Innerhofer-Zwillinge 4. und 6. im Up&Down-Bewerb

Manuel und Hans-Peter Innerhofer haben ihre Zugehörigkeit zur europäischen Spitze im Berglauf am Sonntagvormittag beim Up&Down-Bewerb im Rahmen der Off-Road Europameisterschaften in El Paso auf La Palma eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Manuel erreichte mit Rang vier sein bestes Resultat bei Berglauf-Europameisterschaften, Hans-Peter lief erstmals überhaupt in die Spitze. Markus Hartinger komplettierte als 41. der Einzelwertung das ÖLV-Resultat in der Nationenwertung. Das fiel mit dem sechsten Platz gut aus, zur Bronzemedaille fehlten nicht einmal zehn Punkte.

© ÖLV / Helmut Schmuck

„Ich bin überglücklich!“, sagte Manuel Innerhofer (LC Oberpinzgau) in einer ersten Reaktion und erzählte von leichten Zweifeln nach dem misslungenen Freitagsbewerb mit Platz 20 (siehe RunAustria-Bericht), die guten Trainingsleistungen doch nicht in eine Topform zum Saison-Höhepunkt hinübergezogen zu haben. Doch der heutige Auftritt bewies das Gelegenheit, auch weil die etwas geringere Erwartungshaltung und die konservative Strategie in der Anfangsphase sich positiv auf die Gesamtleistung auswirkten. „Mental hat es enorm gut getan, etliche Kontrahenten zu überholen. Ich habe mich kontinuierlich verbessert und dass ,Hansi’ den Großteil des Rennens vor mir gelaufen ist, hat mich sehr beflügelt.“ Erst kurz vor der letzten Zwischenzeit bei 15,3 von 17,6 Kilometern überholte Manuel seinen Bruder und übernahm erstmals die Führung in der inoffiziellen Familienwertung. Auf der Zielgerade schnappte er sich noch den Italiener Xavier Chevrier, der neben einem Berglauf-EM-Titel im Jahr 2017 eine Halbmarathon-Bestleistung von 1:02 Stunden aufzuweisen hat – also ein ordentliches Kaliber in der Szene.

Mit starken Downhill-Passagen in die europäische Spitze

Hans-Peter Innerhofer (LC Oberpinzgau) konnte seine Emotionen nach seinem bisher mit Abstand stärksten Auftritt bei internationalen Berglauf-Meisterschaften kaum im Zaum halten und vergoss Tränen der Freude. Es dürften auch Tränen des Stolzes gewesen sein, denn sein Resultat trägt sein Fundament in guten Trainingsleistungen und einer allgemeinen Verbesserung seines Niveaus bereits in der gesamten Saison 2022 mit teils klaren persönlichen Bestleistungen auf allen Straßenlauf-Distanzen bis hinauf zum Marathon. „Ich habe mich heute super gefühlt. Mir war bewusst, dass ich gut trainiert habe. Dennoch habe ich mich gewundert, mit Manuel und Chevrier mitzulaufen. Normalerweise sind die eine Liga über mir“, sagte der 26-Jährige etwas ungläubig und war auch stolz darauf, etliche Läufer, die am Freitag vor ihm im Ziel waren, dieses Mal hinter sich gelassen zu haben. Die Renneinteilung gelang: „Während des ganzen Wettkampfs habe ich mich nicht an Platzierungen oder Gegner, sondern einzig allein an meinem Körpergefühl orientiert.“ Die Reduzierung von 40 auf 30 Arbeitsstunden mit Jahresbeginn sind ein Grund für sein erfolgreiches Wettkampfjahr, beim heutigen Wettkampf kam ihm das ausgiebige Downhill-Training am Wildkogel mit seinem Bruder in seiner Pinzgauer Heimat entgegen: „Ich habe mich bergauf schon gut gefühlt, aber Downhill war ich wahnsinnig stark – in meiner Gruppe sicherlich der Beste.“

RunAustria-Lesetipp: Der RunAustria-Bericht über den Up&Down-Bewerb der Frauen

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Downhill-Passage ebnet den Weg in die Spitze

Bei optimalen Laufbedingungen mit 19°C. Lufttemperatur beim Start um 8:30 Uhr Ortszeit und nur leichtem Wind vermied Manuel Innerhofer nach den Erfahrungen vom Freitag das Risiko und absolvierte den ersten Anstieg im vorderen Mittelfeld einige Sekunden hinter einem Zwillingsbruder, der bei der ersten Zwischenzeit nach 2,5 Kilometern knapp außerhalb der Top-Ten lag. Im ersten Downhill machten die beiden Pinzgauer mit drei Kilometer-Splits in Folge knapp über 2:40 Minuten ordentlich Boden gut und lagen bei der Wende des Rennens zur Halbzeit auf den Positionen fünf (Hans-Peter) und sieben. Während vorne die Entscheidung um die Medaillen früh gefallen ist, kämpften die beiden Salzburger weiter um die Top-Positionen mit. Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden aufgrund der großen Zeitabstände zur Spitze keine Ahnung, wie weit vorne platziert sie waren – nur Helmut Schmuck gab bei der Getränkestation zu Rennmitte eine Orientierung.

