Jake Wightman schlägt Jakob Ingebrigtsen

Der Schotte wandelte seine Topform in einen überraschenden Triumph gegen den norwegischen Favoriten und steigt die Gruppe der zahlreichen erfolgreichen und heute legendären britischen Mittelstreckenläufer auf. Auch das spanische Abschneiden erinnert an große Zeiten.

© Andy Lyons / Getty Images for World Athletics

„Wahrscheinlich wird das, was ich heute erreicht habe, erst dann richtig in mir sacken, wenn ich einmal meine Karriere beendet habe. Es ist verrückt!“, sagte Jake Wightman nach einem überraschenden, aber genauso auf eindrucksvolle und überzeugende Art und Weise herausgelaufenen Weltmeistertitel, sein mit Abstand größter Erfolg bisher. „Ich hatte ein enttäuschendes letztes Wettkampfjahr. Ich weiß nicht, ob den Leuten bewusst ist, wie hart das ist, wenn man mit hohen Erwartungen in ein Olympiarennen geht, eine Medaille gewinnen möchte, aber am Ende Zehnter wird.“

Ganz anders bei der WM 2022: Der Schotte lief stark, sehr gut positioniert über das gesamte Rennen, und ging auf der Gegengeraden der letzten Runde in eine offensive Haltung. 200 Meter vor dem Ziel schob er sich außen gar an Jakob Ingebrigtsen vorbei in Führung und gab nur noch Vollgas. Der Konter des Norwegers kam nicht mehr, Wightman hatte in einer persönlichen Bestleistung von 3:39,23 Minuten die Goldmedaille sicher. „Der lange Spurt über 200 Meter ist meine Stärke. Wenn ich mich beim Laufen gut fühle, attackiere ich immer hier. Das ist der Vorteil, wenn man eine gute 800m-Bestleistung hat und daran habe ich in den letzten Jahren intensiv gearbeitet“, so der 28-Jährige, der nun auf Rang drei der ewigen britischen Bestenliste hinter Mo Farah und Olympia-Medaillengewinner Josh Kerr sowie auf Rang sieben der von Ingebrigtsen und Mohamed Katir angeführten, ewigen europäischen Bestenliste liegt. Genau dieses Duo begleitete Wightman zur Siegerehrung.

Und der besiegte Norweger übte sich darin, trotz seiner sichtlichen Enttäuschung einen guten Verlierer zu mimen. Etwas missmutig hatte er direkt im Ziel mit versteinerter Miene dem Schotten anerkennend auf den Rücken geklopft, danach sagte er: „Natürlich bin ich sehr enttäuscht, nicht gewonnen zu haben. Aber ich freue mich sehr für Jake, er ist ein herausragender Läufer.

© Andy Lyons / Getty Images for World Athletics

Britische Legenden

Mit diesem Triumph, dem ersten großen für Großbritannien im 1.500m-Lauf seit dem Olympiasieg des heutigen Präsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics), Sebastian Coe bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles, schlägt der Schotte eine Brücke von der Gegenwart in die ruhmreiche Vergangenheit des britischen Mittelstreckenlaufs. Steve Cram, heute TV-Experte, war der erste Weltmeister in dieser Disziplin, als den Briten 1983 in Helsinki mit Steve Scott ein Doppelsieg gelang. Sebastian Coe wurde 1980 und 1984 Olympiasieger, jeweils gab es durch Steve Ovett (Bronze 1980) und Cram (Silber 1984) eine zweite britische Medaille, Peter Elliott gewann 1988 Silber, bis Josh Kerr mit seiner Bronzemedaille die Durststrecke auf dem Olympischen Parkett beendete.

Auch bei der WM riss die Zeit der Erfolglosigkeit, nicht eine einzige Medaille haben die Briten seit 1983 im 1.500m-Lauf gewonnen, nur die Frauen liefen angeführt von Athen-Olympiasiegerin Kelly Holmes sporadisch auf das Stockerl, zuletzt war das bei Weltmeisterschaften vor der gestrigen Medaille durch Laura Muir (siehe RunAustria-Bericht) Hannah England 2011, heute auch TV-Expertin. Und der Erfolg von Wightman reibt Balsam auf die britische Seele – es ist das erste Gold bei dieser WM, die zweite Medaille nach jener von Muir.

