EM 2022: Comeback der Leichtathletik im Olympiapark

Die Leichtathletik-Wettkämpfe im Münchner Olympiastadion, 50 Jahre, nachdem diese Bühne jene für unvergessliche Olympische Spiele war, sind der Höhepunkt der Multisport-Europameisterschaften, denen neun Sportverbände angehören. Doch die Leichtathletik will sich daraus lösen.

© Tommy Lösch / München Tourismus

Ein halbes Jahrhundert nach den Olympischen Spielen 1972 und auch konträr zu den letztlich gescheiterten Bemühungen eine Olympia-Bewerbung für Winterspiele auf den Weg zu bringen, blickt die Sportwelt dieser Tage wieder nach München – auch wenn die sportlichen Wettkämpfe auf den kontinentalen Rahmen begrenzt sind. Leichtathletik, Radsport, Triathlon, Beachvolleyball, Tischtennis, Kanu, Rudern, Turnen und Klettern halten ihre Europameisterschaften innerhalb eines elftägigen Wettkampfprogramms in derselben Metropole ab. Die European Championships haben sich weiterentwickelt seit der Premiere 2018, als es mit Glasgow und Berlin zwei Austragungsorte gegeben hat. Die erhobenen Daten für die schottische Großstadt waren beeindruckend, in einem Evaluationsbericht sind Eindrücke eines europäisches Sportfests mit leichtem Touch von Olympischen Spielen geschildert. Das Publikum hat es angenommen: Über eine halbe Million Menschen kamen direkt vor Ort in Kontakt mit dem Ereignis, 53 der 73 Sessions aller (damals fünf) Sportarten waren mit einer Zuschauerkapazität von mindestens 85% ausgelastet. Und 97% der Zuschauer gaben nach dem Event in einer Befragung an, in Zukunft ähnliche Ereignisse noch einmal zu besuchen.

Schottland errechnete einen Werbewert von über 300 geschätzten Millionen Euro, die sportlichen Wettkämpfe in Glasgow und Berlin, wo nur die Leichtathletik über die Bühne ging, erreichten addiert 1,4 Milliarden TV-Zuseher. Die hier zitierten Daten stammen aus einem Bericht, den die European Championships auf ihrer Website publiziert haben und der sich teilweise auf diverse Studienerkenntnisse mit überwiegendem Schwerpunkt auf die Sportereignisse in Glasgow stützt. Darin wird auch die positive Auswirkung auf den gesunden Lebensstil der Bevölkerung in der größten schottischen Stadt, die vier Jahre zuvor Ausrichterin der Commonwealth Games war und 2019 die Hallen-Europameisterschaften der Leichtathletik ausrichtete, positiv dargestellt.

RunAustria-TV-Tipp: Die Leichtathletik-Europameisterschaften werden vom 15. bis 21. August im großen Umfang auf ORF Sport+ live übertragen und sind damit auch im Online-Livestream, und dort im vollen Umfang, zu sehen.

Letzte Multisport-EM mit der Leichtathletik?

2018 war die Leichtathletik ein isolierter Teil der Multisport-EM und hatte die Bühne Berlin für sich alleine, die der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) als damaliger Mitorganisator gemeinsam mit den im Nachhinein positiv bewerteten Bemühungen, Ideen und Initiativen des lokalen Veranstalterteams sehr gut genützt hat, um die Leichtathletik zu präsentieren. Dieses Mal ist die Olympische Kernsportart nicht nur im Geiste, sondern auch physisch in die Multisport-EM integriert. Sie muss das Münchner Olympiastadion mit keiner anderen Sportart teilen, aber die Stadt. Und das behagt der europäischen Leichtathletik nicht, die trotz der positiven Gesamterfahrungen der Mulitsport-EM 2018 sich aus diesem Konglomerat der Sportarten lösen möchte und ein Alleinstellungsmerkmal anstrebt. So ist in Medienberichten zu lesen.

