Doppeltes Abenteuer für Kamenschak in Kolumbien

Kevin Kamenschak geht bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Cali sowohl im 1.500m- als auch im 3.000m-Lauf an den Start. Der junge Oberösterreicher hat trotz des stressigen Programms zurecht ansprechende Ziele.

Kolumbien ist erstmals Gastgeber der U20-WM der Leichtathleten. © Marta Gorczynska for World Athletics

Das Programm meint es gut mit Kevin Kamenschak (ATSV Linz LA) und so gönnt er sich fast den vollen Umfang der sechs Wettkampftage in Cali im Rahmen der wichtigsten globalen Nachwuchstitelkämpfe der Leichtathletik. Eine echte Once-in-a-Lifetime-Gelegenheit, auch wenn das durch die Back-to-back-Titelkämpfe von Nairobi 2021 und Cali 2022 (aufgrund der Verschiebung der U20-WM in Kenia aufgrund der Pandemie) dieses Mal ausnahmsweise für viele nicht gilt. Der 18-jährige Linzer geht bereits am ersten Wettkampftag in den Vorlauf über 1.500m-Lauf (ab 17 Uhr österreichischer Zeit), das Finale stünde in der Nachmittagssession zwei Tage später auf dem Programm (00:55 Uhr in der Nacht auf Donnerstag österreichischer Zeit). Qualifiziert sich Kamenschak für das Finale, hätte er einen weiteren Ruhetag vor dem 3.000m-Lauf (Mitternacht österreichischer Zeit in der Nacht auf Samstag), der ohne Vorkämpfe auskommt.

RunAustria-Tipp: Die U20-Weltmeisterschaften sind in der DACH-Region in vollem Umfang im World-Athletics-Livestream verfügbar.

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Ziel: Finaleinzug

Als 18-Jähriger ist der Österreicher im Zwei-Jahres-Rhythmus etwas benachteiligt, da er in Cali bei seiner letzten Gelegenheit, bei U20-Weltmeisterschaften anzutreten, etliche 19-Jährige als Gegner hat, was in diesem Alter aufgrund der Entwicklungsstadien noch etwas ausmacht – als im Jänner Geborener ist der Nachteil mildest möglich. Doch das Alter ist nicht die entscheidende Variable in Cali, sondern die Leistung. Auf dem Papier liegt der Oberösterreicher in seiner Paradedisziplin, dem 1.500m-Lauf, im vorderen Mittelfeld: Platz 16 in der Meldeliste von 44 Athleten aus 31 Nationen. Kein Wunder, dass der FInaleinzug das erklärte Ziel ist – so wie im letzten Jahr als 17-Jähriger bereits bei den U20-Europameisterschaften, die er im nächsten Jahr noch einmal bestreiten kann.

Es ist ein logisches, aber durchaus ambitioniertes Ziel. Denn die weltbesten Junioren rund um 3:34-Läufer Reynold Cheruiyot aus Kenia, der damit eine um neun Sekunden stärkere Bestleistung im Vergleich zu Kamenschak hat, agieren auf einem anderen Niveau. Dazu gehören nicht nur die Ostafrikaner, sondern auch der US-Amerikaner Nathan Green. Die beste europäische Vorleistung bringt der Luxemburger Vivien Henz (3:38,89) mit, vor Kamenschak liegen noch sieben weitere Europäer, darunter der Deutsche Christoph Schrick. Sie sind automatisch seine Hauptgegner im Kampf um die Finalplätze.

Frühzeitige Anreise

Da nur zwölf Läufer sich in den Vorläufen für das Finale qualifizieren, gilt es für den Österreicher, vor Ort die bestmögliche Leistung abzuliefern und ggf. wichtige Faktoren wie eine Finalqualifikation über die Zeitregel so weit möglich positiv für sich zu beeinflussen. Daher ist sein Team nach seinem zweiwöchigen Höhentrainingslager in St. Moritz frühzeitig nach Südamerika geflogen, um sich zu akklimatisieren und sich mit den Begebenheiten vertraut zu machen. Durch die Äquatornähe ist es im Westen Kolumbiens praktisch nie kühl, dafür regnet es sehr viel. Außerdem ist die Höhenlage von 1.070 Metern über dem Meeresspiegel durchaus untypisch für einen Wettkampfort. Cali ist der internationalen Leichtathletik ein bekanntes Territorium, hier im Estadio Pascual Guerrero gingen 2015 die U18-Weltmeisterschaften über die Bühne. Der österreichischen Leichtathletik sind diese Titelkämpfe aufgrund der Silbermedaille durch Siebenkämpferin Sarah Lagger gut in Erinnerung. Die ersten Eindrücke aus Cali sind positiv, vermerkt der ÖLV in einer Aussendung.

