15 Halbmarathonläufer unter einer Stunde

Angeführt vom äthiopischen Sieger Milkesa Mengesha erzielte das qualitativ hochwertige Starterfeld des Kopenhagen Halbmarathon einen neuen Rekord: 15 Läufer in einem Halbmarathon unter einer Stunde hat es noch nie gegeben. Darunter befand sich auch der 40-jährige Tadesse Abraham. Dagegen blieben der Europarekord bei den Männern und der Streckenrekord bei den Frauen aus.

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Es muss schon ein Nackenschlag sein: Als amtierender Sieger des Paris Halbmarathon überquerte der Kenianer Boniface Kibiwott nach exakt einer Stunde das Ziel des Kopenhagen Halbmarathon. Da in der Leichtathletik regeltechnisch stets aufgerundet wird, verpasste er eine der begehrten Zeiten unter einer Stunde. Und fand sich nur auf Position 16 wieder, weit weg von jeglichem Preisgeld.

RunAustria-Lesetipp: Bericht über die österreichischen Leistungen beim Kopenhagen Halbmarathon:

ÖLV-Trio bei Kopenhagen Halbmarathon unter 1:04 Stunden

Den Großteil dessen räumte Milkesa Mengesha bei den Männern ab. Dank eines beherzten Angriffs wenige Kilometer vor dem Ziel gewann er das äthiopische Duell gegen Titelverteidiger Amdework Walelegn und blieb als einziger des Teilnehmerfeldes in 58:58 Minuten unter der Marke von 59 Minuten. Dazu bedurfte es nach einer erwartet für diese Leistungskategorie einen Tick konservativen Angangszeit von 28:10 Minuten für die ersten zehn Kilometer einer Steigerung von einem Tempo knapp unter 2:50 Minuten pro Kilometer auf ein Tempo von bis zu 2:44 Minuten pro Kilometer in der Schlussphase. „Ich bin nicht überrascht vom heutigen Sieg. Ich performe immer gut, wenn ich in Dänemark laufe“, sagte der 22-Jährige nach einer persönlichen Bestleistung um 50 Sekunden und seinen größten Erfolg bisher. Der zweitgrößte bleibt vermutlich der Gewinn des Junioren-WM-Titels 2019, ebenfalls auf dänischem Boden in Aarhus.

Vor dem Kopenhagen Halbmarathon war der talentierte Äthiopier eher von der Bahn bekannt: Im 5.000m-Lauf hat er eine Bestzeit unter 13 Minuten, mit der er sich für die Olympischen Spiele von Tokio qualifizierte. Und dennoch ist es bereits sein zweiter internationaler Halbmarathonsieg nach jenem in Houston zu Jahresbeginn.

Milkesa Mengeshas 5km-Splits: 14:02 / 14:08 / 13:56 / 13:53 / 2:59 (1,0975 km) Minuten

Bis kurz vor dem Schluss war der Kopenhagen Halbmarathon offen, über zehn Läufer lagen bei der Zwischenzeit bei Kilometer 15 noch binnen weniger Sekunden. Der in der Favoritenrolle befindliche WM-Bronzemedaillengewinner von 2020, Amdework Walelegn konnte nicht ganz mit seinem Landsmann Schritt halten und wurde in einer Zeit von 59:05 Minuten Zweiter. Bei idealen Halbmarathon-Bedingungen mit Temperaturen im leichten zweistelligen Plusbereich, bedecktem Himmel, feuchter Luft und langen, breiten Straßen im Zentrum der dänischen Hauptstadt blieb er 25 Sekunden über seiner Bestleistung, aber noch zwei Sekunden vor dem besten Kenianer Felix Kipkoech, der seinen Hausrekord um zehn Sekunden verfehlte.

Lobalus Durchbruch auch im Halbmarathon

Einen neuerlich fantastischen Auftritt zeigte Dominic Lobalu, ein seit Jahren in der Ostschweiz lebender Flüchtling aus dem Südsudan, dessen Geschichte auf dieser Plattform im Rahmen seiner beachtlichen Erfolge in der diesjährigen Diamond League schon erzählt wurde. Der 24-Jährige, der in seiner ersten richtig professionell gestalteten Saison einen riesigen Sprung in seiner Entwicklung gemacht hat, toppte in Kopenhagen seine bisherige Bestleistung vom Halbmarathon in Berlin im April um fast zwei Minuten und wurde hinter dem Kenianer Vincent Kipkemoi in 59:12 Minuten Fünfter, ein Landesrekord für den Südsudan.

Dominic Lobalus 5km-Splits: 14:02 / 14:08 / 13:56 / 13:59 / 3:07 (1,.0975 km) Minuten

Masters-Weltrekord für Abraham

Bis zum Erreichen des letzten Kilometers hatte der Wahlschweizer sogar beste Chancen auf das Stockerl. Dennoch blieb er eine Sekunde unter dem Europarekord, den sein Landsmann Julien Wanders hält. Der großteils in Kenia lebende Genfer feierte gestern sein Comeback nach monatelanger Verletzungspause und ist noch nicht in Spitzenform, er finishte in einer Zeit von 1:03:47 Stunden mitten in einem Block furios auflaufender Österreicher (siehe RunAustria-Bericht).

