1.500m-Lauf der Männer, Vorschau: Die Lehren aus Doha

Die bitteren Erfahrungen der Weltmeisterschaften von Doha 2019 haben aus Jakob Ingebrigtsen einen stärkeren Wettkämpfer gemacht. In Eugene ist der Zeitpunkt für den Olympiasieger gekommen, bei Weltmeisterschaften den nächsten Schritt zu machen. Eine Medaille wäre ein Schritt, der Norweger hat aber Gold im Visier.

© Hannah Peters / Getty Images for World Athletics

Man vergisst leicht, dass Jakob Ingebrigtsen 2019 in Doha zarte 19 Jahre alt war. Er war seinerseits bereits Doppel-Europameister und seit Jahren als kommendes Wunderkind angeteasert. Der Teenager hatte das Selbstvertrauen, sowohl über 5.000m als auch über 1.500m mit einer Team-Taktik des Teams Ingebrigtsens offensiv zu laufen und in beiden Disziplinen das Stockerl zu attackieren. Ingebrigtsen führte über 5.000m in der letzten Runde und lag im 1.500m-Lauf lange auf Medaillenkurs, doch er versäumte als Fünfter und Vierter jeweils das Stockerl. Der damals oft etwas ungestüm und übermotiviert laufende Skandinavier nahm das als große Enttäuschung mit in die Saisonpause. Aber er scheint die Lehren aus diesen beiden Niederlagen gezogen zu haben, denn mittlerweile ist Ingebrigtsen, noch keine 22 Jahre alt, ein anderer. Ein gestandener Profi und Spitzenläufer, der nun auch noch die Extraportion Selbstbewusstsein durch seinen Olympiasieg mit sich herumträgt. Und in Eugene ist der Zeitpunkt für die Abrechnung für 2019 gekommen.

1.500m-Lauf der Männer, Finale: Dienstag, 19. Juli um 19:30 Uhr (Mittwoch, 20. Juli um 4:30 Uhr MEZ)
Titelverteidiger: Timothy Cheruiyot (Kenia)
Olympiasieger von Tokio: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen)
Rekord-Weltmeister: Hicham El Guerrouj (Marokko) mit vier WM-Titel
Erfolgreichste Nation: Kenia mit fünf WM-Titel
WM-Rekord: Hicham El Guerrouj (Marokko) in 3:27,65 Minuten (Sevilla 1999)
Weltjahresbestleistung: Abel Kipsang (Kenia) in 3:31,01 (Nairobi)
Favorit: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen)
Teilnehmerinnen aus der DACH-Region: Christoph Kessler (Deutschland), im Vorlauf ausgeschieden)

Nach den Halbfinalläufen wollte Stewart McSweyn keine Zweifel aufkommen lassen. „Jakob ist der Favorit. Er ist taktisch der intelligenteste Läufer, den ich kenne. Und er hat ein unfassbares Selbstbewusstsein“, betonte der Australier. Die Leistungsfähigkeit des Norwegers ist anhand des Vor- und Halbfinallaufs schwer zu bewerten. Ein gutes Pferd springt eben immer nur so hoch es muss. Bisher musste er nicht 100% geben, Siege in Vor- oder Halbfinallauf hat der Perfektionist auch nicht nötig, lieber spart er sich 0,001% Energie. Richtig hochgesprungen ist er im Kalenderjahr 2022 bisher zweimal: In der Halle von Liévin, als er einen Hallen-Weltrekord aufstellte (3:30,60), und vor heimischem Publikum beim Diamond-League-Meeting in Oslo, als er das Meilenrennen in einer fantastischen Zeit von 3:46,46 Minuten gewann. Auch der Meilensieg in Eugene oder der 5.000m-Saisoneinstieg in Kalifornien waren nicht von schlechten Eltern.

