Mu beschert USA erstes Laufgold

In der zwölften und letzten Laufentscheidung der Weltmeisterschaften 2022 gewann das abgesehen vom Lauf alles dominierende US-Team seine erste Medaille. In einem ganz engen Duell mit Keely Hodgkinson wurde Athing Mu ihrer Favoritenrolle gerecht.

© Andy Lyons / Getty Images for World Athletics

Die Neuauflage des Duells der beiden nun 20-jährigen Athing Mu aus den USA und Keely Hodgkinson aus Großbritannien hatte zwar nicht die Sensationsklasse von Tokio, was die Endzeiten betrifft, doch es war spannender und im Wettkampf gegeneinander hochklassiger. In ihrem mit Abstand besten Saisonauftritt hätte nicht viel gefehlt und die Hallen-Europameisterin hätte dieses Mal die Geschichte umgeschrieben. Die US-Amerikanerin, die als klare Favoritin ins Rennen gegangen ist und augenscheinlich einen tonnenschweren Druck der Erwartungshaltung ihrer Leichtathletik-Nation durchs Stadion trug, ließ nämlich in Führung liegend ausgangs der letzten Kurve die Innenbahn einen Spalt weit offen. Die Engländerin, die in der Kurve bereits einen erkennbaren Rückstand hatte, war plötzlich exakt 100 Meter vor dem Ziel einen Hauch vor Mu in Führung. Doch die US-Amerikanerin konnte sich im auch körperlich sehr engen, aber niemals unfairen Duell auf Bahn eins dem Angriff Hodgkinsons widersetzen und lag in einer Zeit von 1:56,30 Minuten, der mit Abstand schnellsten 800m-Zeit des Jahres und viertschnellsten ihrer Karriere (drei davon am Hayward Field), um 0,08 Sekunden vor ihrer Kontrahentin.

Der RunAustria-Bericht des 5.000m-Laufs der Männer:

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Enges Duell der 20-Jährigen

„Ich liebe den Wettkampf gegen schnelle Läuferinnen. Auch wenn es hart ist, gibt es die Gelegenheit schnell zu laufen“, sagte die Siegerin später. Sie produzierte einen historischen Moment, denn obwohl die USA in vier der letzten fünf WM-Rennen immer mindestens eine, zweimal sogar zwei Medaillen gewonnen hat, gab es noch nie eine 800m-Weltmeisterin aus den USA. Mit 20 Jahren ist Athing Mu nun Olympiasiegerin und Weltmeisterin – und das vor heimischem Publikum. Mit ebenfalls 20 Jahren ist die 97 Tage ältere Hodgkinson nun Hallen-Europameisterin, Olympia-Silbermedaillengewinnerin und WM-Silbermedaillengewinnerin – und vielleicht bald Europameisterin. „Athing ist eine großartige Athletin. Wir werden uns sicherlich auf zukünftigen WM-Podests wiedersehen“, versprach Hodgkinson hinblicklich Budapest 2023. In einer Zeit von 1:56,38 Minuten egalisierte sie die drittschnellste Zeit der britischen 800m-Geschichte von Kelly Holmes – es ist jene Marke, mit der diese 2004 in Athen Olympiasiegerin wurde.

Ergebnis 800m-Lauf der Frauen, WM 2022
Gold: Athing Mu (USA) 1:56,30 Minuten *
Silber: Keely Hodgkinson (Großbritannien) 1:56,38 Minuten **
Bronze: Mary Moraa (Kenia) 1:56,71 Minuten ***

4. Diribe Welteji (Äthiopien) 1:57,02 Minuten ***
5. Natoya Goule (Jamaika) 1:57,90 Minuten **
6. Raevyn Rogers (USA) 1:58,26 Minuten
7. Anita Horvat (Slowenien) 1:59,83 Minuten
8. Ajee Wilson (USA) 2:00,19 Minuten

* neue Weltjahresbestleistung
** neue Saisonbestleistung
*** neue persönliche Bestleistung

