Frankfurt Marathon: Ersehntes Comeback des Klassikers

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„Ein sehr langer Lauf nähert sich für uns dem Ziel“, blickt Renndirektor Jo Schindler auf die jüngere Vergangenheit zurück und drückt die Vorfreude auf den Neustart des Frankfurt Marathon aus. Zwei Jahre lang nur für den Papierkorb zu arbeiten, habe auf das Gemüt geschlagen. „Es ist großartig, wenn die vielen Vorbereitungen und Pläne jetzt Realität werden. Da schwingen viele Emotionen mit. Wir freuen uns sehr auf die Läuferinnen und Läufer, es wird ein ganz besonderer Tag für uns alle werden.“

RunAustria-TV-Tipp: Der Frankfurt Marathon 2022 wird am Sonntag von 9:55 bis 14 Uhr live im Hessischen Rundfunk (hr) übertragen. Einen englischsprachigen Livestream gibt es auf der Veranstaltungswebsite des Frankfurt Marathon.

Bei strahlendem Herbstwetter mit voraussichtlich wolkenlosem Himmel über der Mainmetropole, aber Temperaturen, die zur Mittagszeit über den der Jahreszeit angemessenen liegen werden, feiert der Frankfurt Marathon mit rund 20.000 angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, davon über 11.500 für die Marathon-Distanz, sein Comeback. Neben den Emotionen der Rückkehr der kollektiven Lauffreude sind auch die spitzensportlichen Ambitionen und die Erwartung spannender Wettkämpfe groß. Ob diese Elitefelder an die schnellsten Marathonläufe in Frankfurt anschließen können, gilt es abzuwarten. Bei den Männern starten acht Läufer mit Bestleistungen unter 2:10 Stunden, der große Name fehlt jedoch. Viel Raum für die beiden deutschen Topläufer, der amtierende deutsche Meister Hendrick Pfeiffer und dem im Marathon unerfahrenen Filimon Abraham, die Schlagzeilen auf ihre Seite zu ziehen. Dichter und leistungsstärker ist wohl das internationale Feld der Läuferinnen, das auch ohne Topstar an die besten Besetzungen der Veranstaltungsgeschichte erinnert.

Kiprop vor sieben Jahren beinahe Weltmeisterin

Dieses beinhaltet einen großen Namen, Helah Kiprop. Die Kenianerin gewann 2015 in Peking WM-Silber knapp hinter der Äthiopierin Mare Dibaba und war bereits vor 15 Jahren (!) Dritte beim Berlin Marathon. Den größten Erfolg feierte sie 2016 mit dem Sieg beim World Marathon Major in Tokio. Wie stark die 37-Jährige im Spätkapitel ihrer Karriere noch ist, ist mit einem leichten Fragezeichen zu versehen. Im Sommer 2021 feierte sie nach über drei Jahren ihr Comeback, im Mai gelang mit dem Sieg beim Kopenhagen Marathon ein Achtungszeichen.

Angeführt wird das Feld von ihrer Landsfrau Selly Kaptich. Auch sie blickt auf eine lange Karriere zurück, die mit einem U18-WM-Titel über 3.000m im Jahr 2001 Fahrt aufnahm. Im Marathon ist die ehemalige Langstreckenspezialistin auf der Bahn erst seit wenigen Jahren zur Hause, es gelangen aber sukzessive Fortschritte. Der dritte Platz beim Berlin Marathon 2019 in einer persönlichen Bestleistung war das bisherige Highlight, auch beim Tokio Marathon 2020 blieb sie unter 2:22 Stunden. Davor gelangen zwei Marathons in 2:23 Stunden. Der größte Erfolg im Straßenlauf war jedoch die WM-Bronzemedaille im Halbmarathon vor acht Jahren in Kopenhagen.

