Bedrückende Zahlen zum Bewegungsverhalten

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Wahrscheinlich werden wir irgendwann in der Zukunft, vielleicht näher als gedacht, zum Schluss kommen: Wir hätten es besser wissen müssen. Einer im Vier-Jahres-Rhythmus durchgeführten Umfrage der EU-Kommission zufolge treiben 45% der EU-Bürger nie Sport. Auch wenn es zwischen den Mitgliedstaaten laut anderen Befunden teils markante Unterschiede gibt: Wir sprechen von fast jeder zweiten Europäerin und jedem zweiten Europäer!

Dabei sind die sportmedizinischen und sportwissenschaftlichen Erkenntnisse über die unmittelbaren und langfristigen, positiven Auswirkungen von regelmäßiger physischer Aktivität längst Allgemeinwissen, mit überzeugenden Resultaten. Hätte das als Beweggrund noch nicht gereicht, hätte aus dem dominanten Thema der Öffentlichkeit der Jahre 2020 und 2021 mitunter auch folgender Schluss herausgefiltert werden: Ein fitter, gesunder und sportlicher Körper und ein frischer, gesunder, gepflegter Geist hatten im Aufeinandertreffen mit dem neuartigen Coronavirus wesentlich bessere Karten in der Hand, die Infektion ohne gröbere gesundheitliche Probleme zu überstehen. Auch das ist aus unzähligen wissenschaftlichen Befunden und Beobachtungen längst erwiesener Faktbestand. Und Laufen bietet beides, ohne große Einstiegshürden oder Alltagsumstände.

Sport als Lösung

Margaritis Schinas, griechischer Vize-Präsident der Initiative „Promotion the European Way of Life“, kommentierte die bedrückenden Erkenntnisse der EU-Kommission wie folgt: „Sport alleine wird nicht all unsere Probleme lösen. Aber neben den offensichtlichen Benefits für unsere Gesundheit hat Sport auch das einzigartige Potenzial, uns miteinander zu verbinden und uns ein Zugehörigkeitsgefühl zu unserer Community zu geben. Sport spielt eine wichtige Rolle in der Bildung sozialer Strukturen, was eine der größten Herausforderungen ist, der wir in Europa begegnen.“ Der Schluss der Editoren der Studie: Das offensive Bewerben physischer Aktivität sowie ein gesunder Lebensstil unter der Verstärkung von Geschlechtergleichheit und der Inklusion sei von enormer Bedeutung.

Diejenigen, die sich regelmäßig bewegen, sind in der EU mit 38% im Übrigen in der Minderheit, die restlichen 17% bewegen sich ab und zu (seltener als einmal wöchentlich). Jene, die sich täglich oder fast täglich bewegen, erreichen laut WHO Europa nur einen einstelligen Prozentwert.

Wichtige Impulse

Europaweite, nationale, regionale und lokale Initiativen zur Förderung von Bewegung haben vielleicht so viel Bedeutung wie schon lange nicht mehr. Es geht um Impulse, für die auch die Plattform RunAustria mit seinen Laufinitiativen, Clubaktivitäten, mit seinen Veranstaltungsorganisationen, darunter der Salzburg Marathon und der Salzburger Frauenlauf, und seiner Berichterstattung über Wissenswertes rund um die Themen Bewegung und Laufsport einsteht und entsprechende Botschaften aussendet, die die Motivation, den Bewegungsumfang zu erhöhen, oder überhaupt in Bewegung zu kommen, anstacheln. Besonders jetzt, wo wir in die Virensaison eingetaucht sind und die kalte Jahreszeit mit ihren oft widrigen Bedingungen ante portas steht. Dafür sind keine überspitzten Schlagzeilen oder neudeutsche Promotionbegriffe notwendig. Die starken Argumente des Wissensstandes sprechen für sich. Und dieser Wissensstand wurde in den letzten Monaten mit keinen wirklich aufmunternden Erkenntnissen erweitert.

