5.000m-Lauf der Männer, Vorschau: Die hochwertige Hitzeschlacht

Bei hochsommerlichen Temperaturen geht am letzten Wettkampftag der 18. Leichtathletik-WM der Höhepunkt der Laufentscheidungen der Männer über die Bühne – ein 5.000m-Lauf zum Schwitzen.

© Andy Lyons / Getty Images for World Athletics

Der Wettergott hatte ein Einsehen mit den weltbesten Leichtathletinnen und Leichtathleten. Die WM 2022 liefert den Beweis dafür, dass man nicht in die Wüste an den Persischen Golf gehen muss, um zehn Tage schönstes Wetter für die globalen Titelkämpfe zu haben. Und gleichzeitig stellt sich auch aus (ost-)österreichischer Perspektive die Frage: Regnet es denn nirgendwo auf der Welt mehr? Dabei hätte es die Hauptdarsteller viel schlimmer erwischen können, denn in Eugene herrschte bisher angenehme Sommerhitze. Auch wenn die Temperaturen immer mal wieder ein Thema waren, sei erinnert, dass die Stars gewohnt sind, an lauen Sommerabenden zu laufen, sprinten, springen und werfen, wenn die Sonneneinstrahlung maximal horizontal erfolgt.

Einen Tag mit Temperaturen deutlich über 30°C bekommt die WM an ihrem letzten Wettkampftag mit dem 5.000m-Lauf der Männer nun doch noch, bevor sich ab Montag, wenn alle heimreisen, über Oregon eine Hitzewelle ausbreitet mit einer vollen Woche voller Höchsttemperaturen in der zweiten 30er-Hälfte. Das hätte auch diese Woche passieren können, wenn man die Abendsession nicht in den Abend verlegt, sondern in den Vorabend, damit – völlig verständlich – auch die US-Fans an der Ostküste die WM noch in angenehmen Stunden verfolgen können.

800m-Lauf der Männer, Finale: Samstag, 23. Juli um 18:10 Uhr Ortszeit (Sonntag, 24. Juli um 3:10 Uhr MEZ)
Weltmeister 2019: Muktar Edris (Äthiopien)
Olympiasieger von Tokio: Joshua Cheptegei (Uganda)
Rekord-Weltmeister: Mo Farah (Großbritannien) mit drei WM-Titel
Erfolgreichste Nation: Kenia mit sieben WM-Titel
WM-Rekord: Eliud Kipchoge (Kenia) in 12:52,79 Minuten (Paris 2003)
Weltjahresbestleistung: Nicholas Kipkorir (Kenia) in 12:46,33 Minuten (Rom)
Favorit: viele
Teilnehmerinnen aus der DACH-Region: Sam Parsons (Deutschland); Mohamed Mohumed, Maximilian Thorwirth (beide Deutschland, im Vorlauf ausgeschieden)

Das Beste zum Schluss

Die prognostizierten Bedingungen mit rund 32°C zum Startzeitpunkt wird definitiv ein Kriterium in diesem starken Feld. Denn es wird einige davon abhalten, eine Offensivtaktik zu starten und Interessenten dafür könnte es geben. Denn mit dieser Qualität 4.000m dahinjoggen und dann die Jagd eröffnen, könnte für die meisten derer, die Hoffnungen auf eine Medaille hegen, ein Risiko sein. Insbesondere für jene, die nicht über eine gute 1.500m-Bestleistung verfügen und die hat nicht nur Jakob Ingebrigtsen, sondern etwa auch die beiden Äthiopier Selemon Barega und Yomif Kejelcha.

Ohne den anderen Wettkämpfen nahetreten zu wollen, es gab genügend Hochspektakuläres: Der 5.000m-Lauf ist der am stärksten besetzte Laufevent bei den Männern in Eugene. Vier der Top-Sechs des 10.000m-Laufs gehören wieder zu den Medaillenaspiranten, dazu rückt der Norweger von der Mittelstrecke herauf und hat immerhin den Europarekord als Empfehlung dabei, und die beiden Kenianer Nicholas Kipkorir und Jacob Krop mischen mit, das sind die beiden Schnellsten des Jahres. Außerdem ist Mohammed Ahmed über 5.000m definitiv stärker als über 10.000m. Und auch wenn er nicht zu den Medaillenkandidaten gehört, einen Namen hat Muktar Edris als zweifacher Weltmeister schon. Schafft er die Sensation, wäre er erst der zweite nach Mo Farah mit drei WM-Titeln in Serie.

Topfit und doch nicht Weltmeister

Die Chancen Jakob Ingebrigtsens, dessen demographische Prägung in Skandinavien nicht unbedingt ideal war für ein Rennen bei 32°C sein dürfte, hängen sicherlich vom Rennverlauf ab. Aber sowohl bei der persönlichen Bestleistung als auch mit der Saisonbestleistung, die dem einzigen 5.000m-Rennen zum Saisoneinstieg entstammt, als der Norweger sicherlich noch nicht in Topform gewesen ist, agiert er auf dem selben Niveau wie die besten Ostafrikaner. Sein übertriebenes Selbstvertrauen in den Meldungen nach dem Vorlauf sind ein Stück weit Geplänkel, aber natürlich ist er vollständig davon überzeugt, zu gewinnen. Eine, die er am Abend seiner Niederlage gegen Wightman („Ich bin nicht stolz darauf, wie ich heute taktisch gelaufen bin. Das geht besser.“ (Let’s Run.com)) losließ, ist vielleicht doch relevant für den 5.000m-Lauf. Er fühle sich topfit und hätte das Gefühl, bei einem Zeitlauf eine 3:27er Zeit draufgehabt zu haben. Gewinnt Ingebrigtsen am Sonntag, wäre es sein erster WM-Titel – es ist unglaublich, dass man das Gefühl hat, dass er im Alter von 21 Jahren diesem schon lange hinterherjagt.

