2:14:18 – Ruth Chepngetich erschreckt den Weltrekord

Lange Zeit schien Ruth Chepngetich beim Chicago Marathon 2022 auf einem guten Weg, den drei Jahre alten Weltrekord ihrer Landsfrau Brigid Kosgei zu unterbieten. Am Schluss fehlten gerade einmal 14 Sekunden. Dafür verbesserte die zweitplatzierte Emily Sisson den US-Rekord.

© Unsplash / Max Bender

Als Brigid Kosgei mit einem nigelnagelneuen Schuh aus dem Hause Nike, mit dem ein gewisser Eliud Kipchoge am Tag zuvor in Wien eine Marathon-Distanz unter zwei Stunden zurückgelegt hatte, den 16 Jahre alten Weltrekord von Paula Radcliffe nicht nur einfach nur verbesserte, sondern gleich um 1:21 Stunden steigerte, wurde eine neue Ära im Marathonlauf der Frauen gestartet. Es war der 13. Oktober 2019. Drei Jahre später gehört es zum guten Ton in der Marathon-Spitze, mindestens eine Zeit von 2:17 Stunden anzubieten. Erstmals wackelte die neue Bestleistung nun und sie wackelte gewaltig. Erst in der finalen Phase des Chicago Marathon 2022 entglitt Ruth Chepngetich der Weltrekord knapp – um 14 Sekunden. Die Zeit von 2:14:18 Stunden bedeutete dennoch eine massive Steigerung ihrer Bestleistung um fast drei Minuten und die mit Abstand nach hinten zweitschnellste Marathonzeit der Geschichte.

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Kipruto-Festwochen gehen in Chicago weiter

Der Weltrekord damals war auch ein Prestigeprojekt des Chicago Marathon, sich in Konkurrenz mit dem Berlin Marathon, dem London Marathon und dem Dubai Marathon die schnellste Marathonzeit der Frauen zu sichern – das was dem Berlin Marathon seit vielen, vielen Jahren bei den Männern gelingt. Nun hat der Klassiker im Mittleren Westen die beiden einzigen Zeiten unter 2:15 Stunden auf der Habenseite.

Ruth Chepngetichs Halbmarathon-Splits: 1:05:44 / 1:08:23 Stunden
Ruth Chepngetichs 5km-Teilzeiten: 15:11 / 15:29 / 15:39 / 15:51 / 15:53 / 15:58 / 16:24 / 16:37 / 7:16 (2,195 km) Minuten

Rekord-Angangstempo

Es war ein unfassbarer Lauf, jener von Ruth Chepngetich bei guten, aber keinesfalls perfekten Marathon-Bedingungen in Chicago. Nie zuvor ist eine Läuferin einen Marathon so aggressiv angegangen, wie die von ihrem privaten Tempomacher geleitete Kenianerin, die den WM-Marathon von Oregon noch aufgegeben hat. Mit einem Durchschnittstempo von 3:02 Minuten pro Kilometer absolvierte sie die ersten fünf Kilometer, die Zwischenzeit bei Kilometer zehn lautete absurde 30:40 Minuten. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Kenianerin bereits zwei Minuten Vorsprung auf die Zweitplatzierte und lief Seite an Seite mit dem australischen Marathon-Debütanten Patrick Tiernan. Nach 1:05:44 Stunden war die erste Marathon-Hälfte vorbei. Zum Vergleich: der österreichische Halbmarathon-Rekord liegt bei einer Zeit von 1:11:13 Stunden. Noch ein Vergleich: Erst zwei Europäerinnen haben jemals schneller einen Halbmarathon absolviert (nämlich Sifan Hassan und Melat Kejeta), während Chepngetich nach dieser ersten Rennhälfte einen zweiten Halbmarathon anhängte.

Alle Marathonleistungen unter 2:17:30 Stunden

  • 2:14:04 Stunden – Brigid Kosgei (Chicago Marathon 2019) – Weltrekord
  • 2:14:18 Stunden – Ruth Chepngetich (Chicago Marathon 2022)
  • 2:15:25 Stunden – Paula Radcliffe (London Marathon 2003) – Europarekord
  • 2:15:37 Stunden – Tigist Assefa (Berlin Marathon 2022) – äthiopischer Rekord
  • 2:16:02 Stunden – Brigid Kosgei (Tokio Marathon 2022)
  • 2:17:01 Stunden – Mary Keitany (London Marathon 2017)
  • 2:17:08 Stunden – Ruth Chepngetich (Dubai Marathon 2019)
  • 2:17:16 Stunden – Peres Jepchirchir (Valencia Marathon 2020)
  • 2:17:18 Stunden – Paula Radcliffe (Chicago Marathon 2002)
  • 2:17:18 Stunden – Ruth Chepngetich (Nagoya Marathon 2022)
  • 2:17:23 Stunden – Yalemzerf Yehualaw (Hamburg Marathon 2022)
  • 2:17:26 Stunden – Yalemzerf Yehualaw (London Marathon 2022)

