Größter Sieg für Amos Kipruto

Amos Kiprutos beeindruckende Steigerungen der letzten Jahre haben beim gestrigen London Marathon ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Mit einem starken Finale sicherte er sich seinen ersten Sieg bei den World Marathon Majors. Kenenisa Bekele verbesserte den Masters-Weltrekord.

© Pixabay / Free-Photos

„Es ist ein wundervoller Tag. Ich bin überglücklich, dass ich gewonnen habe. Aber ich kann nicht erklären, wie mir dieser Sieg gelungen ist. Ich hatte hohes Vertrauen in mich und habe entschieden, anzugreifen“, jubelte der 30-jährige Amos Kipruto im Ziel. Vor drei Jahren hat er als WM-Bronzemedaillengewinner von Doha erstmals internationale Spuren hinterlassen, die selbst im Marathonland Kenia große Beachtung gefunden haben. Dann lief der Zweite des Berlin Marathon 2018 (im Schatten hinter Eliud Kipchoge, der einen Weltrekord aufstellte) beim Valencia Marathon 2020 erstmals unter 2:04 und verbesserte seine Bestleistung beim diesjährigen Tokio Marathon auf eine Zeit von 2:03:13 Stunden – erneut als Zweiter hinter Kipchoge. „Eliud ist eine Inspiration für uns alle, er ist eine Legende. Er lebt den Sport auf einem anderen Level als wir alle und ist daher auch ein Mentor für mich. Ich wollte unbedingt heute in seine Fußstapfen hier treten und ich bin stolz, dass mir das gelungen ist.“ Kipchoge, der als Zuschauer in London weilte, hat den London Marathon viermal gewonnen, sich in diesem Jahr aber für den Berlin Marathon entschieden, wo er einen Weltrekord aufstellte (siehe RunAustria-Bericht).

RunAustria-Lesetipp: Der Bericht über den London Marathon der Frauen

Yehualaw gewinnt auch zweiten Marathon

Ein Kenianer besiegt fünf Äthiopier

In die Regionen des Kipchoge-Tempos marschierte das trotz einiger prominenter Absagen immer noch stark besetzte Elitefeld des London Marathons freilich nicht. Die sieben Topstars des Events überquerten nach 1:02:14 Stunden die Zwischenzeit beim Halbmarathon und absolvierten gerade in diesen Minuten die schnellste Phase des Rennens. Als die Tempomacher ihr Rennen beendeten, stieg der Schnitt für einige Zeit auf knapp über drei Minuten pro Kilometer. Die absolute Topzeit war damit außer Reichweite, dafür durften die Marathon-Fans aber ein hochspannendes Finale genießen.

Amos Kiprutos Halbmarathon-Splits: 1:02:14 / 1:02:25 Stunden
Amos Kiprutos 5km-Teilzeiten: 14:45 / 14:41 / 14:55 / 14:51 / 14:29 / 15:08 / 15:06 / 14:32 / 6:12 (2,195 km) Minuten

Denn erst bei Kilometer 35 bekam die Spitzengruppe erste Risse, Kenenisa Bekele konnte das Tempo nicht mehr halten. Auch Vorjahressieger Sisay Lemma verlor den Kontakt und brach stärker ein als sein erfahrener Landsmann. Etwa vier Kilometer vor dem Ziel beschleunigte Amos Kipruto und brach aus, ein Verfolgertrio versuchte gemeinsam das Tempo hochzuhalten, doch der Zusammenschluss gelang nicht mehr. Der einzige Kenianer im Elitefeld des London Marathon genoss die Ovationen der letzten Kilometer und den stimmungsvollen Zieleinlauf mit dem Buckingham Palace im Rücken. Das Rennen endete für den Sieger nach 2:04:39 Stunden – im Kontext der konstanten Wunderleistungen der Jetzt-Zeit lässt sich zu leicht verdrängen, dass das auf der Strecke durch die britische Hauptstadt eine Topzeit ist: Erst fünf Sieger waren beim London Marathon je schneller, dreimal war der Name Kipchoge dabei für die Siegerzeit verantwortlich.

