10.000m-Lauf der Männer, Vorschau: Routinier mit neuer Erfahrung

Zum sechsten Mal geht Andreas Vojta bei Freiluft-Europameisterschaften an den Start, zum ersten Mal über die längste der Bahndistanzen. In einem ausgeglichenen Feld hofft er, mit seiner Schnelligkeit auf dem letzten Kilometer punkten zu können.

Andreas Vojta beim Meeting in Graz 2021. © ÖLV / Alfred Nevsimal

Andreas Vojta (team2012.at) ist der Routinier im ÖLV-Team von München, aber er ist noch kein Routinier auf den 25 Stadionrunden. Dennoch weiß er, was am Sonntag zu tun ist. Die Devise lautet: „Keine Spielereien, ruhig laufen, mit der Energie haushalten und meine Schnelligkeit auf dem letzten Kilometer ausspielen, um einige Leute mit etwas besseren persönlichen Bestleistungen auszustechen.“

Form passt

Mit seiner Entry List Position liegt Vojta am Übergang vom zweiten ins dritte Drittel, doch der 33-Jährige erwartete ein Rennen, in dem das eine untergeordnete Rolle spielt. Denn, übrigens ganz im Gegensatz zum Frauenrennen, rechnet er mit einem Rennen mit einem kompakten Feld über eine lange Zeit des Wettkampfs. Denn erstens ist das Feld wesentlich größer als bei den Frauen, 32 Läufer (nicht alle werden starten, Anm.) konnten sich für ein Rennen qualifizieren, für das European Athletics sich das Ziel von 27 Startpositionen vorgestellt hätte. Und zweitens ist das Feld ausgeglichener, ein großer Teil liegt wie Vojta im Leistungsbereich von 27:50 bis 28:10 Minuten. „Mich würde es schon wundern, wenn einer der Favoriten früh Druck macht“, meint er. Das Risiko, dafür zu büßen, wäre zu groß. Demnach will er sich ins Feld reinhängen und so lang es geht in einer guten Gruppe mitlaufen, immer mit Kontakt zu den vorderen Plätzen. Die Entscheidung fiele dann in der Schlussphase. „Meine Form passt, ich traue mir einiges zu“, sagt Vojta.

Der 10.000m-Lauf mit Andreas Vojta wird am Sonntagabend um 20 Uhr live in ORF Sport+ übertragen.

Zielgerichtete Vorbereitung

Der Wettkampf am Sonntagabend ist der erste für den Niederösterreicher seit dem 2. Juli, eine unüblich lange Wettkampfpause mitten im Sommer, die nicht nur der EM-Vorbereitung, sondern auch der Meetingpause durch die Weltmeisterschaften geschuldet ist. Der Niederösterreicher nutzte die Zeitspanne für ein dreieinhalbwöchiges Trainingslager in der Höhe von St. Moritz. „Daher war mir der 5.000m-Lauf in Heusden-Zolder sehr wichtig, ansonsten wäre die Wettkampfpause nach dem Europacup Ende Mai wirklich sehr lange gewesen“, erklärt er. Nachteil sieht der 33-Jährige durch die fehlende Wettkampfpraxis in den letzten Wochen keinen, nicht nur aufgrund seiner Erfahrung und weil es eh die meisten betrifft: „Ich habe es lieber, wenn ich mich ruhig und zielgerichtet auf einen wichtigen Wettkampf vorbereiten kann.“

Beim Europacup in Frankreich hat Vojta mit einer Zeit von 28:06,88 Minuten die EM-Qualifikation geschafft, indem er das Limit von 28:15,00 Minuten deutlich unterboten hat. In Belgien holte er sich Selbstvertrauen mit einer Zeit von 13:27,96 Minuten über die halbe Distanz, aber insbesondere mit einem Schlusskilometer von 2:34 Minuten.

Höhentraining mit Tempoeinheiten im Tal

Auch wenn er sich die ersten Tage nach der Rückkehr aus St. Moritz in die Heimat etwas müde fühlte, was nicht unüblich ist, zieht Vojta ein positives Fazit des Höhentrainingslagers. „Ich habe die Zeit gut nützen, ruhig trainieren und alles nach Plan abspulen können“, berichtet er. „Sowohl im Wettkampf- als auch im Trainingstempo habe ich eine gute Schnelligkeit zeigen können, das könnte am Sonntag ein wichtiger Faktor sein.“ Vojta war natürlich nicht das erste Mal im Engadin, zum ersten Mal hat er St. Moritz aber zwischenzeitlich gezielt wieder verlassen. Für vier spezifische Trainingseinheiten hat er die Grenze nach Italien überquert. Rund 1.500 Höhenmeter tiefer in Chiavenna konnte er das geplante Wettkampftempo besser imitieren als in der Höhe der Schweizer Alpen. „Eine gute Basis in der Höhe und flotte Einheiten auf Normalniveau, wo auch sommerliche Temperaturen geherrscht haben“, fasst er zusammen. Einige gute Trainingseinheiten in der Heimat, kurz vor der heutigen Anreise nach München, fördern ebenso seinen Optimismus.