Irre Zwischenzeiten

Es war nur halbwegs menschlich, dass die furiose Vorjahressiegerin auf der zweiten Rennhälfte etwas an Tempo einbüßte. Über 25 Kilometer mussten vergehen, ehe sie erstmals konstant überhalb des Weltrekord-Durchschnittstempos von Kosgei blieb. Mit der Zwischenzeit von 1:34:01 Stunden lag Chepngetich, wie Kosgei von der Agentur Rosa Associati betreut, im virtuellen Vergleich mit der Weltrekordleistung von 2019 1:17 Minuten voran und damit sogar um zwei Sekunden mehr als bei der Halbmarathon-Durchgangszeit. Erst langsam näherten sich die beiden Zeiten an. 49 Sekunden Vorsprung bei Kilometer 35 zeigten immer noch intakte Chancen auf einen Weltrekord für die in hoher Frequenz laufende Kenianerin, erst die Zwischenzeit bei Kilometer 40 verriet, dass es wohl nicht reichen würde. Denn Chepgnetich hatte ihre ersten beiden 5km-Splits über 16 Minuten absolviert und zwar deutlich, womit der Vorsprung auf neun Sekunden zusammengeschmolzen war. Sie konnte ihn nicht mehr halten, völlig erschöpft erreichte die 28-Jährige das Ziel und musste nach minutenlanger Erholung auf dem Boden von zwei Helfern gestützt aus dem Zielraum begleitet werden. In diesem Körper war keine Energie mehr drin.

Chepngetich, die im Frühjahr den Nagoya Marathon in 2:17:18 Stunden gewonnen hat und dabei zur Marathonläuferin mit dem höchsten Preisgeld bei einem Event wurde, ist nun die erste afrikanische Läuferin, die dreimal einen Marathon unter 2:18 Stunden absolviert hat. In Chicago kassierte sie „nur“ 75.000 US-Dollar. Die Siegerleistung in Chicago ist die bereits dritte sub-2:17 Stunden im Laufe dieser World Marathon Major Saison, vor 2022 waren es ingesamt nur zwei. Und das Marathon-Debüt der überragenden Halbmarathon-Weltrekordhalterin Letesenbet Gidey (Valencia) steht noch bevor.

Sisson bricht US-Rekord

Am Ende lagen über vier Minuten zwischen der ersten und zweiten großen Geschichte des Tages und selbst wenn Chepngetich nach ihrem übertriebenen ersten Halbmarathon für diese Dimensionen etwas einbrach, war ihre zweite Marathon-Hälfte immer noch die zweitschnellste Marathon-Hälfte des Rennens – hinter ihrer eigenen. Doch auch die zweite große Geschichte des Tages war emotional. Dank eines hervorragend eingeteilten Rennens, perfekter Pacemaker-Unterstützung, idealer Mitstreiterinnen und einer eindrucksvollen zweiten Marathon-Hälfte verbesserte Emily Sisson in einer Endzeit von 2:18:29 Stunden den im Jänner beim Houston Marathon aufgestellten US-Rekord von Keira D’Amato, gleichbedeutend mit dem nordamerikanischen Kontinentalrekord, um 43 Sekunden.

Emily Sissons Halbmarathon-Splits: 1:09:26 / 1:09:02 Stunden
Emily Sissons 5km-Teilzeiten: 16:23 / 16:31 / 16:23 / 16:32 / 16:20 / 16:28 / 16:33 / 16:19 / 7:00 (2,195 km) Minuten

Weit hinter der alles dominierenden Chepngetich bildete sich eine leistungsstarke Verfolgergruppe rund um die Äthiopierinnen Ruti Aga und Haven Hailu, die Kenianerin Vivian Kiplagat und eben Sisson. Die Durchgangszeit beim Halbmarathon lautete 1:09:26 Stunden, fast vier Minuten hinter der entfesselten Kenianerin. Kurz vor der Zwischenzeit bei Kilometer 30 stieg Hailu aus, Mekasha und Meringor waren zurückgefallen, so dass noch drei Läuferinnen gleich auf lagen. Wenig später fiel Aga etwas zurück, kurz vor der Zwischenzeit bei Kilometer 35 löste sich Sisson von Kiplagat. Dies und die laute Unterstützung vom Streckenrand gaben Auftrieb, die 30-Jährige absolvierte nun die schnellste Phase ihres Rennens und war auf den letzten sieben Kilometern um 34 Sekunden schneller als die Siegerin. Insbesondere die Teilzeit von exakt sieben Minuten von Kilometer 40 bis ins Ziel beeindruckte sehr!

