Sensationeller Kiptum mit zweiter Marathon-Hälfte unter einer Stunde

Der 23-jährige Kenianer Kelvin Kiptum schaffte beim gestrigen London Marathon Unwirkliches: Er absolvierte die zweite Marathon-Hälfte in unter einer Stunde und kam dem Weltrekord von Eliud Kipchoge mit teilweise fabelhaften Kilometersplits beachtlich nahe. Nach zwei absolvierten Marathons hält er zwei der fünf sub-2:02-Stunden-Marathons. Genauso viele wie Kipchoge.

© Pixabay / Free-Photos

Fünf Monate Jahr nach seinem wundersamen Debüt in Valencia in 2:01:53 Stunden hat Kelvin Kiptum beim London Marathon ein außergewöhnliches Kapitel Marathon-Geschichte geschrieben und den Weltrekord von Eliud Kipchoge (2:01:09), der seit sieben Monaten besteht, in den Bereich des Realisierbaren gerückt. Getan hat er dies gewissermaßen ungeplant, denn das Rennen war mit einer ersten Rennhälfte von 1:01:40 Stunden auf eine Siegerzeit im Bereich von 2:03 Stunden ausgelegt. Doch dann schaltete der 23-jährige Wunderläufer aus Kenia zwei Gänge hoch und absolvierte die schnellste Marathon-Hälfte der Geschichte in einer Zeit von 59:45 Minuten. Eine halbe Minute schneller als die bisher schnellste zweite Marathon-Hälfte, die er selbst in Valencia realisiert hatte, und sechs Sekunden schneller als die bisher einzige Marathon-Hälfte unter einer Stunde auf einem zertifizierten Stadtkurs: Kipchoges Weg zum Weltrekord von Berlin 2022. Herausgekommen ist ein überlegener Sieg Kiptums in einer Zeit von 2:01:25 Stunden mit fast drei Minuten Vorsprung auf den stärksten seiner Rivalen. Gerade einmal 16 Sekunden fehlten schlussendlich auf den Weltrekord.

Kelvin Kiptums Halbmarathon-Splits: 1:01:40 Stunden / 59:45 Minuten
Kelvin Kiptums 5km-Teilzeiten: 14:30 / 14:42 / 14:39 / 14:40 / 14:22 / 14:30 / 13:49 / 14:01 / 6:12 Minuten

Einige Kilometer schneller als Kipchoge auf der Hauptallee

Es waren unwirkliche und bis vor wenigen Monaten eigentlich unvorstellbare Kilometer-Teilzeiten, die Kiptum auf der zweiten Marathon-Hälfte auf den nassen Asphalt in der britischen Hauptstadt zauberte. Besonders absurd ist die Passage zwischen Kilometer 30 und 35, die er binnen 13:49 Minuten (das ist eine Sekunde über den ÖLV-Rekord im 5km-Straßenlauf von Andreas Vojta!, Anm.) zurücklegte. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 21,71 km/h. Den darauffolgenden 5km-Abschnitt absolvierte er in einer Zeit von 14:01 Stunden, das macht eine 10km-Teilzeit von 27:50 Minuten (das ist 20 Sekunden schneller als der ÖLV-Rekord im 10km-Straßenlauf von Günther Weidlinger). Da waren Kilometer dabei, die legte nicht einmal Eliud Kipchoge im Wiener Prater im Oktober 2019 in dieser Geschwindigkeit hin.

Nach einer recht normal anmutenden ersten Marathon-Hälfte mit einer neunköpfigen Spitzengruppe, die eine Zwischenzeit von 1:01:41 Stunden erreichte, fiel mit Altstar Kenenisa Bekele der erste Prominente aus der Gruppe zurück. Er sollte wenig später aussteigen. Als die Tempomacher bei Kilometer 30 ausstiegen, lagen noch fünf Läufer an der Spitze und Kiptum attackierte umgehend. Bei der Zwischenzeit bei Kilometer 35 war Kamworor noch auf 28 Sekunden dran, der schlussendlich ausscheidende Titelverteidiger Amos Kipruto lag als Fünfter bereits über einer Minute hinter dem Führenden zurück. Dann wurde der Abstand rasant größer, fast zwei Minuten auf Kamworor und fast drei auf Tola bei Kilometer 40, im Ziel war der Abstand zwischen Platz eins und zwei fast drei Minuten.

