Sternstunde für Richard Ringer bei Heimspiel in München

Mit dem Schlussspurt eines Bahnläufers schnappte Richard Ringer dem Israeli Maru Tefari die sicher geglaubte Goldmedaille förmlich vom Hals. Dank einer taktisch perfekten Leistung und eines traumhaften Finals sorgte der Deutsche mit seinem Heimsieg für grandiose Stimmung am Odeonsplatz und trug sich als erster deutscher Marathon-Europameister in die Geschichte ein. Bitter verlief das Finale für den deutschen Rekordhalter Amanal Petros, der auf den letzten paar Hundert Metern auf den unbeliebten vierten Platz zurückfiel. Das dramatische Finale brachte zwei israelische Einzelmedaillen, das starke israelische Team holte sich in Überlegenheit die Goldmedaille in der Nationenwertung vor Deutschland und Spanien.

© Marc Müller / Munich2022

Die Euphorie auf der einen und das Drama auf der anderen Seite hätte auf der schier ewig langen Zielgeraden, unterbrochen nur durch einen leichten Halbkreis rund um das Siegestor, kaum emotional unterschiedlicher sein können als die Geschichten der beiden Deutschen Richard Ringer und Amanal Petros. Die Mittagssonne frontal im Gesicht, das Zieltransparent so ewig lange im Blick und so langsam näherkommend sowie die finalen Restenergien, die in einen spannenden letzten Kilometer gelegt wurden. Wie bereits in der vorentscheidenden Phase ab Kilometer 30 änderten sich die Positionen bis zum Zielstrich laufend. Hauptdarsteller waren neben den beiden Deutschen zwei Israelis. In die Hauptrolle des großen Helden des Tages begab sich Richard Ringer mit einem furiosen Finish, das sein trotz der hohen Anstrengung augenscheinlich glücklich gestimmter Gesichtsausdruck rückblickend irgendwie ankündigte. „Jeder Marathon ist eine Wundertüte. Nun bin ich Europameister!“, jubelte der 33-Jährige im Ziel. Nie zuvor hatte ein deutscher Marathonläufer EM-Gold gewonnen, die letzte deutsche EM-Marathonmedaille geht auf Herbert Steffny im Jahr 1986 zurück. Die Statistik registrierte eine Siegerzeit von 2:10:21 Stunden, schneller war trotz der nicht einfachen Bedingungen in München erst ein Europameister: Ringers Vorgänger Koen Naert.

In die Rolle des tragischen Helden wurde sein Landsmann Amanal Petros gedrängt, der nach einer Beschleunigung des Israelis Maru Teferi alles auf eine Karte setzte und mit der Hoffnung, Heim-Europameister zu werden, mitging. Doch wenige Hundert Meter vor dem Ziel verließ dem nationalen Rekordhalter die Energie und er fiel vom zweiten Platz an den Fersen Teferis zurück auf den vierten Platz hinter Gashau Ayale. Dass er sich aktiv an den Feierlichkeiten des Helden des Tages, umringt vom begeisterten Publikum, beteiligte, ehrt den gebürtigen Eritreer.

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Überraschungssieg durch Lisowska – Gold für deutsches Team

Grandioses Finale

Auf der Busspur, kraft seiner Beinmuskulatur, flog Richard Ringer von hinter heran und schnappte sich bei immer lauter werdenden Anfeuerungen aus dem Zielraum tatsächlich noch den bis ein paar Dutzend Meter vor der Ziellinie führenden Maru Teferi. Er zog rechts vorbei und ließ den Israeli förmlich links liegen. „Ehrlich gesagt, ich habe ihn gar nicht kommen sehen“, sagte der Silbermedaillengewinner später, der mit dem zweiten Platz aber zufrieden wirkte. Wenige Sekunden zuvor gab es im Gesicht des seit 2006 in Israel lebenden, gebürtigen Äthiopiers kein Anzeichen dafür, dass der Sieg ihm noch zu nehmen wäre. Doch mit dem furiosen Finish des Deutschen war auch nur deshalb zu rechnen, weil dieser auf eine breite Vergangenheit auf Bahndistanzen zurückblicken kann. Am Ende machten zwei Sekunden den Unterschied zwischen den beiden.