Die neue Generation dominiert

Dass Hallen-Weltmeisterin Ajee Wilson, die zugegebenermaßen in der Kurve schon erkannte, an diesem Tag nicht auf das Stockerl laufen zu können und dann den unbedingten Wettkampfwillen ablegte, als Achte und Letzte sowie ihre Landsfrau Raevyn Rogers, die in Eugene lebt und für die University of Oregon, an der sie spanisch studiert, läuft, womit sie ein waschechtes Heimspiel hatte, als Sechste leer ausgingen, war beispielhaft für einen 800m-Lauf, indem die Arrivierten keine Chancen hatten. Rogers war zuletzt in Doha und in Tokio auf dem Stockerl, ausgerechnet beim WM-Rennen im eigenen Wohnzimmer war sie bereits frühzeitig so weit abgehängt, dass ihr gefürchteter Schlussspurt ineffektiv blieb. Dafür war die jugendliche Frische der Trumpf des Tages. Auf den ersten vier Plätzen landeten drei 20-Jährige, die 22-jährige Kenianerin Mary Moraa, die mit Bronze die erste kenianische Medaille im 800m-Lauf der Frauen seit Eunice Sum 2015 holte, wirkt genauso jung, weil sie erst vor zwei Jahren in den 800m-Lauf umgestiegen ist.

Schnelles Rennen

Es war nicht ganz überraschend, dass die klare Favoritin, die normalerweise immer von vorne läuft, dieses Mal der Äthiopierin Diribe Welteji den Vorzug ließ. Denn die ehemalige Junioren-Weltmeisterin liebt den Frontrun genauso und führte das Feld in einer sehr schnellen, aber nicht superschnellen Zwischenzeit von 57,09 Sekunden auf die zweite Hälfte. Auch wenn Caster Semenya bei ihrem wundersamen Einstand 2009 in Berlin die letzte war, die ein WM-Rennen noch schneller anlief – das ist mittlerweile wieder der Stil der neuen Generation. Das Feld ging aufgefädelt wie eine Perlenkette in die Schlussrunde, als Mu die Initiative übernahm. Vielleicht ereignete sich die schlussendlich entscheidende Szene nach gut 500 Metern, als Hodgkinson und Moraa beim Überholmanöver der jungen Äthiopierin einen kleinen Umweg laufen mussten. Wenige Meter, die in der Energieabrechnung am Schluss möglicherweise gefehlt haben. Obwohl die Positionen in der letzten Kurve einen Augenblick klar bezogen wirkten, schob sich auch die Spitze ausgangs der Kurve noch einmal zusammen. Vorne Mu gegen Hodgkinson, in zweiter Reihe Welteji gegen Moraa im Kampf zweier Athletinnen, die noch nie in ihrem Leben so schnell gelaufen sind. Den besseren Spurt hatte Moraa, die mit den flottesten letzten 100 Metern im gesamten Feld eine Zeit von 1:56,71 Minuten erreichte und sich über ihre erste internationale Medaille im 800m-Lauf freute. Mit dieser Steigerung ist die 22-Jährige nun die Nummer drei der ewigen kenianischen Bestenliste hinter dem ehemaligen Wunderkind Pamela Jelimo und Janeth Jepkosgei, die vor 15 Jahren in einer Zeit von 1:56,04 Minuten Weltmeisterin in Osaka wurde.

Am Ende ist der vierte Platz für Welteji, die in die Nähe des äthiopischen Rekords kam, bitter, weil er bei Titelkämpfen immer bitter ist. Doch die 20-Jährige lieferte eine hervorragende Leistung ab und steigerte ihre erst im Halbfinale aufgestellte persönliche Bestleistung um über eine Sekunde auf eine Zeit von 1:57,02 Minuten. Erst fast eine Sekunde später kam die Jamaikanerin Natoya Goule als Fünfte ins Ziel.

Die Rundensplits der Finalistinnen

  • Athing Mu (USA) 57:16 / 59,14 Sekunden
  • Keely Hodgkinson (GBR) 57,32 / 59,06 Sekunden
  • Mary Moraa (KEN) 57,46 / 59,25 Sekunden
  • Diribe Welteji (ETH) 57,09 / 59,93 Sekunden
  • Natoya Goule (JAM) 57,84 / 60,06 Sekunden
  • Raevyn Rogers (USA) 57,87 / 60,39 Sekunden
  • Anita Horvat (SLO) 57,64 / 62,19 Sekunden
  • Ajee Wilson (USA) 57,75 / 62,44 Sekunden

Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2022 in Eugene

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