Yalemzerf Yehualaw gewinnt auch zweiten Marathon

Die zweitschnellste Halbmarathonläuferin der Geschichte, Yalemzerf Yehualaw hat nach ihrem siegreichen und beeindruckenden Marathon-Debüt in Hamburg auch ihren zweiten Marathon gewonnen und damit den ersten Major. Selbst ein Sturz konnte die 23-Jährige nicht aufhalten.

Yalemzerf Yehualaw bei einem Medientermin vor dem Hamburg Marathon, wo sie das schnellste Marathon-Debüt aller Zeiten schaffte. © Haspa Hamburg Marahton / Hochzwei

Der Moment der Schrecksekunde ereignete sich rund zehn Kilometer vor dem Ziel, als Yalemzerf Yehualaw aufgrund einer Unebenheit auf dem Boden unsanft auf genau diesem landete. Doch die Äthiopierin raffte sich schnell auf und erreichte bereits nach gut einer Minute die Spitzengruppe wieder. Als hätte sie dieser Sturz wachgerüttelt, bereitete sie dort eine frenetische Attacke vor, die sie etwa fünf Kilometer vor dem Ziel lancierte. Ein Meilensplit von 4:43 Minuten (vermutlich inkorrekt wegen ungenau platzierter Meilentafeln, upgedatet von der Redaktion am Mittwoch, 5.10.), versetzte nicht nur die Laufwelt, sondern auch die Konkurrenz in Staunen. Denn die war geschlagen, Yehualaw stürmte ins Ziel und verpasste in einer Endzeit von 2:17:26 Stunden ihre persönliche Bestleistung vom schnellsten Marathon-Debüt der Geschichte lediglich um drei Sekunden. Es ist die drittschnellste je in London erzielte Zeit bei den Frauen hinter Paula Radcliffes ehemaligem Weltrekord von 2:15:25 Stunden sowie dem noch gültigen Weltrekord für reine Frauenrennen von Mary Keitany (2:17:01). Zweitere Marke hätte laut Wünschen des Veranstalters fallen sollen, dieses Ziel erreichte das hochkarätig besetzte Elitefeld der Frauen nicht. Dafür stehen vier Leistungen unter 2:19 und sechs Leistungen unter 2:20 Stunden zu Buche. Letzteres gab es erst einmal, 2020 in Valencia.

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Größter Sieg für Amos Kipruto

Ausnahmetalent aus dem äthiopischen Hochland

„Ich habe mich einfach auf mich konzentriert und bin so schnell gelaufen wie ich konnte“, kommentierte die Siegerin, die neuerlich den Eindruck verstärkte, dass sie eine der Läuferin sein könnte, die die Marathonszene in Zukunft mitbestimmen. Sie ist nämlich eine Ausnahmeerscheinung, denn nie zuvor war eine Läuferin in so jungen Jahren im Halbmarathon und im Marathon so schnell, nur auf der Bahn wollten durch die frühe Spezialisierung keine Topleistungen gelingen. Yehualaw, nun auch die jüngste Siegerin in der Geschichte des London Marathon, läuft für das NN Running Team, Jos Hermens ist hier Manager und sie lebt und trainiert in der Nähe von Addis Abeba in einer Höhenlage von bis zu 2.800 Metern unter der Leitung von Erfolgscoach Tessema Abshero, die sie für ein Ausnahmetalent hält.

Das Antreten der Weltrekordhalterin im 10km-Lauf in London war eigentlich gar nicht geplant. Denn Yehualaw wollte unbedingt Weltmeisterin im Halbmarathon werden, erst nach der Absage der für November geplanten Titelkämpfe in China blickte sich Hermens nach Alternativen um. Das bedeutet auch, dass die Marathon-Vorbereitung der Äthiopierin keinesfalls perfekt gewesen sein kann, dafür war sie zu kurzfristig.

Yalemzerf Yehualaws Halbmarathon-Splits: 1:08:46 / 1:08:40 Stunden
Yalemzerf Yehualaws 5km-Teilzeiten: 16:01 / 16:17 16:33 / 16:34 / 16:04 / 16:24 / 16:37 / 15:51 / 7:05 (2,195 km) Minuten

Vorjahressiegerin auf Platz zwei

Nach einer schnellen Anfangsphase erreichte die achtköpfige Spitzengruppe die Halbmarathon-Zwischenzeit in einer Zeit von 1:08:46 Stunden. Da das Eliterennen der Frauen 40 Minuten vor jenem der Männer und jenem der Hobbyläufer gestartet wurden, hatten vor allen Dingen die beiden kleinen Verfolgergruppen einen nicht leichten Stand, erfahrene Tempomacherinnen sorgten für Abhilfe. Bei Kilometer 30 lagen noch sieben Athletinnen vorne, Hiwot Gebrekidan war zurückgefallen. Das Tempo in dieser Rennphase war hoch, aber es war nicht absurd hoch. Ashete Bekere, Zweite beim Tokio Marathon im Frühling, und Sutume Kebede verloren den Anschluss, als Yehualaw, lange Zeit oft am Schluss der Gruppe laufend, das Rennen in ein enorm schnelles veränderte.

