2:01:09, Weltrekord! Kipchoges nächstes Meisterstück

Eliud Kipchoge performte beim Berlin Marathon auf einem noch nie da gewesenen Niveau. Nach dem ersten regulären Marathon der Geschichte mit einer Angangszeit von unter einer Stunde für die erste Streckenhälfte brach der kenianische Ausnahmeläufer seinen eigenen Weltrekord um 30 Sekunden.

© SCC Events / Camera 4 / Thilo Wiedensohler

Die Serie der eindrucksvollen sportlichen Leistungen von Eliud Kipchoge, die unvergleichlich mit den Darbietungen anderer sind und längst eine fantastische Sonderkategorie verdienen, ist auch beim BMW Berlin Marathon 2022 nicht abgerissen. Der kenianische Superstar durchbrach nach 2:01:09 Stunden Laufzeit das Zielband hinter dem Brandenburger Tor und markierte seinen zweiten offiziellen Weltrekord, beide im Marathon. Er blieb exakt eine halbe Minute unter seiner vor vier Jahren an gleicher Stelle aufgestellten Bestmarke. „Ich bin überglücklich, erneut den Weltrekord in Berlin gebrochen zu haben. Bei Kilometer 38 wusste ich endgültig, dass es reichen würde.“ Kipchoge ist der erste Marathonläufer seit Haile Gebrselassie, der seinen eigenen Weltrekord verbessern konnte.

RunAustria-Lesetipp: Österreichs Marathon-Rekordhalter beim Berlin Marathon 2022

Herzog zurück auf der Marathon-Bühne
RunAustria-Lesetipp: Sensationen im Frauen-Rennen des Berlin Marathon 2022

Sensation im Marathon der fetten Bestleistungen

Kipchoge und Berlin – eine Liebe

Die Lobeshymnen auf den Marathonläufer der Sportgeschichte erreichten in den Stunden nach dem Rennen hohe Dimensionen, vielleicht vergleichbar mit den Reaktionen auf den ersten Marathonlauf unter zwei Stunden, unter speziellen Umständen im Oktober 2019 im Wiener Prater. Vor allem im kenianischen Sport und in der kenianischen Politik ließ keine prominente Persönlichkeit die Gelegenheit aus. Auch andere Lauf-Größen gratulierten postwendend und eindrücklich, voller Respekt vor dieser Ausnahmeleistung.

Eliud Kipchoges Leistungen beim Berlin Marathon

  • Berlin Marathon 2013 – 2:04:05 Stunden, Platz zwei hinter Wilson Kipsang
  • Berlin Marathon 2015 – 2:04:00 Stunden, Sieg mit heraushängender Zwischensohle
  • Berlin Marathon 2017 – 2:03:32 Stunden, Sieg vor Guye Adola
  • Berlin Marathon 2018 – 2:01:39 Stunden, Sieg und Weltrekord
  • Berlin Marathon 2022 – 2:01:09 Stunden, Sieg und Weltrekord

Der letzte Weltrekord?

Im Interview mit der ARD sprach Kipchoge von einer hervorragenden Vorbereitung und sah den Weltrekord als ein Endprodukt eines hervorragenden Teamworks. Mit seinem vierten Sieg beim Berlin Marathon hat der 37-Jährige den Veranstaltungsrekord von Gebrselassie egalisiert. Obwohl er betonte, sich weiterhin jung zu fühlen, und in kenianischen Medien von einer großartigen Zukunft sprach, ist es im Bereich des Möglichen, dass dieser Weltrekordlauf sein letzter im Marathon war – kommunizierte Ziele der Siege bei den amerikanischen World Marathon Majors und die neuerliche Olympische Goldmedaille 2024 würden einen Marathon auf einem derartig schnellen Kurs wie in Berlin in nächster Zeit ausschließen. Die US-amerikanische Laufplattform „Let’s Run“ schätzt, dass dieser Weltrekord 20 Jahre lang halten könnte – die Autoren dort gehen davon aus, dass Kipchoge ihn selbst nicht mehr zu attackieren im Sinn hat, da der Abstand zu einer sub-2-Leistung mit 69 Sekunden sehr groß ist.