Kenias bittere Durststrecke

Angesichts seines überzeugenden Siegs über 10.000m ist Joshua Cheptegei automatisch derjenige, den es zu schlagen gibt. Zumal er auch den Weltrekord hält. Der 24-Jährige hat sich 2022 enorm rar gemacht und nur einen 5.000m-Wettkampf bestritten. Das war ein Zeitlauf im Rahmen des Diamond-League-Meetings in Eugene und eher eine Enttäuschung. Dass er in Form ist, ist allerdings nach dem 10.000m-Lauf nicht mehr fraglich. Den besten Eindruck in der Diamond-League-Saison haben die beiden Kenianer Nicholas Kipkorir und Jacob Krop gemacht, die in Rom beim schnellsten 5.000er der Saison persönliche Bestleistungen von 12:46 Minuten aufgestellt haben. Doch Kipkorir, bisher als Kimeli bekannt und Olympia-Vierter von Tokio, erlebte im Vorlauf einen Schock, als er um ein Haar rausgeflogen wäre. Der letzte kenianische Weltmeister im 5.000m-Lauf der Männer war Benjamin Limo im Jahr 2005, was aber noch viel schlimmer ist: Bei den letzten vier Großereignissen gab es für den erfolgsverwöhnten kenianischen Verband summiert exakt null Medaillen in dieser Disziplin.

Olympische Spiele 2020

  • Gold: Joshua Cheptegei (UGA)
  • Silber: Mohammed Ahmed (CAN)
  • Bronze: Paul Chelimo (USA)

Weltmeisterschaften 2019

  • Gold: Muktar Edris (ETH)
  • Silber: Selemon Barega (ETH)
  • Bronze: Mohammed Ahmed (CAN)

Äthiopiens Team dezimiert und trotzdem stark

Einige Fragezeichen schweben über dem äthiopischen Team. Deren Schnellster der Saison, Berihu Aregawi, hat es nach seinem eher enttäuschenden Auftritt über 10.000m nicht in das Aufgebot der Äthiopier geschafft. Er wurde ersetzt durch Telahun Bekele, der prompt im Vorlauf ausschied. Qualifiziert hat sich über die Zeitregel Titelverteidiger Muktar Edris, dessen letztes wirkliches Topergebnis fast drei Jahre alt ist – als er damals überraschend Weltmeister in Doha wurde und damit den Triumph von London, als er in einem epischen Duell Mo Farah vor dessen Publikum niederkämpfte, wiederholte. Die beste Chancen auf eine äthiopische Medaille hat demnach Junioren-Weltrekordhalter Selemon Barega, Vize-Weltmeister von Doha 2019 und Hallen-Weltmeister über 3.000m in diesem Jahr. Dass er über die doppelte Distanz leer ausging, hat der 22-Jährige sicher nicht lustig gefunden. Der dritte Äthiopier im Finale ist Yomif Kejelcha, noch vor Barega schnellster Äthiopier in Rom. Der 25-Jährige, der ein paar Jahre im ehemaligen Nike Oregon Project trainiert hat, hat beste Erinnerungen an Oregon. 2014 wurde er in Eugene Junioren-Weltmeister, 2016 in Portland Hallen-Weltmeister über 3.000m.

Ein Finalist aus Deutschland, einer aus Guatemala

Das Finalfeld beherbergt die Top-Fünf der Weltrangliste, Ingebrigtsen ist dort nicht platziert, weil er die notwendige Anzahl der Leistungen in einem bestimmten Zeitraum dafür nicht erreicht. Die US-amerikanischen Hoffnungen trägt Grant Fisher sieben Tage nach seinem starken vierten Platz über 10.000m auf seinen Schultern, überraschend hat auch sein Landsmann Abdihamid Nur den Sprung ins Finale geschafft. Im Gegensatz zum 10.000m-Lauf ist Fisher nicht stärker einzuschätzen als sein kanadischer Trainingspartner Mo Ahmed, der in Doha Bronze und in Tokio Silber gewann, aber im Halbfinale keinen starken Eindruck hinterließ. Der europäische Beitrag am Rennen ist ein Fünftel, aber durchaus ansprechend. Neben Ingebrigtsen sind der starke Brite Marc Scott und sensationell der Deutsche Sam Parsons dabei, der sich nach dem Finaleinzug richtig gefreut hat. Es ist bereits jetzt sein größter sportlicher Erfolg, ein Muntermacher auch vor der Heim-EM in München. „Hier am Hayward Field ein WM-Finale zu laufen – das ist etwas, wovon ich nicht gewagt hätte zu träumen“, jubelte der 28-Jährige.

Einen exotischen Touch verleiht dem Feld Luis Grijalva aus Guatemala. Das Land in Mittelamerika ist nicht bekannt für Leichtathletik-Erfolge, ein sechster Platz ist die historisch beste WM-Platzierung. Dafür war der Geher Erick Barrondo (2011 in Daegu) verantwortlich. Der klassische Exot ist der in den letzten Jahren immer stärker werdende 23-Jährige allerdings nicht. Er liegt auf Rang 23 der Weltrangliste und damit immerhin besser als vier seiner Kontrahenten im Finale, Ingebrigtsen nicht eingerechnet.

Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2022 in Oregon

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