5.000m-Lauf der Männer, Vorschau: Kann Katir Ingebrigtsen fordern?

Jakob Ingebrigtsen hat am heutigen Abend die Chance, binnen vier Wochen Welt- und Europameister im 5.000m-Lauf zu werden. Auch wenn es schwierig vorstellbar zu sein scheint, wie der Norweger seinen Titel in München nicht verteidigen sollte – die Konkurrenz ist angeführt von Mohamed Katir nicht schlecht.

© Tom Kirkpatrick / BMW Group / Munich 2022

Wer sollte angesichts der Eindrücke und Erinnerungen an Jakob Ingebrigtsens erstem WM-Titel seiner Karriere in Eugene noch daran zweifeln, dass der Beste der Welt auch der Beste Europas ist? Vor allem die Art und Weise, wie der Skandinavier am Hayward Field die Afrikaner abkochte und letztlich überlegen den WM-Titel in jener Disziplin gewann, die eigentlich nur seine zweitbeste ist, hinterließ anderswo Staunen. Nicht im Selbstverständnis des 21-Jährigen, der auch zwei EM-Titel fix in seiner Planung hat. Die erste Chance hat er heute Abend, die zweite am Donnerstagabend im Finale über 1.500m, für das er sich am gestrigen Tag locker qualifiziert hat (siehe RunAustria-Bericht).

RunAustria-TV-Tipp: Der 5.000m-Lauf der Männer wird am Dienstag, 16. Mai um 21:08 Uhr live auf ORF Sport+ übertragen.

Mit seinem einzigen 5.000m-Lauf vor der WM führt Jakob Ingebrigtsen die europäische Jahresbestleistung an. In einer Zeit von 12:48,45 Minuten hält der Norweger seit einem Jahr den Europarekord über diese Distanz. Und dennoch hat er in München einen Kontrahenten, der zwar wesentlich weniger Titel gewonnen hat, nämlich keinen, aber dennoch schon oft nicht weit vom Niveau Ingebrigtsens weg war. Mohamed Katir war bei Ingebrigtsens Europarekordlauf in Florenz 2021 nur um gut zwei Sekunden langsamer und auch im 1.500m-Lauf ist der 24-jährige Spanier beachtlich nahe dran am Europarekord des Norwegers. In Eugene gewann Katir die Bronzemedaille im 1.500m-Lauf unmittelbar hinter dem von Jake Wightman besiegten Ingebrigtsen, das war bisher der größte Erfolg für den in Marokko geborenen Iberers.

In der spanischen Öffentlichkeit freut man sich auf das Duell und stilisiert es augenscheinlich hoch. Die Tageszeitung „El Mundo“ fand epische Formulierungen: „Wenn Katir, der in Marokko geboren wurde, seit seinem fünften Lebensjahr in Spanien aufgewachsen ist, die Genetik seiner mächtigen Abstammung auf der anderen Seite der Meerenge verkörpert, so repräsentiert Ingebritgsen das europäische Wiederaufleben der alten Zeit, die seit den 90er Jahren durch die afrikanische Dominanz beendet war.“

5.000m-Lauf der Männer, Finale: Dienstag, 16. August um 21:08 Uhr
Titelverteidiger: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen)
Weltmeister 2022: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen)
Rekord-Europameister: Mo Farah (Großbritannien) mit drei EM-Titel
Erfolgreichste Nation: Großbritannien mit acht Gold-, vier Silber- und fünf Bronzemedaillen
EM-Rekord: Jack Buckner (Großbritannien) in 13:10,15 Minuten (Stuttgart 1986)
Europäische Jahresbestleistung: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen) in 13:02,03 Minuten (San Juan Capistrano)
Favorit: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen)
Teilnehmer aus Deutschland: Davor Aaron Bienenfeld, Mohamed Mohumed, Sam Parsons
Teilnehmer aus der Schweiz: Jonas Raess

Erste EM ohne Trainervater – das Ende der Familienidylle

In München wird Jakob Ingebrigtsen wie schon bei der WM in Eugene von seinem Bruder Henrik offiziell betreut, beide reisten gemeinsam am Montagmorgen aus dem Höhentrainingslager in St. Moritz nach München, rechtzeitig für den Vorlauf-Einsatz über 1.500m. In Eugene brachte die neue Konstellation des autodidaktischen Trainings der Ingebrigtsen-Brüder große Erfolge, mit WM-Gold und WM-Silber für den Jüngsten der drei. Seit einigen Monaten wird Jakob nämlich nicht mehr von Vater Gjert trainiert, der auch nicht in Eugene weilte.