„Wir wollen nicht eine von neun Sportarten sein. Das entspricht nicht dem Stellenwert, den wir uns selbst zumessen“, erklärte DLV-Präsident Jürgen Kessing unlängst gegenüber der deutschen Presseagentur. Hinter vorgehaltener Hand sieht die Leichtathletik in der gemeinsamen Präsentation mit anderen Sportarten ein Handicap für sich, während alle anderen Sportarten profitieren. Kessing dürfte zudem ein Dorn im Auge sein, dass das nationale Fachverband dieses Mal einen viel, viel geringen Einfluss in die Organisation der Leichtathletik-EM haben durfte als vor vier Jahren oder bei den bisherigen weiteren Leichtathletik-Europameisterschaften auf deutschem Boden (neben München 2002 auch noch Stuttgart 1986). Dass das auch ein Nachteil in der Qualität der vorbereiteten Bühne für die Leichtathletik sein kann, liegt auf der Hand.

Birmingham und Budapest Bewerber für EM 2026

Für 2024, ein Olympisches Jahr, ist das kein Problem, die Leichtathletik-Europameisterschaften gehen in Rom über die Bühne und mit den Spielen in Paris gibt es ohnehin das größte globale Treffen aller Athletinnen und Athleten in einer Stadt. Eine nächste Multisport-EM im Vier-Jahres-Rhythmus käme im nicht Olympischen Jahr 2026 in Frage, doch European Athletics hat längst einen isolierten Bewerbungsprozess gestartet, in dem das favorisierte Birmingham und Budapest Interesse bekundet und Bewerbungen eingereicht haben. Wie die französische Sportzeitung „L’Équipe“ berichtet, wurden die Pläne der Isolierung von der Multisport-EM durch den Europäischen Leichtathletik-Verband geleakt, seither hüllt sich European Athletics in Schweigen. Die Annäherung an die Europaspiele, die sich seit ihrem Debüt 2015 sehr bescheiden entwickelt haben, mit der angekündigten Eingliederung der Team-Europameisterschaften 2023 kann auch als Abnabelungsschritt von der Multisport-EM verstanden werden.

Paul Bristow, einer der Masterminds hinter der Multisport-EM, beleuchtet die Diskussion von der anderen Seite und ist überzeugt, dass das Multisportereignis die europäische Sportlandschaft nachhaltig mit signifikant positiven Auswirkungen befeuern wird. In der britischen Tageszeitung „The Guardian“ verglich er die Einführung der Multisport-EM mit der Einführung der UEFA Champions League im Fußball und sieht insbesondere das Potenzial in der Vermarktung. Außerdem seien Multisport-Europameisterschaften mit einem geringeren Budget zu stemmen und daher durchaus interessant für europäische Großstädte. Er meint, die Commonwealth Games von Birmingham waren sechsmal so teuer.

Vorfreude auf Großereignis nach Stillstand im Olympiapark

Die Multisport-EM 2022 läuft seit der Eröffnungsfeier vor 55.000 Zuschauern am vergangenen Mittwoch, die Leichtathletik steigt mit Montag in ihr einwöchiges Programm, womit die Europameisterschaften nur ein um drei Tage kürzeres Programm aufweisen als die Weltmeisterschaften vor einem Monat in Eugene, in deren Nachbetrachtung viele Insider den Gesamtumfang der Wettkampftage als Kritikpunkt vorbrachten. Der Europäische Leichtathletik-Verband verkündete im Vorfeld trotz der geteilten Bühne mit anderen Sportarten selbstbewusst die beste Leichtathletik-EM aller Zeiten. Dafür wirft man einen bekannten Austragungsort in den Ring, München war zuletzt 2002 Gastgeber der Leichtathletik-Europameisterschaften, mit dem Olympiastadion mit seinen fast 48.000 Sitzplätzen zudem einen erhofften Zuschauermagnet, technologische Innovationen in der Präsentation der Disziplinen und die Einbindung des Stadtzentrums in das Sportfest. Ein kräftiger Impuls ist aber auch deshalb nötig, weil der Olympiapark in der Pandemie fast zwei Jahre lang geschlossen war und die Kunden-Investitionsbereitschaft aufgrund der unsicheren Lage unserer Zeit aktuell ziemlich zurückgegangen ist.