Julien Wanders’ 5km-Splits: 14:25 / 15:06 / 15:19 / 15:34 / 3:23 (1,0975 km) Minuten

Tadesse Abrahams 5km-Splits: 14:04 / 14:07 / 14:08 / 14:39 / 3:05 (1,0975 km) Minuten

Und so schrieb, trotz der starken Leistung Lobalus, Tadesse Abraham die Schweizer Geschichte des Tages. Der 40-Jährige haute nach einem gelungenen Trainingslager in seinem zweiten Wohnzimmer in St. Moritz eine persönliche Bestleistung raus und blieb erstmals in seiner Karriere unter einer Stunde, 51 Sekunden schneller als 2015, als er den Barcelona Halbmarathon gewann. Schneller war noch nie ein Läufer der Altersklasse M40 gelaufen. Der 40-jährige Tadesse Abraham ist der beste, den es je gab: Gut ein halbes Jahr nach seinem Schweizer Marathonrekord beim Zürich Marathon (2:06:36) scheint der Weg für ihn zum New York City Marathon ein vielversprechender.

Erstmals unter einer Stunde im Halbmarathon blieb übrigens auch, eine Sekunde vor Abraham, der Äthiopier Getaneh Molla, der 2019 den Dubai Marathon in einer Fabelzeit von 2:03:34 Stunden gewonnen hatte. Aus Schweizer Sicht ebenfalls eine positive Erwähnung verdient die Leistung von Morgan Le Guen, der in einer Zeit von 1:02:06 Stunden nur knapp über seiner im Frühjahr in Neapel aufgestellten Bestleistung blieb.

Kbrom verpasst norwegischen Rekord

Eigentlich wollte Zerei Kbrom, der 36-jährige Norweger, der bei der EM in München Silber über 10.000m gewann, die Geschichte des Rennens schreiben. Doch der anvisierte Europarekord von Julien Wanders (59:13) geriet im Laufe des Rennens ebenso außer Reichweite wie der norwegische Rekord von Sondre Nordstad Moen (59:48). Dennoch lief Kbrom eine persönliche Bestleistung von 1:00:01 Stunden. Dass das wenige interessierte, lag an 16 anderen Schnelleren. Auch dass Abraham mit seiner grandiosen Leistung nur 14. im Gesamtklassement war, ist eigentlich unfassbar. Der Routinier, der bald die Hälfte seiner Lebenszeit in der Schweiz lebt, ist nun übrigens die Nummer acht der ewigen europäischen Bestenliste – als achter Europäer und zweiter Schweizer, der die Sehnsuchtsmarke einer Stunde unterboten hat.

Zerei Kbroms 5km-Splits: 14:03 / 14:09 / 14:06 / 14:34 / 3:09 (1,0975 km) Minuten

Amanal Petros’ 5km-Splits: 14:04 / 14:21 / 15:03 / 14:47 / 3:19 (1,0975 km) Minuten

Keine Ausnahmeleistung lieferte der deutsche Rekordhalter Amanal Petros ab, der knapp fünf Wochen nach dem EM-Marathon in München aber erstaunlich frische Beine hatte und eine dafür mehr als beachtliche Zeit von 1:01:34 Stunden – eine deutsche Jahresbestzeit – erreichte, die nach schnellen ersten zehn Kilometern (28:25) zwischenzeitlich nach noch mehr Potenzial roch. Unter die besten Europas mischten sich auch dank dreier klarer persönlicher Bestleistung drei Österreicher: Mario Bauernfeind (KUS Pro ÖBV Pro Team, 1:03:36), Dominik Stadlmann (KUS ÖBV Pro Team, 1:03:45) und Markus Hartinger (LTV Köflach, 1:03:48) (siehe separaten RunAustria-Bericht).

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Newcomers auf der großen Bühne

Ein durchaus überraschendes Resultat produzierte der Halbmarathon der Frauen, nachdem etliche der frühzeitig angekündigten Läuferinnen aus Kenia und Äthiopien, darunter auch Paris-Marathon-Siegerin Judith Jeptum, nicht anreisten. Keinen guten Tag erwischte die favorisierte Vicoty Chepngeno aus Kenia. Die Siegerin des Österreichischen Frauenlauf fiel bereits während des zweiten Rennviertels zurück und wurde Neunte.

Die Gunst der Stunde nützte Tade Teshome. Die 21-jährige Siegerin des Barcelona Marathon 2021 verbesserte ihre persönliche Bestleistung, die sie im Juni beim Nelson Mandela Bay Halbmarathon in Südafrika erzielt hatte, um 1:42 Minuten und lief in Kopenhagen in einer Zeit von 1:06:13 Stunden als Siegerin über die Ziellinie. „Ich habe mich heute gut gefühlt und bin sehr glücklich mit meiner Leistung“, sagte die Siegerin, die beim Valencia Marathon im Dezember eine Zeit von 2:18 Stunden angreifen will.

