Wunder-Debütantin fordert Titelverteidigerin

Neben mehreren Halbmarathon-Leistungen im absoluten Weltklassebereich verblüffte Yalemzerf Yehualaw mit dem schnellsten Marathon-Debüt der Geschichte im April in Hamburg. Bei ihrem ersten World Marathon Major führt sie ein starkes Feld um Vorjahressiegerin Joyciline Jepkosgei an, in dem mehrere Läuferinnen ihre Bestleistungen im laufenden Kalenderjahr markiert haben.

© Thomas Lovelock for Virgin Money London Marathon

Sie hat das Potenzial, die Läuferin der Zukunft zu werden. 23 Jahre jung, verweist Yalemzerf Yehualaw auf eine beeindruckende Anzahl an Sonderleistungen im Straßenlauf. Im 10km-Lauf hält sie den Weltrekord. Die Leistung von 29:14 Sekunden, aufgestellt Ende Februar im spanischen Castellon, ist um satte 22 Sekunden besser als die zweitschnellste 10km-Zeit ever und kommt den weltbesten 10.000m-Leistungen auf der Bahn ziemlich nahe. Laut dem Performance Score von World Athletics ist diese 10km-Leistung höher einzuschätzen als der Marathon-Europarekord von Paula Radcliffe vom London Marathon 2003, nach wie vor die zweitschnellste Marathonzeit der Geschichte. Und höher einzuschätzen, als der Halbmarathon-Weltrekord von Letesenbet Gidey (1:02:52 Stunden), der vor wenigen Jahren in dieser Dimension noch unvorstellbar war.

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Ziel London Marathon nicht realisierbar

Im Halbmarathon ist die WM-Medaillengewinnerin von 2020 bereits viermal unter 1:05 Stunden gelaufen, davon einmal unter 1:04 Stunden – und damit die Nummer zwei der ewigen Bestenliste. Und auch ihr bisher einziger Marathon war ein Sahnestück: 2:17:23 Stunden beim Hamburg Marathon, das Rekord-Debüt über die Traditionsdistanz. Fünf Wochen nach ihrem Vorbereitungsrennen beim Antrim Halbmarathon in Nordirland in 1:04:22 Stunden ist der 23-jährigen Yehualaw beim London Marathon fast alles zuzutrauen.

RunAustria-TV-Tipp: Der TCS London Marathon wird am Sonntag ab 9:45 Uhr live auf Eurosport 1 übertragen.

Jepkosgei bereit für Weltrekordjagd

Vorjahressiegerin Joyciline Jepkosgei, die von ihrem Ehemann Nicholas Koech trainiert wird, hat sich nichts anderes vorgenommen als eine erfolgreiche Titelverteidigung, am besten in Kombination mit einer persönlichen Bestleistung. „Ich weiß, dass ich gut performen werde“, sagte die 28-Jährige im Vorfeld gegenüber kenianischen Medien. Bei der Pressekonferenz am Mittwoch in London bestätigte sie, gut vorbereitet ins Rennen zu gehen: „Ich bin bereit, Vollgas zu geben!“ Mit einem gelungenen Auftritt will die ehemalige Weltrekordhalterin im Halbmarathon auch den bescheidenen Frühlingsmarathon von Boston abschütteln.

Das Elitefeld der Frauen startet 40 Minuten vor jenem der Männer, womit der Weltrekord für reine Frauen-Rennen von Mary Keitany (2:17:01) auf dem Prüfstand steht. Für diese Unternehmung hat der Veranstalter hochkarätige Tempomacherinnen engagiert, darunter Vicoty Chepngeno, Siegerin des Österreichischen Frauenlauf, und die ehemalige Paris-Marathon-Siegerin Betsy Saina, die mittlerweile für die USA startet.

Von der Pacemakerin zur Mitfavoritin?

Die zweite kenianische Topläuferin ist Judith Korir, die eigentlich als Tempomacherin für ihre Trainingspartnerin Brigid Kosgei verpflichtet wurde und nach der Absage der Weltrekordhalterin upgedatet wurde. Daher betonte sie bei der gestrigen Pressekonferenz ihre kurze Vorbereitungszeit, mittlerweile fühle sie sich aber psychisch bereit für den vollen Marathon. Korir, früher unter dem Namen Judith Jeptum besser bekannt, gewann im Frühling den Paris Marathon und steigerte sich in Eugene zu einer persönlichen Bestleistung von 2:18:20 Stunden, um WM-Silber zu gewinnen.

Letzter europäischer Sieg vor 13 Jahren

Trotz der prominenten Absagen von Marathon-Weltrekordhalterin Brigid Kosgei (siehe RunAustria-Meldung), der äthiopischen Vorjahreszweiten Degitu Azimeraw und ihrer Landsfrau Ababel Yeshaneh, die beinahe den diesjährigen Boston Marathon gewonnen hätte, bleibt dem London Marathon ein außergewöhnlich starkes Elitefeld mit drei Läuferinnen mit Bestleistungen unter 2:18 Stunden und vier weiteren unter 2:19 Stunden. Ein derartige Ansammlung von Läuferinnen auf diesem Niveau hat es in der Marathon-Historie noch nie gegeben. Die Vorjahresdritte Ashete Bekere steigerte sich beim diesjährigen Tokio Marathon als Zweite hinter Kosgei auf eine persönliche Bestleistung von 2:17:58 Stunden.