Dennoch stapelt der Europarekordhalter in einem Interview mit der britischen Nachrichtenagentur Reuters kurz vor WM-Start tief, wohl bewusst: „Ich weiß, dass die Erwartungen an mich hoch sind und ich freue mich sehr auf die WM. Hoffentlich kann ich meine erste Medaille bei einer Freiluft-WM gewinnen.“ Und bezüglich seines Doppelstarts, den alle erwarten: „Lassen Sie uns abwarten, wie die 1.500m verlaufen und dann schaue ich weiter, ob ich den 5.000m-Lauf auch bestreite. Natürlich werde ich versuchen, so erfolgreich wie möglich abzuschneiden.“

Wendepunkt Olympia

Die Favoritenrolle Ingebrigtsens bei der WM ergründet sich nicht nur in dessen Stärke und Selbstbewusstsein, sondern auch in dessen Breite, auf taktische Herausforderungen reagieren zu können. Und vielleicht auch auf eine leichte Schwäche seines Hauptrivalen, denn Timothy Cheruiyot scheint nicht mehr so gut zu sein wie in den Jahren 2018 bis 2021 vor den Spielen. Damals war der Kenianer der Chef im Ring, er bestimmte den Ablauf aller wichtigen Wettkämpfe, alle mussten sich ihm anpassen. Mit dem Olympischen Triumph haben die Rollen gewechselt. Nun orientiert sich der Kenianer an dem Europäer, der das Diktat innehat. Interessant wie einzelne Ereignisse das Blatt total wenden können. Bis zu den Spielen von Tokio hatte Cheruiyot im 1.500m-Lauf und über die Meile alle zwölf direkten Duelle gegen Ingebrigtsen gewonnen. Seither war er bei fünf Gelegenheiten nur ein einziges Mal schneller.

Olympische Spiele 2020

  • Gold: Jakob Ingebrigtsen (NOR)
  • Silber: Timothy Cheruiyot (KEN)
  • Bronze: Josh Kerr (GBR)

Weltmeisterschaften 2019

  • Gold: Timothy Cheruiyot (KEN)
  • Silber: Taoufik Makhloufi (ALG)
  • Bronze: Marcin Lewandowski (POL)

Kenianische Doppelspitze

„Jeder, der im Finale in der Lage ist, mit Jakob mitzuhalten, wird ein großartiges Resultat erzielen. Und ja, es wird ein schnelles Finale werden, denn auch die Kenianer sind gut in Schuss und überhaupt: Jeder der dabei ist, ist Weltklasse“, prophezeite McSweyn nach dem Halbfinale weiter. Zweiteres ist glaubwürdig, denn er selbst könnte der Mann sein, der das Rennen schnell macht. Und Ersteres klingt auch plausibel. Der Norweger selbst sagte nach dem Halbfinale, dass er nicht glaube, dass das Finale ein pfeilschnelles Rennen würde. Viel mehr bereite er sich auf eine Spurtentscheidung vor. Und auf diesem Gebiet hat der Norweger, früher nicht unter den besten „Kickern“, definitiv Fortschritte gemacht.

Cheruiyot ist der naturgemäße, erste Herausforderer Ingebrigtsens, aber die Kenianer haben eine Doppelspitze. Abel Kipsang, Hallen-WM-Bronzemedaillengewinner und Olympia-Vierter, ist zum Medaillenkandidaten gereift, der noch auf den Durchbruch hinblicklich eines ganz großen Sieges wartet. Zwei Diamond-League-Siege stehen auf seinem Konto, zudem ließ er Cheruiyot bei den Trials hinter sich und lief beim World Athletics Continental Tour Meeting in der Höhe von Nairobi die Weltjahresbestleistung. Der Titel bei den Afrikameisterschaften gab zusätzliches Selbstbewusstsein.

Starke Saison von Wightman

Gute Chancen rechnen sich auch die Briten aus. Josh Kerr gewann in Tokio Bronze, machte im bisherigen Saisonverlauf nicht so den bärenstarken Eindruck, seine Leistungen in Vor- und Halbfinallauf hieven ihn aber in eine ambitionierte Rolle. Die britische Nummer eins in der laufenden Wettkampfsaison ist aber Jake Wightman, der um die Medaillen mitlaufen sollte. McSweyn ist durch die langen Nachwirkungen einer, offenbar, Kombination aus COVID-19-Impfung und -Infektion im Winter lange Zeit geschwächt gewesen und wohl noch nicht in Topform. Sein Landsmann Oliver Hoare hätte sicherlich zu den Medaillenkandidaten gehört, wäre er nicht überraschend im Halbfinale ausgeschieden (siehe RunAustria-Bericht). Selbiges gilt für Hallen-Weltmeister Samuel Tefera, der zum vierten Mal in Folge bei einer globalen Outdoor-Meisterschaft nicht im Finale steht! Der Spanier Mohamed Katir, um ein Haar im Vorlauf ausgeschieden, ist traditionell eine Wundertüte.

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