3.000m-Hindernislauf der Frauen, Vorschau: Nationenwechsel

Die Favoritin Norah Jeruto ist Kenianerin und repräsentiert erstmals ihre neue sportliche Heimat Kasachstan. Die Weltjahresschnellste Winfred Yavi hat ebenfalls kenianische Wurzeln, läuft aber Zeit ihrer Karriere für den Bahrain. Würden die beiden auf eins und zwei einlaufen, wäre es keine Überraschung.

Hannah Peters / Getty Images for World Athletics

Kann man Medaillen kaufen? Natürlich. Wenn kein Geld im Spiel ist, was wohl bei gewissen Nationen mit wertvollen Rohstoffen eher die Ausnahme sein sollte, würde das Verb in importieren geändert gehören. Denkt man an erfolgreiche und attraktive Leichtathletik-Destinationen, kommen einem die Länder Kasachstan und Bahrain sicherlich nicht in den Sinn. Kasachstan hat in seiner WM-Historie bereits acht Medaillen gewonnen, niemals eine Goldene. Bahrain steht bei einer Bilanz von sieben Goldmedaillen sowie je drei Silber- und Bronzemedaillen.

Für die kasachischen Medaillen waren bisher die technischen Disziplinen, der Zehnkampf und der Hürdensprint zuständig. Im Laufbereich steht noch die Null, womit Norah Jeruto gleich zwei historische Erfolge feiern könnte, wenn sie ihrer Favoritenrolle gerecht wird. Sie wäre bei einem Sieg die erste Goldmedaillengewinnerin für Kasachstan überhaupt und die erste Medaillengewinnerin aus dem Laufbereich. Besser erkennt man das Erfolgsmodell Medaillen einkaufen am Beispiel der reichen Insel im Persischen Golf. Der später wegen Dopings gesprrte Rashid Ramzi, Doppel-Weltmeister auf den Mittelstrecken 2005, ist Marokkoner, Yousef Saad Kamel, 2009 Weltmeister im 800m-Lauf, ist der Sohn der kenianischen 800m-Legende Billy Konchellah. Rose Chelimo, 2017 Marathon-Weltmeisterin ist gebürtige Kenianerin, Maryam Yussuf Jamal, zweifache 1.500m-Weltmeisterin, ist gebürtige Äthiopierin und hat sich einst vergeblich um die Schweizer Staatsbürgerschaft bemüht. Nicht ein einziger der sieben WM-Titel, auch nicht der einzige außerhalb des Laufssektors, nämlich jener von Salwa Eid Nasser 2019 im 400m-Sprint, die aktuell wegen einer Dopingsperre zuschauen muss, ist hausgemacht.

3.000m-Hindernislauf der Frauen, Finale: Mittwoch, 20. Juli um 19:45 Uhr Ortszeit (Donnerstag, 21. Juli um 4:45 Uhr MEZ)
Weltmeisterin 2019: Ruth Chepngetich (Kenia)
Olympiasiegerin von Tokio: Peruth Chemutai (Uganda)
Rekord-Weltmeisterinnen: keine Mehrfach-Titel
Erfolgreichste Nation: Kenia mit drei WM-Titel *
WM-Rekord: Beatrice Chepkoech (Kenia) in 8:57,84 Minuten (Doha 2019)
Weltjahresbestleistung: Winfred Yavi (Bahrain) in 8:56,55 Minuten (Paris)
Favoritin: Noah Jeruto (Kasachstan)
Teilnehmerinnen aus der DACH-Region: Gesa Krause (Deutschland); Lea Meyer (Deutschland), Chiara Scherrer (Schweiz) (beide im Vorlauf ausgeschieden)

