Vorschau EM-Marathons: Deutsche Teams mit Medaillenhoffnungen

Die EM-Marathons versprechen Spektakel im Zentrum, eine prächtige Kulisse und eine hervorragende Präsentation der Stadt München. Fragezeichen ergeben sich aufgrund der athletenfeindlichen Startzeit zur Mittagszeit, die wütende Proteste hervorgerufen hat. Leider gehen beide Entscheidungen ohne rot-weiß-rote Beteiligung über die Bühne.

Amanal Petros beim Olympischen Marathon in Sapporo. © SIP / Johannes Langer

Marathonläufe bei einem Sportgroßereignis sind touristische Highlights, weil sie einen Scheinwerfer erlauben, den sonst kaum eine Sportart in ihrer Präsentation realisieren kann. Man erinnere sich an die Schönheiten Rio de Janeiros abseits der Christus-Statue, die 2016 bei den Marathonläufen ins Bild gerückt sind, als die Läuferfelder ins Museumsviertel am Hafen einbogen. Oder an das Straßenfest beim WM-Marathon in Berlin 2009, oder den WM-Marathon 2017 auf dem Rundkurs mitten in London. Auch München stellt sich am Marathontag ins internationale Schaufenster. Mit Start und Ziel am Odensplatz und nach der Einstimmung auf einer Startschleife werden die Läuferinnen und Läufer viermal eine zehn Kilometer lange Runde durch die Münchner Innenstadt absolvieren, die zahlreiche Sehenswürdigkeiten direkt passiert: Frauenkirche, Marienplatz, Viktualienmarkt, Gärtnerplatz, Isartor, Eisbachwelle, Friedensengel, Englischer Garten und Siegestor. Zigtausende Marathonfans, Stadtbewohner und Passanten werden die Läuferinnen und Läufer anfeuern, so die berechtigten Hoffnungen der Veranstalter.

RunAustria-TV-Tipp: Die Marathonläufe werden im Zuge der Übertragung der Vormittagssession im ORF Sport+ live gesendet.

Risiko der Hitzeschlacht

Vielleicht ist dieser Vorzug des Marathons in diesem Fall treibende Kraft für eine förmlich fatale Entscheidung. Die Wahl der Startzeiten 10:30 Uhr für die Frauen und 11:30 Uhr für die Männer ist entgegen der Natur dieser Sportart. In Athleten- und Leichtathletik-Kreisen gibt es kaum jemanden, der diese Entscheidung gutheißt. Insbesondere die Opfer, nämlich die Athletinnen und Athleten, die am Montag bei wohl sommerlichen Bedingungen (wie schlimm es schließlich wird, ist noch prognostisch noch offen), haben bereits vor Monaten gewütet und ihren Protest vor wenigen Tagen noch einmal offensiv wiederholt. RunAustria widmet dem Thema Marathonlaufen bei Hitze angesichts des aktuellen Kontexts einen eigenen Beitrag. Dem Veranstalter bietet sich ein zuschauerattraktives Zeitfenster, an einem Feiertag zur Blüte des Stadtlebens. Dass Marathonläufer eher um 6:15 Uhr (liebe Grüße an die WM in Eugene mit zwei deutlichen Meisterschaftsrekorden) an das individuelle Leistungsmaximum heranlaufen können als um 11:30 Uhr, war als Argument augenscheinlich nicht wichtig genug.

RunAustria-Lesetipp: Die Startzeiten als hartnäckiger Kritikpunkt

Furcht vor und Ärger über die Hitze

Und so bleibt die Erkenntnis: Bei der Vergabe der Medaillen haben jene einen Vorteil, die zusätzlich zu ihrem Leistungsniveau auch die Bedingungen gut handeln können und den richtigen taktischen Griff für ungewohnte Umstände finden. Es ist eine spezielle Herausforderung.

Marathon der Frauen, Finale: Montag, 15. August um 10:30 Uhr
Europameisterin 2018: Volha Mazuronak (Weißrussland)
Rekord-Europameisterin: Rosa Mota (Portugal) mit drei EM-Titel
Erfolgreichste Nation: Portugal mit fünf Goldmedaillen und einer Bronzemedaille
EM-Rekord: Christelle Daunay (Frankreich) in 2:25:14 Stunden (Zürich 2014)
Europäische Jahresbestleistung: Joan Melly (Rumänien) in 2:18:04 Stunden (Seoul) *
Favoritin: Nienke Brinkman (Niederlande)
Teilnehmerinnen aus Deutschland: Miriam Dattke, Domenika Mayer, Kristina Hendel, Deborah Schöneborn, Rabea Schöneborn und Katharina Steinruck
Teilnehmerin aus der Schweiz: Fabienne Schlumpf

* aufgrund eines kurzfristigen Nationenwechsels bei internationalen Meisterschaften nicht startberechtigt.