Ergebnis 1.500m-Lauf der Männer, WM 2022
Gold: Jake Wightman (Großbritannien) 3:29,23 Minuten * / **
Silber: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen) 3:29,47 Minuten ***
Bronze: Mohamed Katir (Spanien) 3:29,90 Minuten ***

4. Mario Garcia (Spanien) 3:30,20 Minuten **
5. Josh Kerr (Großbritannien) 3:30,60 Minuten ***
6. Timothy Cheruiyot (Kenia) 3:30,69 Minuten ***
7. Abel Kipsang (Kenia) 3:31,21 Minuten
8. Teddese Lemi (Äthiopien) 3:32,98 Minuten ***
9. Stewart McSweyn (Australien) 3:33,24 Minuten ***
10. Michal Rozmys (Polen) 3:34,58 Minuten ***
11. Ignacio Fontes (Spanien) 3:34,71 Minuten
12. Joshua Thompson (USA) 3:35,57 Minuten

* neue Weltjahresbestleistung
** neue persönliche Bestleistung
*** neue Saisonbestleistung

Entscheidung vor der Kurve

Das WM-Finale am Hayward Field von Eugene, wo man auch dank der Vergangenheit des früh verstorbenen, heimischen Talents Steve Prefontaine einen Hang zur Meile pflegt und dies auch an der hervorragenden Stimmung des Publikums während des Wettkampfs sicht- und hörbar blieb, begann mit einem hohen Tempo. Der Kenianer Abel Kipsang hatte sich an die Spitze gesetzt und die ersten 400m in 55,51 Sekunden absolviert. Angesichts dieses rasanten Starts positionierten sich die Medaillenanwärter gleich mit Anstrengung bewusst dort, wo sie hinwollten. Der einzige US-Amerikaner im Feld, Josh Thompson war eher unauthentisch auf der zweiten Position. Er sollte am Ende Zwölfter und letzter sein. Dahinter reihten sich Stewart McSweyn, Timothy Cheruiyot und Jakob Ingebrigtsen ein. Kipsang, mittlerweile in kenianischer Doppelführung, hielt die Spitze 650 Meter lang, dann übernahm der Olympiasieger das Ruder. Die 800m-Zwischenzeit von 1:52,04 Minuten bestätigte, dass es nun nicht mehr langsam würde. Ingebrigtsen führte das Feld in die letzte Runde, acht Läufer lagen noch binnen einer Sekunde.

Dann beschleunigte Wightman und durchlief in Führung liegend durch die Kurve. Ingebrigtsen hatte Kontakt zum Schotten, doch als sein Angriff auf der Zielgerade gefragt war, kam er nicht. „Auch wenn ich mich auf der Zielgerade furchtbar stark gefühlt habe, man muss immer mit Jakob rechnen. Er ist ein Biest und ich wusste bis zur Ziellinie nicht, ob er mich nicht doch noch erwischt“, so Wightman. Ingebrigtsen analysierte: „Eigentlich habe ich mich gut gefühlt, aber ich konnte das Tempo von Jake auf den letzten 200 Metern nicht halten.“

Zwei statistische Einschätzungen

Um Ingebrigtsens Leistung auf den Prüfstand zu legen, sei die Verbesserung der persönlichen Bestleistung von Jake Wightman, der zum zweiten Mal in den Weltklassebereich unter 3:30 Minuten gelaufen ist, erwähnt – sein Kontrahent hatte einen absoluten Sahnetag erwischt. Zweitens ist Ingebrigtsen fast auf eine Sekunde an seinen Europarekord herangelaufen, die Gesamtleistung war also gut. Und dennoch gibt es eine auf dem ersten Blick einfache Begründung, warum der Norweger nach der Silbermedaille unter dem Hallendach nun wieder nicht Weltmeister geworden ist. Seine Schlussrunde war 55,24 Sekunden schnell, das ist nicht absolute Weltklasse, auch nicht am Ende eines so schnellen Rennens. Wightman benötigte 54,84 Sekunden für die finalen 400m. Bei den Olympischen Spielen, als Ingebrigtsen aus der Herausfordererolle Timothy Cheruiyot übertrumpfte, war er fast eine Sekunde schneller auf den finalen 400 Metern (in einem gut eine Sekunde langsameren Rennen). Nun fokussiert sich der 21-Jährige auf den 5.000m-Lauf.