Über seine ehemalige Spezialdisziplin, dem 5.000m-Lauf, war Ringer vor sechs Jahren in einen der denkwürdigsten Endspurts aller Zeiten involviert. In Amsterdam rasten drei Läufer zeitgleich über die Ziellinie, Ringer wurde vom Fotofinish auf den Bronzemedaillen-Platz gesetzt, der Viertplatzierte kam nur eine Hundertstelsekunde, es waren eigentlich wenige Tausendstelsekunden, zu spät. Sechs Jahre nach seiner bisher einzigen EM-Medaille ist der Marathon längst die Spezialdisziplin des 33-Jährigen, der seit kurzer Zeit unter der Führung von Tim Moriau trainiert, der einen Teil der belgischen Laufelite unter seinen Fittichen hat. „Mein Umfeld, meine Freunde, sie alle haben mir heute Flügel verliehen. Ich habe während des Laufs an alle gedacht. Und die Zuschauer haben enorm unterstützt, das war eine große Hilfe“, bedankte sich Ringer in der Stunde seines mit Abstand größten Karriereerfolgs.

Ergebnis EM-Marathon der Männer in München 2022
Gold: Richard Ringer (Deutschland) 2:10:21 Stunden
Silber: Maru Teferi (Israel) 2:10:23 Stunden
Bronze: Gashau Ayale (Israel) 2:10:29 Stunden

 
4. Amanal Petros (Deutschland) 2:10:39 Stunden
5. Nicolas Navarro (Frankreich) 2:10:41 Stunden
6. Ayad Lamdassem (Spanien) 2:10:52 Stunden
7. Yimer Getahun (Israel) 2:10:56 Stunden
8. Koen Naert (Belgien) 2:11:28 Stunden
9. Girmaw Amare (Israel) 2:11:32 Stunden
10. Michael Gras (Frankreich) 2:12:39 Stunden
11. Tiidrek Nurme (Estland) 2:12:46 Stunden
12. Jorge Blanco (Spanien) 2:13:18 Stunden
13. Daniele Meucci (Italien) 2:14:22 Stunden
14. Daniel Mateo (Spanien) 2:14:34 Stunden
15. Yago Rojo (Spanien) 2:14:41 Stunden
16. Johannes Motschmann (Deutschland) 2:14:52 Stunden
17. Philip Sesemann (Großbritannien) 2:15:17 Stunden
18. Adam Nowicki (Polen) 2:15:21 Stunden
19. Iliass Aouani (Italien) 2:15:34 Stunden
20. Rui Pinto (Portugal) 2:15:43 Stunden

23. Adrian Lehmann (Schweiz) 2:15:57 Stunden
24. Hendrik Pfeiffer (Deutschland) 2:16:04 Stunden
25. Konstantin Wedel (Deutschland) 2:16:09 Stunden
37. Patrik Wägeli (Schweiz) 2:18:46 Stunden
50. Simon Boch (Deutschland) 2:21:39 Stunden
DNF Julian Lyon (Schweiz)
DNF Polat Kemboi Arikan (Türkei)
DNF Samuel Tsegay (Schweden)

Israels Erfolg in Gedenken an den Anschlag von 1972

Die Silbermedaille des israelischen Marathon-Rekordhalters, der von Dan Salpeter, dem bekanntesten Trainer des israelischen Laufsports, betreut wird, ist deswegen sensationell, weil er erst 29 Tage vor dem EM-Marathon den WM-Marathon von Eugene bestritten hat und dort als Elfter ebenfalls eine Spitzenplatzierung erzielt hat. Ein Jahr zuvor war er Olympia-13. im Marathon. Gemeinsam mit Bronzemedaillengewinner Gashau Ayale feierten die Israelis die ersten Marathon-EM-Medaillen ihrer Leichtathletik-Historie. „Wir sind sehr gut vorbereitet aus dem Teamcamp hierhergekommen. In der Vorbereitung haben wir jedes kleine Detail fokussiert, das ist das Ergebnis davon. Ich könnte nicht glücklicher sein, das Ergebnis heute ist eine gewaltige Teamleistung“, sagte der 25-jährige Ayale. Mit den beiden Medaillengewinnern und den Rängen sieben für Yimer Getahun sowie neun für Girmaw Amare war Israel auch der verdiente Team-Europameister, für dessen Wertung die drei besten Zeiten pro Nation berücksichtigt wurden. Mit einer Zeit von 6:31:48 Stunden hatte Israel am Ende vier Minuten Vorsprung auf das deutsche Team, für das neben Europameister Ringer und Petros Johannes Motschmann (16.) die drittbeste Leistung lieferte, und sieben Minuten Vorsprung auf das spanische.