Laufen in einer sportaffinen Stadt

Erstmals seit der EM 2018 in Berlin, wo er über 5.000m 19. wurde, tritt Vojta vor so vielen Zuschauern an wie am Sonntag im Münchner Olympiastadion. Ein Fakt, der die Vorfreude vergrößert. „Es ist schon sehr beeindruckend, wie gut gefüllt das Olympiastadion an allen Tagen und selbst am Vormittag ist“, lobt er. „Das zeigt, dass Deutschland eine Sportnation und München eine sportaffine Stadt ist. Ich freue mich sehr, dass der 10.000m-Lauf am Schlusstag auf dem Programm steht. Das wird sicher eine geile Atmosphäre!“

10.000m-Lauf der Männer, Finale: Sonntag, 21. August um 20 Uhr
Europameister von 2018: Morhad Amdouni (Frankreich)
Top-EM-Teilnehmer bei der WM 2022: Isaac Kimeli (Belgien) als Zehnter
Rekord-Europameister: Ilmari Salminen (Finnland), Emil Zatopek (CSSR), Jürgen Haase (DDR), Mo Farah (Großbritannien), Polat Kemboi Arikan (Türkei) mit je zwei EM-Titel
EM-Rekord: Martti Vainio (Finnland) in 27:30,99 Minuten (Prag 1978)
Europäische Jahresbestleistung: Yemaneberhan Crippa (Italien) in 27:16,18 (London)
Favoriten: Yemaneberhan Crippa (Italien), Jimmy Gressier (Frankreich)
Teilnehmer aus Österreich: Andreas Vojta
Teilnehmer aus Deutschland: Filimon Abraham, Samuel Fitwi und Nils Voigt

Scott im Vorfeld nur über die halbe Distanz

Im Kampf um die Goldmedaille heben sich aus dem Feld drei Läufer mit ihren Bestleistungen ab. Der Italiener Yemaneberhan Crippa als Halter der europäischen Jahresbestleistung, der Franzose Jimmy Gressier, der den Europacup in Pacé nahe seiner Heimat mit einem eindrucksvollen Alleingang gewonnen hat, und der Brite Marc Scott, der allerdings heuer noch keinen 10.000m-Lauf bestritten hat. Zu den Favoriten zu zählen ist möglicherweise auch der Belgier Isaac Kimeli, der bei den Weltmeisterschaften in Eugene Zehnter war. Allerdings hinterließ er im 5.000m-Lauf keinen starken Eindruck, da er in der letzten Runde einbrach – kein Muntermacher für ein gutes 10.000m-Rennen. Neben Scott sind auch seine Landsleute Sam Atkin und Emile Cairess für Spitzenpositionen gut.

Der 28-jährige Scott, der in Oregon beim Bowerman Track Club unter der Leitung von Jerry Schumacher trainiert (Es ist noch nicht das Wettkampfjahr des Bowerman Track Club, Anm.), wurde zuletzt guter Vierter beim an der Spitze hervorragend besetzten 5.000m-Rennen bei den Commonwealth Games in Birmingham, davor war er WM-14. ebenfalls im 5.000m-Lauf. Er hat mit einer Zeit von 27:10,41 Minuten die schnellste Vorleistung im Feld, aufgestellt im Winter 2021 in Kalifornien. Abgesehen von dieser Leistung konnte er im 10.000m-Lauf noch nicht oft überzeugen, bei den Olympischen Spielen 2020 wurde er 20. Dafür hat er eine tolle Halbmarathon-Bestleistung von 1:00:39 Stunden.

Gressier im Clinch mit dem Verband

Crippa gewann 2018 in Berlin die Bronzemedaille hinter den mittlerweile in den Marathon gewechselten Morhad Amdouni und Bashir Abdi. Seine gute Verfassung untermalte er im 5.000m-Lauf am Dienstag, als er ebenfalls die Bronzemedaille gewann. Gressier lief vor drei Jahren zur Goldmedaille bei den U23-Europameisterschaften sowohl im 10.000m- als auch im 5.000m-Lauf und ist wie der Italiener ein ausgewiesen starker Crossläufer. Bei den Weltmeisterschaften war er hinter Kimeli knapp der zweitbeste Europäer.

Gressier hatte sich im Vorfeld mit dem französischen Verband angelegt, wie die Sportzeitung „L’Équipe“ berichtete. Denn der hatte von all den nominierten Sportlerinnen und Sportlern gefordert, bereits am 12. August nach München anzureisen. Gressier bat um eine Ausnahme, da sein Wettkampf erst am Schlusstag über die Bühne geht. Der Verband blockte ab, Gressier zeigte sich frustriert und sagte seinen Start beim Diamond-League-Meeting in Monaco ab, um sein Höhentrainingslager in Font-Romeu in den Pyrenäen doch nicht zu unterbrechen. „Mental ist es kompliziert, vor Ort damit umzugehen“, beklagte er die neuntägige Wartezeit in der bayrischen Landeshauptstadt.

Deutsche wollen in die Top-Ten

Gleich vier deutsche Läufer stehen in der offiziellen Startliste, nur drei dürfen starten. Dabei sind demnach wohl Samuel Fitwi, Filimon Abraham und Nils Voigt, die allesamt eine Platzierung im einstelligen Bereich im Fokus haben. Fitwi hat seit Anfang April keinen Wettkampf bestritten, Abraham war Siebter beim Europacup, Voigt Neunter.

Multisport-Europameisterschaften 2022 in München

European Athletics