Sand im Getriebe bei der Bewegungsroutine

In einem Jahr, in dem der organisierte Sport nach zwei Jahren mit sehr eingeschränkten Möglichkeiten zumindest in Europa weitestgehend den organisatorischen Rahmen von vor der Pandemie zurückbekommen hat, mussten beispielsweise die Laufevents in Österreich feststellen, noch weit entfernt vom Teilnehmerniveau von 2019 zu sein. Das ist nicht überall in Europa so, besonders in den nördlichen und westlichen europäischen Nationen und in Großbritannien erreichten Laufevents und -initiativen bereits die gewohnte Größe. Auch Sportvereine und Laufgruppen stellen sich hierzulande laut eines ausführlichen Artikels in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ vom 28. Oktober 2022 flächendeckend die Frage, wo die Mitglieder denn geblieben sind. Die Überwindung sei höher, Ängste geblieben, Routinen eingerostet und Lebensstile Richtung mehr Zeitverbringen in den eigenen vier Wänden abgedriftet. So lautet das Fazit des Artikels.

Noch bedrückender sind aber einige aktuelle wissenschaftliche Befunde zum Bewegungsverhalten in der Gesellschaft. Denn die lassen den Schluss zu, dass eine wichtige Lehre aus der Pandemie enorme Startschwierigkeiten hat: Um flächendeckend den individuellen gesundheitlichen Zustand in unseren Gesellschaften zu verbessern, ist eine Vergrößerung der gesellschaftlichen Gruppe, die regelmäßig physisch aktiv ist, ein effektiver Schlüssel. So sagte Gesundheitsminister Johannes Rauch am 27. Oktober in einer Aussendung des Fonds Gesundes Österreich: „Regelmäßige Bewegung hält nicht nur fit, sie verbessert auch die persönliche Lebensqualität und steigert das Wohlbefinden. Gerade in gesundheitlich herausfordernden Zeiten ist es wichtig, sich ausreichend zu bewegen. Das stärkt nicht nur das Herz-Kreislauf-System, sondern auch das Immunsystem.“ Der Umkehrschluss ist auch prognostizierbar, auf belastbaren Erkenntnissen: Verschlechterung der langfristigen, individuellen Gesundheitsprognose und besonders in Zeiten mit negativen Schlagzeilen, verpasste Möglichkeiten des Stressausgleichs und der Verbesserung oder Stabilisierung von Mental Health.

80% der Jugendlichen bewegen sich zu wenig

Aus einer großen, repräsentativen Studie, die im Sommer 2021 im medizinischen Fachblatt „The Lancet“ veröffentlicht wurde,, bestätigt sich der Trend zu immer mehr Befunden über den verschlechterten Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen während der Pandemie, die es auch in Österreich gibt. Ein Grund, Bewegungsmangel. Vier von fünf 11-17-Jährigen weltweit bewegen sich zu wenig. Eine weitere heuer im „The Lancet“ publizierte Studie zeigt, dass einzig in Nordamerika in den Sommermonaten 2021 der Bewegungsumfang des Sommers 2019 fast wieder erreicht wurde, wobei Nordamerika am Ausgangspunkt das geringste Aktivitätslevel aller Kontinente aufgewiesen hat. In Europa dagegen fehlte noch etliches auf den anhand der täglichen Schritte definierten Bewegungsumfang von vor zwei Jahren, genauso in Asien und besonders drastisch in Südamerika.

Im Jahr 2021 veröffentlichte die WHO einen recht standardisierten Befund über den Status quo des Bewegungsverhaltens in allen 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Als Kriterium galt dabei der Umfang von 150 Minuten moderater bis intensiver Bewegung pro Woche für Erwachsene bzw. eine Stunde moderater bis intensiver Bewegung pro Tag für Kinder und Jugendliche. Diese Empfehlung wird von der Weltgesundheitsorganisation als Mindestmaß für einen effektiven Baustein für einen gesunden Lebensstil angesehen.

Österreich im hinteren EU-Mittelfeld

In Österreich, wo einzig der demographischen Gruppe der fragilen und sehr alten Menschen Sport nicht empfohlen wird, erreicht die Altersgruppe der 18–29-Jährigen mit 31,9% den besten Wert, was nicht einmal einem Drittel dieser Altersgruppe entspricht (Männer mit 35,7% besser als Frauen 28%). In den Altersgruppen 30–44 und 45–65 erreichten über 20% der Menschen die Bewegungsempfehlung. Auch Kinder schneiden in ihrem ersten guten Lebensjahrzehnt vergleichsweise zu den Erwachsenen gut ab, dann kommt es in den Pubertätsjahren zum bekannten Rückgang des Bewegungsumfangs. Und dieser fällt zwischen elf und 17 Jahren dramatisch von 28,2% auf 6,7%. Diese Abwärtstendenz, die den Wiedereinstieg in ein sportliches Leben im jungen Erwachsenenalters sicherlich erschwert, beginnt bei den Mädchen etwas früher als bei den Burschen, bei denen der Unterschied in den Zahlen insgesamt etwas größer ausfällt. Der deutliche Anstieg zwischen der Altersklasse der 17-Jährigen und jener der jungen Erwachsenen erklärt sich natürlich dann durch die geänderte Empfehlung des Bewegungsmindestmaßes.

