10.000m der Männer, Vorschau: Wiedersehen nach Tokio

Erstmals seit den Olympischen Spielen von Tokio laufen Selemon Barega und Joshua Cheptegei wieder einen Wettkampf gegeneinander. Eugene könnte ein spannendes Revival dieses Duells bieten. Wesentlich näher an die ostafrikanische Spitze sind zwei Nordamerikaner gerückt.

© Hannah Peters / Getty Images for World Athletics

Als recht frisch gebackener Weltrekordhalter und amtierender Weltmeister war Joshua Cheptegei im Olympischen 10.000m-Lauf von Tokio eigentlich der Favorit. Doch der Ugander ließ sich vom starken Finale Selemon Baregas die Butter vom Brot nehmen, auch weil er in der Vorbereitung einige physische Probleme hatte und im Wettkampf nicht genügend Risiko ging. Erst Tage später konnte er über die halbe Distanz die ersehnte Olympische Goldmedaille um seinen Hals hängen. Diese Ausgangsposition bringt Spannung für den weltmeisterlichen 10.000m-Lauf am Sonntagabend mitteleuropäischer Zeit in Eugene. Denn nach Baregas Sternstunde im Olympiastadion von Tokio – mit einer finalen Runde unter 54 Sekunden – und dessen bisherigen Saisonleistungen ist es dieses Mal der Äthiopier, den es am Hayward Field zu schlagen gibt.

10.000m-Lauf der Männer, Finale: Sonntag, 17. Juli um 13:00 Uhr Ortszeit (22:00 Uhr MEZ)
Titelverteidiger: Joshua Cheptegei (Uganda)
Olympiasieger von Tokio: Selemon Barega (Äthiopien)
Rekord-Weltmeister: Haile Gebrselassie (Äthiopien) und Kenenisa Bekele (Äthiopien) mit je vier WM-Titel
Erfolgreichste Nation: Äthiopien mit neun WM-Titel
WM-Rekord: Kenenisa Bekele (Äthiopien) in 26:46,31 Minuten (Berlin 2009)
Favoriten: Selemon Barega (Äthiopien), Joshua Cheptegei (Uganda)
Teilnehmerinnen aus der DACH-Region: keine

Cheptegei im Verborgenen

Eine Einschätzung der Kräfteverhältnisse ist besonders deshalb schwierig, weil sich Cheptegei seit den Spielen in Tokio rar gemacht hat. 2021 bestritt er nur noch den Zwei-Meilen-Lauf in Eugene und das siegreich – es ist die einzige Disziplin auf der Bahn, in der Cheptegei im direkten Duell mit Barega eine positive Bilanz aufweisen kann. Insgesamt liegt er mit 3:5 im Hintertreffen, das einzige Duell über 10.000m war jenes unter den Olympischen Ringen. Im laufenden Kalenderjahr lief Cheptegei beim Diamond-League-Meeting am Hayward Field einen separaten 5.000m-Lauf, bei dem seine angekündigte Attacke auf den Weltrekord in weiter Ferne blieb. Weiteren Wettkampf auf der Bahn gab es nicht. Dasselbe gilt übrigens für seinen 21-jährigen Landsmann Jacob Kiplimo, der in Tokio die Bronzemedaille gewann. Er kam erst zum letzten Diamond-League-Meeting vor der WM nach Europa und belegte in Stockholm im 3.000m-Lauf Rang zwei hinter Überraschungssieger Dominic Lobalu, zeigte sich anschließend aber zufrieden mit dem Auftritt.

Barega dagegen, auch erst 22 Jahre alt, hinterließ mehrfach einen prächtigen Eindruck. In der Hallensaison nahm er nach einer Verletzung im Spätherbst spät Fahrt auf, gewann aber die Goldmedaille im 3.000m-Lauf bei den Indoor-Weltmeisterschaften von Belgrad. In der Freiluftsaison dominierte er das äthiopische Vorausscheidungsrennen über 10.000m in Hengelo, gewann ein Diamond-League-Rennen in Paris und wurde beim schnellsten 5.000m-Rennen der Saison in Rom Vierter, wenige Tage nach dem Wettkampf in Hengelo. Doch selbst in der italienischen Hauptstadt hatte man den Eindruck, dass der Äthiopier vieles im Griff hat.