* seit 2005 im WM-Programm

Ein Teenie wechselte ihre Nationalität

Winfred Yavi wechselte bereits mit 16 den Verband, was heute Gott sei Dank auch aus Sicht des Jugendschutzes in der Leichtathletik nicht erlaubt wäre. Ihr Talent wurde schnell sichtbar, als 17-Jährige stand sie als Achte im WM-Finale von London, als 18-Jährige gewann sie Bronze bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Tampere und als 19-Jährige schrammte sie in Doha als Vierte knapp an einer Medaille vorbei, die ihr Gesa Krause mit einer tollen Schlussrunde verwehrte. Neben etlichen Erfolgen auf kontinentaler Ebene gelang das Olympia-Debüt nicht, in Tokio musste sie sich mit Rang zehn zufrieden geben. Doch nun scheinen die Voraussetzungen für die 22-Jährige günstig, ihre erste globale Medaille zu gewinnen. Ihr gelang ein kräftiger Leistungssprung, zweimal lief Yavi in diesem Jahr bereits unter neun Minuten, darunter bei der Weltjahresbestleistung von Paris, als sie konkurrenzlos zu einer Zeit von 8:56,55 Minuten stürmte.

Wesentlich schwieriger als damals war der Nationentransfer für Norah Jeruto aus Kenia nach Kasachstan, weil neue Regeln von World Athletics griffen. Über die Motivation ist wenig bekannt, sie selbst spricht augenscheinlich ungern darüber, wie ein Videointerview mit „Let’sRun.com“ nach dem Vorlauf illustriert. Für den Wechsel musste sie Opfer eingehen, bei den Weltmeisterschaften 2019 und Olympischen Spielen 2020 durfte sie aufgrund der dreijährigen Sperre von World Athletics bei Nationentransfers nicht an den Start gehen. Bitter für sie, denn sie war die dominierende Läuferin in dieser Disziplin im Wettkampfjahr 2021 und hätte beste Chancen auf eine Olympia-Medaille gehabt. Eine Repräsentation Kasachstans ist erst seit dem 30. Jänner 2022 möglich. Im besagten Interview bestätigt sie, dass sie großteils im kenianischen Iten trainiert.

Erfahrungsvorteil und überragende Bilanz

Ihre Favoritenrolle in Eugene, auch gegenüber Yavi, ergründet sich in der Konstanz über Jahre. Die 26-Jährige hat seit drei Jahren kein Diamond-League-Rennen, bei dem sie am Start war, mehr verloren und 2021 folgerichtig auch die Gesamtwertung gewonnen. Außerdem besiegte sie Yavi im direkten Duell beim Diamond-League-Meeting in Eugene mit einer Siegerzeit von 8:57,97 Minuten. In der Gesamtbilanz führt Jeruto im direkten Duell mit 16:2 gegen Yavi, hinter der Läuferin aus dem Bahrain musste sie sich lediglich in Turku 2017 und in Birmingham 2019 einreihen. Ein weiterer Nachteil Yavis ist: Sie hat, abgesehen vom Diamond-League-Meeting in Paris, als die Afrikanerinnen und US-Amerikanerinnen in Vorbereitung ihrer Trials fehlten, noch nie einen wichtigen Wettkampf gewonnen. Außerdem war Jerutos Frontrun im Vorlauf in einer Zeit von 9:01,54 Minuten mehr als beeindruckend, minimal zehn Sekunden schneller als alle anderen. Sie fühlte sich nachher nicht einmal voll erschöpft. Zweitens basiert die Favoritenrolle Jerutos auch auf der Formschwäche der Konkurrenz inklusive der Abwesenheit der Titelverteidigerin Beatrice Chepkoech, die aufgrund einer in kenianischen Medien nicht näher definierten Verletzung, die sie in Holland therapierte, ihren WM-Start abgesagt hat. Gerüchten, sie würde unter psychischen Problemen und sogar familiären leiden, entgegnete sie vor wenigen Tagen in kenianischen Medien mit einer Absage derer: „Ich bin weder depressiv noch habe ich Eheprobleme.“

Olympische Spiele 2020

  • Gold: Peruth Chemutai (UGA)
  • Silber: Courtney Frerichs (USA)
  • Bronze: Hyvin Kiyeng (KEN)