Höhere Flexibilität im Training

„Wir sind Beißer!“, begründete Manuel, warum er unbedingt den Zielspurt gegen Chevrier um den unglücklichsten aller Plätze bei Meisterschaftsrennen gewinnen wollte. „Mein Kopf wollte unbedingt vorbei, ich habe die Ziellinie anvisiert und war im Tunnelblick.“ Es ist der dritte Top-Ten-Platz bei Berglauf-Europameisterschaften für den 26-Jährigen nach Rang acht 2019 in Zermatt und Platz zehn 2018 in Skopje. „Das ist eine gute Entwicklung über die Jahre“, findet Manuel, der der Position unmittelbar hinter den Medaillen keinerlei Negatives abgewinnen konnte. „Wir halten hier schließlich mit den Topleuten mit, die den Berglauf professionell betreiben.“ Finanzielle Unterstützung von zwei Sponsoren, einem französischen und einem in Salzburg ansässigen, erlaubten, die berufliche Belastung von 40 auf 30 Wochenstunden zu reduzierten. Dadurch ergab sich mehr Zeit und mehr Flexibilität für das Training. Der Effekt ist insbesondere bei Hans-Peter erkennbar, während Manuel durch die Verletzung im Frühling nur Partiell davon profitieren konnte.

Nur Italien und Österreich mit Duo in den Top-Acht

In einer Endzeit von 1:08:22 Stunden fehlten Manuel unter dem Strich 41 Sekunden zum Bronzemedaillengewinner Dominik Rolli aus der Schweiz, der am Freitag im Uphill-Bewerb Silber gewonnen hatte. Hans-Peter erreichte die Ziellinie zehn Sekunden hinter seinem Bruder als Sechster und steigerte sein bisher eindrucksvollstes internationales Ergebnis von der Berglauf-EM 2019 in Argentinien klar. Damals war er ebenfalls bei einem Up&Down-Bewerb 19. und 13 Plätze hinter seinem Bruder, der auch vor knapp drei Jahren als Sechster im Dunstkreis der Medaillen agiert hatte.

„Beide sind richtig stark gelaufen, insbesondere im Downhill. Da gehörten beide heute zu den Besten“, lobte ÖLV-Berglauf-Referent Helmut Schmuck. Auch das Resultat in der Nationenwertung stimmte in zufrieden, obwohl Markus Hartinger (LTV Köflach) nicht in Vollbesitz seiner Kräfte war.

Cachard hängt Maestri ab

Europameister wurde in überlegener Manier der Franzose Sylvain Cachard, der sich etwa zu Rennmitte von seinem einzig verbliebenen Kontrahenten Cesare Maestri löste und einen klaren Vorsprung herauslief. Die beiden agierten in einer eigenen Liga, denn bereits nach wenigen Kilometern verschärfte wie schon am Freitag Maestri das Tempo. Damals war es Manuel Innerhofer, der als einziger mitging, dieses Mal Cachard. Und noch einen Unterschied gab es: Der Franzose konnte nicht nur mithalten, sondern den italienischen Goldmedaillengewinner vom Freitag auf der zweiten Hälfte abhängen. Für Frankreich war es die fünfte Goldmedaille binnen 24 Stunden. Maestri verlässt El Paso inklusive des Abschneidens in den Nationenwertungen mit drei Medaillen in Gold und einer in Silber.

Sechster Platz in der Nationenwertung

Dank der großartigen Leistungen der beiden Innerhofer-Zwillinge, die eine eindrucksvolle Antwort auf den nicht nach Wunsch verlaufenen Freitagsbewerb gaben, lag das österreichische Team in der Nationenwertung gut im Rennen. Zur Halbzeit rangierte das ÖLV-Team auf Rang sechs, mit einem minimalen Rückstand auf die Bronzemedaille. Österreich blieb bis zum Ziel konstant auf dem sechsten Platz, während sich die unmittelbaren Kontrahenten in der zweiten Hälfte etwas verbessern konnten. Italien sicherte sich vor der Schweiz die Goldmedaille, das französische Team um Europameister Cachard holte mit 41,5 Punkten in der Addition der drei besten Platzierungen die Bronzemedaille. Österreich kam mit 51 Punkten hinter Spanien und Großbritannien in die Wertung.

Eine Medaille schien nach dem guten Rennverlauf der Innerhofer-Zwillinge möglich. Doch während sich andere Nationen im Laufe des Rennens leicht verbessern konnten, fiel Hartinger auf Platz 41 zurück. „Es war nicht mein Tag, ich konnte meine Leistung leider nicht abrufen“, schrieb der 34-Jährige auf seiner Facebook-Seite. Helmut Schmuck erzählte, dass der Steirer in den Tagen vor dem Wettkampf nicht bei vollsten Kräften war. „Hätte er seine Leistung gemäß seiner Fähigkeiten abrufen können, glaube ich, hätte er um den 20. Platz mitlaufen können“, so der ÖLV-Berglauf-Referent.