Der US-Rekord von Sisson war keine Sensation per se, sie gilt seit Jahren als eine der talentiertesten und fähigsten Langstreckenläuferinnen der USA mit tollen Leistungen im 10.000m-Lauf, im Halbmarathon und auf kürzeren Straßenlauf-Distanzen. Im Marathon ist die schnellste Marathon-Debütantin der US-Geschichte (London 2019) aber noch keine erfahrene Athletin, es war erst ihr drittes Antreten. Das bisher letzte war das enttäuschende Aus bei den US-Trials im Februar 2020. Den Olympischen Marathon-Traum will Sisson nun 2024 nachholen.

Die schnellsten US-amerikanischen Marathonläuferinnen

  • 2:18:29 Stunden – Emily Sisson (Chicago Marathon 2022) – US-Rekord
  • 2:19:12 Stunden – Keira D’Amato (Houston Marathon 2022) – ehemaliger US-Rekord
  • 2:19:36 Stunden – Deena Kastor (London Marathon 2006) – ehemaliger US-Rekord
  • 2:20:32 Stunden – Sara Hall (Marathon Project 2020)
  • 2:20:57 Stunden – Jordan Hasay (Chicago Marathon 2017)
  • 2:21:14 Stunden – Shalane Flanagan (Berlin Marathon 2014)
  • 2:21:21 Stunden – Joan Benoit-Samuelson (Chicago Marathon 1985) – ehemaliger US-Rekord
  • 2:21:42 Stunden – Amy Cragg (Tokio Marathon 2018)

Eine zweite US-Amerikanerin überzeugte in Chicago: Susanna Sullivan steigerte sich auf eine Zeit von 2:25:14 Stunden auf Platz sechs. Zwischen den beiden US-Amerikanerinnen platzierten sich Kiplagat (2:20:52), Aga (2:21:41) und Mekasha (2:23:41). Auch Sara Vaughn und Maggie Montoya schafften es mit neuen Bestleistungen deutlich unter 2:30 Stunden. Mit der Britin Sarah Inglis lief eine Europäerin unter die besten Zehn.

18.443 der 39.341 Marathon-Finisher beim diesjährigen Chicago Marathon waren weiblich, das entspricht einem Anteil von beachtlichen 46,88%. Das Niveau an der Spitze war ebenfalls beachtlich, 48 Läuferinnen finishten unter 2:45 Stunden, 176 unter drei Stunden.

Ergebnis Bank of America Chicago Marathon 2022 der Frauen

  1. Ruth Chepngetich (KEN) 2:14:18 Stunden *
  2. Emily Sisson (USA) 2:18:29 Stunden **
  3. Vivian Kiplagat (KEN) 2:20:52 Stunden
  4. Ruti Aga (ETH) 2:21:41 Stunden
  5. Waganesh Mekasha (ETH) 2:23:41 Stunden
  6. Susanna Sullivan (USA) 2:25:14 Stunden *
  7. Sara Vaughn (USA) 2:26:23 Stunden *
  8. Maggie Montoya (USA) 2:28:07 Stunden *
  9. Sarah Inglis (GBR) 2:29:37 Stunden
  10. Makena Morley (USA) 2:30:28 Stunden ***
  11. Laura Thweatt (USA) 2:31:24 Stunden
  12. Emeline Delanis (FRA) 2:32:36 Stunden ***
  13. Tori Parkinson (USA) 2:33:20 Stunden *
  14. Jessie Cardin (USA) 2:33:34 Stunden ***
  15. Marie-Ange Brumelot (FRA) 2:33:49 Stunden *
  16. Carrie Verdon (USA) 2:33:50 Stunden
  17. Brittney Felvor (USA) 2:33:59 Stunden
  18. Nina Zarina (RUS) 2:34:19 Stunden
  19. Olivia Pratt (USA) 2:34:22 Stunden *
  20. Liza Howard (CAN) 2:35:29 Stunden *

* neue persönliche Bestleistung
** neuer nordamerikanischer Kontinentalrekord
*** Marathon-Debüt

Bank of America Chicago Marathon

Abbott World Marathon Majors