„Eine der größten Persönlichkeiten im Sport!“

Auch einer, der hautnah dabei war, staunte neuerlich über Kipchoge. Peter Herzog (Union Salzburg LA), der gut elf Minuten nach dem Weltrekordmann das Ziel erreichte, ist voll des Lobes über den Superstar, der ihm nach dem Rennen im Zelt der Eliteathleten direkt gegenüber saß. „Er ist einer der größten Persönlichkeiten im globalen Sport. Eine unglaubliche Erscheinung! Wir sitzen hier und haben 42,195 Kilometer lang gelitten, er muss bei diesem Tempo sicherlich um einiges mehr leiden. Er muss im Kopf eine Maschine sein, immer sowohl physisch als auch psychisch am Top“, berichtete der Salzburger, dessen Leistung in einem eigenen RunAustria-Bericht Hauptthema ist. „Er hat einen zufriedenen, aber keinen euphorischen Eindruck gemacht. Er bleibt auch in diesem Moment am Boden.“ Der 35-Jährige hängte noch einen interessanten Nebensatz aus Beobachtungen und Wortfetzen, die er vor Ort mitbekommen hat, an: „Er hätte wohl gerne eine doppelte Null hinter der Zwei gesehen.“

Die Erfolgsgeschichte Eliud Kipchoges ist zum Teil auch die Erfolgsgeschichte des Berlin Marathon in seiner Stellung als schnellster Marathon der Welt. Alle drei sub-2:02-Zeiten der Marathongeschichte sind in Berlin erzielt worden, dazu die letzten sieben Marathon-Weltrekorde bei den Männern in Folge. „Das ist eine Wahnsinnsserie, alle von Mark Milde organisiert“, lobt Johannes Langer, der den Berlin Marathon seit vielen Jahren gut kennt und mit dem Berliner Renndirektor seit vielen Jahren im Rahmen des Vienna City Marathon zusammenarbeitet.

Die Top-Fünf der Marathonleistungen der Geschichte

  • 2:01:09 Stunden – Eliud Kipchoge (Berlin 2022) – Weltrekord
  • 2:01:39 Stunden – Eliud Kipchoge (Berlin 2018) – ehemaliger Weltrekord
  • 2:01:41 Stunden – Kenenisa Bekele (Berlin 2019) — äthiopischer Rekord
  • 2:02:37 Stunden – Eliud Kipchoge (London 2019)
  • 2:02:40 Stunden – Eliud Kipchoge (Tokio 2022)

Rasanter als gedacht

Was die Organisatoren in Berlin offenbar selbst nicht ahnten, war die Art der Renngestaltung, die die drei Tempomacher aus dem NN Running Team von Eliud Kipchoge ansteuerten. Denn anstatt der, freilich wenig glaubwürdigen, kommunizierten Angangszeit von 1:00:50 Stunden beim „Technical Meeting“ organisierte das Gespann die erste Marathon-Hälfte der Geschichte bei einem nach den Regeln des Leichtathletik-Weltverbandes stattfindenden Marathon unter einer Stunde. In Begleitung des Äthiopiers Andamlek Belihu, ein seit Jahren bärenstarker Halbmarathon mit vier Leistungen unter 59:20 Minuten, überquerte das Tempomacher-Gespann mit dem Superstar im Rücken die Zeitnehmungsmatte nach 59:51 Minuten. Das entsprach zu diesem Zeitpunkt einer Durchschnittspace von zwischen 2:50 und 2:51 Minuten pro Kilometer. Was aber noch verwunderlicher war: Damit war wenige Sekunden schneller als beim ersten Halbmarathon der INEOS 1:59 Challenge. „Ich wollte die erste Hälfte genau so laufen: ohne Limits!“, sagte der kenianische Triumphator später.

