Alle unter einem Dach

50 Jahre nach den Olympischen Spielen 1972 war das charakteristische Dach des Olympiastadions als zentrale Sportstätte im Olympiapark der bayrischen Hauptstadt wieder für elf Wettkampftage, an denen sich neun Sportarten beteiligten, das Herz des europäischen Sports. Die Wiederauferstehung der Sportatmosphäre nach der Pandemie-Pause bedeuteten ein Comeback des Sportfestes in der Öffentlichkeit mit Applaus.

© München Tourismus / Nicanor Garcia

München war aus mehreren Blickwinkeln ein toller Austragungsort der zweiten Multisport-Europameisterschaften, unter dem Titel European Championships, an der die Leichtathletik als Olympische Kernsportart die Hauptattraktion war, während sich die in Rom stattfindenden Schwimm-Wettkämpfe abgenabelt haben. Dem Veranstalter gelang es auf hervorragende Art und Weise, das Olympiastadion bei den Leichtathletik-Wettkämpfen zu füllen, aber auch die anderen Sportarten perfekt in die Stadt zu integrieren. Der Olympiapark, der seit den Olympischen Spielen der Münchner Bevölkerung als Sportmöglichkeit, unterbrochen nur in der Pandemiezeit, zur Verfügung gestellt wurde und somit eine enorm positive Auswirkung auf die Lebensqualität und auf das Bewegungsverhalten der Bevölkerung in der drittgrößten Stadt Deutschlands hatte und hat, ist logistisch ein idealer Austragungsort eines derartigen internationalen Sportfestes. „Wir haben wieder ein Sommermärchen geschafft“, freute sich Marion Schöne, Geschäftsführerin des Olympiaparks. Die angestrebte Zahl von einer Million Besucherinnen und Besuchern auf dem Olympiagelände, das neben der sportlichen Attraktionen ein buntes Rahmenprogramm bot, übertraf der Olympiapark bereits am viertletzten Wettkampftag, insgesamt wurden rund 400.000 Eintrittskarten verkauft, berichtet die deutsche Presseagentur dpa.

Elftägiges Sportfest

Das Olympiagelände in München ist nicht nur ein historisch bedeutender Stadtteil, er ist Teil des aktuellen Stadtlebens. Einerseits eine riesige Erholungszone und Fläche für Freizeitaktivitäten, andererseits ein beliebter Ort für Events. Das ehemalige Olympische Dort ist Wohnfläche. Die Olympischen Spiele 1972, so Augenzeugen in historischen Aufzeichnungen, verwandelten München von einer Stadt in eine Metropole, die in wenigen Jahren modernisierte Infrastruktur machte sie zu einer auf vielen Ebenen vorbildlichen Metropole. Der Lebensstandard stieg rasant, heute sind die Lebenshaltungskosten Münchens mit die höchsten in Europa.

Die European Championships werden nicht diese gewaltigen Auswirkungen der Olympischen Spiele von vor 50 Jahren haben. Aber sie zeigten, wie eine Multisport-EM im kleineren Umfang eine Stadt beleben, sie positiv präsentieren kann. Der Ausrichter der European Championships 2026 wird im Frühjahr 2023 bekannt gegeben. Ob die Leichtathletik dann inkludiert ist, ist gegenwärtig offen. Den kritischen Stimmen im Vorfeld ist möglicherweise durch die Eindrücke aus München etwas Wind aus den Segeln genommen worden.

© Thomas Niedermüller / Munich2022

Stimmungshöhepunkt und Zuschauermagnet

Beinahe alle Interviews von Leichtathletinnen und Leichtathleten enthielten in der vergangenen Woche Lob für das Publikum, das nicht nur zahlreich erschien, sondern den Einsatz der Sportlerinnen und Sportler auch lautstark und motivierend begleitete. Am meisten davon profitierten natürlich die Lokalmatadoren. Einige Zahlen hinterlassen tatsächlich Eindruck: Der Veranstalter schätzt, vielleicht ein bisschen wohlwollend, dass rund 110.000 Zuschauer die beiden Marathonläufe in der Münchner Innenstadt verfolgt haben. Ins Stadion drängten sich täglich 30.000 oder 40.000 Besucher und Leichtathletikfans, an Einzeltagen gar noch mehr. Selbst die Vormittagssessions waren teilweise fantastisch besucht.