Für die Israelis war dieser Erfolg in München einer mit besonderer historischer Bedeutung. 50 Jahre nach dem tragischen Anschlag auf das israelische Team, ein schwarzer Fleck in der Olympischen Geschichte, sind die Scheinwerfer dieses Mal auf die sportlichen Erfolge gelenkt. „Aufgrund dieses tragischen Ereignisses vor 50 Jahren ist das ein spezieller Erfolg für uns. Ich möchte diese Medaille allen Familien der Opfer widmen. Als wir gehört haben, dass die Europameisterschaften in München stattfinden werden, war es uns ein tiefes Anliegen, hier den Hinterbliebenen der Opfer diese Ehre zu schenken“, sagte Teferi.

Richard Ringers Halbmarathon-Splits: 1:05:18 / 1:05:03 Stunden
Richard Ringers 5km-Teilzeiten: 15:23 / 15:19 / 15:42 / 15:23 / 15:29 / 15:30 / 15:53 / 15:09 / 6:33 (2,195 km) Minuten

Flotter Beginn unter der Wolkendecke

Zwar waren die Bedingungen für den Marathonlauf der Männer besser als vor wenigen Tagen noch befürchtet, doch durch die um eine Stunde spätere Startzeit im Vergleich zu den Frauen öffnete sich die Wolkendecke, die Schutz vor der Sonneneinstrahlung bot, bei den Männern wesentlich früher in deren Rennverlauf. Es war bereits nach einem Drittel der Fall und zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich schon ein flottes Rennen ab. Der Italiener Iliass Aouani, als Zweijähriger mit seiner Familie aus Marokko immigriert, sorgte für das Tempo und führte das Feld zu Zwischenzeiten von 15:22 Minuten nach fünf sowie 30:40 Minuten nach zehn Kilometern. 29 Läufer umfasste die Spitzengruppe zu diesem Zeitpunkt, aus dem mit Hendrik Pfeiffer, Johannes Motschmann, Konstantin Wedel und Simon Boch bereits vier Deutsche herausgefallen waren. Vorne setzte sich der zweifache 10.000m-Europameister Polat Kemboi Arikan aus der Türkei an die Spitze, während mit dem erst vor kurzem nach Schweden eingebürgerten Samuel Tsegay der erste der Medaillenkandidaten die Segel strich.

Lamdassems Attacke als Initialzündung für großes Finale

Die anderen beiden Lokalmatadoren Petros und Ringer spielten eine aktive Rolle ganz vorne, Aouani diktierte phasenweise wieder das Rennen und erreichte die Halbmarathon-Zwischenzeit als Erster in 1:05:16 Stunden. Noch immer war die Spitzengruppe mit gut 20 Athleten groß. Kurz nach der Zwischenzeit bei Kilometer 30, die die Gruppe in einer Zeit von 1:32:45 Stunden passierte – die 5km-Splits waren zu Rennmitte extrem regelmäßig, fiel Aouani zurück und wenig später auch sein Landsmann und Ex-Europameister Daniele Meucci, der einige Minuten an der Spitze gelaufen war. Die Israelis, die sich bis dato vornehm zurückgehalten hatten, wurden initiativer. Nach 36 Kilometern beschleunigte der spanische Routinier Ayad Lamdassem, der aufgrund seines spanischen Rekords beim diesjährigen Sevilla Marathon als einer der heißesten Aktien gehandelt wurde. Die Attacke des 40-Jährigen eröffnete ein hochspannendes Finale, in dem er selbst allerdings keine Hauptrolle übernehmen konnte. Er wurde am Ende Sechster.

Amanel Petros konnte binnen etwa 40 Sekunden die Lücke zu Lamdassem schließen, an seinen Fersen geheftet agierte Ayale. Es folgte eine wilde Phase, die Spitzengruppe zersplitterte in mehrere Grüppchen, das Feld sortierte sich neu. Etwa lief Richard Ringer einige Minuten lang einige Sekunden hinter der Spitze und schaffte kurz vor Kilometer 39 wieder den Anschluss, genauso wie Teferi – also die beiden, die die Schlussphase des Rennens bestimmen sollten. Auch der zwischenzeitlich abgehängte Nicholas Navarro aus Frankreich, am Ende Fünfter, kam zurück in die Spitzengruppe, während Lamdassem und Europameister Koen Naert zurückfielen. Der Belgier verfehlte eine Titelverteidigung und musste schlussendlich mit Position acht Vorlieb nehmen.