Sie zog davon und erarbeitete sich einen stabilen Vorsprung auf Joyciline Jepkosgei, die vergeblich versuchte mit ihrer Tempoverschärfung zurück an die Spitze zu kommen. Der Abstand wurde dagegen immer größer, die Vorjahressiegerin finishte in einer Zeit von 2:18:07 Stunden auf dem zweiten Platz und musste sich letztendlich klar geschlagen geben.. 25 Sekunden hinter ihr freute sich die Äthiopierin Alemu Megertu über eine deutliche Verbesserung der persönlichen Bestleistung auf eine Zeit von 2:18:32 Stunden. Sie rang im Kampf um Platz drei im Finale WM-Silbermedaillengewinnerin Judith Korir nieder, die ein überraschend starkes Rennen zeigte, nachdem ihre Vorbereitung nicht zielgerichtet war – sie war ursprünglich als Tempomacherin vorgesehen.

Harvey läuft 2:27 wie in Sevilla

Beste Europäerin war die für Rumänien startende Joan Melly, im Frühjahr sensationell den Seoul Marathon in einer niedrigen 2:18er Zeit gewinnen konnte und in London in ihrer zweitbesten Marathonzeit von 2:19:27 Stunden Fünfte wurde. Über kräftige persönliche Bestleistungen freuten sich in der ersten Verfolgergruppe die Kenianerin Mary Ngugi sowie die Japanerin Ai Hosoda, die sich mit einer Zeit von 2:21:42 Stunden auf Rang acht der ewigen japanischen Bestenliste schob (die Ergebnisse des London Marathon sind noch nicht in den WA-Bestenlisten, Anm.). Damit antwortete die 28-Jährige ein Jahr vor der Olympia-Qualifikationsausscheidung in Japan auf die Leistungen von Rika Kaseda und Ayuko Suzuki vom Berlin Marathon. Ihre Landsfrau Reia Iwade musste mit Schmerzen aufgeben.

Beste Britin war nach dem Startverzicht von Charlotte Purdue aufgrund einer Erkrankung Rose Harvey in ihrer zweitbesten Marathonzeit von 2:27:59 Stunden auf Platz zehn. Die 30-Jährige sagte im Ziel, die letzten sechs Kilometer wären extrem schmerzhaft gewesen, aber das großartige Publikum habe sie getragen. Wie das britische Laufmagazin „Athletics Weekly“ berichtet, hat Harvey erst im ersten Lockdown, als sie ihren Job verlor, begonnen, mit hohen Ambitionen Laufsport zu betreiben. Davor lief sie den Marathon in etwa drei Stunden, nun ist die WM-Teilnehmerin von Eugene (Aufgabe) die erste britische Marathonläuferin mit dem WM-Limit für Budapest.

Joan Benoit-Samuelson, Marathon-Olympiasiegerin von Los Angeles 1984, kam nach 3:20:20 Stunden ins Ziel, es war ihr erster Marathon seit drei Jahren. Familiär läuft es gut für sie, wie sie gegenüber dem London Marathon erzählte: Sie ist Großmutter. „Ich möchte mit meiner Enkelin Charlotte gemeinsam einmal ein 5km-Rennen bestreiten. Das ist mein Wunsch.“

Rückkehr in den Frühling

Der London Marathon 2022 fand bei guten äußeren Bedingungen mit partiellem Sonnenschein statt, der Zigtausende Menschen zum Anfeuern an die Strecke lockte. Nach drei Ausgaben im Oktober aufgrund der Pandemie, darunter jene 2020 auf einem Rundkurs im St. James Park, kehrt der bedeutendste Marathonlauf Europas für 2023 wieder auf seinen Traditionstermin Ende April zurück und findet am selben Tag wie der Vienna City Marathon (23.04.) statt.

Ergebnis TCS London Marathon 2022 der Frauen

  1. Yalemzerf Yehualaw (ETH) 2:17:26 Stunden
  2. Joyciline Jepkosgei (KEN) 2:18:07 Stunden
  3. Alemu Megertu (ETH) 2:18:32 Stunden *
  4. Judith Korir (KEN) 2:18:43 Stunden
  5. Joan Melly (ROM) 2:19:27 Stunden
  6. Ashete Bekere (ETH) 2:19:30 Stunden
  7. Mary Ngugi (KEN) 2:20:22 Stunden *
  8. Sutume Kebede (ETH) 2:20:44 Stunden
  9. Ai Hosoda (JPN) 2:21:42 Stunden *
  10. Rose Harvey (GBR) 2:27:59 Stunden

    16. Stephanie Twell (GBR) 2:39:16 Stunden

* neue persönliche Bestleistung

TCS London Marathon

Abbott World Marathon Majors