Lokedis Super-Debüt verdutzt Weltmeisterin

Es war ein Marathon-Debüt, das die große Schlagzeile beim New York City Marathon der Frauen produzierte. Aber es war nicht jenes der sechstplatzierten Hellen Obiri, sondern jenes ihrer kenianischen Landsfrau Sharon Lokedi, die im Central Park Lonah Chemtai Salpeter und Weltmeisterin Gotytom Gebreslase die Rückenansicht präsentierte.

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Als Sharon Lokedi nach rund zwei Dritteln der Distanz, als sich Gotytom Gebreslase, Hellen Obiri und Viola Cheptoo aus einer größeren Spitzengruppe abgesetzt hatten, in der Verfolgergruppe lief, sah es wenige Minuten lang nicht nach einem Triumph der Debütantin aus. Elf Sekunden trennten das Trio vorne und eine fünfköpfige Gruppe bei der Zwischenzeit bei Kilometer 30. Doch etwa drei Kilometer später veränderte sich das Rennen. Cheptoo fiel zurück, dafür fanden Lonah Cheptai Salpeter und Lokedi den Anschluss. Vor der finalen Phase konnte Obiri das Tempo vorne nicht mehr mitgehen, als die einzig verbliebene Kenianerin in der Spitzengruppe ihre Außenseiterrolle voll ausspielte. Kraftvollen Schrittes lief sie stets an dritter Position. Dann überholte sie die Äthiopierin und setzte sich neben die Israelin, um ihre Stärke zu demonstrieren. Kurze Zeit später, es waren weniger als eineinhalb Kilometer bis zur Ziellinie, hatte sie das Duell gewonnen. Die Siegerzeit von 2:23:23 Stunden ist auf dem anspruchsvollen Kurs in New York ohne Tempomacher-Unterstützung außergewöhnlich gut, auch wenn es die langsamste seit 2017 war – aber auch die achtschnellste bei 50 Auflagen. Und: Die ungewöhnlich warmen Temperaturen mit 23°C. und hoher Luftfeuchtigkeit (über 80%) zum Zeitpunkt der Zielankunft kamen erschwerend hinzu.

Der RunAustria-Bericht des Männerrennens

Nächster großer Triumph für Evans Chebet

Ein erstaunstaunliches Debüt

„Es ist ein erstaunlicher Sieg. Ich wusste, ich würde ein starkes Rennen bestreiten, weil ich sehr gut trainiert habe. Daher wollte ich unbedingt dabei sein, wenn es um die Wurst ging und das Ergebnis ist besser als ich es mir erhofft hatte“, sagte Lokedi nach dem Rennen. Ihr Sieg wird als einer der größten Außenseitersiege in die Historie des New York City Marathon eingehen, denn die in den USA lebende Kenianerin gehörte nicht zur Gruppe der Favoritinnen. Diese Tatsache begründet sich in den Vorleistungen: Im März lief sie in New York einen Halbmarathon in 1:08:14 Stunden, im Juni einen 10km-Lauf in 30:52 Minuten. Beide Leistungen sind nicht schlecht, aber sie lassen keine Weltklasseleistung im Marathon erwarten. In vergangenen Jahren gab es erst recht keine Resultate, die einen New-York-City-Marathon-Triumph angekündigt hätten. Und noch eine Premiere gab es laut der US-Laufplattform „Let’s Run“: Lokedi ist die erste Athletin, die von Under Armour gesponsort ist, die einen World Marathon Major für sich entscheiden konnte.

Sharon Lokedis Halbmarathon-Splits: 1:12:17 / 1:11:06 Stunden
Sharon Lokedis 5km-Teilzeiten: 17:18 / 17:08 / 16:58 / 17:08 / 17:14 / 16:53 / 16:34 / 16:54 / 7:16 (2,195 km) Minuten

Eine weitere Komponente des Rennberichts von „Let’s Run“ ist interessant: Lokedi lebt in Flagstaff, einem bekannten, in der Höhe gelegenen Trainingszentrum im Süden der USA, absolvierte ihre erste Marathon-Vorbereitung allerdings in Kenia. Dort setzte sie den Grundstein für ihren Premierensieg, der unweigerlich an eine Sternstunde des New York City Marathon erinnert. 1994 gewann die spätere Weltrekordhalterin Tegla Loroupe als erste Kenianerin den New York City Marathon – bei ihrem Debüt.

Nächstes Topresultat für Chemtai Salpeter

In der Leuchtstärke dieses Fabeldebüts erreichte die WM-Dritte Lonah Chemtai Salpeter das Ziel sieben Sekunden später als Zweite und lief auch beim dritten Marathon dieses Wettkampfjahres aufs Stockerl. Damit hat die 33-jährige aus Kenia stammende Israelin, die 2020 in Tokio ihren einzigen Major bisher gewann, ihre zweite Top-Drei-Platzierung in der selbsternannten Eliteserie der Marathonläufe, plus die WM-Medaille von Eugene.

