Olympiasieger Korir triumphiert auch bei WM

Ein Jahr nach seinem großen Auftritt mit Olympia-Gold in Tokio ist Emmanuel Korir aus Kenia auch Weltmeister im 800m-Lauf. Dieses eindrucksvolle Doppel hat bisher nur Weltrekordhalter und Landsmann David Rudisha geschafft, der in umgekehrter Reihenfolge zweimal als amtierender Weltmeister Olympiasieger wurde.

© Hannah Peters / Getty Images for World Athletics

Der Formaufbau von Emmanuel Korir in der Saison 2022 könnte zukünftig im Lehrbuch als einer angeführt sein, wie man ihn sich vorstellt. Am Punkt genau erschien der Kenianer, der in vier Wettkämpfen im Juni und im Juli nur einmal – und das einigermaßen knapp – unter 1:46 Minuten gelaufen ist, in seiner besten Verfassung. Ein Sieg bei einem kleinen Meeting in Frankreich war schon das höchste der Gefühle. Doch weil er als Gesamtsieger der Diamond League 2021 keinen Qualifikationsdruck hatte und daher die Kenya Trials auslassen durfte, konnte er sich den last-minute-Formanstieg in der Planung leisten. Und er gelang: Sieg im Vorlauf, Sieg im Halbfinale, Sieg im Finale – jeweils mit gewaltigen Steigerungsraten, Saisonbestleistung im Halbfinale und Saisonbestleistung im Finale mit einem ziemlich perfekten Rennen. Gold in 1:43,71 Minuten, nicht einmal zwei Zehntelsekunden von der Weltjahresbestleistung entfernt, was um so verwunderlicher war, weil die erste Runde in Eugene nicht so schnell war und der Sieger einen klaren Negativsplit brauchte, um zu gewinnen. „Es war hart. Ich wusste, dass schnelle Kicker hinter mir sind. Ich habe jemanden erwartet, aber es ist mir niemand mehr nahegerückt“, erzählte der Sieger später. Sieben Mal war eine Siegerzeit bei Weltmeisterschaften schneller, darunter der Schweizer André Bucher oder die Stars des alten Jahrhunderts Billy Koncellah und Wilson Kipketer.

Der RunAustria-Bericht des 5.000m-Laufs der Frauen:

Rhythmuswechsel führen Tsegay zu größtem Erfolg
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Erster kenianischer WM-Titel seit Rudisha

Korir ging als Fünfter in die zweite Runde, jagte als Vierter die Gegengerade hinunter und ging in der Kurve mit viel Schwung außen an dem Franzosen Tual und seinem Landsmann Kinyamal vorbei. Die Taktik ging perfekt auf, 70 Meter vor dem Ziel überholte der 27-Jährige den führenden Kanadier Marco Arop und lief als Sieger ins Ziel. „Es ist magisch!“, jubelte der Kenianer und erinnerte an nicht geglückte WM-Auftritte in den Jahren 2017 und 2019. Korir, der in El Paso im US-Bundesstaat Texas studiert, lebt und trainiert, lief in Eugene bei Außentemperaturen von 25°C wie auch Djamel Sedjati und Emmanuel Wanyonyi einen Negativ-Split, weil die erste Runde und dort insbesondere die Phase zwischen 200 und 300 Metern nicht superschnell war. Davor hatte das gesamte Feld in einem dynamischen Beginn versucht die Spitze zu erreichen, Slimane Moula gelang das, die anderen Favoriten formierten sich und Arop führte das Feld in 52,04 Sekunden in die zweite Hälfte. Korirs Schlüssel zum Sieg war seine schnelle Phase entlang der Gegengerade und in der letzten Kurve. Sie führte ihn zum ersten kenianischen 800m-Titel seit David Rudisha vor sieben Jahren in Peking.

Ergebnis 3.000m-Hindernislauf der Frauen, WM 2022
Gold: Emmanuel Korir (Kenia) 1:43,71 Minuten *
Silber: Djamel Sedjati (Algerien) 1:44,14 Minuten
Bronze: Marco Arop (Kanada) 1:44,28 Minuten

4. Emmanuel Wanyonyi (Kenia) 1:44,54 Minuten
5. Slimane Moula (Algerien) 1:44,85 Minuten
6. Gabrial Tual (Frankreich)1:45,49 Minuten
7. Peter Bol (Australien) 1:45,51 Minuten
8. Wyclife Kinyamal (Kenia) 1:47,07 Minuten

