Karriereende von Selina Büchel als Long-Covid-Folge

Die zweifache Hallen-Europameisterin Selina Rutz-Büchel hat sich von ihren gesundheitlichen Folgeproblemen nach einer COVID-19-Infektion nicht wieder komplett erholt und sich vergangene Woche für das Ende ihrer spitzensportlichen Karriere entschieden.

Symbolbild. © SIP / Johannes Langer

Selina Rutz-Büchel geht mit einer Leidensgeschichte. Es ist mittlerweile eineinhalb Jahre her, dass auftretende gesundheitliche Probleme im Rahmen von Long Covid ihren Gesundheitszustand so stark eingeschränkt haben, dass sie ihre Laufbahn unterbrechen musste. Mehrfach versuchte die Schweizerin einen Restart in ihr Training, überforderte aber jeweils ihren Körper, wie sie auf ihrer Website schreibt: „Ich habe eingesehen, dass mein momentaner Gesundheitszustand kein Training zulässt und mich deshalb entschieden, vom Spitzensport zurückzutreten.“ Trotz erheblicher Fortschritte und Verbesserungen im Vergleich zum Gesundheitszustand im April 2021, wie die 31-Jährige erklärt. Denn damals zwang ihr Befinden sie zu einem kompletten Sport-Stopp.

„Viele wertvolle Erfahrungen“

Aber sie geht gleichermaßen in Dankbarkeit. Inmitten ihrer gesundheitlich schwierigsten Phase erhielt die Familienplanung ein erstes Highlight. Im Frühling kam ihre Tochter auf die Welt. Außerdem geht sie mit positiven Erinnerungen an ihre Laufbahn in den spitzensportlichen Ruhestand. „Ich habe das Training und die Wettkämpfe geliebt und es genossen, dass ich den Sport über viele Jahre hinweg in den Mittelpunkt meines Lebens stellen durfte. An den vielen wertvollen Erfahrungen, die mir der Sport ermöglicht hat, durfte ich als Mensch wachsen“, schreibt sie weiter und bedankte sich bei allen, die sie auf ihrem Weg begleitet und unterstützt haben. Der noch im vergangenen Jahr geäußerte Traum von den Olympischen Spielen als Mama bleibt damit unerreichbar.

Große Erfolge mit Pech bei globalen Meisterschaften

Nach einer klaren Leistungssteigerung vom Wettkampfjahr 2014 auf jenes 2015 gehörte Selina Büchel, U23-EM-Medaillengewinnerin von 2013, jahrelang zur 800m-Elite Europas. Ein halbes Jahr, nachdem bei der Heim-EM in Zürich im Halbfinale Schluss war, wurde die Schweizerin 2015 in Prag überraschend Hallen-Europameisterin. Diesen Titel verteidigte sie zwei Jahre später in Belgrad mit einem neuen Schweizer Hallenrekord. Mit dem Titel in der Tschechischen Republik war der Durchbruch aber gelungen. 2015 startete sie mit einer Serie von vier Siegen in die Freiluft-Saison und markierte beim Diamond-League-Meeting Anfang Juli in Paris ihren immer noch gültigen Schweizer Rekord von 1:57,95 Minuten. Nach weiteren starken Leistungen in Luzern, Bellinzona und London reiste die damals 24-Jährige aussichtsreich zu den Weltmeisterschaften von Peking, wo sie erstmals bei internationalen Meisterschaften großes Pech hatte. Trotz eines starken Halbfinallaufs von 1:58,63 Minuten, damals noch viel mehr eine internationale Topzeit als heute, blieb sie als Neunte im Halbfinale hängen.

Diese Geschichte wiederholte sich ein Jahr später bei den Olympischen Spielen von Rio, als sie neuerlich als Neunte denkbar knapp an einem Finaleinzug scheiterte. Der Transgender-Triple-Erfolg von Semenya und Co. ist heute Hauptbestand diverser Diskussionen. Gut ein Monat davor fehlte auch bei den Europameisterschaften von Amsterdam wenig auf eine Medaille, sie wurde Vierte. Nachdem weder 2017 in London ein Finaleinzug gelang noch 2018 eine EM-Medaille in Berlin erlebte Büchel 2019 ihre schwächste Wettkampfsaison seit Jahren, ohne jemals unter zwei Minuten zu bleiben. Nach der COVID-Pause 2020 gelang ihr im letzten Saisonrennen in Bellinzona die zweitschnellste 800m-Zeit ihrer Karriere: 1:58,37 Minuten. Es sollte ihr letzter Freiluft-Wettkampf bleiben, denn nach der Hallen-Saison 2021 übernahm die Erkrankung die Initiative in der Karriere der Schweizerin.

Long Covid verhinderte Neustart

Selina Büchel, die 2020 Silvan Rutz heiratete, schrieb im Oktober 2021 auf ihrer Website offen über ihre Long-Covid-Erkrankung. Während das Herz-Kreislauf-System und die Lungenaktivitäten sich bald erholten, blieb eine längerfristige Störung des Nervensystems im Form unspezifischer Symptome erhalten, die immer wieder für drastische Rückfälle in der Leistungsfähigkeit sorgten und zu grippeähnlichen Erkrankungen führten. Sie erholte sich langsam von psychischen und hormonellen Problemen, die durch das abrupte Beenden eines aktiven Lebens kamen, und hoffte bis zuletzt auf einen Neustart ihrer Laufbahn. Leider vergeblich.