WMM-Gesamtsieg an Weltmeisterin

Für die drittplatzierte Gotytom Gebreslase mag sich der New York City Marathon wie eine Niederlage anfühlen, konnte sie doch aus der Favoritenposition heraus im Central Park nicht mehr gegenhalten und erreichte das Ziel in einer Zeit von 2:23:39 Stunden. Doch in Kombination mit ihrem WM-Titel von Eugene (25 Punkte) reichte dieses Resultat, um sich die Prämie von nun mehr nur noch 50.000 US-Dollar für den Gesamtsieg bei den World Marathon Majors zu sichern, die etwas heimlich still und leise gestern in New York zu Ende ging. Dieser dritte Platz mit seinen neun Punkten egalisierte den dritten Platz, den die 27-jährige Äthiopierin beim Tokio Marathon im Frühjahr belegte, damals lief sie wie bei der WM eine absolute Topzeit.

Obiris Debüt im Schatten des Lokedi-Debüts

Hinter der Äthiopierin erreichte ein kenianisches Trio das Ziel: Die 42-jährige Edna Kiplagat, die neuerlich eine beeindruckende Leistung ablieferte, sich die 42.195 Kilometer durch alle New Yorker Stadtbezirke sehr gut eingeteilt hat und wie schon im Frühjahr in Boston Vierte wurde, die Vorjahres-Zweite Viola Cheptoo und Debütantin Hellen Obiri, die in einer Zeit von 2:25:49 Stunden ihren Vorschusslorbeeren aus ihren Trainingsleistungen nicht gerecht werden konnte. Doch dieser New York City Marathon mit diesen klimatischen Verhältnissen war ein schwieriges Pflaster für ein Marathon-Debüt, auch wenn Lokedi tausend Gegenargumente eingebracht hat.

Tuliamuk beste Amerikanerin

Beste US-Amerikanerin war Aliphine Tuliamuk in ihrem ersten Marathon-Finish seit den Trials im Februar 2020 und dabei gelang ihr eine persönliche Bestleistung von 2:26:18 Stunden. Repräsentativ ist diese immer noch nicht, weil die 33-Jährige noch nie einen Marathon auf einer schnellen Strecke gelaufen ist. Aber beste Amerikanerin in New York zu werden, ist automatisch eine zu honorierende Leistung. Ebenfalls in die Top-Ten liefen ihre Landsfrauen Emma Bates, die WM-Teilnehmerin in Eugene war, und Nell Rojas, dazu die neuntplatzierte Australierin Jessica Stenson in ihrem ersten Marathon seit dem Goldmedaillengewinn bei den Commonwealth Games.

Stephanie Bruce erreichte das Ziel in ihrem letzten Marathon mit spitzensportlicher Ambition auf Platz 13, zwei Positionen vor Keira D’Amato, die nach guter Halbmarathon-Zwischenzeit in ihrem dritten Marathon binnen dreieinhalb Monaten einbrach. Eine tolle Leistung zeigte Österreichs Beste im Feld des New York City Marathon 2022, Carola Bendl-Tschiedel, die unter drei Stunden blieb und in die Top-50 lief.

Ergebnis TCS New York City Marathon der Frauen 2022

  1. Sharon Lokedi (KEN) 2:23:23 Stunden *
  2. Lonah Chemtai Salpeter (ISR) 2:23:30 Stunden
  3. Gotytom Gebreslase (ETH) 2:23:39 Stunden
  4. Edna Kiplagat (KEN) 2:24:16 Stunden
  5. Viola Cheptoo (KEN) 2:25:34 Stunden
  6. Hellen Obiri (KEN) 2:25:49 Stunden *
  7. Aliphine Tuliamuk (USA) 2:26:18 Stunden **
  8. Emma Bates (USA) 2:26:53 Stunden
  9. Jessica Stenson (AUS) 2:27:27 Stunden
  10. Nell Rojas (USA) 2:28:32 Stunden
  11. Lindsay Flanagan (USA) 2:29:28 Stunden
  12. Gerda Steyn (RSA) 2:30:22 Stunden
  13. Stephanie Bruce (USA) 2:30:34 Stunden
  14. Caroline Rotich (KEN) 2:30:59 Stunden
  15. Keira D’Amato (USA) 2:31:31 Stunden
  16. Desiree Linden (USA) 2:32:37 Stunden
  17. Mao Uesugi (JPN) 2:32:56 Stunden
  18. Eloise Wellings (AUS) 2:34:50 Stunden
  19. Sarah Pagano (USA) 2:35:03 Stunden
  20. Grace Kahura (KEN) 2:35:32 Stunden

    48. Carola Bendl-Tschiedel (AUT) 2:58:52 Stunden

* Marathon-Debüt
** neue persönliche Bestleistung

TCS New York City Marathon