RunAustria-Lesetipp: Der Bericht über den London Marathon der Frauen

Abgehängt und trotzdem gewonnen – Traum-Debüt für Hassan

Kamworor zurück mit Höchstleistung

Als Geoffrey Kamworor als Zweiter ins Ziel kam und sich über eine persönliche Bestleistung von 2:04:23 Stunden freute, was für ihn tatsächlich einen Fortschritt darstellte, und gut eine halbe Minute später der äthiopische Weltmeister Tamirat Tola den dritten Platz sicherte, war Kiptum, der nach Zielankunft auf den Boden fiel und seiner Erschöpfung Ausdruck verlieh, längst wieder auf den Beinen. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin einfach nur dankbar!“, sagte er nach dem Rennen. „Ich dachte nicht an den Weltrekord, wollte eigentlich 2:02 oder 2:03 laufen. Ich war einfach fokussiert, so schnell wie möglich ins Ziel zu kommen.“

Gegenüber LetsRun.com sagte Kamworor, dieses Resultat sei ein großes Zeichen, wieder zurück zu sein. Seine Form wäre vergleichbar mit jenen bei seinen zwei New-York-Siegen gewesen. Auf den letzten beiden Kilometern vergab er mit unterdurchschnittlichem Tempo gar noch eine bessere Zeit.

Emotionaler Abschied von Farah

Der London Marathon 2023 war der letzte Marathonlauf in der Karriere des großen britischen Läufers, der nach vier Olympiasiegern und sechs WM-Titeln auf der Bahn mit dem Marathon nicht spitzensportlich, aber atmosphärisch seine große Liebe im Marathon fand. „Ich bin stolz, in London gelaufen sein. Für die Zuschauer habe ich alles gegeben, um ins Ziel zu kommen“, meinte der 40-jährige Mo Farah, der auf der zweiten Hälfte sein Tempo nicht halten konnte und am Ende in 2:10:28 Stunden als Neunter ins Ziel kam.

Mo Farahs Halbmarathon-Splits: 1:03:38 / 1:06:50 Stunden
Mo Farahs 5km-Teilzeiten: 14:45 / 15:08 / 15:07 / 15:21 / 15:01 / 15:30 / 16:07 / 16:24 / 7:05 (2,195 km) Minuten

Starkes Debüt von Cairess

Bester Brite beim diesjährigen London Marathon war dagegen Emile Cairess. Der Silbermedaillengewinner der Crosslauf-Europameisterschaften 2022 in Turin finishte in einer Zeit von 2:08:07 Stunden und schob sich auf Anhieb auf Rang drei der ewigen britischen Marathon-Bestenliste hinter Farah und Steve Jones. Was aber viel wichtiger war: Er unterbot als erster Brite im laufenden Qualifikationszeitraum das Limit für den Olympia-Marathon in Paris 2024. Bereits im Vorfeld hatte der 25-Jährige angekündigt, seine Zukunft im Marathon zu sehen und nicht auf der Bahn. Let’sRun.com berichtete, dass er nach der Philosophie von Renato Canova sich auf den London Marathon vorbereitet hatte.

Ergebnis London Marathon der Männer 2023

  1. Kelvin Kiptum (KEN) 2:01:25 Stunden * / **
  2. Geoffrey Kamworor (KEN) 2:04:23 Stunden **
  3. Tamirat Tola (ETH) 2:04:59 Stunden
  4. Leul Gebresilase (ETH) 2:05:45 Stunden
  5. Seifu Tura (ETH) 2:06:38 Stunden
  6. Emile Cairess (GBR) 2:08:07 Stunden ***
  7. Brett Robinson (AUS) 2:10:19 Stunden
  8. Phil Seseman (GBR) 2:10:23 Stunden **
  9. Mo Farah (GBR) 2:10:28 Stunden
  10. Chris Thompson (GBR) 2:11:50 Stunden
  11. Yuki Kawauchi (JPN) 2:13:18 Stunden
  12. Frank Lara (USA) 2:13:29 Stunden
  13. Tom Gröschel (GER) 2:13:29 Stunden
  14. Luke Caldwell (GBR) 2:13:29 Stunden
  15. Oliver Ward (GBR) 2:13:39 Stunden **
  16. Alexander Lepetre 2:15:01 Stunden **
  17. Weynay Ghebresilasie (GBR) 2:15:41 Stunden
  18. Ben Connor (GBR) 2:15:47 Stunden
  19. Ross Braden (GBR) 2:15:47 Stunden
  20. Nicholas Bowker (GBR) 2:15:47 Stunden **

* neuer Streckenrekord
** neue persönliche Bestleistung
*** Marathon-Debüt

TCS London Marathon