Spektakuläre Debüts beim Amsterdam Marathon

Die ehemaligen Bahn-Größen Genzebe Dibaba und Almaz Ayana bestreiten am Sonntag in Amsterdam ihren jeweils ersten Marathon. Auch das Männer-Rennen verspricht Spannung im Kampf um den Sieg.

© TCS Amsterdam Marathon / Vincent van den Boogerd

Ein Traum gehe für sie mit dem kommenden Sonntag in Erfüllung, sagte Genzebe Dibaba bei einem offiziellen Pressetermin des Amsterdam Marathon am gestrigen Donnerstag in der holländischen Hauptstadt. Der Schritt in den Marathon ist der nächste logische für die 31-jährige Äthiopierin, die einst auf den Mittelstrecken dominierte und deren Karriere nach eine Doping-Razzia im Teamcamp ihres damaligen Trainers Jama Aden im Frühsommer 2016 ins Stocken geraten ist, auch wenn die etwaige Anschludigungen gegen die Äthiopierin nie bewiesen werden konnten.

RunAustria-TV-Tipp: Der TCS Amsterdam wird am Sonntag mit Übertragungsbeginn um 8:50 Uhr live auf Eurosport übertragen.

Die jüngere Schwester von Lauflegende Tirunesh Dibaba, jahrelang die beste Läuferin unter dem Hallendach, 2015 Weltmeisterin im 1.500m-Lauf und kurz zuvor in Monaco Weltrekordläuferin über diese Distanz (3:50,07), lief nach der besagten Razzia zwar noch zu Olympia-Silber und legte auch starke Wintersaisonen hin, aber in den Freiluft-Saisonen konnte sie kaum an Erfolge früherer Tage anschließen – weder über 1.500m noch über 5.000m. Es war wohl auch die Pandemie, die das Öffnen eines neuen Kapitels beschleunigte. Auf Anhieb konnte Dibaba ihre Klasse auch auf der Straße zeigen, sie gewann 2020 den Halbmarathon in Valencia in einer Zeit von 1:05:18 Stunden. Ihr zweiter Halbmarathon misslang allerdings, im Februar musste sie beim RAK Halbmarathon aufgeben – genauso wie ihr einziges Bahnrennen dieser Saison in Montreuil. Danach begann die Vorbereitung auf Amsterdam. „Ich ziele auf eine sehr gute Zeit und eine gute Platzierung ab“, sagt sie.

Neues Kapitel nach Babypause

Auch Almaz Ayana geht mit viel Selbstvertrauen in ihren ersten Marathon. Die Olympiasiegerin und Weltmeisterin im 10.000m-Lauf – wobei sowohl die Art und Weise in Rio als auch in London in einer seltenen Dominanz verblüffte – hat ebenfalls ein neues Kapitel in ihrer Karriere eröffnet, allerdings aus anderen Motiven. Nach längeren Verletzungsproblemen wurde die 31-Jährige im November 2020 Mutter eines Sohnes. Mit dem Halbmarathon in Madrid kehrte sie im April auf die Wettkampfbühne zurück und absolvierte im Sommer auch zwei Bahnrennen, der jüngste Auftritt war jener beim Great North Run als Dritte in 1:07:10 Stunden. Keine der bisherigen Saisonleistungen war eine Wunderleistung, doch Ayana zeigte sich zuversichtlich, am Sonntag einen guten Marathon zu bestreiten.

Die dritte spektakuläre Debütantin ist die Äthiopierin Tsegay Gemechu, die eine bessere Halbmarathon-Bestleistung als ihre berühmten Landsfrauen in den Ring wirft. Die 23-Jährige gehört trotz ihres verhältnismäßig geringen Alters seit Jahren zur Weltelite im Halbmarathon, erst Ende August verbesserte sie in Nordirland ihre persönliche Bestleistung auf eine Zeit von 1:05:01 Stunden, fünfmal ist sie bereits einen Halbmarathon in 1:06:06 Stunden oder schneller gelaufen.

Gebru bereits zweimal Dritte

Auch der Großteil der arrivierten Marathonläuferinnen im Feld stammt aus Äthiopien. Azmera Gebru geht mit einer Bestleistung von 2:20:48 Stunden ins Rennen, welche sie als Dritte des Amsterdam Marathon 2019 erzielte. Auch 2018 lief sie im Olympiastadion des Leichtathletik-EM-Austragungsorts von 2016 als Dritte über die Ziellinie. Die Vorjahres-Vierte Gebeyanesh Ayele und Sintayehu Tilahun, die kenianische Last-Minute-Verpflichtung Celestine Chepchirchir sowie Ex-Weltmeisterin Rose Chelimo aus dem Bahrain komplettieren das Elitefeld bei den Frauen.

