Sifan Hassan kehrt auf Siegerstraße zurück

Mit ihrem Sieg im 3.000m-Lauf beim Diamond-League-Meeting im Silesia Stadium von Chorzow, Ersatzort des in Shanghai abgesagten Meetings, kehrte Sifan Hassan auf die Siegesserie bei europäischen Topmeetings zurück. Für Furore sorgten Diribe Welteji mit ihrem Sieg im 1.500m-Lauf und die slowenische 800m-Läuferin Anita Horvat.

Hassan bei der WM 2019, wo sie zwei WM-Titel gewann. © Getty Images for IAAF / Alexander Hassenstein

Sifan Hassan hatte in Chorzow jene Energie auf den entscheidenden 200 Metern zur Verfügung, die sie bei den Weltmeisterschaften gegen freilich etwas stärkere und massivere Konkurrenz noch etwas vermisst hatte. „Ich habe den Speed noch. Heute habe ich genau deshalb gewonnen, weil meine letzten 400 Meter stark waren“, analysierte die Holländerin, die außerdem bekannt gab, nicht bei den Europameisterschaften in München an den Start gehen zu wollen: „In den letzten Jahren gab es so viele Meisterschaften. Ich will es demnächst lieber gemütlicher angehen.“ Die zweifache Olympiasiegerin spurtete aus der Kurve heraus von ihren Hauptkontrahentinnen Ejgayehu Taye aus Äthiopien, Weltjahresschnellste im 5.000m-Lauf, und Margaret Kipkemboi aus Kenia, WM-Medaillengewinnerin im 10.000m-Lauf, davon und siegte in einer Zeit von 8:39,27 Minuten mit fast einer Sekunde Vorsprung. Davor war das Rennen besonders in der Anfangsphase nicht superschnell, erst am letzten Kilometer erhöhten die Stars des Rennens die Pace. Die Entscheidung fiel in einem Steigerungslauf auf den letzten beiden Runden, der das Feld weit auseinander zog.

Klosterhalfen zweitbeste Europäerin

Knapp hinter dem Top-Trio erreichte die US-Amerikanerin Alicia Monson das Ziel als Vierte. Zweitbeste Europäerin hinter Hassan war Konstanze Klosterhalfen, die in Vorbereitung ihrer Heim-Europameisterschaften in München ab nächste Woche eine Zeit von 8:42,34 Minuten erzielte und Platz sieben erreichte. „Das war so ein bisschen ein Befreiungsschlag heute. Es hat richtig Spaß gemacht zu rennen und ich habe gespürt, dass ich mithalten kann. Das gibt mir Positivität“, sagte die 25-Jährige im Interview gegenüber Sky Deutschland. In der weit fortgeschrittenen Qualifikation für das Diamond-League-Finale in Zürich über 5.000m-Lauf, für den 3.000m-Lauf-Ergebnisse zählen, hat die Deutsche als gegenwärtig 23. der Rangliste momentan schlechte Karten in der Hand, allerdings steht noch ein Rennen aus und die Punkteabstände sind gering.

Welteji mit deutlichem Meetingrekord

Eine kleine Überraschung produzierte der 1.500m-Lauf der Frauen, vom Resultat her der hochklassigste Wettkampf des ersten polnischen Diamond-League-Meetings überhaupt am frühen Samstagabend. Gudaf Tsegay führte den Wettkampf in die entscheidende Phase, verzichtete aber auf ein dauerhaftes Frontrunning wie bei der WM in Eugene. Dennoch hatte sie auf der Zielgerade keine Chance gegen ihre Landsfrau Diribe Welteji, die sich rund 80 Meter vor der Ziellinie aus dem Windschatten der WM-Silbermedaillengewinnerin löste und einen formidablen Endspurt hinlegte. „Es war alles perfekt heute. Die Atmosphäre im Stadion war grandios, ich bin überglücklich mit diesem Sieg“, gab die 20-Jährige zu Protokoll. Sie erreichte eine Zeit von 3:56,91 Minuten. Damit verbesserte die WM-Vierte im 800m-Lauf ihre 1.500m-Bestleistung um knapp zwei Sekunden und unterbot bei ihrem Premieren-Diamond-League-Erfolg auch den Meetingrekord der Schottin Laura Muir, gelaufen im Sommer 2020, um 1,33 Sekunden recht deutlich.

