Mantz und Sisson – große US-Geschichten beim Chicago Marathon?

Mit Conner Mantz und Emily Sisson hofft der Veranstalter des Chicago Marathon auf Spitzenergebnisse für den US-Laufsport. Doch auch die internationale Besetzung mit einem offenen, weil ausgeglichenen Männerfeld und starke Konkurrenz für Vorjahressiegerin Ruth Chepngetich lassen spannende Wettkämpfe erwarten.

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Conner Mantz wählte vor seinem Marathon-Debüt erst gar nicht die Strategie der Zurückhaltung an und kündigte das schnellste Marathon-Debüt eines US-Amerikaners von Leonard Korir (2:07:56) als Zielsetzung an. Der 25-Jährige mag in Europa noch nicht der gängigste Name aus der US-Laufszene sein, doch dass er Talent für den Straßenlauf mitbringt, hat er in den letzten beiden Jahren nachgewiesen. 2021 gewann er den Titel bei den US-Meisterschaften im Halbmarathon, vor fünf Wochen siegte er bei den US-Meisterschaften im 20km-Straßenlauf in 59:08 Minuten. Im Podcast mit der Plattform Citius Mag kündigte er eine Angangszeit von 1:03:30 Stunden für den ersten Halbmarathon an, ein durchaus ambitioniertes Unterfangen.

Hat Sisson den US-Rekord im Visier?

Der Bank of America Chicago Marathon mag der unter dem spitzensportlichen Aspekt „am schlechtesten“ besetzte World Marathon Major des diesjährigen Herbsts sein – das ist im Übrigen keine neue Erkenntnis, doch er baut auf spannende Geschichten auf. Denn nicht nur der Joker Connor Mantz ist ein heißes Eisen im Feuer, US-Medien spekulieren auch, ob der US-amerikanische Rekord von Keira D’Amato (2:19:12) unter Gefahr gerät. Ihn soll Emily Sisson unterbieten und deren Coach gab gegenüber der US-amerikanischen Laufplattform „Let’s Run“ die Devise vor: eine Halbmarathon-Zwischenzeit von 1:09:30 Stunden. Und sprach von der fittesten Emily Sisson aller Zeiten.

Die 30-Jährige galt vor einigen Jahren als die US-Zukunftshoffnung im Halbmarathon, angetrieben von starken Leistungen im Halbmarathon. 2019 gab sie beim London Marathon ihr Debüt und finishte in einer Zeit von 2:23:08 Stunden, bevor die US-Trials im Marathon für die Olympischen Spiele eine massive Enttäuschung brachten und eine magere Zeitspanne ihrer Karriere eröffneten. Sisson orientierte sich zurück auf der Bahn und schaffte dort die Olympia-Qualifikation, in Tokio wurde sie Zehnte über 10.000m. Nach diesem Schwenker erfolgte heuer die Rückkehr auf die Straße und bei den US-Halbmarathonmeisterschaften in Indianapolis blieb sie in 1:07:11 Stunden unter dem US-amerikanischen Halbmarathonrekord, der Rekord wurde allerdings nicht offiziell anerkannt. Als Sprungbrett für eine Leistungssteigerung in ihrem zweiten Marathon könnten diese Vorzeichen aber gut sein. Anfang September war Sisson bei den US-Meisterschaften im 20km-Straßenlauf Zweite hinter D’Amato.

Stärkere Konkurrenz für Chepngetich als im Vorjahr

Das internationale Feld wird angeführt von Vorjahressiegerin Ruth Chepngetich, die klare Favoritin. Bei den Weltmeisterschaften in Eugene ist die Kenianerin frühzeitig ausgestiegen, seither hat sie keinen Wettkampf bestritten. Die Konkurrenz ist in diesem Jahr allerdings stärker als im Vorjahr, als Chepngetich bei windigen Bedingungen zu schnell anlief und auf der zweiten Hälfte massiv reduzieren musste. Dieses Mal sind auch die Wetterprognosen besser, die erwarteten Temperaturen liegen beim Start am frühen Morgen im hohen einstelligen Bereich, der Wind ist mittelstark.