Tadu Teshomes 5km-Splits: 15:19 / 15:22 / 15:58 / 16:02 / 3:32 (1,0975 km) Minuten

Tsigie Gebreselamas 5km-Splits: 15:19 / 15:21 / 15:30 / 16:36 / 3:49 (1,0975 km) Minuten

Hinter ihr kam die debütierende Tsigie Gebreselama in einer Zeit von 1:06:35 Stunden. Die beim deutschen Manager Christoph Kopp unter Vertrag stehende 21-Jährige hatte zwischenzeitlich bereits eine halbe Minute Vorsprung, verlor diesen aber in der Schlussphase. Die junge Athletin hat 2021 den Great Ethiopian Run gewonnen und sich für die Olympischen Spiele über 10.000m qualifiziert, 2019 hatte sie die Bronzemedaille bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften in der Juniorenklasse gewonnen. Platz drei ging an Tiruye Mesfin, ebenfalls aus Äthiopien, die ihre Bestleistung auch um fast zwei Minuten steigern konnte.

21.554 Finisher

Die Europäerinnen spielten bei den Frauen nicht die herausragende Rolle, beste war Calli Thackery aus Großbritannien in einer guten Zeit von 1:09:02 Stunden auf dem zwölften Platz. Ihre Landsfrau Lucy Reid wurde hinter der US-Amerikanerin Lindsay Flanagan 15., gefolgt von der Ungarin Nora Szabo – alle drei mit persönlichen Bestleistungen.

Mit 25.000 Anmeldungen war die achte Auflage des Kopenhagen Halbmarathon zum zweiten Mal ausverkauft, 8.031 Läuferinnen und 13.523 Läufer erreichten die Ziellinie. Gut zwei Drittel des Teilnehmerfeldes kam aus Dänemark. Die dänischen Meistertitel gingen an Jacob Sommer Simonsen (1:03:15) und Nanna Bové (1:11:49, schnellste Zeit einer dänischen Läuferin seit 25 Jahren).

Ergebnisse Kopenhagen Halbmarathon 2022

Männer

  1. Milkesa Mengesha (ETH) 58:58 Minuten *
  2. Amdework Walelegn (ETH) 59:05 Minuten
  3. Felix Kipkoech (KEN) 59:07 Minuten
  4. Vincent Kipkemoi (KEN) 59:09 Minuten *
  5. Dominic Lobalu (SSD) 59:12 Minuten **
  6. Chala Regasa (ETH) 59:13 Minuten
  7. Edmund Kipngetich (KEN) 59:25 Minuten *
  8. Mathew Kimeli (KEN) 59:39 Minuten
  9. Titus Kimutai (KEN) 59:44 Minuten *
  10. Ronald Kirui (KEN) 59:51 Minuten
  11. Tsegay Kidanu (ETH) 59:52 Minuten ***
  12. Getaneh Molla (ETH) 59:52 Minuten *
  13. Sikiyas Misganaw (ETH) 59:52 Minuten *
  14. Tadesse Abraham (SUI) 59:53 Minuten *
  15. Alfred Kipchirchir (KEN) 59:57 Minuten
  16. Boniface Kibiwott (KEN) 1:00:00 Stunden *
  17. Zerei Kbrom (NOR) 1:00:01 Minuten *
  18. Jonathan Maiyo (KEN) 1:00:24 Stunden
  19. Gerba Dibaba (ETH) 1:00:59 Stunden
  20. Yohanes Chiappinelli (ITA) 1:01:14 Stunden *

    22. Amanal Petros (GER) 1:01:34 Stunden
    26. Morgan Le Guen (SUI) 1:02:06 Stunden
    30. Callum Hawkins (GBR) 1:03:13 Stunden
    35. Mario Bauernfeind (AUT) 1:03:36 Stunden *
    39. Dominik Stadlmann (AUT) 1:03:45 Stunden *
    41. Julien Wanders (SUI) 1:03:47 Stunden
    42. Markus Hartinger (AUT) 1:03:48 Stunden *

Frauen

  1. Tadu Teshome (ETH) 1:06:13 Stunden *
  2. Tsigie Gebreselama (ETH) 1:06:35 Stunden ***
  3. Tiruye Mesfin (ETH) 1:06:42 Stunden *
  4. Magdalena Shauri (TAN) 1:06:52 Stunden
  5. Eunice Chumba (BRN) 1:07:34 Stunden
  6. Sintayehu Tilahun (ETH) 1:07:41 Stunden ***
  7. Janet Ruguru (KEN) 1:07:51 Stunden *
  8. Anchialem Haymanot (ETH) 1:08:09 Stunden ***
  9. Vicoty Chepngeno (KEN) 1:08:22 Stunden
  10. Betelihem Afenigus (ETH) 1:08:35 Stunden

Kopenhagen Halbmarathon

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