Die zweifache Saisonsiegerin Hirut Meshesha, die sich mit dieser Leistung als erste Läuferin in dieser Disziplin für das Diamond-League-Finale qualifizierte, komplettierte den äthiopischen Dreifachsieg. Lange Zeit sah es sogar nach einem Fünffachsieg der Äthiopierinnen aus, doch im Spurt zogen die US-Amerikanerin Heather MacLean mit einer persönlichen Bestleistung von 4:01,38 Minuten und die endschnelle Lokalmatadorin Sofia Ennaoui noch auf die Plätze vier und fünf nach vor. „Ich würde gerne in die Nähe des polnischen Rekords laufen“, zeigte sich Ennaoui nicht vollkommen zufrieden, hofft aber bei den Europameisterschaften eine Medaille zu holen. „Nach meiner langen Verletzungspause ist die Saison bisher ein toller Erfolg für mich. Zu Jahresbeginn hätte ich das so nicht erwartet“, sagte die 26-Jährige, die mit Rang fünf bei den Weltmeisterschaften ein sehr starkes Resultat einfuhr, das ihre Hoffnungen auf EM-Edelmetall in Kombination mit ihrem fantastischen Endspurt mehr als legitimiert.

Wilson ringt Hurta nieder

Im 800m-Lauf der Frauen feierte Hallen-Weltmeisterin Ajee Wilson einen Favoritensieg, der die Laune nach dem enttäuschenden achten Platz bei den Heim-Weltmeisterschaften von Oregon möglicherweise ein bisschen verbessern kann. Doch der siebte Erfolg in der Diamond League der 28-Jährigen war ein hartes Stück Arbeit, denn Sage Hurta, einer der Shootingsstars diesen Jahres, führte das Feld mit Elena Bellò im Rücken und einer kleinen Lücke zur drittplatzierten Wilson in die letzte Kurve. Die routinierte Favoritin zog den Spurt, überholte entlang der Zielgerade erst die kleine Italienerin und dann ihre junge Landsfrau, um den Sieg in einer Zeit von 1:58,28 Minuten zu festigen. Die Mixed-Zone verließ die Siegerin sofort und verwies auf Schwindelgefühle. Hurta finishte in 1:58,40 Minuten und feierte das beste Resultat auf internationalem Parkett ihrer Karriere.

Auf der Innenbahn huschte die endschnelle Anita Horvat aus Slowenien noch zu Platz drei und einer persönlichen Bestleistung von 1:58,96 Minuten. Die 25-jährige langjährige Sprinterin ist rechtzeitig vor den Europameisterschaften in Eugene die europäische Aufsteigerin in dieser Disziplin und entert auch und vor allem aufgrund ihrer Endschnelligkeit den Anwärterkreis auf Edelmetall in München. Kostproben ihres Könnens hat sie bereits bei den Weltmeisterschaften demonstriert, als sie mit einer deutlichen Verbesserung ihrer persönlichen Bestleistung ins WM-Finale stürmte und dort vor der in der Schlussphase motivationslosen Wilson Siebte wurde. In der ewigen slowenischen Bestenliste ist Horvat die Nummer drei hinter Ex-Superstar Jolanda Ceplak und Brigita Langerholc.

Hering schrammt an Bestleistung vorbei

Weitere europäische Topleistungen erarbeiteten sich Bellò, die ihre in Rom aufgestellte Bestleistung von 1:58,97 Minuten exakt einstellte, und Christina Hering, die auf Rang fünf in einer Zeit von 1:59,51 Minuten ihre persönliche Bestleistung lediglich um eine Zehntelsekunde verpasste. Pünktlich vor der Heim-EM war die Zeit die mit Abstand schnellste im Saisonverlauf, eine Sekunde schneller als bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin, wo sie triumphierte. Es war Herings zweiter sechster Platz in dieser Diamond-League-Saison. Nicht so erfolgreich verlief die Saisonpremiere in der Diamond League von Lore Hoffmann mit Rang acht.