Die vielleicht herausragende Marathonleistung des Frühjahrs hinter jener von Yehualaw war jene von Joan Melly, eine gebürtige Kenianerin, die seit kurzem für Rumänien an den Start geht. Die 31-Jährige stürmte beim Seoul Marathon zu einer Zeit von 2:18:04 Stunden und sprang damit auf Rang drei der ewigen europäischen Bestenliste. Pikantes Detail: Ihre Schutzsperre bei internationalen Meisterschaften wegen des Nationentransfers läuft unmittelbar vor den Olympischen Spielen in Paris ab, wo sie also für Rumänien startberechtigt sein wird. Weitere Top-Läuferinnen im Feld sind Sutume Kebede, sieben Sekunden hinter Melly zweite beim Seoul Marathon, Alemu Megertu, die heuer beim Sevilla Marathon eine beeindruckende Siegerzeit von 2:18:51 Stunden erzielt hat, Hiwot Gebrekidan, Siegerin des Mailand Marathon 2021, und Mary Ngugi, zweifache Dritte beim Boston Marathon.

Die Topläuferinnen beim London Marathon 2022

  • PB: 2:17:23 Stunden – Yalemzerf Yehualaw (ETH)
  • PB: 2:17:43 Stunden – Joycline Jepkosgei (KEN)
  • PB: 2:17:58 Stunden – Ashete Bekere (ETH)
  • PB: 2:18:04 Stunden – Joan Melly (ROM)
  • PB: 2:18:12 Stunden – Sutume Kebede (ETH)
  • PB: 2:18:20 Stunden – Judith Korir (KEN)
  • PB: 2:18:51 Stunden – Alemu Megertu (ETH)
  • PB: 2:19:10 Stunden – Hiwot Gebrekidan (ETH)
  • PB: 2:21:32 Stunden – Mary Ngugi (KEN)
  • PB: 2:23:26 Stunden – Charlotte Purdue (GBR)
  • PB: 2:23:52 Stunden – Reia Iwade (JPN)
  • PB: 2:24:26 Stunden – Ai Hosoda (JPN)
  • PBPB: 2:26:40 Stunden – Stephanie Twell (GBR)

Nach COVID-Pech bei der WM hohe Ziele für Purdue

Im Gegensatz zu den Männern bringt das Elitefeld der Frauen auch aus Sicht des britischen Elite-Laufsports Interessantes. Denn trotz der Absage der geplanten Debütantin Eilish McColgan sind zwei starke Britinnen dabei. Charlotte Purdue, die vom australischen Trainer Nic Bideau betreut wird, hofft auf Wiedergutmachung, denn die letzten Jahre liefen nicht nach Wunsch: 2021 wurde sie aus dem britischen Olympia-Team ausgebootet, 2022 qualifizierte sie sich für die WM in Eugene, wo sie aber aufgrund einer COVID-19-Infektion aufgeben musste. „Ich würde gerne etwas schneller laufen als im letzten Jahr (2:23:26, Anm.). Ich fühle mich stärker als nach dem Aufbau für Boston und die WM“, sagte die 31-Jährige. Den Boston Marathon im Frühjahr finishte sie auf einem, respektablen neunten Platz. Zuletzt blieb sie bei den Halbmarathons in London und beim Great North Run jeweils knapp über 1:10 Stunden.

Die zweite starke britische Läuferin Stephanie Twell, die bei einer Bestleistung von 2:26:40 Stunden (Frankfurt 2019) hält und im Gegensatz zu Purdue in Sapporo dabei war. Beide spüren den Druck an der starken Marathon-Spitze in Großbritannien, die den Kampf um die Startplätze bei den nächsten großen internationalen Meisterschaften zuspitzt.

Fußballstars geben Startschuss

Etliche bekannte Persönlichkeiten bestreiten den London Marathon 2022, darunter Joan Benoit-Samuelson, erste Olympiasiegerin im Marathon der Frauen (1984), die auch als Über-60-Jährige noch beeindruckend schnell Marathons läuft.

Drei Sportlerinnen, die sich im vergangenen Sommer in die Herzen der britischen Sportfans gespielt haben, geben die Startschüsse. Jill Scott, Ellen White und Kapitänin Leah Williamson, die mit dem englischen Fußballnationalteam in London den EM-Titel gewonnen haben, schicken die Laufbegeisterten und Rollies auf die 42,195 Kilometer lange Laufstrecke. Scott hat beste Erinnerung an den London Marathon, weil sie 2001 den Mini Marathon gewann. „Es ist eine Riesenehre für die ,Lionesses’, dass wir angefragt wurden“, so Williamson. „Wir hatten im Sommer die Chance auf eine Once-in-a-Lifetime-Erfahrung und ich bin sicher, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim London Marathon ebenfalls einen Tag erleben, den sie nie vergessen werden.“

Bahnstreik erschwert Anreise

Für Sorgen bereitet im Vorfeld des London Marathon der angekündigte Bahnstreik in Großbritannien am kommenden Samstag. Der Veranstalter riet seinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, nur per Bahn nach London zu reisen, falls dies individuell alternativlos sei. Immerhin verkehre der innerstädtische öffentliche Verkehr größtenteils normal, auch am Marathonmorgen fahren die Züge wieder im gewohnten Takt.

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