3.000m-Lauf als Draufgabe

Im 3.000m-Lauf liegt Kamenschak, der kürzlich seinen ersten Vertrag mit Nike unterschrieben hat, auf Position 21 der 42 Läufer umfassenden, nach Saisonbestleistungen gereihten Meldeliste, die eine stressige Rennanfangsphase erahnen lässt. Die Meldeliste wird vom Äthiopier Diriba Girma (7:38,79, indoor) angeführt, mit dem Dänen Joel Ibler Lillesö zählt hier auch ein Europäer zu den Medaillenkandidaten. Eine Platzierung im vordersten Drittel wäre ein Erfolg, neben Lillesö haben sechs weitere Europäer eine schnellere Meldezeit als Kamenschak (8:07,31). Drei hinter ihm postierte Läufer haben eine schnellere persönliche Bestleistung als der Österreicher aus vergangenen Jahren.

Die Laufentscheidungen in Cali (Angaben in MEZ)

  • Montag, 1. August um 17 Uhr – 1.500m-Vorläufe der Burschen (mit Kevin Kamenschak)
  • Montag, 1. August um 17:32 Uhr – 3.000m-Hindernis-Vorläufe der Mädchen
  • Montag, 1. August um 18:08 Uhr – 800m-Vorläufe der Mädchen
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  • Dienstag, 2. August um 00:00 Uhr – 3.000m-Finale der Mädchen
  • Dienstag, 2. August um 00:55 Uhr – 5.000m-Finale der Burschen
  • Dienstag, 2. August um 23:10 Uhr – 800m-Halbfinalläufe der Mädchen
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  • Mittwoch, 3. August um 16:25 Uhr – 3.000m-Hindernis-Vorläufe der Burschen
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  • Donnerstag, 4. August um 00:55 Uhr – 1.500m-Finale der Burschen (ggf. mit Kevin Kamenschak)
  • Donnerstag, 4. August um 01:10 Uhr – 800m-Finale der Mädchen
  • Donnerstag, 4. August um 17:05 Uhr – 800m-Vorläufe der Burschen
  • Donnerstag, 4. August um 18:05 Uhr – 1.500m-Vorläufe der Mädchen
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  • Freitag, 5. August um 00:20 Uhr – 3.000m-Hindernislauf-Finale der Mädchen
  • Freitag, 5. August um 22:50 Uhr – 800m-Halbfinalläufe der Burschen
  • Freitag, 5. August um 24:00 Uhr – 3.000m-Finale der Burschen (mit Kevin Kamenschak)
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  • Samstag, 6. August um 23:00 Uhr – 1.500m-Finale der Mädchen
  • Samstag, 6. August um 23:16 Uhr – 800m-Finale der Burschen
  • Samstag, 6. August um 23:25 Uhr – 5.000m-Finale der Mädchen
  • Samstag, 6. August um 24:00 Uhr – 3.000m-Hindernislauf-Finale der Burschen

Talente aus Ostafrika

Aus österreichischer Perspektive sind die Auftritte von Kevin Kamenschak sicherlich die spannendsten im Laufbereich, aus internationaler sind wohl der 800m-Lauf und der 5.000m-Lauf die am stärksten besetzten Laufdisziplinen bei den Burschen. Zwar hat Titelverteidiger Emmanuel Wanyonyi, zuletzt WM-Vierter in Eugene, abgesagt, aber der Bronzemedaillengewinner der letztjährigen U20-WM, Noah Kibet vertritt Kenia auf der Mittelstrecke. Der Hallen-WM-Silbermedaillengewinner ist nur die Nummer zwei der Meldeliste hinter dem Äthiopier Ermias Girma, der erst 17 Jahre alt ist. Mit dem polnischen Talent Kacper Lewalski ist ein dritter sub-1:45-Läufer am Start. Der prominenteste 5.000m-Läufer ist der Äthiopier Addisu Yihune, der bei den äthiopischen Olympia-Trials im Vorjahr erstmals unter 13 Minuten gelaufen ist und nur knapp einen Olympia-Startplatz verpasst hat. Er wird herausgefordert von Landsmann Merhawi Mebrahtu und Peter Maru aus Uganda, der im WM-Vorlauf über 5.000m von Eugene stand.