Der Qualifikationsprozess im 800m-Lauf der Frauen ist im Übrigen abgeschlossen: Keely Hodgkinson, Sage Hurta, Renelle Lamote, Natoya Goule, Ajee Wilson, Mary Moraa, Halimah Nakaayi und Elena Bellò belegen die Top-Acht-Plätze und sind damit sicher in Zürich dabei. Weltmeisterin Athing Mu rangiert mit ihrem Sieg in Rom auf Rang zehn und müsste auf ein Nachrücken hoffen.

Erinnerungen an Olympia

Die einzige Laufentscheidung der Männer war ein 800m-Lauf, für den allerdings keine Punkte für die Diamond-League-Wertung verteilt wurden. Das Ergebnis war ein Revival des Olympischen Finals von Tokio: Emmanuel Korir führte in einer Zeit von 1:45,72 Minuten einen kenianischen Doppelsieg vor Ferguson Rotich (1:45,76) an. „Ein cooles Gefühl“, freute sich der Sieger, der von Müdigkeit nach der WM berichtete. Während Korir zuletzt in Eugene Weltmeister wurde, verpasste Rotich die WM aufgrund einer schlechten Phase im Vorfeld und zeigte in Schlesien seinen bis dato mit Abstand besten Wettkampf der Saison. Die Top-Drei komplettierte der Holländer Tony van Diepen, der bereits in Paris Dritter war. Auch der Spanier Adrian Ben war noch vor Olympia-Bronzemedaillengewinner Patryk Dobek aus Polen im Ziel. Bryce Hoppel, einer der großen Enttäuschungen bei der WM, wurde Sechster.

Ergebnisse Diamond-League-Meeting in Schlesien 2022

800m-Lauf der Frauen

  1. Ajee Wilson (USA) 1:58,28 Minuten
  2. Sage Hurta (USA) 1:58,40 Minuten
  3. Anita Horvat (SLO) 1:58,96 Minuten *
  4. Elena Bellò (ITA) 1:58,97 Minuten *
  5. Allie Wilson (USA) 1:59,35 Minuten
  6. Christina Hering (GER) 1:59,51 Minuten **
  7. Adrianna Czapala (POL) 1:59,86 Minuten *
  8. Lore Hoffmann (SUI) 2:00,76 Minuten

800m-Lauf der Männer

  1. Emmanuel Korir (KEN) 1:45,72 Minuten
  2. Ferguson Rotich (KEN) 1:45,76 Minuten **
  3. Tony van Diepen (NED) 1:45,80 Minuten
  4. Adrian Ben (ESP) 1:45,89 Minuten
  5. Patryk Dobek (POL) 1:46,31 Minuten
  6. Bryce Hoppel (USA) 1:46,35 Minuten
  7. Kyle Langford (GBR) 1:46,65 Minuten
  8. Clayton Murphy (USA) 1:46,79 Minuten

1.500m-Lauf der Frauen

  1. Diribe Welteji (ETH) 3:56,91 Minuten * / ***
  2. Gudaf Tsegay (ETH) 3:58,18 Minuten
  3. Hirut Meshesha (ETH) 4:00,93 Minuten
  4. Heather MacLean (USA) 4:01,38 Minuten *
  5. Sofia Ennaoui (POL) 4:01,39 Minuten **
  6. Axumawit Embaye (ETH) 4:01,56 Minuten
  7. Netsanet Desta (ETH) 4:01,83 Minuten
  8. Adelle Tracey (JAM) 4:02,36 Minuten *

3.000m-Lauf der Frauen

  1. Sifan Hassan (NED) 8:39,27 Minuten
  2. Ejgayehu Taye (ETH) 8:40,14 Minuten
  3. Margaret Kipkemboi (KEN) 8:40,96 Minuten
  4. Alicia Monson (USA) 8:41,61 Minuten
  5. Caroline Kipkirui (KAZ) 8:41,96 Minuten **
  6. Gloria Kite (KEN) 8:42,33 Minuten
  7. Konstanze Klosterhalfen (GER) 8:42,34 Minuten
  8. Hawi Feysa (ETH) 8:42,45 Minuten

    16. Elena Burkard (GER) 8:53,54 Minuten **

* neue persönliche Bestleistung
** neue Saisonbestleistung
*** neuer Meetingrekord

Wanda Diamond League

Diamond-League-Meeting in Schlesien