Mögliches Duell Kotut gegen Berhanu

Im Marathon der Männer könnte sich ein Duell zwischen dem Äthiopier Lemi Berhanu, Sieger des Boston Marathon 2016 und Zweiter bei den Marathons in Dubai (2016) und Toronto (2019), und Cybrian Kotut, der im Frühling den Hamburg Marathon für sich entscheiden konnte, abzeichnen. „Meine Vorbereitung war perfekt, mein Körper fühlt sich richtig gut an“, strotzte der 30-jährige Kenianer bei der Pressekonferenz in Amsterdam vor Selbstvertrauen. Kotut ist der jüngere Bruder des ehemaligen Weltklasseläufers Martin Lel und trainiert in einer Trainingsgruppe mit London-Sieger Amos Kipruto sowie Chicago-Sieger Benson Kipruto. Da für Sonntag zwar trockenes Wetter und angenehme Lauftemperaturen angesagt sind, aber auch ein recht starker Wind, ist der Optimismus, dass ganz schnelle Zeiten gelaufen werden, beim Veranstalter leicht gedämpft, besonders hinblicklich der starken, im letzten Jahr aufgestellten Streckenrekorde.

Diese beiden Athleten sind die einzigen mit einer Bestleistung unter 2:05 Stunden im Feld, das nicht das allerstärkste in der Geschichte des Amsterdam Marathon ist. Im Kampf um den Sieg könnte daher auch eine größere Gruppe mit Bestleistungen im niedrigen 2:05er-Bereich eingreifen. Zu dieser Gruppe gehören Titus Kipruto, Sieger des diesjährigen Mailand Marathon, Tsegaye Getachew, Sieger des Riad Marathon 2022, Abdeladlew Mamo, Zweiter beim Sevilla Marathon 2022, Norbert Kigen, der in Amsterdam vor fünf Jahren schon einmal Zweiter war und heuer den Prag Marathon gewonnen hat, sowie der eritreische Vorjahres-Siebte Afewerki Berhane. Der beste Nicht-Afrikaner im Feld ist der Neuseeländer Jake Robertson.

Duelle um den holländischen Meistertitel

Im Rahmen des Amsterdam Marathon werden die diesjährigen holländischen Meisterschaften ausgetragen. Bei den Männern kommt es zum Duell zwischen Khalid Choukoud, der das Rennen mit Risiko angehen möchte, und dem ehemaligen Mittelstreckenläufer Richard Douma, der in seinen zweiten Marathon nach jenem in Rotterdam (Elfter) geht und auf gute Longruns ind er Vorbereitung vertraut. Weniger prominent gestaltet sich der Titelkampf bei den Frauen mit Jacelyn Gruppen und Eva van Zoonen.

45.000 Laufbegeisterte am Sonntag

Das Marathon-Feld in Amsterdam ist mit 18.000 Anmeldungen bereits seit zwei Monaten ausverkauft. Das Ziel, einen neuen Teilnehmerrekord für die Hauptdisziplin zu schaffen, wurde damit frühzeitig erreicht, der Veranstalter zeigte sich bereits vor Monaten überrascht von der zahlenstarken Teilnahme aus dem Ausland im Marathon und Halbmarathon. Mittlerweile sind auch der Halbmarathon und der 8km-Lauf ausgebucht, womit alleine diese drei Bewerbe 45.000 Anmeldungen verbucht haben.

Die Live-Übertragung des 46. Amsterdam Marathon, der ankündigte, bis 2030 eine CO2-neutrale Veranstaltung durchführen zu wollen, wird mit einer neuen Live-Timing-Technologie optimiert. „Eine neue Dimension der Live-Übertragung, ein großer Schritt nach vorne“, schwärmt Renndirektor René Wit. Das dahinterstehende System RunPuck wurde von Global Sports Communication, der berühmten Agentur im Profilaufsport von Jos Hermens, mit dem Ziel einer besseren Verbindung zwischen dem Rennen und seinem Publikum entwickelt.

TCS Amsterdam Marathon