Während das Bewegungsverhalten der österreichischen Kinder und Jugendlichen noch im europäischen Mittelfeld liegt, liegt jenes der österreichischen Erwachsenen im Quervergleich der EU-Länder im hinteren Mittelfeld an der Grenze zum Schlussviertel. Die aufgrund des hohen Aktivitätslevels herausstechenden Bewegungsdaten der erwachsenen Bevölkerungen in Slowenien, Spanien, Schweden, Dänemark, Belgien oder Frankreich werfen einen riesigen Schatten auf die österreichischen Daten. Auch Finnen, Holländer, Iren, Italiener und Luxemburger bewegen sich wesentlich mehr als Österreicher. Interessant ist am Vergleich der Erwachsenen- und Minderjährigenstatistik, dass einzig Frankreich, die Niederlande und Spanien in beiden Wertungen im Spitzenfeld liegen. Skandinavische Länder ragen mit dem Bewegungsumfang von Kindern und Jugendlichen nicht heraus, mit jenem der Erwachsenen sehr wohl. In einigen ost- und südosteuropäischen Ländern ist es genau umgekehrt.

Auch in konkret untersuchten Bewegungsformen, Schritte (Gehen) und Radfahren, landen die österreichischen Daten im Mittelfeld. So überragen die Belgier, Franzosen und Holländer als Radfahrvolk im Alltag, viele Mitmenschen aus anderen europäischen Ländern legen mehr Schritte zurück als wir in Österreich.

Um den Konnex zwischen Gesundheit und Sport herzustellen, ist die Analyse interessant, in welche der sechs in der WHO-Studie vordefinierten medizinischen Berufsgruppen staatliche Sportbildungsinitiativen hineingreifen. In Österreich sind das die Physiotherapeuten, das Pflegepersonal und die Kategorie der anderen Gesundheitsberufe, nicht jedoch Ärzte, Diätassistenten und Psychotherapeuten. Nur vier EU-Länder, nämlich Irland, Italien, Schweden und Spanien, setzen staatliche Initiativen in allen sechs Gruppen um. Bei den Diätassistenten sind es außerdem Belgien, Tschechien, Dänemark, Malta und Polen, bei den Psychotherapeuten außer den vier genannten noch Tschechien und Dänemark. In der Außenseitergruppe ist Österreich bei nationalen Sportbildungsinitiativen im Ärzteberuf, die werden nämlich in der Mehrheit der europäischen Länder umgesetzt.

Bewegungsmangel ein hohes Mortalitätsrisiko

Der im Eingangsabsatz erwähnte, hohe Anteil der Bewegungsabgeneigten oder Bewegungsunfähigen in unserer europäischen Gesellschaft (weltweit ist der Prozentsatz wohl höher) ist ein enormes Problem für unsere Gesundheitssysteme. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt in einer aktuellen Studie, dass 3,2 Millionen Todesfälle und 32,1 Millionen ungesunde Lebensjahre pro Jahr weltweit auf ungenügende physische Aktivität zurückzuführen sind. Dass sich das Problem Inaktivität in der Weltbevölkerung seit Pandemiebeginn vergrößert hat, gilt als gesichert und erfordert ein Entgegenwirken.

Laut der Webplattform Global Observatory for Physical Activity lassen sich 7,8% aller österreichischer Todesfälle auf Inaktivität zurückführen. In der Schweiz sind es nur 2%, in Italien und Deutschland aber jeweils über 10%. Weitere interessante Erkenntnisse: Österreicherinnen und Österreicher sitzen im Schnitt pro Tag 5,3 Stunden lang. Und bei den Forschungsaktivitäten zu physischer Inaktivität liegt Österreich lediglich auf Platz 42 einer 176 Nationen umfassenden Statistik, deutlich hinter unseren Nachbarstaaten Deutschland, Schweiz und Italien (laut Daten der Public Health Institute der Universitäten in Hamburg und Rom bzw. des nationalen Schweizer Instituts für Public Health). Die österreichischen Daten wurden von den Fachbereichen an den Universitäten in Graz und Wien zur Verfügung gestellt.