Auch die Gunst des TV-Publikums für die Leichtathletik war beachtlich. Wie der „Stern“ berichtet, genoss die übertragende ARD beispielsweise am Samstagabend zur Primetime mit der Übertragung der Leichtathletik-Session aus dem Stadion eine Reichweite von 20,8%, was rund 4,25 Millionen Zuschauern entspricht (Top-Wert des Abends: 4,51 Mio.). Kein anderer deutscher TV-Sender hatte zur gleichen Zeit, nicht einmal annähernd, vergleichbare Werte. In ähnlicher Höhe war die TV-Reichweite des deutschen Fernsehens auch unter der Woche, wie European Athletics festhielt. Zwar ist Deutschland das bevölkerungsreichste Land des Kontinenten und Sportübertragungen beliebterer Sportarten wie Fußball erzielen bei ihren kontinentalen Höhepunkten weit höhere Werte, dennoch sei der Vergleich erlaubt: Über vier Millionen Zuschauer an einem Leichtathletik-Abend, damit ist die Sportart mit einer Menschengruppe direkt in Kontakt getreten, die fast der Hälfte der österreichischen Gesamtbevölkerung entspricht.

Ebenfalls eindrucksvolle Zahlen vermeldete der italienische Rundfunk RAI mit 1,6 Millionen Zuschauern an einem Wochentag, Jakob Ingebrigtsens erste Goldmedaille im 5.000m-Lauf erzielte eine Reichweite von 55,2% im norwegischen Fernsehen (NRK).

Medaillenspiegel der Leichtathletik-EM 2022 in München
1. Deutschland mit 7x Gold, 7x Silber, 2x Bronze = 16 Medaillen
2. Großbritannien mit 6x Gold, 6x Silber und 8x Bronze = 20 Medaillen
3. Spanien mit 4x Gold, 3x Silber und 3x Bronze = 10 Medaillen

4. Griechenland mit 4x Gold und 1x Silber = 5 Medaillen
5. Niederlande mit 4x Gold und 2x Bronze = 6 Medaillen
6. Polen mit 3x Gold, 6x Silber und 5x Bronze = 14 Medaillen
7. Italien mit 3x Gold, 2x Silber und 6x Bronze = 11 Medaillen
8. Norwegen mit 3x Gold, 1x Silber und 2x Bronze = 6 Medaillen
9. Ukraine mit 2x Gold, 1x Silber und 2x Bronze = 5 Medaillen
10. Finnland mit 2x Gold, 1x Silber und 1x Bronze = 4 Medaillen

12. Schweiz mit 1x Gold, 3x Silber und 2x Bronze = 6 Medaillen
22. Frankreich mit 4 Silber und 5x Bronze = 9 Medaillen

Österreich ohne Top-Acht-Platzierung

In der österreichischen Leichtathletik ist nach den Europameisterschaften Katerstimmung angesagt. 29 Nationen haben es in den Medaillenspiegel geschafft, Österreich ist dieses Mal nicht dabei, was nicht so drastisch ist – Österreich war nie eine Großnation in der europäischen Leichtathletik. Viel schlimmer ist, dass der ÖLV nicht einmal eine Top-Acht-Positionierung vorweisen kann. Im Placing Table, der Punkte für die Positionen eins bis acht vergibt und damit repräsentativer für ein Abschneiden bei einer EM ist als ein Medaillenspiegel, haben sich 35 europäische Nationen platziert, Österreich nicht. Von seiner Präsidentin Sonja Spendelhofer veröffentlichte der ÖLV nach Abschluss der EM bisher kein Statement, Sportdirektor Gregor Höglers Statement fiel angesichts der Platzierungen und des Eindrucks, dass nur wenige aus dem 14-köpfigen Team ihre persönliche Leistungsfähigkeit in entsprechende Resultate ummünzen konnten, unerwartet positiv aus.