Werro greift nach U20-WM-Medaille

Bei den Frauen gehört Junioren-Europameisterin Audrey Werro aus der Schweiz im 800m-Lauf der Frauen zu den Medaillenkandidatinnen. Die 18-Jährige hat sich in dieser Saison auf eine Zeit von 2:00,28 Minuten gesteigert. Vor ihr liegen in der Meldeliste lediglich die beiden US-Amerikanerinnen Juliette Whittaker, die heuer eine Superzeit von 1:59,04 Minuten gelaufen ist (Rang drei der ewigen U20-Bestenliste der USA hinter Weltmeisterin Athing Mu und Hallen-Weltmeisterin Ajee Wilson, beide amtierend), und Roisin Willis. Mit Valentina Rosamilia ist eine zweite Schweizerin im Feld. Sie gewann vor einem Jahr in Nairobi die Silbermedaille, konnte in dieser Saison allerdings bisher nicht das Niveau von 2021 abrufen.

In allen anderen Laufentscheidungen der Frauen liegt die Favoritenrolle auf den Schultern der Äthiopierinnen. Diese Tatsache könnte das Ziel des Kenianischen Leichtathletik-Verbandes (Athletics Kenya), zum dritten Mal in Folge bei Junioren-Weltmeisterschaften den Medaillenspiegel zu gewinnen, ziemlich gefährden. Die Kenianerin Purity Chepkirui (1.500m), die in Nairobi überraschend vor Diribe Welteji gewann, die vor wenigen Tagen in Eugene beinahe eine 800m-Medaille gewonnen hätte, könnte im 1.500m-Lauf ihren Titel verteidigen. Das kenianische Junioren-Nationalteam bereitete sich nicht in der Heimat, sondern in einem wochenlangen Trainingscamp in Frankreich auf die U20-WM vor.

ÖLV mit sieben Athleten auf globaler Junioren-Ebene

16 Athletinnen und Athleten, die die Weltmeisterschaften in Eugene bestritten haben, sind gleich nach Cali weitergereist. Topstar des Events ist Sprinter Letsile Tebogo aus Botswana, der in Eugene den Junioren-Weltrekord auf eine Zeit von 9,94 Sekunden gestellt hat. Die estnische Hochspringerin Karmen Bruus schaffte als Siebte die beste Platzierung aller U20-WM-Teilnehmer bei den Weltmeisterschaften der Erwachsenen. Prominenteste Läuferin ist neben dem erwähnten Noah Kibet Sembo Almayew aus Äthiopien, die in Eugene im 3.000m-Hindernislauf am Start war, wo ihre beiden Landsfrauen auf das Stockerl gelaufen sind.

Der Österreichische Leichtathletik-Verband (ÖLV), der die letztjährige Edition in Nairobi nicht beschickt hat, ist mit sieben Athletinnen und Athleten nach Südamerika gereist. Neben dem einzigen aus dem Laufbereich, Kevin Kamenschak sind das Anja Dlauhy (ULC Riverside Mödling) und Sophie Kreiner (ATSV Linz LA) im Siebenkampf der Mädchen, Matthias Lasch (TGW Zehnkampf Union) im Zehnkampf der Burschen, Lena Spazirer (ULC Weinland) und Enzo Diessl (SU Leibnitz), die in den Hürdensprints an den Start gehen, sowie Stabhochspringer Alexander Auer (TGW Zehnkampf Union).

Erste U20-WM in Kolumbien

Cali, das offiziell Santiago de Cali heißt, ist eine der ältesten Städte des Kontinenten und zählt heute fast zweieinhalb Millionen Einwohner. Nach der Hauptstadt Bogotà und Medellin ist Cali die drittgrößte Metropolregion des über 50 Millionen Einwohner zählenden Landes, das ungefähr 13x so groß ist wie Österreich. Nach 2000 (Santiago de Chile) ist die U20-WM zum zweiten Mal zu Gast in Südamerika und bliebt vorerst auch dort, weil die peruanische Hauptstadt Lima Gastgeberin der Titelkämpfe 2024 sein wird. 1.533 Leichtathletinnen und Leichtathleten aus 145 Nationen weltweit stehen in den Meldelisten dieser 19. Austragung der U20-Weltmeisterschaften.

Junioren-Weltmeisterschaften 2022 in Cali

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