Eine der Höhepunkt der Aktivitäten und Bewerbung der Olympischen Kernsport in der Münchner Innenstadt bilden die beiden Marathonläufe am 15. August mit Start und Ziel auf dem Odensplatz. Die Strecken führen durch das Zentrum der drittgrößten Stadt Deutschlands und direkt zu fast allen wichtigen Sehenswürdigkeiten Münchens. Das Motto gibt das Maskottchen vor, ein Eichhörnchnen namens „Gfreidi“, das sich in einem Auswahlverfahren von 600 Vorschlägen durchgesetzt hat. „Gfreidi repräsentiert die bayrische Authentizität und unsere Vorfreude auf den Event“, sagte Marion Schöne, Managing Direktor des Münchner Olympiaparks, bei seiner Präsentation, an der die Münchner 800m-Läuferin Christina Hering eine tragende Rolle übernehmen durfte.

Die Laufentscheidungen bei der EM 2022 in München, Finals

  • Montag, 15. August um 10:30 Uhr: Marathonlauf der Frauen *
  • Montag, 15. August um 11:30 Uhr: Marathonlauf der Männer *
  • Montag, 15. August um 21:48 Uhr: 10.000m-Lauf der Frauen (mit Julia Mayer)
  •  

  • Dienstag, 16. August um 21:08 Uhr: 5.000m-Lauf der Männer
  •  

  • Donnerstag, 18. August um 21:05 Uhr: 1.500m-Lauf der Männer
  • Donnerstag, 18. August um 21:25 Uhr: 5.000m-Lauf der Frauen
  •  

  • Freitag, 19. August um 20:45 Uhr: 1.500m-Lauf der Frauen
  • Freitag, 19. August um 21:00 Uhr: 3.000m-Hindernislauf der Männer
  •  

  • Samstag, 20. August um 20:15 Uhr: 800m-Lauf der Frauen
  • Samstag, 20. August um 22:13 Uhr: 3.000m-Hindernislauf der Frauen (ggf. mit Lena Millonig)
  •  

  • Sonntag, 21. August um 19:40 Uhr: 800m-Lauf der Männer
  • Sonntag, 21. August um 20:00 Uhr: 10.000m-Lauf der Männer (mit Andreas Vojta)

* endgültige Bestätigung der Startzeiten am Freitag

Gute Mischung im ÖLV-Team

1.540 Leichtathletinnen und Leichtathleten, mit einem ganz leichten Übergewicht männlicher Aktiver, aus 48 Nationen stehen auf der finalen Entry List, Aktive aus Russland und Weißrussland sind aufgrund der vom IOC und World Athletics vorgelebten Suspendierung dieser Verbände aufgrund der kriegerischen Handlungen auf ukrainischem Territorium nicht dabei. Der Österreichische Leichtathletik-Verband hat 14 Sportlerinnen und Sportler nominiert, darunter Andreas Vojta (team2012.at), Julia Mayer (DSG Wien) und Lena Millonig (ULC Riverside Mödling) in den beiden 10.000m-Läufen sowie dem 3.000m-Hindernislauf der Frauen. Im Team befinden sich gleich zehn Debütanten, aus dem Läufer-Trio hat einzig Vojta schon EM-Erfahrung und das reichlich. Die Medaillenhoffnungen liegen auf einem Mann mit ebenfalls viel Erfahrung, Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger. „Es ist ein sehr interessantes Team, eine gute Mischung aus arrivierten Athleten und Rookies. Wir haben diesmal erfreulicherweise auch alle Disziplingruppen Sprint, Lauf, Hürden, Wurf, Sprung und Mehrkampf vertreten. Fast alle haben eine Chance, mindestens eine Runde weiterzukommen“, blickt ÖLV-Sportdirektor Gregor Högler optimistisch auf die Wettkampftage und freut sich auf die vielen österreichischen Fans auf den Tribünen, die eine von der Distanz her angenehme Reise haben. Die komplette ÖLV-Delegation reist nachhaltig mit dem Zug in die nahe gelegene bayrische Landeshauptstadt.