Die schwedische Tageszeitung „Express“ veröffentlichte heute Morgen einen Artikel, der skizzierte, dass die Trennung doch nicht so harmonisch von statten ging. Bisher war man davon ausgegangen, dass Gjert aus gesundheitlichen Gründen die Trainerarbeit seiner Söhne beendet hat. Die schwedische Zeitung spricht aber unter Berufung eines Artikels, der im Juli in der New York Times erschienen ist, und Informationen aus norwegischen Medien von einer Trennung, die von den Athleten ausgegangen ist. Gjert sei vor Wettkämpfen oft nervös gewesen und diese Nervosität hätte auf sein Umfeld ausgestrahlt, außerdem sei sie oft in Wutanfällen gemündet. Der Vater habe letztens in einem TV-Interview gesagt, dass er momentan auch privat nur sporadischen Kontakt zu seinen Söhnen habe – die früher oft skizzierte Familienidylle ist also längst vorbei.

Gjert Ingebrigtsen hoffte in dem besagten Interview, dass die Zeit die Wunden heilen würde. „Ich respektiere, dass meine Kinder ihre eigenen Entscheidungen treffen. Ich hatte das Privileg, so viel Zeit mit ihnen zu verbringen“, zitierte die „Expressen“ ihn. Kurioserweise ist Gjert als Betreuer des zweiten norwegischen 1.500m-Läufers Narve Gilje Nordas in München vor Ort, Kontakt gebe es keine, hatte Jakob energisch angekündigt (Quelle: Expressen)

Mohumed nicht in Top-Verfassung

Gerne hätte auch Mohamed Mohumed in München um eine Medaille gekämpft. Sein Auftreten im 1.500m-Vorlauf enttarnte aber eine erschreckende Verfassung, die ihn öffentlich zweifeln ließ, ob ein Antreten im 5.000m-Lauf überhaupt sinnvoll sei. „Es ist leider alles so, wie es ist. Ich muss das jetzt aufarbeiten“, wird der 23-Jährige im „Stern“ zitiert, Vermutungen Richtung eines nicht definierten gesundheitlichen Problems lenkend, mit dem sein Immunsystem beschäftigt sei. Bei der WM in Eugene hatte er sich nach einem positiven COVID-19-Tests seines Trainers unwohl gefühlt, selbst aber keinen positiven Test abgegeben.

Großer Kreis der Medaillenanwärter

Der Kreis der Medaillenanwärter ist auch ohne den Deutschem, offensichtlich weit weg von seiner Topform, groß. Der Italiener Yemaneberhan Crippa empfahl sich mit einem Europarekord im 5km-Straßenlauf und ließ nach zwei extensiven Trainingslagern auf afrikanischem Boden in Kenia und Marokko die Weltmeisterschaften unfreiwillig aufgrund einer Verletzung aus, meldete sich für seinen Doppelstart in München aber rechtzeitig fit. „Ich habe eine Chance auf zwei Medaillen“, wird der 25-Jährige auf der Website des Italienischen Leichtathletik-Verbandes (FIDAL) zitiert und berichtet von gelungenen Trainingseinheiten in St. Moritz. Die bessere seiner beiden Chancen sieht er allerdings im 10.000m-Lauf, wo er Italiener vor vier Jahren Bronze gewonnen hat. Seither hat sich aber kräftig weiterentwickelt und in der Zwischenzeit diverse italienische Rekorde gebrochen.

Isaac Kimeli hat seine Medaillenqualität schon einige Male unter Beweis gestellt, 2018 im Crosslauf als Zweiter und 2021 ebenfalls als Zweiter über 3.000m unter dem Hallendach. Sam Atkin führt in Abwesenheit Marc Scotts, dem Vierten bei den Commonwealth Games, das britische Aufgebot an und auch dem spanischen Routinier Adel Mechaal, Vize-Europameisterin 2016, ist das Potenzial einer Medaille zuzusprechen, auch wenn seine Freiluftsaison bis dato wenig erfolgreich war. Bei der WM flog der 31-Jährige hochkantig bereits im Vorlauf raus.

Comeback von Jonas Raess

Eine schwierige Aufgabe wird der 5.000m-Lauf für Jonas Raess, der Schweizer kehrt direkt aus einer Verletzungspause zurück. Das deutsche Trio komplettieren Davor Aaron Bienenfeld und Sam Parsons, der trotz seiner überraschenden Qualifikation für das WM-Finale in Eugene bei den Europameisterschaften nur Außenseiter ist, auch wenn er als Europaranglisten-Siebter gut platziert ist. Die Qualität des Finals liest sich übrigens auch von der Europarangliste ab. Ausgenommen Scott, der als Dritter verzichtet, sind alle aus den Top-Zwölf in München am Start – einem packenden 5.000m-Lauf steht also nichts im Weg.

Kleine Randnotiz, um die Favoritenstellung Ingebrigtsens zu untermalen. Dessen Vorsprung in der Europarangliste auf den zweitplatzierten Adel Mechaal ist mit 122 Punkten so groß wie der Abstand zwischen dem Zweitplatzierten und Position 28.

Multisport-Europameisterschaften 2022 in München

European Athletics