Nationenwertung (drei beste Leistungen addiert)
Gold: Israel 6:31:48 Stunden
Silber: Deutschland 6:35:52 Stunden
Bronze: Spanien 6:38:44 Stunden

 
4. Frankreich 6:39:08 Stunden
5. Italien 6:45:51 Stunden
6. Estland 6:50:11 Stunden
7. Großbritannien 6:51:14 Stunden
8. Schweden 6:51:47 Stunden
9. Portugal 6:55:08 Stunden
10. Polen 6:58:43 Stunden

Inspiration durch den Teamspirit

Als Ringer, der in dieser Phase vom Gedanken an eine Teammedaille inspiriert wurde („Ich hätte nie gedacht, dass dieser Teamspirit so stark sein könnte, dass er in einer Individualsportart so starke Motivation in einer schwierigen Phase entfacht, in der man einfach nur die Schmerzen fühlt.“) die Spitze erreichte, ging er sofort in die Offensive über. Bei der Zwischenzeit bei Kilometer 40, die nach dem schnellsten Teilstück des Rennens in einer Zeit von 2:03:48 Stunden erreicht war, führte er vor Lamdassem, Ayale, Petros und Teferi. Der Spanier verlor wenig später entscheidende Meter, auf der ewig langen Zielgerade hin zum Odeonsplatz war nun im Spitzenquartett jeder sich selbst überlassen und jeder versuchte alles, was er noch im Tank hatte, herauszuholen. Teferi übernahm die Spitze, Petros ging in seinem Windschatten mit. Doch ein mehrmaliger Blick auf sein Handgelenk versprach nichts Gutes, der deutsche Rekordhalter war am absoluten Limit, die Ziellinie aber noch ein paar Hundert Meter entfernt. „Ich glaube, ich habe das Rennen zu aufgeregt bestritten. Ich habe zu viel Kraft in Arbeit investiert, das passiert in einem Wettkampf“, analysierte Petros, der ob der „Blechernen“ nicht zu traurig sein wollte. „Ich bin super zufrieden, der vierte Platz ist stark – und die Silbermedaille im Team sowieso“, betonte der 27-Jährige. Auch in Sapporo war er übrigens bis ganz kurz vor Schluss der beste Deutsche im Ranking, bis ihn Richard Ringer doch noch überholte.

Am Siegestor warf der künftige Europameister seine Kappe, die davor Kühlfunktion übernahm, ins Publikum, der Schweiß tropfte nun von der Stirn eines jeden Athleten. Die ansteigenden Temperaturen und die nun gnadenlose Frontaleinstrahlung der Spätsommersonne über München machte dieses Finale zu einem besonders schwierigen. Das Überholmanöver gegen seinen Landsmann war kurz und schmerzlos. Während Petros auch Ayale nicht hinter sich halten konnte, wendete Ringer mit den allerletzten Atemzügen dieses Marathons noch das Blatt im Kampf um Gold. Auch, weil er mit der Hitze umgehen konnte. „Sie war heute kein Problem für mich. Früher, als ich regelmäßig in St. Moritz trainiert habe, habe ich mich nie an hohe Temperaturen gewöhnen können. Aber dieses Mal war ich in den USA bei regelmäßig 28°C im Trainingscamp.“

© Thomas Niedermueller / Munich2022

Traumhafter Auftakt für Gastgeber Deutschland

62 der 79 gestarteten Athleten erreichten die Ziellinie nach 42,195 Kilometern, verteilt auf vier Runden durch München, elf Teams kamen in die Nationenwertung. Dort landete übrigens Estland vor dem britischen Team, das allerdings nach den Weltmeisterschaften und den Commonwealth Games bei weitem nicht in Bestbesetzung angetreten war. Etwas enttäuschend schnitten die stark eingeschätzten Franzosen als Vierte ab, den Italienern auf Rang fünf fehlte schlussendlich ein dritter Mann im Spitzenfeld. Nach dem Aus für Julien Lyon kam die Schweiz nicht in die Wertung. Bester Schweizer in der Einzelwertung war Adrian Lehmann in 2:15:57 Stunden auf Rang 23, das eidgenössische Trio hatte sich früh weit hinten eingeordnet, Lehmann kam im Finale noch einige Positionen nach vorne.

Der Auftakt in die Europameisterschaften 2022 mit den stimmungsvollen EM-Marathons zu den Mittagsstunden in der Münchner Innenstadt, die ohne auf eine Hitzeschlacht zurückzuführendes Drama und Leid auskamen, ist gelungen. Gastgeber Deutschland erwischte mit den Goldmedaillen von Richard Ringer und des Frauenteams sowie der Silbermedaille des Männerteams einen Traumstart, mit zwei vierten Plätzen liegt der Gastgeber auch in der Liste der „Unglücklichen“ gleich deutlich in Führung. Ob Position eins im Medaillenspiegel bis zum Ende der Heim-EM hält, weisen die nächsten Tage – an schlechter Stimmung nach den Auftaktstunden dürfte es keinesfalls scheitern.

Multisport-Europameisterschaften 2022 in München

European Athletics