Commonwealth Games versprechen spannendes Laufentscheidungen

Am Donnerstag wurden in Birmingham die 22. Commonwealth Games eröffnet. Die Laufentscheidungen sind teilweise hervorragend besetzt, was nicht nur an den ostafrikanischen Nationen liegt. England, Schottland und Australien bringen ihre Besten an den Start.

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Zum dritten Mal nach 1934 (London) und 2002 (Manchester) ist England mit seiner zweitgrößten Metropolregion Ausrichter der Commonwealth Games, jener Multisportveranstaltung, an der alle Nationen teilnehmen dürfen, die zum Commonwealth gehören. Das sind immerhin rund 4.500 Sportlerinnen und Sportler aus 72 Nationalteams, womit die Veranstaltung als drittgrößte Multisportveranstaltung nach den Olympischen Spielen und den Asienspielen gilt.

In den teilnehmenden Nationen und Regionen, also alle, in denen Königin Elizabeth II. das Staatsoberhaupt ist, haben die Commonwealth Games eine beträchtliche Bedeutung, außerhalb davon stellt sich vierjährlich die Frage, wie gut Commonwealth Games, die nicht umsonst früher British Empire Games hießen, noch in die heutige Zeit passen. In einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Guardian“ glaubt Katie Sadleir, CEO der Commonwealth Games Federation, nicht, dass der Event an Bedeutung verloren hat. Louise Martin, Präsidentin der Commonwealth Games Federation, ergänzt: „Wir sind eine Familie. In unseren 72 Nationen und Territorien wird die gleiche Sprache gesprochen.“ Dennoch liest man zuletzt diverse Berichte, dass die Commonwealth Games in progressiven Schritten modernisiert werden sollen, was auch verkleinert bedeutet. Gleichzeitig sollen moderne Themen wie Nachhaltigkeit eine höhere Relevanz erhalten. So könnten die Spiele von Birmingham die letzten in dieser Größe werden. Dass der ursprüngliche Veranstaltungsort Durban in Südafrika die Austragung aus finanziellen Gründen zurückgelegt hat, war ein Warnschuss. Der Bewerbungsprozess für 2026, der letztlich zugunsten des australischen Bundesstaats Victoria mit seiner Hauptstadt Melbourne ausging, verlief zäh, 2030 soll das kanadische Hamilton das 100-jährige Jubiläum seiner Erstaustragung feiern, es mangelt aktuell an finanziellen Mitteln.

Lob für das Alexander Stadium

Rein sportlich werden die Commonwealth Games, bei denen Großbritannien kein vereintes Team stellt, von den großen Nationen England, Australien und Kanada dominiert werden. Die sportliche Wertigkeit ist trotz des Fehlens aller anderen großen Sportnationen durchaus in einigen Sportarten beachtlich, das gilt auch für die Leichtathletik, wo das jamaikanische Nationalteam in den Sprint- sowie die Nationalteams aus Kenia und Uganda im Laufbereich zusätzliche Qualität ins Wettkampfgeschehen bringen. Und nicht nur Gastgeber England sowie die benachbarten Regionen wie Schottland schicken ihre erste Garde nach Birmingham.

Austragungsort der Leichtathletik-Bewerbe ist das für kolportierte rund 80 Millionen Euro rundum erneuerte Alexander Stadium in Birmingham, das rund 30.000 Zuschauern Platz bietet und künftig den Nummer-eins-Status der britischen Leichtathletik für sich beanspruchen könnte. „Athletics Weekly“ berichtet von einer modernen Arena, die besser gefällt als das Londoner Olympiastadion. Nach den Commonwealth Games soll das Stadion auf eine Kapazität von 18.000 Zuschauern zurückgebaut werden, wobei der britische Verband es für Bewerbungen internationaler Wettkämpfe in den nächsten Jahren nutzen will. Birmingham tritt gegen Budapest als Kandidat für die EM-Ausrichtung 2026 an.

Kenia peilt Marathonerfolge an

Die Leichtathletik-Bewerbe im Stadion gehen nächste Woche ab Dienstag über die Bühne, am heutigen Samstag finden die beiden Marathonläufe statt. Das Marathonziel befindet sich auf dem Victoria Square, gestartet werden die Wettkämpfe in Smithfield. Da der Kenianer Philemon Kacheran kurzfristig von der Athletics Integrity Unit (AIU) nach einem positiven Dopingtest auf Testosteron vorläufig suspendiert werden musste, musste der kenianische Verband (Athletics Kenya) umplanen. Michael Githae, Sieger des Fukuoka Marathon 2021, geht neben Eric Kiptanui und Jonathan Korir an den Start. Korir, Vierter des Amsterdam Marathon, glaubt an einen kenianischen Dreifachsieg. Den visiert auch Paul Tergat, Präsident des kenianischen nationalen Olympischen Komitees, an. Bei den Frauen schickt Kenia, Stella Barsosio, Siegerin des Rotterdam Marathon, Margaret Wangare und Maurine Chepkemoi, Zweite des Amsterdam Marathon 2021 und Siegerin des Enschede Marathon 2022, ins Rennen. Im Gegensatz zu allen anderen Leichtathleten, die im Trainingscamp in Nairobi in eine COVID-19-Blase gesteckt wurden, durften sich die Marathonläuferinnen und Marathonläufer individuell auf die Titelkämpfe vorbereiten.

