Nächster großer Triumph für Evans Chebet

Evans Chebet gewann nach dem Boston Marathon im Frühling gestern auch den New York City Marathon und hält bei zwei World-Marathon-Majors-Siegen wie Eliud Kipchoge. Auch die unglaubliche Erfolgsserie der Trainingsgruppe von Claudio Berardelli fand ihre Fortsetzung.

© Michael Discenza / Unsplash

Man stelle sich vor, man gewinnt die Marathon-Klassiker in Boston und in New York im Abstand von nur einem halben Jahr und ist dennoch die Nummer zwei. Evans Chebet, der schon über die Nicht-Berücksichtigung für die Olympischen Spiele trotz eines Marathon-Siegs in Valencia 2020 in einer Weltklassezeit von 2:03:00 Stunden nicht glücklich war, wird das selbst in Ehrfurcht vor dem historisch Besten nicht so lustig finden. Der 33-jährige Kenianer legte auf den eindrucksvollen Triumph von Boston im April mit einer berauschenden Schlussphase einen am Ende kontrolliert herausgelaufenen Sieg aus einem untypischen Rennen am „Big Apple“ nach und hält beim möglichen Maximum von 50 Punkten für die World Marathon Majors Gesamtwertung. Die hat auch Eliud Kipchoge, der bei seinen Triumphen in Tokio (Streckenrekord) und Berlin (Weltrekord) wesentlich schnellere Marathon-Leistungen abgerufen hat – hier sind die Strecken und Renncharakteristika der beiden US-Klassiker ein Nachteil. Und so wird es kaum überraschend, wenn die World Marathon Majors trotz Punktegleichheit den Weltstar als Gesamtsieger küren werden – die Regularien geben das her.

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Hattrick für italienischen Coach und italienischen Manager

„Es war ein harter Sieg für mich, ich bin sehr glücklich mit meinem Umfeld und wie ich mit unter meinem Coach in den letzten Jahren entwickelt habe“, kommentierte Chebet seinen Erfolg beim größten Marathon der Welt, der 47.743 Finisherinnen und Finisher (Frauenanteil 44,3%) zählte und damit beinahe an die Dimensionen von vor der Pandemie heranrückte. Chebets Erfolg in New York, der fünfter Sieg in seinen letzten sechs Marathons, prolongierte eine unfassbare Siegesserie der Trainingsgruppe des italienischen Trainers Claudio Berardelli. Seit dem Weltrekordlauf von Eliud Kipchoge haben drei Athleten aus diesem Teamcamp die World Marathon Majors von London, Chicago und New York gewonnen: Amos Kipruto, Benson Kipruto und Evans Chebet. Auch der hinter der Gruppe stehende Manager, der Norditaliener Gianni Demadonna, wird sich über den Preisgeldregen, den seine Top-Athleten auslösen, freuen.

Berardelli arbeitet seit einigen Jahren für ihn, nachdem er sich zuvor von Manager Federico Rosa trennte, nachdem der Dopingfall Rita Jeptoo den Laufsport in Kenia aufgewirbelt hatte. Berardelli musste damals einige Tage in Untersuchungshaft und konnte nur auf Kaution freigekauft werden, 2017 stellte ein Urteil in Nairobi die Unschuld des italienischen Trainers aus Mangel an Beweisen, wie der Richter damals festhielt, endgültig fest, auf die Berardelli stets offensivh plädiert hatte.

Evans Chebets Halbmarathon-Splits: 1:03:36 / 1:05:05 Stunden
Evans Chebets 5km-Teilzeiten: 15:02 / 15:09 / 14:47 / 15:12 / 15:31 / 14:36 / 15:29 / 15:58 / 6:57 (2,195 km) Minuten

Derbes Ende für brasilianisches Abenteuer

Der Erfolg des schüchternen Kenianers, der im Vorfeld des New York City Marathon standardmäßige Übersetzer für kenianische Athleten forderte, die sich in ihren Dialekten und Sprachen besser ausdrücken könnten als in englischer Sprache, kam auf eigenwillige Art und Weise zustande. Dafür war Daniel Do Nascimento bei seinem ersten New-York-Start zuständig, der abgesehen vom Erfolg Chebets für die Geschichte des Rennens sorgte. Trotz der hohen Temperaturen wählte er vom Start weg sein eigenes Tempo und begann einen Ausreißversuch, der in seiner Verwegenheit Seltenheitswert hat. Zweieinhalb Minuten hatte er zeitweise Vorsprung auf die große Verfolgergruppe, die ein für den New York City Marathon übliches Tempo mit einer Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:03:35 Stunden wählte. Do Nascimentos Tempowahl dagegen war absurd: Nach zehn Kilometern lag er in einer Zeit von 28:42 Minuten unter dem Weltrekord-Split, die erste Marathon-Hälfte brachte er in einer Zeit von 1:01:22 Stunden hinter sich und damit rund zwei Minuten schneller als Geoffrey Mutai bei seinem Streckenrekord 2011.