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Grant Fisher: Der Aufsteiger des Jahres

26 Läufer werden im 10.000m-Lauf an den Start gehen, darunter die Top-Sechs der von Jacob Kiplimo vor Selemon Barega und Joshua Cheptegei angeführten Weltrangliste. Der Weltranglisten-Siebte Yomif Kejelcha ist bei den Trials als Vierter durch den Rost gefallen, neben Barega sind der 20-jährige Tadese Worku und Berihu Aregawi, der im 5.000m-Lauf möglicherweise noch stärker ist, für Äthiopien am Start. Alles andere als ein Duell zwischen den Äthiopiern und den Ugandern um Edelmetall schien bis zu Saisonbeginn ein sensationelles Szenario, doch zwei Nordamerikaner haben früh im Jahr für ein kleines Erdbeben in der 10.000m-Welt gesorgt. Der US-Amerikaner Grant Fisher bestreitet vor seinem Heimspiel die Saison seines Lebens. Anfang März zauberte der 25-Jährige auf der Laufbahn im kalifornischen San Juan Capistrano einen neuen nordamerikanischen Kontinentalrekord von 26:33,84 Minuten auf die Bahn. Nur sechs Afrikaner waren jemals über 10.000m schneller, darunter Weltrekordhalter Cheptegei und die Lauflegenden Kenenisa Bekele, Haile Gebrselassie und Paul Tergat. Knapp hinter Fisher überquerte Mohammed Ahmed die Ziellinie und markierte einen kanadischen Landesrekord von 26:34,14 Minuten. Zur Verdeutlichung: Fisher und Ahmed, Team- und Trainingskollegen beim in Oregon ansässigen Bowerman Track Club, haben eine bessere Bestleistung als Olympiasieger Selemon Barega.

Der Weltranglisten-Vierte Fisher konnte bereits bei den Olympischen Spielen mit Rang fünf aufzeigen, Ahmed hat über 5.000m zwei globale Medaillen im Trophäenschrank und lief über 10.000m bei Weltmeisterschaften zweimal auf den sechsten Platz. Bei den globalen Titelkämpfen ist jedoch nicht nur die persönliche Bestleistung, sondern die Leistungsfähigkeit auf dem letzten Kilometer sowie die Endschnelligkeit eine wichtige Komponente. Und da weist Ahmed deutlich mehr Erfahrung als Fisher auf. Falls es in Eugene zum historischen Ereignis einer Medaille für die USA oder Kanada kommen sollte, sei ein Fakt vorausgeschickt: Nur acht Nationen haben bisher eine WM-Medaille in dieser längsten Bahndistanz gewonnen, keine davon ist auf dem amerikanischen Kontinent beheimatet. Das renommierte britische Fachmagazin „Athletics Weekly“ tippt Fisher übrigens auf eine Medaille – am Siegerfoto neben Barega und Cheptegei.

Olympische Spiele 2020

  • Gold: Selemon Barega (ETH)
  • Silber: Joshua Cheptegei (UGA)
  • Bronze: Jacob Kiplimo (UGA)

Weltmeisterschaften 2019

  • Gold: Joshua Cheptegei (UGA)
  • Silber: Yomif Kejelcha (ETH)
  • Bronze: Rhonex Kipruto (KEN)

Kenianer nicht unter den Medaillenaspiranten

Dass das kenianische Team in einer deutlichen Außenseiterrolle ins Rennen geht, ist nach den letzten Jahren keine Überraschung mehr. Der letzte kenianische WM-Titel in dieser Disziplin liegt bereits 21 Jahre zurück, allerdings gab es zuletzt bis auf 2011 immer eine Medaille. Diese Serie scheint in Eugene gefährdet, in Abwesenheit von Trials-Sieger Kibiwott Kandie, der nicht über das WM-Limit verfügt, was auch damit zu tun hatte, dass die Trials in der Höhe von Nairobi stattfanden, ist Rogers Kwemoi, der WM-Vierte von Doha 2019, der stärkste der Kenianer. Übrigens haben alle 27 vorgesehenen Athleten das WM-Limit unterboten, womit Kandie über die Weltrangliste, wo er der zweite Anwärter war, keine Chance hatte, ins Feld zu kommen.

Aufgrund der anstehenden Europameisterschaften in München fehlen in Eugene die beiden schnellsten Europäer der letzten Jahre, der Brite Marc Scott und der Italiener Yemaneberhan Crippa. Dazu war Europarekordhalter Mo Farah in den letzten beiden Jahren bei weitem nicht mehr in der Verfassung alter Zeiten. Im Feld stecken nur drei europäische Teilnehmer, die allerdings recht flott unterwegs sind: Der französische Sieger des Europacups, Jimmy Gressier, der Spanier Carlos Mayo und der Belgier Isaac Kimeli.

Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2022 in Oregon

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