Auch bei den drei Läufern lief vieles nicht nach Plan. Julia Mayer (DSG Wien) belegte in einem für sie schwierigen Wettkampf aufgrund der rasanten Renngestaltung den 18. und letzten Platz, Andreas Vojta (team2012.at) kam bei den Männern, ebenfalls 10.000m, nach einem mysteriösen Einbruch ebenfalls als Letzter ins Ziel. Positiv präsentieren konnte sich Lena Millonig (ULC Riverside Mödling) mit einem guten 3.000m-Hindernislauf-Vorkampf, mit dem sie Gesamtrang 19 erzielte. Alle anderen, darunter auch Österreichs Beste im Marathon, konnten sich erst gar nicht für die Europameisterschaften in München qualifizieren. Und selbst wenn die Limits für eine EM-Qualifikation generell mittlerweile hoch sind, zeigten die Laufwettkämpfe in München, dass der Spagat zwischen den Besten des Kontinenten und jener, die sich gerade so qualifizierten, teilweise riesig ist.

Placing Table der Leichtathletik-EM 2022
1. Großbritannien mit 220 Punkten
2. Deutschland mit 197 Punkten
3. Italien mit 142,5 Punkten

4. Spanien mit 132 Punkten
5. Polen mit 128 Punkten
6. Frankreich mit 115 Punkten
7. Niederlande mit 99 Punkten
8. Schweiz mit 69,5 Punkten
9. Ukraine mit 64 Punkten
10. Schweden mit 60 Punkten
11. Norwegen mit 57 Punkten
12. Belgien mit 52 Punkten
13. Finnland mit 43 Punkten
14. Israel mit 43 Punkten
15. Griechenland mit 38 Punkten

Schweizer Rekordergebnis

Ganz konträr ist die Stimmung jenseits der westlichen Landesgrenzen. Die Schweizer Leichtathletik erzielte mit sechs Medaillen das erfolgreichste EM-Abschneiden aller Zeiten. Noch beeindruckender als der zwölfte Platz im Medaillenspiegel ist der achte im Placing Table, der zeigt, auf welch stabiler Breite die Schweizer Leichtathletik mittlerweile steht. Mit 53 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hatte Swiss Athletics seine bisher größte Delegation nach München entsandt.

Die Schweizer Früchte der Arbeit sind durchaus lohnenswert zu analysieren, denn die Schweizer Leichtathletik hat sich von Einzelkämpfern, die immer Medaillen geliefert haben, zu einem breiten Team aus Medaillenaspiranten entwickelt. Als einen wesentlichen Grund dafür erkennen Schweizer Medien in der dynamischen Entwicklung nach den Europameisterschaften von Zürich 2014. Die Investments wurden damals nicht nur in den Event gesteckt, sondern in die Breite der Leichtathletik, die der Öffentlichkeit nähergebracht wurde. Die Schweizer Großbank UBS wurde als Partner des nationalen Leichtathletik-Verbandes Namensgeber des 2011 erfundenen Kids Cup, der zur Erfolgsgeschichte wurde. Mehr als eine Million Schweizer Kinder, zuletzt waren es 200.000 pro Jahr, hat er bewegt und sie direkt in Verbindung mit der Leichtathletik gebracht. Wie die NZZ schildert, konnten durch diese Initiative Sporttalente aus anderen Sportarten in die Leichtathletik transferiert werden, zum Beispiel den Ex-Fußballer Simon Ehammer. Vier der sechs Schweizer Medaillengewinner von München nahmen am UBS Kids Cup teil, da ist von den Medaillen bei Nachwuchseuropameisterschaften noch gar keine Rede. Passend dazu gab Swiss Athletics am vergangenen Wochenende bekannt, dass „der langjährige Partner“ UBS sein „umfassendes Engagement in der Schweizer Leichtathletik“ fortsetzt.