  • Jake Wightman (GBR) 54,84 Sekunden
  • Mario Garcia (ESP) 55,02 Sekunden
  • Mohamed Katir (ESP) 55,18 Sekunden
  • Jakob Ingebrigtsen (NOR) 55,24 Sekunden
  • Josh Kerr (GBR) 56,00 Sekunden
  • Timothy Cheruiyot (KEN) 56,37 Sekunden
  • Josh Thompson (USA) 36,65 Sekunden
  • Abel Kipsang (KEN) 36,77 Sekunden

Dass Wightman, Sohn zweier ehemaliger Top-Marathonläufer (sein Trainer und Vater Geoff, der heute als Journalist arbeitet, hält bei einer Bestleistung von 2:13:17 Stunden, belegte bei den Europameisterschaften 1990 Rang sechs und bei den Commonwealth Games im selben Jahr Rang acht im Marathon, Mutter Susan wurde Sechste bei den Commonwealth Games 1986 im 10.000m-Lauf, beendete den London Marathon 1988 als Vierte, ihren schnellsten Marathon absolvierte sie bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul, wo sie in 2:31:33 Stunden Zwölfte wurde), in Topform nach Eugene reisen würde, dafür gab es Vorzeichen. Bei den britischen Meisterschaften siegte er souverän (und das ist bei den britischen Meisterschaften so einfach auch wieder nicht) und betonte nachher mehrmals, noch nicht bei 100% zu sein. Der Formaufbau sei auf Eugene hin getrimmt.

Spanischer Jubel

Bei all der Wertschätzung für Wightman für einen herausragenden Wettkampf, der großes Lob verdient: Den inoffiziellen Titel der größten Überraschung des Tages kann er wohl nicht für sich beanspruchen. Der Spanier Mario Garcia, 23 Jahre jung, hatte die Saison mit einer persönlichen Bestleistung von 3:35,79 Minuten begonnen und diese erst bei den spanischen Meisterschaften, wo er überraschend gewann, leicht verbessert. Doch dann folgte in Eugene eine Explosion seines Potenzials: persönliche Bestleistung im Vorlauf und taktisch perfektes Verhalten im Halbfinale, wo er Zweiter in seinem Durchgang wurde. Die Krönung erfolgte heute Früh mitteleuropäischer Zeit: Rang vier und eine Verbesserung seiner persönlichen Bestleistung um unfassbare fünf Sekunden! Damit ist er auf einen Schlag der drittschnellste Spanier aller Zeiten hinter Mohamed Katir und Fermin Cacho.

Dass der Sensationsauftritt des Studenten der University of Mississippi auch noch in Bronze gegossen wurde, verhinderte ausgerechnet ein Landsmann. Katir, der nur um die Winzigkeit einer Hundertstelsekunde überhaupt den Aufstieg ins Halbfinale geschafft hatte, zeigte seine Klasse, die schon öfters präsentiert hat, und sicherte sich in einer Zeit von 3:29,90 Minuten den dritten Platz. Wie die Briten haben auch die Spanier eine große Erfolgstradition auf der Mittelstrecke, mit den Höhepunkten in den 90er-Jahren, als Spanien mit den Olympischen Spielen von Barcelona und der WM von Sevilla zweimal die Weltelite auf heimischem Boden begrüßte. Katirs Medaille ist die erste spanische bei einer WM seit den beiden Bronzemedaillen von Reyes Estevez 1997 und 1999 sowie der Silbernen von Fermin Cacho 1997, der davor noch eine WM-Silbermedaille und als Höhepunkt den Olympiasieg 1992 sowie Olympia-Silber 1996 gefeiert hatte.

Spanien war übrigens die einzige Nation mit drei Startern im Finale. Dass alle drei WM-Medaillengewinner unter 3:30 Minuten blieben, hat es in der WM-Geschichte noch nie gegeben. Bisher haben das summiert erst drei Athleten beschafft: Timothy Cheruiyot bei seinem WM-Titel 2019 sowie Hicham El Guerrouj und Noah Ngeny 1999 in Sevilla.

Kenianische Ernüchterung

Wo es Sieger gibt, gibt es immer Verlierer und das waren an diesem Tag die Kenianer. Nur die Plätze sechs für Timothy Cheruiyot, von dem bekannt war, nicht in Topform zu sein, und sieben von Abel Kipsang, heimlich in den Erwartungen der bessere Kenianer, schauten am Ende heraus. Erfolgloser war man zuletzt 2005 in Helsinki, als der einzige kenianische Finalist Alex Kipchirchir Siebter wurde, zuletzt ging man 2009 in Berlin mit den Rängen vier und fünf in der Medaillenabrechnung leer aus, 1993 und 1995 war gar kein Kenianer im Finale.

Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2022 in Oregon

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