Abdi neuerlich Dritter

Im Vorfeld hat sich der Olympia- und WM-Dritte Bashir Abdi scherzhaft in einem Interview als „Bronze-Man“ bezeichnet und prompt war das Omen für den London Marathon eingegossen. Hinter dem Äthiopier Leul Gebresilase, überraschend Bester der äthiopischen Phalanx, erreichte der Belgier das Ziel als Dritter in einer Zeit von 2:05:19 Minuten und stieg neuerlich darauf ein: „Sie nennen mich Mr. Bronze.“ Der 33-Jährige betonte aber mit dem Rennen glücklich zu sein und bedankte sich für die Unterstützung der Zuschauer. Nur einmal war er bei einem der sechs World Marathon Majors besser platziert: 2020 als Zweiter beim Tokio Marathon. Abdi, der den Veranstalter die ganze Woche über über den grünen Klee lobte, ist erst der zweite Belgier auf dem Stockerl des London Marathon nach Vincent Rousseau im Jahr 1996.

Auch der 30-jährige Gebresilase, sieben Sekunden vor Abdi im Ziel, war nach dem Rennen sehr zufrieden, zumal er im Vorfeld mit Problemen in der Oberschenkelmuskulatur zu kämpfen hatte. Nach einem kleinen Leistungsloch in den Jahren 2019 und 2020 schloss er an seine beiden starken Marathonläufe im Jahr 2021 an (2:04:31 in Mailand und 2:04:12) als Zweiter beim Amsterdam Marathon.

Masters-Weltrekord für Bekele

Der 40-jährige Kenenisa Bekele erreichte das Ziel hinter seinem Landsmann Kinde Atanaw auf dem fünften Rang und verbesserte in einer Zeit von 2:05:53 Stunden den Masters-Weltrekord des Spaniers Ayad Lamdassem um 23 Sekunden. Es war der schnellste Marathon für den äthiopischen Star seit seinem Fast-Weltrekord von Berlin 2019. Zufrieden zeigte sich der dreifache Olympiasieger damit nicht.

Bester Brite war Ghirmay Ghebresilasie, der seine persönliche Bestleistung um 20 Sekunden auf eine Zeit von 2:11:57 Stunden gesenkt hat. Mit dieser Leistung war der 26-Jährige aber nicht zufrieden, er hatte gehofft, etwas früher ins Ziel zu kommen. Die kleine Verfolgergruppe mit dem Ziel einer Durchgangszeit um 1:05 Stunden beim Halbmarathon funktionierte sehr gut. Am meisten profitierte der Australier Brett Robinson davon, der als sechster Australier nach Derek Clayton, Robert de Castella, Steve Moneghetti, Pat Carroll und Lee Troop die Marke von 2:10 Stunden unterbot – sage und schreibe 18 Jahre musste der australische Laufsport darauf warten, damals lief Troop ebenfalls in London seine zweitschnellsten Marathon in 2:09:58 Stunden. Robinson finishte in 2:09:52 Stunden.

40.546 Läuferinnen und Läufer plus die Teilnehmenden an den Eliteläufen inklusive der Para-Sportler erreichten das Ziel des diesjährigen London Marathon, das virtuelle Angebot, das am gestrigen Tag 24 Stunden lang geöffnet war, nahmen weniger als 8.000 offiziell wahr.

Ergebnis TCS London Marathon 2022 der Männer

  1. Amos Kipruto (KEN) 2:04:39 Stunden
  2. Leul Gebresilase (ETH) 2:05:12 Stunden
  3. Bashir Abdi (BEL) 2:05:19 Stunden
  4. Kinde Atanaw (ETH) 2:05:27 Stunden
  5. Kenenisa Bekele (ETH) 2:05:53 Stunden
  6. Birhanu Legese (ETH) 2:06:11 Stunden
  7. Sisay Lemma (ETH) 2:07:26 Stunden
  8. Brett Robinson (AUS) 2:09:52 Stunden *
  9. Weynay Ghebresilasie (GBR) 2:11:57 Stunden *
  10. Philip Wesemann (GBR) 2:12:10 Stunden *

    62. Yoann Kowal (FRA) 2:27:59 Stunden **

* neue persönliche Bestleistung
** Marathon-Debüt

TCS London Marathon

World Marathon Majors