„Sternstunden unseres Sports“

Euphorisch ist natürlich auch Gastgeber Deutschland, das erstmals seit Helsinki 2012 den Medaillenspiegel für sich entscheiden konnte. Die Bilanz von sieben Gold-, sieben Silber- und zwei Bronzemedaillen ist die beste deutsche seit 24 Jahren. Das erfolgreiche Abschneiden kam nur einen Monat nach einem historischen Tief bei den Weltmeisterschaften in Eugene daher. Auch daher sagte Chef-Bundestrainerin Anett Stein bei der abschließenden Pressekonferenz in München: „Es waren sieben Tage, die uns allen gut getan haben. Ich bin stolz auf die Mannschaft, wie sie sich präsentiert haben.“ DLV-Präsident Jürgen Kessing schwärmte von diversen „Sternstunden unseres Sports“ und hielt fest: „Die Leichtathletik war die Lokomotive des Sommersports.“

© Thomas Niedermüller / Munich2022

Großbritannien, Deutschland und Norwegen mit zwei Lauf-Goldenen

Erfolgreichste Nation in den Laufdisziplinen war wenig überraschend das von seinen Stars Keely Hodgkinson und Laura Muir angeführte britische Team, das in zwölf Laufentscheidungen sieben Medaillen holte. Mit den Goldmedaillen von Richard Ringer im Marathon sowie Konstanze Klosterhalfen im 5.000m-Lauf sowie der Silbermedaille von Lea Meyer im 3.000m-Hindernislauf, in dem die frühere Medaillengarantin Gesa Krause fehlte, schnitt Deutschland bemerkenswert ab. Dazu kamen die Goldmedaille in der Nationenwertung des Marathons bei den Frauen und die Silberne bei den Männern. Auch Israel, Norwegen mit Doppel-Europameister Jakob Ingebrigtsen, Polen und Spanien gewannen drei Lauf-Medaillen, Italien mit 10.000m-Weltmeister Yemaneberhan Crippa sogar noch eine mehr.

Der Gastgeber der kommenden Europameisterschaften setzte in München den langjährigen Aufwärtstrend, der bei Nachwuchs-Kontinentalmeisterschaften bereits ziemlich sichtbar ist, fort, wenngleich das überdurchschnittliche Abschneiden bei den Olympischen Spielen nicht erreicht werden konnte. Die 142,5 Punkte für Platz drei im Placing Table hinter der stärksten Leichtathletik-Nation Europas, Großbritannien und Gastgeber Deutschland, bedeuten jedoch einen Allzeitrekord für das italienische Nationalteam, wie der nationale Verband festhielt. „Das Abschneiden in München ist ein starkes Anzeichen dafür, dass viele unserer jungen Athletinnen und Athleten in zwei Jahren große Protagonisten sein können“, freut sich Verbandspräsident Stefano Mei bereits auf die EM in zwei Jahren in Rom und zog eine „absolut positive Bilanz“ von München 2022. Die Medaillenausbeute von Berlin 2018 mit vier Bronzemedaillen wurde mit elfmal Edelmetall, darunter drei Goldenen, weit übertroffen. Die italienische Medaillenbilanz war nur 1990 in Split bei Europameisterschaften besser.

Auch Spanien, erstmals seit 2022 wieder unter den Top-Drei-Nationen im Medaillenspiegel, zog eine erfolgreiche EM-Bilanz.

Medaillenspiegel der zwölf Laufevents bei der EM 2022 (exklusive Marathon-Teamwertungen)
1. Großbritannien 2x Gold, 3x Silber und 2x Bronze = 7 Medaillen
2. Deutschland 2x Gold und 1x Silber = 3 Medaillen
2. Norwegen 2x Gold und 1x Silber = 3 Medaillen

4. Italien mit 1x Gold, 1x Silber und 2x Bronze = 4 Medaillen
5. Spanien mit 1x Gold, 1x Silber und 1x Bronze = 3 Medaillen
6. Türkei mit 1x Gold und 1x Silber = 2 Medaillen
7. Polen mit 1x Gold und 2x Bronze = 3 Medaillen
8. Albanien mit 1x Gold = 1 Medaille
8. Finnland mit 1x Gold = 1 Medaille
10. Israel mit 1x Silber und 2x Bronze = 3 Medaillen
11. Irland mit 1x Silber und 1x Bronze = 2 Medaillen
11. Frankreich mit 1x Silber und 1x Bronze = 2 Medaillen
13. Kroatien mit 1x Silber = 1 Medaille
14. Niederlande mit 1x Bronze = 1 Medaille

Multisport-Europameisterschaften 2022 in München

European Athletics