* neue Saisonbestleistung

Historische Medaillen für Algerien und Kanada

Es war die perfekte Herangehensweise des Olympiasiegers, die Gefahr der im Halbfinale sehr gut sichtbaren, enormen Endschnelligkeit des jungen algerischen Duos abzumildern. Die erste algerische Medaille in den Tagen von Eugene gelang dennoch und zwar durch Djamel Sedjati. Vom 23-Jährigen hätte bis zum Saisonbeginn 2022 international keiner ein Stück Brot genommen, doch der Nordafrikaner entwickelte sich prächtig und jagte bei kleineren Meetings in Frankreich mit Topzeiten sowie bei den Mittelmeerspielen bei Wettkämpfen mit Meisterschaftscharakter von Sieg zu Sieg. Auch im Vorlauf und im Halbfinallauf überquerte er die Ziellinie als Sieger. Im Finale schnappte er sich kurz vor dem Ziel noch Marco Arop, der mit Bronze ebenfalls seine erste internationale Medaille gewann. Der große Freudentag für Silbermedaillengewinner Sedjati war also rein nominell die erste Niederlage der Saison. Für Algerien endet damit eine 19-jährige Durststrecke seit dem Weltmeistertitel von Djabir Said-Guerni in der französischen Hauptstadt.

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Arop hatte in diesem Wettkampf nicht das Stehvermögen, sein Tempo bis zum Finale durchzuhalten und musste sich mit Bronze zufrieden geben, der zweiten kanadischen WM-Medaille in dieser Disziplin nach Gary Reed 2007. Der heimliche Favorit des Rennens erzielte mit seinem Auftritt einen merklichen Fortschritt zu den Rängen sieben bei der WM in Doha und acht bei der Hallen-WM in Belgrad im März, bei den Olympischen Spielen war er im Vorjahr, in Topform befindlich, überraschend im Halbfinale gescheitert. „Letztes Jahr war eine Lehrstunde für mich, daher fühlt sich diese Medaille wie Wiedergutmachung an“, sagte er und war zufrieden: „Ich habe alles gegeben. Das war nicht genug, um zu gewinnen, aber genug, um eine Medaille zu bekommen.“ Damit hielt der 23-Jährige eine besondere Serie aufrecht: Wie der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) betont, ist der 800m-Lauf der Männer die einzige Disziplin der gesamten Olympischen Kernsportart, bei der noch nie zwei Athleten aus dem gleichen Land auf einem WM-Podest gestanden sind.

Die Negativ-Splits im 800m-Finale

  • Emmanuel Korir (KEN) 52,29 / 51,42 Sekunden
  • Djamel Sedjati (ALG) 52,60 / 51,54 Sekunden
  • Emmanuel Wanyonyi (KEN) 52,63 / 51,91 Sekunden

Die Positiv-Splits im 800m-Finale

  • Marco Arop (CAN) 52,04 / 52,24 Sekunden
  • Slimane Moula (ALG) 52,17 / 52,68 Sekunden
  • Peter Bol (AUS) 52,47 / 53,04 Sekunden
  • Gabriel Tual (FRA) 52,13 / 53,36 Sekunden
  • Wyclife Kinyamal (KEN) 52,28 / 54,79 Sekunden

Wanyonyi knapp am Rekord vorbei

Der zweite Algerier konnte seinen starken Schlussspurt nicht effektiv zünden, wobei sein Problem war, dass er in der Kurve bis auf Rang sieben gefallen war. Die Teilzeit Moulas auf den letzten 100 Metern von 13,32 Sekunden war die viertschnellste, die schnellsten finalen 100 Meter schaffte sein Landsmann vor Emmanuel Wanyonyi. Der kenianische Junioren-Weltmeister, der erst kommende Woche seinen 18. Geburtstag feiert, gewann demnach auch den Spurt gegen Moula um Platz vier. Der Teenager war nicht unzufrieden mit seinem Rennen: „Meine Zeit wird kommen!“ Hätte er eine Medaille geholt, wäre er der jüngste Medaillengewinner der WM-Geschichte gewesen! Diesen Rekord behält der Kenianer Ismael Kirui, der 1993 als 18-Jähriger Gold im 5.000m-Lauf gewann. Tirunesh Dibaba war bei ihrem ersten 5.000m-WM-Titel in Paris 2003 noch ein paar Tage jünger als Wanyonyi am gestrigen Wettkampftag, genauso wie Merlene Frazer als Teil der jamaikanischen Sprintstaffel im Jahr 1991.

Der einzige Europäer im Feld, Gabriel Tual wurde Sechster und schaffte damit eine Steigerung um eine Position gegenüber dem Olympischen Finale von Tokio.

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