Bei den Männern sind Alphonce Simbu aus Tansania und Victor Kiplangat aus Uganda die stärksten afrikanischen Kontrahenten der Kenianer. Stephen Scullion aus Nordirland, Jonathan Mellor für England sowie Jack Rayner und Liam Adams aus Australien die prominentesten von den anderen Kontrahenten. Bei den Frauen ist Titelverteidigerin Helalia Johannes, mittlerweile 42 Jahre alt, am Start. Australien stellt mit den Routiniers Sinead Diver, die bereits 45 Jahre alt ist, der 39-jährigen Eloise Wellings und der fast 35-jährigen Jessica Stenson ein starkes Marathonteam. Mit Georgina Schwiening aus England, Sarah Webster von der Isle of Man sowie den Waliserinnen Clara Evans und Natasha Cockram sind nur vier britische Teilnehmerinnen dabei.

Stark besetzte Laufbewerbe

Auch in den Bahnbewerben hat Kenia ein leistungsstarkes Team nach Birmingham geschickt. Zu den global erfolgreichen Stars gehören Wyclife Kinyamal (800m), Jacob Krop (5.000m), gerade WM-Silbermedaillengewinner, Kibiwott Kandie (10.000m) und Conseslus Kipruto (3.000m-Hindernislauf). „Ich bin optimistisch mit einer Goldmedaille heimzukommen. Ich habe sehr viel Zeit in mein Training investiert und das wird sich auszahlen“, sagte Kandie, die die WM als kenianischer Trial-Sieger wegen fehlendem Limit verpasste, gegenüber der kenianischen Tageszeitung „The Star“ optimistisch. Weltmeister Joshua Cheptegei bestreitet für Uganda den 10.000m-Lauf, seine Landsleute Jacob Kiplimo und Oscar Chelimo sind über 5.000m am Start, Olympiasiegerin Peruth Chemutai ist die Favoritin im 3.000m-Hindernislauf der Frauen. Chemutai ist die einzige aus diesem Quartett, die in Eugene ohne Edelmetall blieb.

Doch die Konkurrenz für die Afrikaner im Kampf um die Medaillen dürfte nicht klein werden, vor allem die Schotten greifen im Bruderkampf gegen England nach Erfolgen. WA-Präsident Sebastian Coe, selbst nicht unbedingt in der schwächsten Generation britischer Läufer aktiv und erfolgreich aktiv, sprach zuletzt öffentlich vom besten britischen Laufteam seit langer Zeit. In den letzten Jahren war Scottish Athletics für etliche Erfolge im britischen Laufsport verantwortlich: seit vielen Jahren Laura Muir oder als jüngstes Beispiel 1.500m-Weltmeister Jake Wightman. Beide gehen in Birmingham über 1.500m an den Start. „Warum sollte Jake nicht bei den Commonwealth Games und den Europameisterschaften auch gewinnen?“, fragte Coe im „The Guardian“. Er traue dem Schotten auch zu, der erfolgreichste britische Mittelstreckenläufer aller Zeiten zu werden. Muir ist in Abwesenheit der Kenianerin Faith Kipyegon Favoritin. Im 800m-Lauf der Frauen kommt es zum Aufeinandertreffen zwischen der Engländerin Keely Hodgkinson und der Kenianerin Mary Moraa, das erwartungsgemäße Duell um die Goldmedaille zweier WM-Medaillengewinnerinnen, in das auch Natoya Goule aus Jamaika, WM-Fünfte von Eugene, eingreifen könnte.

Ein prominenter Abwesender ist 800m-Jungstar Max Burgin, der nach einer tiefen Venenthrombose in der rechten Wade nicht nur den WM-Start, sondern auch sein Antreten bei den Commonwealth Games und bei den Europameisterschaften abgesagt hat. Weltmeister Emmanuel Korir läuft in Birmingham die 400m, Emmanuel Wanyonyi und Elias Ngeny starten gemeinsam mit Kinyamal für Kenia in den 800m-Lauf. Der Kanadier Marco Arop, in Eugene WM-Dritter, fehlt wohl, dafür ist WM-Finalist Peter Bol aus Australien dabei. Über 1.500m suchen die Kenianer Timothy Cheruiyot und Abel Kipsang Wiedergutmachung für Eugene, auch die Australier Stewart McSweyn und Oliver Hoare gehören zu den aussichtsreichsten Herausforderern von Wightman. Erstmals seit Jahren blieb der Kanadier Mo Ahmed bei globalen Titelkämpfen in Eugene ohne Medaille, auf den Langdistanzen hat er sofort die Chance, auf den Erfolgsweg zurückzukehren.

Commonwealth Games frei von Pandemiebeschränkungen

Im Vorfeld der Commonwealth Games lenkten etliche Medien die Scheinwerfer auf die Pandemie, da einige positive COVID-19-Tests prominente Ausfälle produzieren könnten. OK-Chef Ian Reid spricht von intensiven Plänen zu einer sicheren Durchführung des Events, die 3% positiven Tests in den ankommenden Delegationen wollte er nicht bestätigen. Gegenüber „Inside The Games“ sagte er: „Gesundheitsexperten schauen nicht nur auf das Ergebnis des PCR-Tests. Das Level der Infektiösität hat eine viel höhere Aussagekraft.“ Einschränkungen für das Verhalten von Athleten und Zuschauern gibt es in Birmingham nach britischem Standard keine, vielmehr spielt eigenverantwortliches Handeln in den Delegationen die Schlüsselrolle, so wie auch bei der gegenwärtig laufenden Fußball-EM der Frauen in England.

Durch ein ambitioniertes Aufforstungsprogramm in Mittelengland planen die Commonwealth Games eine kartonneutrale Schlussbilanz. „Wir demonstrieren unsere soziale Verantwortung und jene gegenüber unserer Umwelt. Außerdem unterstützen wir die regionale Wirtschaft“, so Reid. Außerdem gab die Commonwealth Games Federation gemeinsam mit der Welt Anti Doping Agentur (WADA) eine engere Zusammenarbeit in den nächsten vier Jahren bekannt.

Commonwealth Games 2022 in Birmingham