Wichtige Erfahrungen in Fernost

Geprägt wurde Kaptich von ihrer Zeit in Japan, wohin sie 2006 zog. „Kulturell war das ein Riesenunterschied, sowohl im Alltagsleben als auch im Training“, wird die Kenianerin in einer Presseaussendung des Frankfurt Marathon zitiert. „Aber ich habe viel gelernt und mich sowohl als Person als auch als Läuferin weiterentwickelt. Es hat mich gestärkt.“ Nach zehn Jahren in Fukuoka verließ sie den Fernosten wieder, in Frankfurt peilt sie nun eine neue persönliche Bestleistung an.

Die dritte Läuferin mit einer Bestleistung unter 2:22 Stunden ist die 25-jährige Äthiopierin Yeshi Chekole, die ihren schnellsten Marathon im Februar in Sevilla gelaufen ist (2:21:17). Weiters umfasst das Frankfurter Elitefeld sieben Läuferinnen mit Bestleistungen unter 2:27 Stunden. Christoph Kopp, Sportlicher Leiter, kündigte bei der heutigen Pressekonferenz in Frankfurt Ambitionen für einen Lauf unter 2:20 Stunden an. Es wäre der zweite in der Mainmetropole nach dem Fabel-Streckenrekord von Valary Aiyabei im Jahr 2019.

Auch heimische Eliteläuferinnen in Bestzeit-Laune

Die bekanntesten deutschen Läuferinnen im Feld sind Laura Hottenrott, die im Sommer die WM-Teilnahme in Eugene aufgrund einer COVID-19-Infektion verpasst hat, aber im Spätsommer mit starken Bergläufen überzeugte, darunter der Sieg beim Jungfrau Marathon, und Thea Heim. Nach einer gelungenen Generalprobe mit dem Titel bei den nationalen Meisterschaften im Halbmarathon soll nun in Frankfurt, gestärkt durch ein Höhentrainingslager in Italien, eine Verbesserung der persönlichen Bestleistung von 2:28:02 Stunden gelingen, wie Hottenrott der FAZ verriet. Nach einem schleppenden Start in die Vorbereitung absolvierte sie die letzten Trainingswochen mit einem guten Gefühl. Heim, die einem Vollzeitjob als IT-Spezialistin in einem Versicherungsunternehmen nachgeht, hat bereits neunmal am Frankfurter Staffelmarathon teilgenommen. Nun will sie erstmals – und das möglichst früh – alleine den Zieleinlauf in der Festhalle erreichen. Im Sommer wurde die 30-Jährige Sechste beim Wörthersee Halbmarathon.

Mit der aus der Ukraine stammenden und seit sechs Jahren in Rom lebenden Italienerin Sofiia Yaremchuk ist eine weitere starke Europäerin am Start. Die 28-Jährige, die seit Ende 2020 für ihre neue Heimat startberechtigt ist und bis zu den Olympischen Spielen in Paris Italien auch international vertreten darf, hat sich in den letzten Jahren sukzessive verbessert. Vor einem Jahr gewann sie in Venedig ihren bisher einzigen Marathon in 2:29:12 Stunden, im Frühling gelang ihr der erste Halbmarathon unter 1:10 Stunden (1:09:09 in Prag). Zuletzt lief sie in Pisa noch ein paar Sekunden schneller, World Athletics hat die Leistung aber bisher nicht offiziell anerkannt. Auch der Titel bei den nationalen 10km-Meisterschaften gab Selbstvertrauen, wie Yaremchuk gegenüber dem Italienischen Leichtathletik-Verband (FIDAL) verriet: „Ich bin viel besser vorbereitet als letzten Herbst bei meinem ersten Marathon und hätte nicht gedacht, bei den Wettkämpfen im Vorfeld so schnell zu laufen.“ Vorbereitet hat sich die 28-Jährige übrigens im mittelitalienischen Gebirge und in Kirgisistan. Yaremchuks Landsfrau Rebecca Lonedo, Halbmarathon-Bestzeit von 1:11:07 Stunden, gibt ihre Marathon-Premiere. Sie wird von Marathon-Olympiasieger Stefano Baldini (2004) trainiert.

