„So ein Gefühl habe ich noch nicht erlebt!“

Der 10.000m-Lauf in München produzierte für Andreas Vojta etliche der härtesten, langen Minuten seiner Karriere. Ein plötzlicher Einbruch brachte dem Routinier eine gänzlich neue Erfahrung und führte zu einem „katastrophalen“ Ergebnis, wie er im Gespräch mit RunAustria am Tag nach dem Wettkampf schilderte.

© ÖLV / Giancarlo Colombo

RunAustria: Zwischen deiner Zuversicht und deinem Selbstvertrauen, das ich aus unserem Gespräch am Freitag herausgehört habe, und deinem Wettkampfauftritt gestern ist ein großer Unterschied zu erkennen. Hast du, nachdem du einmal darüber geschlafen hat, Erklärungsansätze, warum es so gekommen ist?

Andreas Vojta: „Nein. Denn, was ich gestern erlebt habe, kenne ich auch nach 20 Jahren im Laufsport nicht. Klar ist es zügiger losgegangen als gedacht, aber dieses Gefühl, das ich nach drei Kilometern gespürt habe, ist in seinem Ausmaß mir unerklärlich. Ich war sogar an dem Punkt zu überlegen, wie ich überhaupt noch laufen kann. Ich habe nach vier Kilometer daran gedacht, eine Gerade lang zu gehen, um dann wieder leichtes Joggen aufzunehmen. Die Beine und die Hände waren unfassbar schwer. Natürlich habe ich auch schon schlechte Rennen erlebt, wo man eingeht, aber das ist normalerweise ein schleichender Prozess. Dieses Mal bin ich von einem Meter auf den anderen auf ein Tempo von 3:30 (Minuten pro Kilometer, Anm.) abgesackt und habe mich schlecht gefühlt. Später bin ich wieder ein bisschen ins Laufen gekommen und konnte mit einem deutschen Läufer mitlaufen, der mich überrundet hat.“

RunAustria-Lesetipp: Der RunAustria-Bericht des 10.000m-Laufs der Männer

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Nachdem dein Körper diesen Schockmoment erfahren hat – was ist dir da durch den Kopf gegangen?

„Es war mir halt sofort klar, dass heute nichts mehr geht. Es ging nur noch um Schadensbegrenzung. Ich habe nur noch überlegt, wie ich überhaupt weiter laufen kann. Nüchtern begutachtet muss man sagen, dass ich in diesem Moment aussteigen hätte müssen. Am meisten tut es mir für alle leid, die heute da waren, um mich zu unterstützen und sich das Rennen angeschaut haben. Denn mir ist diese Leistung natürlich peinlich.

Sicher war das Rennen von Beginn an flotter, als ich es erwartet hat. Aber bei einer Durchgangszeit von 8:15 Minuten nach drei Kilometer darf es mich nicht zerreißen! Im Augenblick ist es ein Rätselraten und ich werde in den nächsten Tagen in den Körper hineinfühlen, ob er irgendwelche Signale aussendet.“

Hast du Sorge, dass dieses EM-Abschneiden einen Rückschlag für dich in deinem Prozess Richtung Marathon bedeutet?

„Nein, das war ein einzelner Wettkampf. Es kommt vor, dass nicht alles planbar ist. Aber im Großen und Ganzen verändert dieses Rennen nichts an meinem Weg. Das Grundpotenzial bleibt gleich, ich weiß von meinen Trainingseinheiten als Referenz, dass ich eine Zeit von 28 Minuten drauf habe. Nach so einem Rennen klingt das natürlich etwas absurd: Aber ich hätte die Top-Ten nicht außer Reichweite gesehen, das sind Leute auf diesen Positionen ins Ziel gekommen, die ich schlagen kann. Ich bleibe optimistisch!“

Auch wenn der 10.000m-Lauf für dich eine Art Zwischenetappe war, hast du dich die ganze Saison gezielt auf diesen, deinen Saisonhöhepunkt vorbereitet. Hast du schon einen Plan, welche Wettkampfstarts deine nächsten sind?

„Dazu kann ich noch nichts sagen, außer dass ich in Brüssel einen Ein-Stunden-Lauf zum Saisonabschluss absolviere. Danach mache ich eine Pause und setze mich an eine sinnvolle Planung mit potenziellen Wettkampfzielen im November und Dezember.“

Vielen Dank für das Gespräch und gute Heimreise!

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