Comeback von Tirunesh Dibaba in Houston

Als dreifache Olympiasiegerin und fünffache Weltmeisterin hat Tirunesh Dibaba tiefe Spuren im Laufsport hinterlassen, viele bezeichnen sie als größte Läuferin aller Zeiten. Nun wagt die 37-jährige, dreifache Mutteer ihr bereits zweites Comeback.

© Carlos Alfonso / Unsplash

Ihre erste Karriere endete 2014 mit dem Marathon-Debüt: Tirunesh Dibaba lief in London als Dritte über die Ziellinie und verabschiedete sich bald darauf in eine Babypause. Die Rückkehr 2016 war von Erfolg geprägt, bei den Olympischen Spielen von Rio gewann sie über 10.000m ihre insgesamt sechste Olympische Medaille. Doch der Fokus nach dem Comeback war nicht nur dem 10.000m-Lauf gerichtet, in dem ihr ein Jahr später auch WM-Silber in London gelang, sondern auch dem Straßenlauf mit Steigerungen im Halbmarathon und im Marathon. In der britischen Hauptstadt lief sie einen damaligen äthiopischen Rekord von 2:17:56 Stunden und feierte beim Chicago Marathon 2017 ihren ersten Marathonsieg. Eine große Marathon-Karriere schien vor ihren Füßen zu liegen, 2018 folgte ein dritter Platz bei einem schnellen Berlin Marathon. Dann rückte neuerlich die Familie in den Vordergrund, Dibaba und ihr Partner Sileshi Sihine, früher ebenfalls ein Weltklasseläufer, bekamen ihren zweiten Sohn. Noch bevor die Ausnahmeathletin zurück auf die Wettkampfbühne kommen konnte, war sie erneut schwanger. Ihre Tochter kam Ende 2021 auf die Welt, im Gegensatz zu den ersten beiden Kindern fernab der Öffentlichkeit. Auch im Internet lassen sich nur wenige Informationen darüber finden, womit Fragezeichen bei der journalistischen Informationsbeschaffung nicht gänzlich ausgeräumt werden können. Fotos in sozialen Netzwerken zeigen eine glückliche, fünfköpfige Familie.

Angriff auf den US-Rekord

Der Halbmarathon in Houston („Das war der bestmögliche Ort für eine Standortbestimmung, ich habe gut trainiert.“) wird also Dibabas erstes Rennen seit dem Silvesterlauf von Madrid vor vier Jahren, ihre Rückkehr ist eine besondere Geschichte. Aber sie ist nicht die einzige besondere beim Wettkampf am Sonntag mit dem frühen Startschuss um 7 Uhr Ortszeit. Denn dem Veranstalter gelang es, Emily Sisson auf seine schnelle Halbmarathonstrecke zu locken. Die 31-Jährige hat ihr seit Jahren vermutetes, oft geschildertes Potenzial im Oktober endlich zur Gänze abgerufen. Das Resultat war ein deutlicher neuer US-Rekord im Marathon von 2:18:29 Stunden, aufgestellt beim Chicago Marathon. Im Halbmarathon lief Sisson 2019 in Houston eine Zeit von 1:07:30 Stunden und 2020 in Valencia um vier Sekunden schneller, beide Male verpasste sie den damaligen US-Rekord von Molly Huddle haarscharf. Mittlerweile steht die Marke bei einer Zeit von 1:07:15 Stunden, gelaufen von Sara Hall im Vorjahr in der texanischen Metropole, die aufgrund des amerikanischen Weltraumforschungszentrums weltberühmt ist. Sisson ist bereits einmal vier Sekunden schneller gelaufen als Hall, doch die Strecke in Indianapolis war nicht tauglich für Einträge ins Rekordbuch. Angesichts ihres Marathon-Niveaus von Chicago scheint der US-Rekord im Halbmarathon, dieses Mal auch offiziell, mehr als nur möglich.

Comeback der Jungmutter Molly Huddle

Dibaba und Sisson treten in einem spannenden Feld an. Die beste Vorleistung hat die Äthiopierin Hiwot Gebrekidan, eine Top-Marathonläuferin, die 2021 in Istanbul drei Sekunden schneller gelaufen ist als Dibaba bei ihrem schnellsten Halbmarathon (1:06:47). Molly Huddle, die neun Monate nach der Geburt ihrer Tochter ihr Comeback feiert, und Lindsay Flanagan sind weitere starke US-Läuferinnen, Atsede Baysa tritt bereits eineinhalb Monate nach ihrem Sieg beim Florenz Marathon wieder an und die Marathon-WM-Vierte Nazret Weldu hat viel Potenzial, ihre persönliche Bestleistung von 1:09:47 Stunden deutlich zu steigern. Die Vorjahresdritte Dominique Scott hat den südafrikanischen Rekord von Elana Meyer (1:06:44 Stunden) im Auge. Mit der Britin Jessica Judd ist auch eine schnelle Europäerin am Start.