Doch dann, ca. Kilometer 28, verließ der Südamerika-Rekordhalter vor laufender TV-Kamera und damit einem Millionenpublikum die Strecke und kehrte in eine mobile sanitäre Einrichtung des Veranstalters ein, um eine halbe Minute später voller Elan wieder herauszustürmen. Unterdessen schmolz sein Vorsprung natürlich beträchtlich, doch dem 24-Jährigen, immerhin WM-Achter von Eugene und starker Dritter in Seoul im April, ging es nicht gut. Nach etwa 33 Kilometern blieb er abrupt stehen, kroch mit versagender Muskulatur unter einem Absperrband durch und blieb völlig erschöpft liegen. Es war ein Zusammenbruch, der ärztliche Versorgung benötigte. Die gute Nachricht dieser doch dramatischen Bilder: Laut Yahoo Sports ging es dem Brasilianer nach kurzer Zeit wieder wesentlich besser. Seine Geschichte ist ein Mahnmal für Respekt vor der Marathon-Distanz auf im Profibereich, der von den Temperaturen her wärmste New York City Marathon seit fast 40 Jahren erteilte ihm eine mächtige Lektion.

Kenianische Erfolgsserie

Do Nascimentos unkonventionelle Herangehensweise hat auch Chebets Rennen beeinträchtigt. Der erklärte Favorit beschleunigte kurz nach der Halbmarathon-Durchgangszeit mit der Ambition, den Rückstand zu verringern. In seiner schnellsten Rennphase gelang ihm das, nicht nur aufgrund der Toilettenpause des Führenden. Als Chebet den kollabierten Brasilianer passierte und in Führung ging, erzeugten die Kameras einen eigenartigen Schnappschuss, doch der Kenianer musste sich auf sein Rennen konzentrieren. Und auch er musste für seinen Vorstoß Tribut zollen und verlor im Finale im Central Park einiges an Zeit.

In einer Zeit von 2:08:41 Stunden, der langsamsten Siegerzeit in New York seit 2017, hielt der den äthiopischen London-Sieger von 2020, Shura Kitata um 13 Sekunden auf Distanz und sicherte damit immerhin den Sieg und das damit verbundene Preisgeld von 100.000 US-Dollar. Damit lag auch beim sechsten World Marathon Major ein Kenianer vorne, das hat es noch nie gegeben. Das Doppel Boston-New York hatte zuletzt Geoffrey Mutai im Jahr 2011 im selben Kalenderjahr geholt. Der 26-jährige Kitata war bereits 2018 Zweiter in New York, diese Position ist mit 60.000 US-Dollar Preisgeld versehen. Platz drei ging an den Olympia-Dritten und Rotterdam-Sieger Abdi Nageeye, der mit glücklicher Miene das Ziel in 2:10:31 Stunden erreichte, er verdiente dadurch 40.000 US-Dollar Preisgeld. Der Vorjahres-Zweite Mohamed El Aarabi wurde Vierter vor dem japanischen Duo Suguru Osako und Tetsuya Yoroizaka. Vorjahressieger Albert Korir spielte auf Platz sieben in einer Zeit von 2:13:27 Stunden keine Rolle, der ehemalige Europameister Daniele Meucci zeigte mit Platz acht auf.

Abraham mit Unwohlsein im Magen out

Neben Do Nascimento gab es einige prominente Aufgaben. Eine betraf den Schweizer Tadesse Abraham, der bereits auf der ersten Hälfte aus der Spitzengruppe zurückfiel und später aufgrund von Magenproblemen aufgeben musste, eine weitere den US-Topläufer Galen Rupp. So war der neuntplatzierte Scott Fauble am Ende besser Lokalmatador, an einem enttäuschenden Tag für den US-Laufsport.

Ergebnis TCS New York City Marathon der Männer 2022

  1. Evans Chebet (KEN) 2:08:41 Stunden
  2. Shura Kitata (ETH) 2:08:54 Stunden
  3. Abdi Nageeye (NED) 2:10:31 Stunden
  4. Mohamed El Aaraby (MAR) 2:11:00 Stunden
  5. Suguru Osako (JPN) 2:11:31 Stunden
  6. Tetsuya Yoroizaka (JPN) 2:12:12 Stunden
  7. Albert Korir (KEN) 2:13:27 Stunden
  8. Daniele Meucci (ITA) 2:13:29 Stunden
  9. Scott Fauble (USA) 2:13:35 Stunden
  10. Reed Fisher (USA) 2:15:23 Stunden
  11. Jared Ward (USA) 2:17:09 Stunden
  12. Matthew Baxter (NZL) 2:17:15 Stunden
  13. Leonard Korir (USA) 2:17:29 Stunden
  14. Matthew Llano (USA) 2:20:04 Stunden
  15. Olivier Irabaruta (BDI) 2:20:14 Stunden
  16. Hendrick Pfeiffer (GER) 2:22:31 Stunden
  17. Jonas Hampton (USA) 2:22:58 Stunden
  18. Alberto Mena (ECU) 2:23:10 Stunden
  19. Jacob Shiohira (USA) 2:23:33 Stunden
  20. Edward Mulder (USA) 2:23:42 Stunden

    138.Stefan Lakinger (AUT) 2:42:20 Stunden

TCS New York City Marathon