In je 50 Disziplinen pro Geschlecht sind nicht weniger als 31 Titelverteidiger dabei, obwohl die letzten EM durch die Absage von Paris 2020 bereits vier Jahre zurückliegt. Auch alle zehn europäischen Weltmeister von Eugene 2022 stehen auf den Startlisten. Tatsächlich sind sogar vier Leichtathleten gemeldet, die bereits die EM 2002 in München als Aktive erlebt haben: Speerwerferin Barbora Spotakova, Diskuswerferin Melina Robert-Michon sowie die Geher Ines Henriques und Joao Vieira.

Das Laufprogramm bei der EM 2022 in München, Vor- und Halbfinalläufe

  • Montag, 15. August um 20:15 Uhr: 1.500m-Vorläufe der Männer
  •  

  • Dienstag, 16. August um 10:15 Uhr: 1.500m-Vorläufe der Frauen
  • Dienstag, 16. August um 11:40 Uhr: 3.000m-Hindernis-Vorläufe der Männer
  •  

  • Donnerstag, 18. August um 9:20 Uhr: 3.000m-Hindernis-Vorläufe der Frauen (mit Lena Millonig)
  • Donnerstag, 18. August um 10:10 Uhr: 800m-Vorläufe der Männer
  • Donnerstag, 18. August um 10:45 Uhr: 800m-Vorläufe der Frauen
  •  

  • Freitag, 19. August um 10:50 Uhr: 800m-Halbfinalläufe der Frauen
  • Freitag, 19. August um 20:27 Uhr: 800m-Halbfinalläufe der Männer

Laufentscheidungen mit allen europäischen WM-Medaillengewinnern auf der Bahn

Bekanntermaßen ist der europäische Laufsport auf globalem Niveau nicht dominierend, die Bilanz bei den Weltmeisterschaften in Eugene ist aber beachtlich. Mit Jakob Ingebrigtsen und Jake Wightman stellte Europa gleich zwei Weltmeister auf den Laufdistanzen. Dazu kamen die Silbermedaillen von Ingebrigtsen (1.500m) und Keely Hodgkinson (800m) sowie die Bronzemedaillen Mohamed Katir und Laura Muir (1.500m) sowie von Bashir Abdi und Lonah Chemtai Salpeter (Marathon). Das ist nicht nur ein Indiz dafür, dass die Laufbewerbe in München eine gewisse Qualität haben, sondern sie sind auch prominent besetzt. Der britische Verband, in den letzten Jahren im Laufbereich der auf dem Kontinent dominierende, schickt die erste Garde nach München, obwohl zwischen den Welt- und Europameisterschaften die für die britischen Regionalverbände bedeutenden Commonwealth Games auf dem Programm gestanden haben. So sind Keely Hodgkinson (800m), Laura Muir (1.500m) und Eilish McColgan (5.000m und 10.000m) in ihren Spezialdisziplinen gemeldet, 1.500m-Weltmeister Jake Wightman absolviert in München den 800m-Lauf. Weitere prominente europäische Läuferinnen und Läufer sind neben Jakob Ingebrigtsen, der zurecht einen Sonderstatus genießt und in München wohl dasselbe Double wie in Eugene versucht (1.500m und 5.000m), Konstanze Klosterhalfen und Yasmin Can, die für das Langstrecken-Doppel vorgesehen sind, Yemaneberhan Crippa, der ebenfalls über 5.000m und 10.000m antritt, Mohamed Katir (5.000m) und Jimmy Gressier (10.000m).

EM 2022 doch keine 2G-Veranstaltung

Der Veranstalter der Multisport-EM hat sich im Spätfrühling mit den Coronaregeln für die Veranstaltung an die gängigen Verhaltensregeln in Deutschland angepasst. Damit ist die viel zu frühe Festlegung, kommuniziert auch früh im Jahr 2022 von European Athletics an alle Mitgliedsverbände und folglich auch in Medien verbreitet, dass die EM in München unter eine so genannte 2G-Beschränkung fallen würde, längst hinfällig. Der Veranstalter änderte Vorgaben in Empfehlungen und bestätigte, weder bei Aktiven noch beim Publikum Kontrollen durchzuführen, auch nicht bei der Einreise nach Deutschland. Nur in öffentlichen Verkehrsmitteln gilt eine Pflicht, Mund und Nase zu bedecken.

Multisport-Europameisterschaften 2022 in München

European Athletics