1.500m-Lauf der Frauen, Vorschau: Mrs. Unbesiegbar

© Hannah Peters / Getty Images for World Athletics

Eigentlich, ja eigentlich, wollte Faith Kipyegon nach der Erfüllung ihres großenm Traums Traums, in Tokio 2020 zum zweiten Mal in Folge die Olympische Goldmedaille im 1.500m-Lauf zu gewinnen – ihr erster Olympiasieg als Mutter, ein neues Kapitel in ihrer Karriere aufschlagen. Nämlich den Wechsel auf die 5.000m. Sie hat ihren eigenen Ankündigungen, wohl ein mittel- bis langfristiger Karriereplan, (noch) nicht Folge geleistet. Vielleicht haben diverse Veränderungen oder Nicht-Veränderungen sie gebremst: Erstens hat Hellen Obiri ihren Wechsel in den Marathon verzögert, womit Kenia im 5.000m-Lauf der Frauen mit einer zweifachen Weltmeisterin noch bestens vertreten ist. Zweitens war früh absehbar, dass sich Sifan Hassan bei der WM 2022 den langen Distanzen widmen könnte. Drittens hat mit Francine Niyonsaba eine Athletin eine Siegesserie gestartet, deren Erfolgspotenzial aufgrund des Vorteils an höherem Testosteron-Level Unsicherheiten erzeugt – auch wenn sie verletzungsbedingt für die Weltmeisterschaften nun ausfällt. Dagegen ist das Erfolgspotenzial Kipyegons auf der Mittelstrecke enorm hoch, ihr einziges 1.500m-Rennen vor der WM in diesem Jahr dominierte sie in einer Klassezeit von 3:52,59 Minuten – ausgerechnet beim Diamond-League-Meeting am WM-Ort in Eugene.

1.500m-Lauf der Frauen, Finale: Montag, 18. Juli um 19:50 Uhr Ortszeit (Dienstag, 19. Juli um 4:50 Uhr MEZ)
Weltmeisterin 2019: Sifan Hassan (Niederlande)
Olympiasiegerin von Tokio: Faith Kipyegon (Kenia)
Rekord-Weltmeisterinnen: Tatjana Tomashova (Russland) und Maryam Yussuf Jamal (Bahrain) mit je zwei WM-Titel
Erfolgreichste Nation: Russland / UdSSR mit vier Titel
WM-Rekord: Sifan Hassan (Niederlande) in 3:51,95 Minuten (Doha 2019)
Weltjahresbestleistung: Faith Kipyegon (Kenia) in 3:52,59 Minuten (Eugene)
Favoritin: Faith Kiyegon (Kenia)
Teilnehmerinnen aus der DACH-Region: Hanna Klein und Katharina Trost (beide Deutschland, beide im Halbfinale ausgeschieden)

Eine Botschaft für alle Mütter

Diese Ausgangsposition, gepaart mit den souveränen Auftritten in Vor- und Halbfinallauf hievt die 28-Jährige in eine hohe Favoritenrolle für das WM-Finale im 1.500m-Lauf. Von allen globalen Meisterschaftsrennen der letzten Jahre kehrte sie mit Edelmetall in die Heimat zurück, zuletzt war sie 2013 in Moskau als 19-Jährige Fünfte und 2012 als frisch gebackene Junioren-Weltmeisterin im Olympischen Vorlauf von London als Nicht-Medaillengewinnerin dabei. Danach folgten: WM-Silber hinter Genzebe Dibaba in Peking 2015, Olympia-Gold in Rio 2016, WM-Gold in London 2017, WM-Silber hinter Sifan Hassan in Doha 2019 und Olympia-Gold in Tokio 2021. Diese Serie ist beeindruckend, die vielleicht Aufsehen erregendste Leistung daraus ist kein Triumph, sondern WM-Silber von Doha 2019. Damals kehrte Kipyegon aus einer Schwangerschaftspause zurück, brachte sich wieder in Topform und stürmte im Finale von Doha zu einer damaligen persönlichen Bestleistung von 3:54,22 Minuten. Der einzige Formfehler: Sifan Hassan war deutlich schneller. Das hat Kipyegon angespornt, wieder ganz nach vorne zurückzukehren. Mittlerweile hat sie eine Olympische Goldmedaille mehr und mit ihrem Lauf von 3:51,07 Minuten in Monaco 2021 am Weltrekord von Genzebe Dibaba geschnuppert.

Die Leistung in Doha war dennoch ein wichtiges Signal und ein Grund, warum der Jubel in Tokio besonders ausgiebig ausfiel. „Die Emotionen, dass ich mit diesem Sieg so viele junge Mütter motiviert habe, dass nach einer Rückkehr von einer Mutterschaftspause so großartige Dinge möglich sind. Das war die Botschaft, die in diesem Moment an jede Mutter auf der ganzen Welt gehen sollte“, sagte sie in einem Interview mit der kenianischen Tageszeitung „The Star“ im September 2021. Mit ihrem Können und ihrer Erfahrung will sie das nächste Statement in Eugene setzen und einen weiteren Titel ihrer beeindruckenden Erfolgsliste hinzufügen.