Ein mit Spannung erwartetes Debüt feiert die ehemalige Weltmeisterin im 1.500m-Lauf, Jennifer Simpson. „Alle Läuferinnen und Läufer, die ich kenne, sprechen in hohen Tönen vom Houston Marathon. Es ist also der perfekt Platz für meine Premiere“, so die 36-Jährige, die die vergangenen Wettkampfsaison aufgrund von physischen Problemen praktisch komplett verpasst hat.

Äthiopische Marathonstars an der Spitze einese dichten Feldes

Das Elitefeld bei den Männern wird angeführt von Leul Gebresilase aus Äthiopien, der eine Bestleistung von 59:18 Minuten aufweisen kann. Damit ist er einer von drei Athleten mit Bestleistungen unter einer Stunde, die beiden weiteren sind Mohamed El Aaraby aus Marokko und Shura Kitata aus Äthiopien, wie sein Landsmann ein starker Marathonläufer. Kitata hat den Halbmarathon in Houston vor vier Jahren gewonnen. Viertschnellster laut Vorleistungen ist der in den USA lebende Kenianer Edward Cheserek, der erstmals die Schallmauer von einer Stunde durchbrechen möchte. Hinter ihm folgt eine Gruppe von US-amerikanischen Läufern im Leistungsbereich rund um 1:01 Stunden, darunter Conner Mantz, und aus dem englischsprachigen Ausland der Kanadier Rory Linkletter und der Brite Ben Connor. Insgesamt zählt das Feld 15 Läufer mit Bestleistungen unter 1:02 Stunden.

Japanerin Niiya Favoritin im Marathon

Traditionell sind beim Houston Marathon die Elitefelder im Halbmarathon stärker und breiter besetzt als jene im Marathon. Doch insbesondere das Starterfeld bei den Männern kann sich mit vier Läufern mit Bestleistungen unter 2:07 Stunden sowie drei weiteren mit Bestleistungen unter 2:10 Stunden sehen lassen. Die Top-US-Läufer sind CJ Albertson, der erst vor fünf Wochen in Malaga einen Marathon bestritten hat, Stinson Parker und der frisch eingebürgerte Teshome Mekonen, fast Heimvorteil hat auch der Mexikaner Juan Luis Barrios.

Im Kampf um den Sieg sind der Äthiopier Tsedat Ayana, 2019 Sieger des Sevilla Marathon und 2022 mit zwei Marathon-Leistungen in 2:08 Stunden, der Kenianer Thomas Kiplagat, 2019 Sieger des Seoul Marathon in 2:06:00 Stunden, der kenianische Sieger von 2017, Dominic Ondoro, sowie sein Landsmann und Vorjahressieger James Ngandu in der Pole Position. Bei den Frauen führt die Japanerin Hitomi Niiya mit einer Bestleistung von 2:21:17 Stunden das Elitefeld vor Sintayehu Lewetegn aus Äthiopien, zuletzt mit einem starken zweiten Platz beim Ljubliana Marathon in 2:22:36 Stunden, an. Die japanische Rekordhalterin im 10km-Lauf und im Halbmarathon hat beste Erinnerungen an Houston. In der texanischen Metropole gelang ihr 2020 kurz nach dem Start zu ihrer zweiten Karriere ein grandioser Sieg im Halbmarathon in der japanischen Rekordzeit von 1:06:38 Stunden. 2022 war sie Siebte beim Tokio Marathon, eine COVID-19-Infektion verhinderte den WM-Start in Eugene.

Start in zweite Jahrhundert-Hälfte

Der Houston Marathon geht bereits in seine 51. Auflage. „Immer mehr Läuferinnen und Läufer aus allen Ecken der Welt kommen nach Houston mit der Intention, auf unserer flachen Strecke ihre persönlichen Bestleistungen anzugreifen und Spaß zu haben“, blickt Geschäftsführer Wade Morehead optimistisch in das zweite halbe Jahrhundert Veranstaltungsgeschichte. Für die diesjährige Auflage erwartet der einzige Veranstalter der Welt, der zwei mit einem Label von World Athletics ausgezeichnete Rennen parallel durchführt, laut Anmeldungen rund 33.000 Läuferinnen und Läufer.

Chevron Houston Marathon

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