistung um drei Sekunden auf eine Zeit von 8:25,90 Minuten und gewann den Kampf um Platz zwei knapp gegen Margaret Kipkemboi, Monson folgte nach einer Schlussrunde im Erschöpfungszustand in einer Zeit von 8:29,43 Minuten. Die zweite US-Amerikanerin in den Top-Fünf war Weini Kelati (8:32,50), dahinter stellte Sarah Chelangat in 8:32,50 Minuten einen neuen Landesrekord für Uganda auf – 14 Sekunden schneller als die spätere Weltmeisterin im 3.000m-Hindernislauf, Dorcus Inzikuru, 2003 in Paris.

Ergebnisse Bislett Games 2023 in Oslo

1.500m-Lauf der Männer

  1. Jakob Ingebrigtsen (NOR) 3:27,95 Minuten * / ** / ***
  2. Mohamed Katir (ESP) 3:28,89 Minuten
  3. Yared Nuguse (USA) 3:29,02 Minuten ****
  4. Timothy Cheruiyot (KEN) 3:29,08 Minuten
  5. Mario Garcia (ESP) 3:29,18 Minuten *****
  6. Azzedine Habz (FRA) 3:29,26 Minuten *****
  7. Oliver Hoare (AUS) 3:29,41 Minuten ******
  8. Narve Gilje Nordas (NOR) 3:29,47 Minuten *****
  9. Josh Kerr (GBR) 3:30,07 Minuten
  10. Neil Gourley (GBR) 3:30,88 Minuten *****

Meilenrennen der Frauen

  1. Birke Haylom (ETH) 4:17,13 Minuten ** / *** / *******
  2. Cory Ann McGee (USA) 4:18,11 Minuten *****
  3. Jessica Hull (AUS) 4:18,24 Minuten ******
  4. Nikki Hiltz (USA( 4:18,38 Minuten
  5. Worknesh Mesele (ETH) 4:19,09 Minuten
  6. Linden Hall (AUS) 4:19,60 Minuten
  7. Hirut Meshesha (ETH) 4:20,00 Minuten
  8. Winnie Nanyondo (UGA) 4:20,03 Minuten
  9. Janat Cehmusto (UGA) 4:20,04 Minuten *****
  10. Josette Andrews (USA) 4:21,98 Minuten *****

3.000m-Lauf der Frauen

  1. Beatrice Chebet (KEN) 8:25,01 Minuten ** / *** / *****
  2. Lilian Rengeruk (KEN) 8:25,90 Minuten *****
  3. Margaret Kipkemboi (KEN) 8:26,14 Minuten
  4. Alicia Monson (USA) 8:29,43 Minuten
  5. Weini Kelati (USA) 8:32,50 Minuten *****
  6. Sarah Chelangat (UGA) 8:32,53 Minuten ********
  7. Agnes Ngetich (KEN) 8:32,62 Minuten
  8. Caroline Nyaga (KEN) 8:34,85 Minuten
  9. Maureen Koster (NED) 8:35,93 Minuten *****
  10. Elly Henes (USA) 8:36,86 Minuten *****

5.000m-Lauf der Männer

  1. Yomif Kejelcha (ETH) 12:41,73 Minuten ** / *** / *****
  2. Jacob Kiplimo (UGA) 12:41,73 Minuten *****
  3. Telahun Bekele (ETH) 12:46,21 Minuten *****
  4. Joe Klecker (USA) 12:56,59 Minuten
  5. Luis Grijalva (GUA) 12:56,63 Minuten
  6. Thierry Ndikumwenayo (ESP) 12:58,60 Minuten *****
  7. Samuel Tefera (ETH) 13:02,09 Minuten
  8. Ishmael Kipkurui (KEN) 13:05,47 Minuten *****
  9. Paul Chelimo (USA) 13:06,78 Minuten
  10. Magnus Tuv Myhre (NOR) 13:09,44 Minuten *****

* neuer Europarekord
** neuer Meetingrekord
*** neue Weltjahresbestleistung
**** neuer nordamerikanischer Kontinentalrekord
***** neue persönliche Bestleistung
****** neuer ozeanischer Kontinentalrekord
******* neue U20-Weltbestzeit

******** neuer Landesrekord für Uganda

Wanda Diamond League Meeting in Oslo

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