Weltmeisterschaften 2019

  • Gold: Beatrice Chepkoech (KEN)
  • Silber: Emma Coburn (USA)
  • Bronze: Gesa Krause (GER)

US-Dämpfer im Vorlauf

Dass der 3.000m-Hindernislauf der Frauen eine unüblich lange Pause von dreieinhalb Tagen zwischen Vorlauf und Finale aufweist und als chronologisch letzter Bewerb eines Wettkampftags angesetzt ist, ist übrigens kein Zufall. Die US-amerikanische Erfolge in den letzten Jahren waren mit dem Weltmeistertitel von Emma Coburn 2017 sowie den Silbermedaillen von Courtney Frerichs 2017 und bei den Olympischen Spielen 2020 groß, die Hoffnungen auf eine Show auf heimischem Boden auch. Dazu wird es vermutlich nicht kommen. Coburn hat in dieser Saison trotz ihres US-Meistertitels nicht nachgewiesen, die Schnelligkeit für eine niedrige 9er-Zeit zu besitzen, die wohl gefordert ist, will man Edelmetall. Hindernisläufe waren in den letzten Jahren fast nie langsam. Wie ihre beiden Landsfrauen musste sie die Zeitregel für eine Finalqualifikation nutzen. Die Zweitplatzierte bei den Trials, Courtney Wayment ist ein Newcomer in der Szene und Courtney Frerichs, als Weltranglisten-Zweite die mit Abstand bestliegende Amerikanerin, hat die viertschlechteste Saisonbestleistung im Feld. Die erste und bisher einzige Amerikanerin, die die neun Minuten geknackt hat, musste im Frühling einen Spagat zwischen Sport und ihren Verpflichtungen im Masterstudium im Studiengang Ernährung schaffen.

Krause erst auf dem Weg zur Topform

Drei und sieben Jahre nach ihren beiden Bronzemedaillen in Doha und Peking gehört Gesa Krause in diesem Jahr nicht zu den Topfavoritinnen auf eine Medaille. Nach einem späten Wettkampfeinstieg und einer Erkrankung Ende Juni ist sie noch nicht weit genug, um auf dem Toplevel zu agieren. Im Vorlauf mühte sie sich zu einer Saisonbestleistung von 9:21,02 Minuten, die immerhin reichte, um über die Zeitregel das Finale zu erreichen. Für die Deutsche wird es hinblicklich der Europameisterschaften vor heimischem Publikum im August ein interessanter Wettkampf, denn die europäische Teilhabe ist leistungsstark. Alice Finot aus Frankreich und Aimee Pratt aus Großbritannien haben im Vorlauf Landesrekorde erzielt, Luiza Gega hat ihren albanischen Landesrekord im Laufe ihrer bisher besten Wettkampfsaison verbessert und auch Marusa Mismas-Zrimsek zeigte im Vorlauf auf. Das EM-Rennen könnte also ein Spannungsmoment sein, das WM-Rennen ein Vorgeschmack darauf.

Krauses Landsfrau Lea Meyer und die Schweizerin Chiara Scherrer sind trotz guter Leistungen im Vorlauf ausgeschieden. Das Niveau im 15-köpfigen Starterfeld ist hoch, das Rennen um die Medaillen vor den beiden wohl stärksten Läuferinnen Jeruto und Yavi aber einigermaßen offen. Celliphine Chespol präsentierte zuletzt aufsteigende Form, auch die beiden Äthiopierinnen Mekides Abebe und Werkuha Getachew haben Medaillenchancen. Dazu kommt natürlich Olympiasiegerin Peruth Chemutai, die in Tokio eine wahre Sternstunde erlebte, abseits deren aber noch keinen richtig großen Sieg gefeiert hat. Morgen Früh mitteleuropäischer Zeit wäre einmal wieder so eine besondere Gelegenheit.

Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2022 in Oregon

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