Ingebrigtsen düpiert Afrikaner in der Hitze Eugenes

Jakob Ingebrigtsen hat dank einer gelungenen Rennstrategie und einer brillanten Schlussrunde den hochkarätig besetzten 5.000m-Lauf der Männer in Eugene dominiert und sich seinen ersten WM-Titel gesichert. Für die Äthiopier setzte es eine historische Niederlage.

© Hannah Peters / Getty Images for World Athletics

Für eines ist Jakob Ingebrigtsen sicherlich nicht bekannt: Zurückhaltung, Tiefstapeln, Zweifel. Einmal mehr hat er seinen enormen Worten enorme Taten folgen lassen und die versammelte Weltklasse im 5.000m-Lauf, nach wie vor seine zweite Disziplin, ordentlich vorgeführt. „Wie immer war ich sehr nervös vor dem Rennen. Aber das Laufen ist mein Leben und ich arbeite mein ganzes Leben darauf hin, bei Weltmeisterschaften und generell in jedem Wettkampf das Beste zu geben. Und natürlich will ich immer gewinnen“, erklärte der Norweger im Interview mit dem Schweizer Fernsehen SRF. Mit beeindruckender Deutlichkeit setzte sich der Norweger an die Spitze der Rangliste und feierte in einer Zeit von 13:09,24 Minuten einen großen Sieg. Zweifacher Europameister 2018, Olympiasieger 2021 im 1.500m-Lauf, Weltmeister 2022 im 5.000m-Lauf. Der 21-jährige Ausnahmeläufer ist bereits in jungen Jahren am Ziel seiner To-Do-Liste, was den Lauf auf der Bahn betrifft. Selbst Weltrekordhalter Joshua Cheptegei blieb am Ende im SRF-Interview, in dem er sich als fairer Verlierer präsentierte, nur die Erkenntnis, dass Ingebrigtsen an diesem heißen Tag in Oregon der Beste war.

Der RunAustria-Bericht des 800m-Laufs der Frauen:

Mu beschert USA erstes Laufgold

Mit kühlem Kopf und Überzeugung

Es passt in seine Rolle als Showman, aber auch in jene als Perfektionist, dass der Europäer als einziger im Feld zu Rennmitte auf der Gegengerade ausscherte, um sich einen Trinkbecher zu schnappen, was bie Höchstgeschwindigkeit bekanntlich nicht so einfach ist. Ein paar Tropfen werden den Gaumen passiert haben, das meiste war als Kühlung von außen gedacht. Ingebrigtsen konnte sich die paar Extrameter einfach auch leisten, weil das anfänglich hohe Tempo von 10.000m-Weltmeister Joshua Cheptegei beim Führungswechsel an die Kenianer nach einem Kilometer nicht fortgeführt wurde. Nach dem ersten in 2:36,58 Minuten folgten zwei Kilometer in 2:41,20 und 2:46,73 Minuten. Die Temperaturen von 32°C und die Sonneneinstrahlung, die knapp die Hälfte der Rundbahn bedeckte, ließen Vorsicht walten, der Wind kam als erschwerender Faktor hinzu. Und so rückte Ingebrigtsen auf dem dritten Kilometer rasch von der elften Position, die er bei allen der ersten 22 100m-Zwischenzeiten inne hatte, ins Verfolgerfeld vor.

Schlussrunde unter 54 Sekunden

Bereits in der drittletzten Runde übernahm er das Kommando, initiierte einen leichten Steigerungslauf und verteidigte seine Spitzenposition auf der Innenbahn gegen den Kenianer Jacob Krop und den US-Amerikaner Grant Fisher. Wie in zig 1.500m-Rennen gesehen, bolzte der Norweger das Tempo nun von vorne und es gelang genau das, was ihm in seiner Spezialdisziplin etwas misslang. Eine kompromisslose Schlussrunde, die die Laufwelt in Staunen versetzte. 53,93 Sekunden benötigte der 21-Jährige vom Glockenton bis zur Ziellinie, schneller als jeder andere. Früh waren alle Fragezeichen verschwunden, Ingebrigtsen erarbeitete sich bereits in der letzten Kurve einen merklichen Vorsprung, den er entlang der Zielgerade nicht mehr verlieren konnte. Dennoch jubelte er erst auf den letzten Schritten, als alles, aber auch alles, bereits geklärt war. „Ich bin erleichtert, aber auch extrem stolz auf mich“, ergänzte der Sieger des Tages. Es fühle sich grandios an, Weltmeister zu sein, erinnerte er an die vier bisherigen Gelegenheiten, bei denen es nicht klappte – darunter der 1.500m-Lauf von Eugene, wo er als klarer Favorit „nur“ Silber gewann (siehe RunAustria-Bericht). Am Ende blieb nur ein Fragezeichen stehen: Warum in aller Welt die Regie den neuen Weltmeister bei der Vorstellung auf der Startlinie nicht speziell angekündigt hatte.