Eliud Kipchoges Halbmarathon-Splits: 59:51 / 1:01:18 Stunden
Eliud Kipchoges 5km-Teilzeiten: 14:14 / 14:09 / 14:10 / 14:12 / 14:23 / 14:32 / 14:30 / 14:43 / 6:16 (2,195 km) Minuten

Erste Kühne Träume vom ersten regulären sub-2-City-Marathon wurden verjagt, als die Tempomacher ausstiegen und der Große Meister dieses irre Tempo nicht ganz halten konnte. Im Vorfeld hatten Experten analysiert, dass angesichts des Negativ-Splits von Kipchoge 2018 vor allen Dingen auf der ersten Streckenhälfte Potenzial zur Steigerung des Weltrekordes liegen würde, doch dass er zum Halbmarathon über eine Minute Vorsprung im virtuellen Vergleich mit damals haben würde, war dennoch eine Sensation.

Zweite sub-2:02-Leistung für Kipchoge

Mit Kilometersplits im Bereich von 2:54 Minuten pendelte sich der Kenianer, der bald nach der 25-Kilometer-Zwischenzeit alleine an der Spitze unterwegs war, auf einem nach wie vor grandiosen Tempo ein, die Wunderleistung von 1:59 Stunden, von der Kipchoge vielleicht aufgrund eines besonders guten Gefühls am Start geträumt hatte, geriet aber außer Reichweite. Bei Kilometer 28 passierte sogar ein Kilometersplit von exakt drei Minuten (in der Folge gab es noch zwei „langsamere“), während der ersten Halbzeit hatte es sogar acht Kilometersplits unter 2:50 Minuten gegeben. Mit riesigem Vorsprung lief Kipchoge mit Zwischenzeiten von 1:25:40 und 1:40:10 Stunden bei Kilometer 30 und 35 dem Ziel entgegen, welches er nach einem tollen Schlusskilometer in 2:01:09 Stunden erreichte. Die Zeit von 2:01 Stunden – sie hatte bedrohlich gewackelt. Seine zweite Marathon-Hälfte von 1:01:18 Stunden ist trotz der „Verlangsamung“ atemberaubend. Kipchoge hält nun vier der fünf schnellsten Marathonzeiten auf geprüften Kursen, dazu kommen seine beiden Exhibition-Leistungen in Monza und Wien. Zur Erinnerung sie nie vergessen, dass dieser Ausnahmeläufer bald seinen 38. Geburtstag feiern wird.

© SCC Events / Petko Beier

Zahltag für den Star

Kipchoge, der mit einem brandneuen Schuh aus dem Hause Nike lief, konnte bei seinem Rekordrennen auf perfekte Marathonbedingungen mit Temperaturen von rund 12°C am Start, einer Luftfeuchtigkeit von 81%, aber fast aufgetrockneter Strecke, sowie beinahe Windstille vertrauen. „Die Bedingungen waren wie die Veranstaltungsqualität hervorragend. Was mich wirklich beeindruckt hat, war die Unterstützung der Fans.“

Kipchoge ist alleine seit gestern um 113.000 Euro reicher, so viel Preisgeld gewann er beim Berlin Marathon. Diese setzten sich zu gleichen Teilen aus der Weltrekordprämie sowie der Summe aus der Siegesprämie und der Prämie für eine Leistung unter 2:02:30 Stunden zusammen. Seine Frau Grace Sugut hatte eine Woche lang gefastet und regelmäßig für ihren Mann gebetet. Sie verfolgte mit ihren drei Kindern Kipchoges Weltrekordlauf vor dem Fernseher im heimischen Eldoret, berichtete die „Daily Nation“.

Korir und Abate auf dem Stockerl

Im Kampf um den Sieg hatte Belihu in seinem zweiten Marathon bald keine Chance mehr. Der 23-Jährige kam nach 2:06:40 Stunden ins Ziel, davor hatte er in der Schlussphase noch Mark Korir (2:05:58) und Tade Abate (2:06:28) vorbeiziehen lassen müssen. Beide blieben in der Nähe ihrer Bestleistungen. Vorjahressieger Guye Adola, der Kipchoge im Vorfeld als „Held“ bezeichnete, konnte dass phänomenale Tempo zwischen Kilometer fünf und 21 bald nicht mitgehen, und fiel kurz vor der Zwischenzeit bei Kilometer 15 leicht zurück. Später gab er auf, nachdem er beim Halbmarathon schon über eineinhalb Minuten zur Spitze verloren hatte.