Die Quereinsteigerin mit Riesenpotenzial

Bei den Frauen, die ziemlich genau am Ende der Mittagsstunde ins Ziel laufen werden, gibt es klare Favoritenstellungen. Laut statistischen Vorleistungen ist die Holländerin Nienke Brinkman die Läuferin, die es in der Einzelwertung zu schlagen gibt. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Vorgeschichte (erzählt im RunAustria-Bericht über den Rotterdam Marathon, bei dem sie einen holländischen Rekord von 2:22:51 Stunden aufstellte) kann man ihr die nötige Resilienz für einen schwierigen Marathon im Sommer nahelegen. Die ehemalige Hockeyspielerin und Geophysik-Studentin an der ETH in Zürich und heutige Seismologin für die NASA liebt lange Trailläufe auch im Sommer. Im Team von Jos Hermens, dem sie seit ihrem Durchbruch beim Valencia Marathon 2021 angehört, wird sie professionell betreut. Ist sie fit und kommt sie mit den Bedingungen zurecht, hat in München keine Kontrahentin das Leistungsniveau der 28-jährigen Quereinsteigerin.

Ebenso deutlich ist die Favoritenstellung des deutschen Marathonteams für die Nationenwertung und das trotz der Absage ihrer besten, Melat Kejeta. Die Olympia-Sechste ist schwanger und hat somit ihre Karriere unterbrochen. Doch mit Miriam Dattke und der deutschen Meisterin Domenika Mayer, zeitgleich auf den Rängen zwei und drei der Reihung nach im laufenden Kalenderjahr erzielten Marathonzeiten hinter Brinkman, Kristina Hendel, die nach Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft im vergangenen Jahr auch die rechtzeitige Genehmigung von World Athletics für den Vollzug des Nationenwechsels erhalten hat, den Schöneborn-Zwillingen Deborah und Rabea sowie Katharina Steinruck, die die beste persönliche Bestleistung des deutschen Sextetts hat (2:25:59), ist der DLV gut gerüstet für die Nationenwertung, in der die Top-Drei gewertet werden. Selbst wenn der Start von Steinruck noch nicht fix ist, sie könnte aus klimatischen Gründen dem am selben Tag stattfindenden 10.000m-Lauf den Vorzug geben. Mit dieser Ausgangsposition ist eine deutsche Einzelmedaille – es wäre die erste seit dem EM-Titel durch Ulrike Maisch 2006 in Göteborg – keinesfalls ausgeschlossen, sondern absolut realistisch.

Schlumpf nach Vollbremsung ihrer Karriere mit Comeback

Der Kampf um die Medaillen hinter der klaren Favoritin könnte eng und daher spannend verlaufen, die Liste der Anwärterinnen ist aber relativ klein, wenngleich schwierige Bedingungen das Potenzial für Überraschungen erhöhen könnten. Das Rüstzug für Edelmetall hat auch die Schweizerin Fabienne Schlumpf, Olympia-Zwölfte von Sapporo unter schwierigsten Bedingungen und Vierte des Vienna City Marathon 2021 wenige Wochen später, die aber nach einer schweren Herzmuskelentzündung im Winter lange pausieren musste. Die Auswirkungen waren so drastisch, dass sie ganze Tage auf der Couch verbringen musste, wie Schweizer Medien berichteten. Das nagte an der mentalen Komposition einer bewegungsfreudigen Spitzensportlerin, nach eineinhalb Monaten kompletter Pause waren erste leichte Krafttrainingseinheiten wieder möglich. Nach drei Monaten ohne Lauftraining startete sie erst im April erste Laufrunden und fuhr ins Trainingslager in St. Moritz. „Meine Form ist zwar noch nicht die gleiche wie vor der Pause. Aber die Vorfreude ist riesig, denn ich bestreite einfach gerne Wettkämpfe“, sagte sie dem Schweizer Fernsehen vor dem Schweizer Frauenlauf. Dieser war im Juni der einzige Wettkampf der 31-Jährigen nach der Krankheit. Frühzeitig hatte sie klargestellt, dass sie nur an der EM teilnimmt, wenn sie sich in entsprechender Verfassung sieht, um die besten Positionen mitzukämpfen. Der Schweizer Verband bestätigte in der letzten Aussendung, dass Schlumpf in München am Start sein wird.