Ergebnis 5.000m-Lauf der Männer, WM 2022
Gold: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen) 13:09,24 Minuten
Silber: Jacob Krop (Kenia) 13:09,98 Minuten
Bronze: Oscar Chelimo (Uganda) 13:10,20 Minuten *

4. Luis Grijalva (Guatemala) 13:10,44 Minuten *
5. Mohammed Ahmed (Kanada) 13:10,46 Minuten
6. Grant Fisher (USA) 13:11,65 Minuten
7. Nicholas Kipkorir (Kenia) 13:11,97 Minuten
8. Yomif Kejelcha (Äthiopien) 13:12,09 Minuten
9. Joshua Cheptegei (Uganda) 13:13,12 Minuten
10. Daniel Simiu (Kenia) 13:16,64 Minuten
11. Abdihamid Nur (USA) 13:18,05 Minuten
12. Selemon Barega (Äthiopien) 13:19,62 Minuten
13. Muktar Edris (Äthiopien) 13:24,67 Minuten
14. Marc Scott (Großbritannien) 13:41,04 Minuten
15. Sam Parsons (Deutschland) 13:45,89 Minuten

* neue Saisonbestleistung

Medaillen für Krop und Chelimo

Wie gefühlt bei jeder Laufentscheidung in Eugene ging die Silbermedaille nach Kenia. Jacob Krop war an diesem Tag der mit Abstand Beste aus dem kenianischen Trio, während der Weltjahresschnellste Nicholas Kipkorir nur in jenen Phasen vorne lief, als das Tempo nicht so hoch war. In der letzten Runde war er chancenlos und fiel am Ende bis auf den siebten Platz zurück. Krop aber sicherte sich eine erste Medaille bei internationalen Großereignissen und beendete für sein Heimatland damit auch eine peinliche Durststrecke. Erstmals seit den Weltmeisterschaften von Peking 2015 ist Kenia wieder bei globalen Anlässen unter den Top-Drei, damals gewann Caleb Ndiku Silber hinter Mo Farah. „In so einem Rennen kommt alles auf die Schlussrunde an. Jeder will auf das Stockerl, ich hatte eine gute Position, als ich meinen Kick startete. Ich bin zufrieden, Jakob war einfach zu stark“, analysierte Krop.

Der dritte Medaillengewinner war die größte Überraschung des Tages. Der Kanadier Mo Ahmed schien wie in Doha und Tokio Richtung Edelmetall unterwegs, konnte aber das Tempo entlang der Zielgerade nicht mehr halten und wurde außen noch von Oscar Chelimo überspurtet. Der 20-jährige, kleine Bruder von Jacob Kiplimo, der Bronze über die doppelte Distanz der Familienbilanz beisteuerte, war Siebter bei den Junioren-Weltmeisterschaften vor vier Jahren in dieser Disziplin und Bronzemedaillengewinner im U20-Rennen bei den Weltmeisterschaften im Crosslauf 2019. Der Durchbruch in Eugene, wo er an seine persönliche Bestleistung heranlief, ist sein bisher größter Erfolg, womit er seinen großen Landsmann Cheptegei ordentlich in den Schatten gestellt hat.

Ausgewählte Schlussrunden im Vergleich:

  • Jakob Ingebrigtsen (NOR) 53,93 Sekunden
  • Oscar Chelimo (UGA) 54,16 Sekunden
  • Luis Grijalva (GUA) 54,63 Sekunden
  • Jacob Krop (KEN) 54,67 Sekunden
  • Mohammed Ahmed (CAN) 54,84 Sekunden
  • Grant Fisher (USA) 56,23 Sekunden
  • Joshua Cheptegei (UGA) 57,48 Sekunden
  • Selemon Barega (ETH) 63,53 Sekunden

Historisches Resultat für Zentralamerika

Auch der Viertplatzierte war eine historische Überraschung. Luis Grijalva, der als Einjähriger mit seiner Familie in die USA immigrierte, in Kalifornien lebt und erst dank eines in der Amtszeit von Barack Obama gestarteten Programms seine Aufenthaltsgenehmigung erhielt, erreichte mit Platz vier die historisch beste Platzierung für sein Heimatland bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften, zwei Positionen besser als der Geher Erick Barrondo vor elf Jahren in Daegu. „Unglaublich, ich hätte beinahe eine Medaille gewonnen“, stammelte der 23-Jährige nach dem Rennen. Jedes Mal, wenn er die USA verlassen möchte, braucht er eine Ausnahmegenehmigung, um eine zehnjährige Einreisesperre zu umgehen. Seinen Olympia-Start 2021 musste er beispielsweise aufgrund der überraschenden Qualifikation einklagen, wie er in einem Feature auf der Website von World Athletics erklärt.

Sportliches Debakel für Äthiopien

Wo große Sieger, sind in einem solchen Feld auch große Verlierer. Cheptegei, Olympiasieger von Tokio, schritt als Neunter schwer geschlagen von der Bahn. Auch der US-Amerikaner Grant Fisher konnte seine Medaillenträume nicht erfüllen. Eine gewaltige Abfuhr erhielt das äthiopische Team, das damit bei den Laufentscheidungen der Männer auf der Bahn ohne Goldmedaille blieb. Yomif Kejelcha, der während des gesamten Rennens nie in den Top-Fünf lag, war als Achter der einzige Äthiopier in den Top-Ten. Selemon Barega, Vize-Weltmeister von Doha, lief ähnlich weit hinten wie sein Landsmann und wurde schlussendlich Zwölfter vor dem entthronten Weltmeister. Schlechter war Äthiopien in einem 5.000m-WM-Lauf zuletzt 1997 in Athen, als Fita Bayissa Zehnter wurde. Seit inklusive 2009 gab es immer eine Medaille für Äthiopien. Keine Enttäuschung war der 15. Platz des Deutschen Sam Parsons, der mit seiner Finalqualifikation bereits das Maximum herausgeholt hatte.

Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2022 in Oregon

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