Während Ex-Weltmeister Ghirmay Ghebrselassie, sein eritreischer Landsmann Oqbe Kibrom und die beiden japanischen sub-2:07-Läufer Tyu Takaku und Hiroto Inoue nie eine Rolle spielten, ging der in Schweden lebende Eritreer Samuel Russom extrem schnell an, fiel jedoch in der zweiten Hälfte bis auf Platz 20 zurück. Ansonsten verlief das Rennen in kleinen Grüppchen hinter der alle Aufmerksamkeit nehmenden Spitzengruppe relativ konstant. Eine größere Gruppe rund um Österreichs Marathon-Rekordhalter Peter Herzog (Union Salzburg LA) und den beiden Deutschen Johannes Motschmann und Haftom Weldaj, rechzeitig vor dem Berlin Marathon eingebürgert, visierte eine Zielzeit von 2:10 Stunden an. Philipp Pflieger und der engagierte deutsche Marathon-Meister Hendrick Pfeiffer wurden als Tempomacher eingesetzt. Die Gruppe zerfiel bei Kilometer 25, Pfeiffer blieb noch eine Zeit bei Motschmann, während der Salzburger weiter vorne lief.

Im Alleingang finishte Herzog in einer Zeit von 2:12:16 Stunden und gab sich nach dem Rennen mit seiner Leistung zufrieden (siehe separaten RunAustria-Bericht). Motschmann, der den EM-Marathon bestritten und dort als 16. eine gute Leistung abgerufen hatte, musste im Kampf um die zweitbeste Platzierung eines deutschen Läufers noch Frank Schauer passieren lassen, der eine persönliche Bestleistung von 2:13:41 Stunden erzielte. Motschmann folgte 21 Sekunden später. Bester Europäer vor Herzog war der Neo-Deutsche Weldaj, der seine persönliche Bestleistung um viereinhalb Minuten senkte und in 2:09:06 Stunden Elfter wurde.

Ergebnis BMW Berlin Marathon 2022 der Männer

  1. Eliud Kipchoge (KEN) 2:01:09 Stunden *
  2. Mark Korir (KEN) 2:05:58 Stunden
  3. Tadu Abate (ETH) 2:06:28 Stunden
  4. Andamak Belihu (ETH) 2:06:40 Stunden **
  5. Abel Kipchumba (KEN) 2:06:49 Stunden **
  6. Limenih Getachew (ETH) 2:07:07 Stunden
  7. Kenya Sonota (JPN) 2:07:14 Stunden **
  8. Tatsuya Maruyama (JPN) 2:07:50 Stunden **
  9. Kento Kikutani (JPN) 2:07:56 Stunden
  10. Zablon Chumba (KEN) 2:08:01 Stunden
  11. Haftom Welday (GER) 2:09:06 Stunden **
  12. Daisuke Doi (JPN) 2:09:40 Stunden
  13. Rintaro Takeda (JPN) 2:10:18 Stunden
  14. Masashi Nonaka (JPN) 2:10:27 Stunden
  15. Yuki Matsumura (JPN) 2:10:29 Stunden
  16. He Jie (CHN) 2:11:18 Stunden **
  17. Atsumi Ashiwa (JPN) 2:11:39 Stunden
  18. Ryu Takaku (JPN) 2:11:41 Stunden
  19. Gantulga Dambadarjaa (MGL) 2:12:00 Stunden
  20. Samuel Russom (ERI) 2:12:16 Stunden
  21. Peter Herzog (AUT) 2:12:16 Stunden
  22. Alexandru Corneschi (RON) 2:13:39 Stunden **
  23. Frank Schauer (GER) 2:13:41 Stunden **
  24. Johannes Motschmann (GER) 2:14:02 Stunden
  25. Hiroto Inoue (JPN) 2:14:09 Stunden

    27. Erik Hille (GER) 2:14:18 Stunden **
    61. Marcel Berni (SUI) 2:22:32 Stunden
    89. Marcus Reischauer (AUT) 2:26:44 Stunden **

* neuer Weltrekord
** neue persönliche Bestleistung

BMW Berlin Marathon

World Marathon Majors