Der Kreis der Medaillenkandidatinnen umfasst den irischen Routinier Fionnuala McCormack, die im Alter von 38 Jahren so ziemlich alles bereits erlebt hat und zuletzt beim Valencia Marathon 2021 eine tolle Bestleistung von 2:23:58 Stunden gelaufen ist, die Italienerin Giovanna Epis und die Portugiesin Sara Moreira, 2016 in Amsterdam Europameisterin im Halbmarathon. Die stärksten Britinnen fehlen in München, da der Verband sie bei der WM in Eugene und bei den Commonwealth Games in Birmingham eingesetzt hat. Titelverteidigerin Volha Mazuronak aus Weißrussland ist gegenwärtig nicht startberechtigt.

Marathon der Männer, Finale: Montag, 15. August um 11:30 Uhr
Titelverteidiger: Koen Naert (Belgien)
Rekord-Europameister: Gelindo Bordin (Italien) und Stefano Baldini (Italien) mit je zwei EM-Titel
Erfolgreichste Nation: Italien mit fünf Gold-, drei Silber- und drei Bronzemedaillen
EM-Rekord: Koen Naert (Belgien) in 2:09:51 Stunden (Berlin 2018)
Europäische Jahresbestleistung: Abdi Nageeye (Niederlande) in 2:04:56 Stunden (Rotterdam)
Favoritien: etliche
Teilnehmer aus Deutschland: Simon Boch, Johannes Motschmann, Amanal Petros, Hendrik Pfeiffer, Richard Ringer und Konstantin Wedel
Teilnehmer aus der Schweiz: Adrien Lehmann, Julien Lyon und Patrik Wägeli

Offenes Feld mit Amanal Petros und Titelverteidiger Koen Naert

Im Marathon der Männer, der noch drastischer in die Mittagstemperaturen integriert ist, ist die Frage nach den Favoriten nicht so einfach zu beantworten. Die Meldeliste wird vom spanischen Rekordhalter Ayad Lamdassem angeführt, dem auch im Alter von 40 Jahren zu jeder Zeit alles zuzutrauen ist. In Abwesenheit der gegenwärtig beiden besten Europäer, Bashir Abdi und Abdi Nageeye, die den WM-Marathon in Eugene bestritten haben – im Falle des Belgiers mit Bronze auch sehr erfolgreich – haben Deutschlands Nummer eins Amanal Petros, Spaniens Nummer zwei Hamid Ben Daoud, der Israeli Maru Teferi und der seit zwei Monaten für Schweden startberechtigte und aus Eritrea stammende Samuel Tsegay individuelle Bestleistungen auf ähnlichem Niveau. Selbstverständlich gehört auch Titelverteidiger Koen Naert zum engsten Kreis der Medaillenkandidaten.

Zu den noch nicht genannten Abwesenden gehören in München neben den besten Briten (aus den selben Gründen wie bei den Frauen) auch Ex-Europarekordhalter Sondre Nordstad Moen, der Schweizer Rekordhalter Tadesse Abraham, und Frankreichs Rekordhalter Morhad Amdouni. Abraham, der in Berlin Silber gewann und zwei Jahre davor Halbmarathon-Europameister wurde, laborierte zu Sommerbeginn an einer Fersenverletzung, plante aber ohnehin ohne einen EM-Auftritt. Der 40-Jährige will den günstigen Zeitpunkt nach seinem Schweizer Rekord beim Zürich Marathon im April für einen guten Auftritt bei einem großen Herbstmarathon nutzen. Seit wenigen Tagen ist klar, dass der Eidgenosse, der in St. Moritz trainiert, den New York City Marathon bestreiten wird (siehe RunAustria-Bericht). Amdouni wollte ursprünglich den WM-Marathon bestreiten und in München den 10.000m-Lauf als Titelverteidiger, wie die „L’Équipe“ berichtete. Doch eine Entzündung des hinteren Schienbeins im linken Knöchel verhinderte beides, der Franzose strebt ein Straßenlauf-Comeback im Herbst an.

Israel in der Nationenwertung favorisiert

In der Nationenwertung zeichnet sich ein potenziell spannender Kampf um Edelmetall ab. Das nominell beste Team stellen die Spanier, aber auch die Mannschaften aus Israel, Deutschland, Frankreich und Italien, auch in Abwesenheit des EM-Dritten Yassine Rachik und Rekordhalter Eyob Faniel, weisen durchgängig hohe Qualität auf. Deutschlands Sextett bilden der nationale Rekordhalter Amanal Petros, die Olympia-Teilnehmer Richard Ringer und Hendrik Pfeiffer sowie Simon Boch, Johannes Motschmann und Konstantin Wedel. Auch die Schweiz kann sich in der Nationenwertung platzieren, wenn das Trio Adrian Lehmann, Julien Lyon und Patrik Wägeli geschlossen die Ziellinie erreicht.

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