Die Herausforderinnen werden angeführt von Last-Minute-Verpflichtung Ruti Aga, die 2019 in Tokio schon einen World Marathon Major gewonnen hat und bei ihrem zweiten Platz in Berlin 2018 eine Bestleistung von 2:18:34 Stunden verbuchen konnte. Ihren letzten Marathon finishte sie vor fast zwei Jahren in Valencia auf Platz sieben. Bestleistungen knapp über 2:20 Stunden haben die Kenianerinnen Celestine Chepchirchir, Siegerin des La Rochelle Marathon 2021 und Vierte beim schnellen Seoul Marathon 2022, und Vivian Kiplagat, Vorjahres-Fünfte und Siegerin des Mailand Marathon 2022, sowie die Äthiopierin Haven Hailu, Siegerin des Rotterdam Marathon 2022 und Zweite beim Amsterdam Marathon 2021. Schnelle US-amerikanische Läuferinnen sind neben Sisson Laura Thweatt, Sarah Sellers und Sara Vaughn, die im vergangenen Winter den Marathon in Sacramento gewonnen hat. Die besten Europäerinnen im Feld sind die für Rumänien laufende Delvine Meringor, die den Los Angeles Marathon 2022 gewonnen hat, und die Britin Sarah Inglis.

Offenes Rennen bei den Männern

Auch bei den Männern lässt sich das Elitefeld mit 20 Läufern auf der Liste mit Bestleistungen unter 2:10 Stunden, darunter sieben mit Bestwerten unter 2:05 Stunden, durchaus sehen. Schnellster laut Vorleistungen ist Herpasa Negasa aus Äthiopien, der 2019 in Dubai eine Zeit von 2:03:40 Stunden gelaufen ist. Im Frühjahr belegte er Position zwei beim Seoul Marathon, wo er unter 2:05 Stunden blieb. Sein stärkster Kontrahent ist Vorjahressieger Seifu Tura, der im Frühjahr beim Paris Marathon Zweiter wurde und bei den Weltmeisterschaften von Eugene mit Platz sechs ein ordentliches Ergebnis erzielte. Ob er drei Monate später schon wieder in Topform ist, wird der Chicago Marathon zeigen.

Die Riege der starken Äthiopier komplettieren Dawit Wolde, Sieger des Prag Marathon 2019 und Dritter in Rotterdam 2021, und Asrar Abderehman. Um den Sieg mitlaufen wollen auch Stephen Kissa aus Uganda, der in Hamburg in bärenstarken 2:04:48 Stunden im Marathon debütierte, sowie die beiden Kenianer Benson Kipruto, 2021 überraschend Sieger des Boston Marathon und heuer dort Dritter, und Eric Kiptanui, Sieger des Marathons in Siena 2021 und Vorjahr. Kipruto ist übrigens der Bruder des ehemaligen Chicago-Siegers Dickson Chumba und trainiert in Kenia in einer Trainingsgruppe mit London-Sieger Amos Kipruto, wie Let’s Run.com hervorhebt.

Das ohnehin starke Feld wurde vor zwei Wochen mit fünf starken Namen ergänzt: Bernard Koech, Zweiter beim Amsterdam Marathon 2021 in 2:04:09 Stunden, Elisha Rotich, Sieger des Paris Marathon 2021 in 2:04:21 Stunden, Shifera Tamru, Sieger des Daegu Marathon 2022, Jemal Yimer, äthiopischer Rekordhalter im Halbmarathon, der noch nie auf einer flachen Marathonstrecke gelaufen ist, und Amanuel Mesel aus Eritrea. Zu den ostafrikanischen Läufern gesellt sich eine Gruppe japanischer Läufer um deren vermeintlich stärksten, Kyohei Hosoya, sowie der Chinese Dong Guo Jian. Neben Mantz wird auch der Australier Patrick Tiernan auf der Marathon-Distanz debütieren.

Als zweiter World Marathon Major nach dem New York City Marathon hat der Chicago Marathon bei der Anmeldung „non binary“ als Geschlechtsoption angeboten. Von den gut 40.000 Anmeldungen wählten 70 diese Kategorie.

Bank of America Chicago Marathon

Abbott World Marathon Majors