Olympische Spiele 2020

  • Gold: Faith Kipyegon (KEN)
  • Silber: Laura Muir (GBR)
  • Bronze: Sifan Hassan (NED)

Weltmeisterschaften 2019

  • Gold: Sifan Hassan (NED)
  • Silber: Faith Kipyegon (KEN)
  • Bronze: Gudaf Tsegay (ETH)

Schwere Aufgabe für Kipyegons Herausforderinnen

Bei einer solch klaren Favoritenrolle stellt sich die Frage, wer von den elf Kontrahentinnen ihr überhaupt gefährlich werden könnte. Da wäre in erster Linie Gudaf Tsegay, die den Hallen-Weltrekord hält, die heurige Hallen-Saison nach Belieben dominierte und Weltmeisterin in Belgrad wurde. Die 25-jährige Äthiopierin macht schon einigen Jahren in den Freiluft-Saisonen den Spagat zwischen 1.500m und 5.000m: Nachdem sie in Doha über die kürzere Distanz Bronze gewann, fügte sie in Tokio dieselbe Medaillenfarbe über die längere Distanz zu. Tsegay belegte beim Pre Classic in Eugene knapp hinter Kipyegon den zweiten Platz und überzeugte mit einem persönlichen Bestwert von 3:54,21 Minuten. Ihre Lieblingsstrategie ist ein Front Run, weswegen die Chancen auf ein schnelles Finale ziemlich hoch stehen.

Zweitens Europameisterin Laura Muir, die Ende Juni vermeldete, dass ihre Hüftbeschwerden abgeklungen sind und sie damit vor einem wahnsinnig anstrengenden Sommerprogramm wieder fit ist. Denn die Schottin will nach den Weltmeisterschaften auch die Commonwealth Games und die Europameisterschaften bestreiten. „Mein Training ist sehr gut verlaufen. Es war auf einem höheren Niveau als es meine Wettkampfleistungen dieses Saison vermuten lassen würden“, sagte sie vor wenigen Wochen dem schottischen Medium „The National“. Ob die 29-Jährige allerdings die Stärke hat, um mit Kipyegon mitzuhalten, darf bezweifelt werden. Ihr Trumpf ist die Lockerheit: „Seit ich die Olympische Silbermedaille gewonnen habe, bin ich relaxter. Und wenn ich relaxter bin, laufe ich schneller. Es ist eine Win-Win-Situation“, sagte sie vor wenigen Tagen der BBC.

Muir hat zwar selbst hohe Ambitionen, legt aber den Fokus auf eine Medaille – am liebsten drei Medaillen an drei verschiedenen Standorten, wie sie im Interview mit „Athletics Weekly“ vor wenigen Tagen erklärt: „Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sage nicht, ich will die Goldmedaille nicht. Ich bevorzuge einen realistischen Ansatz.“ Kipyegon sei „the greatest of all time“ im 1.500m-Lauf, auch kenianische Medien halten die Olympiasiegerin für „unstoppable“. Außerdem fürchtet Muir das hohe Level im Feld: „Es ist möglich, dass ich einen britischen Rekord laufe und trotzdem neben dem Podium stehe. Ich hoffe, dass es für eine Medaille reicht.“ Die Schottin hat sich gemeinsam mit ihrer Trainingspartnerin Jemma Reekie unter dem gemeinsamen Coach Andy Young in Colorado auf die WM vorbereitet, auch 800m-Mitfavoritin Keely Hodgkinson war dabei.

Drittens die junge Äthiopierin Hirut Mesesha: Die 21-Jährige ist die aufstrebende Athletin im 1.500m-Lauf und gewann mit Bronze bei den Hallen-Weltmeisterschaften in Belgrad ihre erste globale Medaille. In Rabat und Rom feierte sie ihre ersten beiden Erfolge in der Diamond League, aber Faith Kipyegon läuft im Normalfall auf einem höheren Niveau als die Äthiopierin mit großem Entwicklungspotenzial.

Die RunAustria-Vorschau auf den 3.000m-Hindernislauf der Männer:

Rückkehr als Außenseiter

Historische Chance für Hull

Neben den bereits erwähnten Athletinnen wollen auch die dritte Äthiopierin Lemlem Hailu, die zuletzt in verbesserter Form agierende Australierin Jessica Hull und die beste der US-Amerikanerinnen, Sinclaire Johnson um die Medaillenplätze kämpfen. Australische Medaille gab es in dieser Disziplin bei Weltmeisterschaften noch nie, dagegen haben die US-Amerikanerinnen eine beträchtliche Erfolgsbilanz in den letzten Jahren, hauptsächlich in persona von Jennifer Simpson, die 2013 Weltmeisterin wurde. Johnson lief ausgerechnet in diesem Stadion ihr erstes Mal unter 3:59 Stunden und setzte sich bei den Trials gegen Cory Ann McGee, die ebenfalls im Finale steht, und Elle St. Pierre, die im Halbfinale ausschied, durch. Auch Hull hat als Studentin der University of Oregon einen Nähebezug zum Hayward Field, ein Heimspiel also für sie.

Die weiteren Europäerinnen im Feld, die spanische Olympia-Finalistin Marta Perez sowie die Polin Sofia Ennaoui, die sowohl in Vor- als auch Halbfinallauf im Endspurt überzeugte, sind Außenseiterinnen. Genauso wie die Kenianerin Winny Chebet und Winnie Nanyondo. Der Startschuss fällt als letztes Event des vierten Wettkampftages am Dienstagfrüh um 4:50 Uhr.

Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2022 in Eugene

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