Die Leichtathletik-Welt in „Track Town USA“

Erstmals finden Leichtathletik-Weltmeisterschaften in den USA statt. In Eugene fühlt sich die nationale und internationale Leichtathletik allerdings schon seit langer Zeit zu Hause.

© Olaf Brockmann

Es klingt paradox: Die USA ist mit Abstand die erfolgreichste Nation bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften und führt den Ewigen Medaillenspiegel mit mehr als doppelt so vielen Medaillen wie das zweitplatzierte Kenia an (fast doppelt so viele, würde man die sowjetischen und russischen Medaillen akkumulieren, Anm.). Trotzdem war die USA bei 17 Austragungen noch nie Gastgeber von Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Diese Durststrecke endet am kommenden Freitag mit dem Startschuss zu den Weltmeisterschaften von Oregon 2022, deren Zentrum das Hayward Field in Eugene ist. „Wenn es eine Community verdient, die erste Leichtathletik-WM in den USA auszurichten, dann ist es ,Track Town USA’“, wird der ehemalige Universitätscoach Vin Lananna in einer Reportage auf der Plattform Yahoo! zitiert. „Als ich 2005 hierher kam, war genau das meine Vision.“ Lananna hat Eugene als Standort bedeutender Wettkämpfe wieder attraktiv gemacht und war federführend in der erfolgreichen Bewerbung der WM-Ausrichtung.

Enge Beziehungen zu Nike

Ein weiterer Aspekt klingt paradox: Das Hayward Field, das der in der Leichtathletik so erfolgreichen University of Oregon (Oregon Ducks) gehört, ist auch nach der Renovierung die kleinste Arena, die jemals Leichtathletik-Weltmeisterschaften beherbergt hat. Gleichzeitig ist das Hayward Field aber der Leichtathletik-Standort der USA schlechthin. Das hat natürlich auch mit dem in Eugene gegründeten US-amerikanischen Sportartikelhersteller Nike zu tun, der Gigant auf dem internationalen Markt. Der Firmensitz liegt mittlerweile in Beaverton nahe Portland, die Verbindungen nach Eugene und zur dortigen Universität sind seit der Gründung eng, enger als in jeder vergleichbaren Konstellation weltweit. Auch, weil der legendäre Coach der University of Oregon, Bill Bowerman, bei der Gründung eines Vorgängerunternehmens und daher bei der Geburt von Nike eine wichtige Rolle spielte. Bowerman, der mit seinem Universitätsteam auf nationaler Ebene große Erfolge gefeiert hat, repositionierte die Leichtathletik in Eugene, indem es ihm gelang, gleich dreimal in Folge die US-Olympic-Trials in die Stadt zu bringen. Bowerman etablierte aber auch den Laufsport in der Region. Nach einer Reise nach Neuseeland begann er Anfang der 1970er Jahre das Konzept des Laufens für körperliche Fitness zu verankern und war damit einer der Pioniere für den Fitnessboom in Amerika.

Das Hayward Field ist ein traditionsreicher Ort. Benannt nach einem Coach begann die Errichtung des Stadions im Jahre 1919 und wurde bis nach dem Zweiten Weltkrieg mehrfach erweitert. Vor über 50 Jahren sind die Footballer ausgezogen, das Hayward Field ist seither eine reine Leichtathletik-Arena mit acht Bahnen. Zwischen 2018 und 2020 wurde die Arena komplett renoviert und mit einem modernen Touch versehen, ihre Zuschauerkapazität von knapp 13.000 auf maximal 30.000 erweitert.

„Track Town USA“

Mit nicht einmal 176.000 Einwohnern, davon über 20.000 Studentinnen und Studenten, ist das in eine hügelige und waldreiche Region eingebettete Eugene der mit Abstand kleinste WM-Gastgeber in der Leichtathletik-Geschichte. Als Verwaltungssitz des Lane County ist die Kleinstadt dennoch die zweitgrößte Stadt des nordwestlich gelegenen US-Bundesstaats Oregon hinter der bedeutendsten Metropolregion des Bundesstaats rund um Portland und der dazwischenliegenden Hauptstadt Salem. Nach Portland sind es rund zwei Autostunden, an die Pazifikküste rund eine und nach Kalifornien gut drei. Oregon ist flächenmäßig größer als Großbritannien, beheimatet allerdings lediglich gut vier Millionen Menschen, ein Großteil der Fläche ist in den Rocky Mountains bergig.

Konträr zu seiner geografischen Bedeutung hat Eugene in der US-amerikanischen Leichtathletik höchste Reputation. Die Stadt ist nicht nur in den USA als „Track Town USA“ bekannt, weil hier der Stellenwert der Olympischen Kernsport und insbesondere die Laufdisziplinen höher ist als überall anders in den USA. Sondern beherbergt Eugene mit dem Prefontaine Classic, benannt nach dem ehemaligen US-amerikanischen Lauftalent Steve Prefontaine, der Nike bei den Olympischen Spielen von Montreal 1976 großen Erfolg bringen hätte sollen, 1975 aber bei einem Autounfall in Eugene ums Leben gekommen ist, jährlich das mit Abstand bedeutendste Leichtathletik-Meeting der USA, welches der Diamond League angehört. Das Prefontaine Classic ist Jahr für Jahr eines der bedeutendsten und best besetzten Meetings weltweit. Die Leichtathletik-Kultur ist also reichhaltig. Bisher, also bevor Eugene den Schritt auf die globale Ebene wagte und das alt ehrwürdige Flair des Hayward Fields ins Archiv verfrachtete, war Eugene auch das Mekka für Leichtathletik-Fans, die hier eine spezielle Beziehung zu den Leichtathletinnen und Leichtathleten hegen.

Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2022 in Eugene

World Athletics