Jungspunt gegen Routinier

Für das Eliterennen der Männer hat der Äthiopier Betesfa Getahun abgesagt, der die Meldeliste angeführt hätte. Nun sind Gebru Redahgne aus Äthiopien und Martin Kosgey aus Kenia die beiden Läufer mit Bestleistungen unter 2:07 Stunden. Redahgne ist ein junger Läufer, der erst auf vier internationale Wettkämpfe verweisen kann – darunter einen Halbmarathon und einen Marathon in Barcelona in 1:00:57 bzw. 2:05:58 Stunden, womit er Zweiter des Barcelona Marathon war. Der 33-jährige Kosgey ist im Gegenteil dazu ein alter Hase, der vor zehn Jahren den Salzburg Marathon für sich entscheiden konnte und mittlerweile bereits sieben Marathons schneller als 2:10 Stunden absolviert hat – drei der vier schnellsten im Übrigen auf Frankfurter Boden, wo er 2018 in 2:06:41 Stunden wie 2016 Zweiter wurde, 2019 kam er wie zwei Jahre zuvor auf Rang vier in die Messehalle eingelaufen. Die zweite sub-2:07-Zeit gelang dem Kenianer 2021 in Eindhoven.

Unter den Eliteläufern befindet sich auch der Kenianer Charles Ndiema, 2021 Sieger des Graz Marathon und im Frühjahr beachtlicher Vierter beim Vienna City Marathon in 2:08:12 Stunden.

Deutsches Duo mit hohen Ambitionen

Hendrick Pfeiffer wollte ursprünglich den New York City Marathon bestreiten, hat aber kurzfristig seine Pläne geändert und will die flache sowie bekannt schnelle Strecke in Frankfurt für eine neue Bestleistung nutzen – mit dem Wunsch einer ersten Zeit unter 2:10 Stunden. „Ich danke den Veranstaltern, dass sie es kurzfristig möglich gemacht haben, dass ich in Frankfurt starten kann“, sagte er. Der 29-Jährige, zuletzt beim Berlin und Köln Marathon als Tempomacher mit langem Atem im Einsatz, gab erst kürzlich seinen Vereinswechsel zum TK Hannover bekannt, womit er zukünftig auch das Gesicht des dortigen Marathons wird.

Filimon Abraham hat seinen zweiten Anlauf in den Marathon (nach missglücktem Debüt in Hamburg) bei einem siebenwöchigen Trainingslager in der Nähe von Addis Abeba – und das in der von Startrainer Tessema Abshero angeführten Trainingsgruppe – sorgfältig vorbereitet, im Halbmarathon hat er sich auf eine Zeit von 1:02:35 Stunden gesteigert (Neapel 2022). Seit den Europameisterschaften von München, wo er 19. im 10.000m-Lauf wurde, hat der 29-Jährige keinen Wettkampf mehr bestritten. In Frankfurt will er Anschluss in die von Europameister Richard Ringer und DLV-Rekordhalter Amanal Petros angeführte Marathonspitze Deutschlands erlangen. „Filimon und ich können gut zusammenarbeiten. Wir orientieren uns an der Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:05:00 Stunden. Wenn es richtig gut läuft, kommen wir vielleicht bei 2:09 oder 2:08 an“, kündigte Pfeiffer an. „Wenn sie sich an den Fahrplan halten, sind sie für Überraschungen gut“, glaubt Kopp.

Hoka neuer Partner

Zum Comeback nach der Pandemiepause hat der Frankfurt Marathon bereits im Jänner seinen neuen Sportartikelpartner präsentiert. Das junge, im französischen Annecy gegründete und nach Kalifornien umgesiedelte Unternehmen Hoka One One hat einen fünfjährigen Partnerschaftsvertrag mit dem Veranstalter unterschrieben. Jo Schindler bezeichnet Hoka als „starken Partner und Experten für Innovation und Qualität im Laufsportbereich.“ Besonders freue er sich über die tatkräftige Unterstützung der Bemühungen Richtung eines nachhaltigen Marathons. „Die Partnerschaft mit Hoka wird uns neuen Schwung für die kommenden Jahre geben“, so der langjährige Renndirektor.

Mainova Frankfurt Marathon