Die ÖLV-Delegation in El Paso. © ÖLV / Helmut Schmuck

Anspruchsvolles Rennen

Das 51 Teilnehmer starke Feld absolvierte eine 17,6 Kilometer lange Strecke mit Start und Ziel in El Paso. Dabei waren 858 Höhenmeter im An- und Abstieg zu bewältigen. Die ersten sechs Kilometer führten in unterschiedlicher Intensität bergauf auf den höchsten Punkt auf etwa 1.100 Höhenmeter, es folgte ein gut drei Kilometer langer Downhill zu einer Wendeschleife, ehe es dieselbe Strecke zurück Richtung El Paso ging. Nach dem neuerlichen Passieren des höchsten Punkts endete das Rennen mit einer langen Downhill-Passage und einer kurzen flachen Zielgerade auf einer Meereshöhe von 644 Metern. Schmuck, als Aktiver Berglauf-Welt- und -Europameister, schätzte den Kurs als anspruchsvoll ein: „Eine Belastung vergleichbar mit einem Halbmarathon auf höchstem individuellen Niveau.“ So hatten es auch die Innerhofers eingeschätzt: „Aufgrund der Distanz wussten wir, dass es schlauer ist, etwas konservativer anzugehen als am Freitag. Bei einem Halbmarathon kann man auch nicht voll losbrettern, ohne vernünftige Krafteinteilung“, so Hans-Peter.

Positive Bilanz für den ÖLV

Helmut Schmuck zog unmittelbar nach dem intensiven Wettkampf-Wochenende auf La Palma eine positive Bilanz: „Wir waren mit einem kleinen Team am Start, haben aber recht erfolgreich abgeschnitten. Höhepunkt war natürlich die Medaille von Andrea am Freitag, aber auch mit den Innerhofer-Zwillingen bin ich sehr zufrieden. So stark war Österreich bei Berglauf-Europameisterschaften bei den Männern schon lange nicht mehr.“ Daraus will Schmuck jetzt einen Rückenwind erzeugen. Auch wenn die Berglauf-Weltmeisterschaften 2022 durch die Pandemie bedingte Verschiebung noch im November anstehen, liegt der Fokus bereits auf die Vorbereitung der Heim-WM der Berg- und Trailläufer im Juni 2023 in Tirol.

Dort, so hofft Schmuck, könne Österreich mit einem größeren Team an den Start gehen und auch die Nachwuchsbewerbe besetzen. Es gelte nun gleich gezielt Läuferinnen und Läufer anzusprechen, die in letzter Zeit gute Leistungen in diversen Laufdisziplinen erzielt haben, um zu erörtern, ob jemand Lust auf einen (temporären) Schwenk in den Berglauf mit dem Erlebnis einer Heim-WM hat. Die guten Leistungen von Mayr und den Innerhofer-Zwillingen schätzt er hinblicklich des Großereignisses in Tirol als wichtig ein und hofft, dass das Berglauf-Nationalteam angesichts der Heim-WM 2023 ein höheres Budget zur Verfügung bekommt. 15.000 Euro für dieses Jahr, eine Saison mit Europa- und Weltmeisterschaften, hätte seine Sparte zur Verfügung. Das sei rund 1% des Gesamtbudgets des Österreichischen Leichtathletik-Verbandes (ÖLV).

Ungünstige Planung der Anreise

Gleichzeitig bietet sich an, die Lehren aus El Paso zu ziehen. Insbesondere die suboptimale Anreise der beiden Salzburger am Donnerstag war ein Manko. „Nun sind wir schon ein paar Tage da, haben die Strecken und den Untergrund gekannt. Wir wussten welche Schuhe wir auswählen mussten und es war generell alles leichter“, bekannte Manuel Innerhofer nach dem heutigen Wettkampf und bemerkte: „Vielleicht sind wir zu spät angereist.“ Hans-Peter pflichtete ihm bei: „Es ist sehr ärgerlich, wenn man die Trainingsleistungen im Wettkampf nicht umsetzen kann. Gerade, wenn man sich auf einen Wettkampf spezifisch vorbereitet.“ Gut für die beiden, dass sie mit dem Up&Down-Bewerb eine zweite Chance bekommen haben. „Ich war skeptisch, weil ich geglaubt hätte, dass sie den Freitag länger spüren werden. Aber sie hatten heute frische Beine“, meinte Schmuck.

Ergebnis Up&Down-Bewerb der Männer, Off-Road EM 2022

Gold: Sylvain Cachard (Frankreich) 1:06:02 Stunden
Silber: Cesare Maestri (Italien) 1:06:42 Stunden
Bronze: Dominik Rolli (Schweiz) 1:07:41 Stunden

  1. Manuel Innerhofer (Österreich) 1:08:22 Stunden
  2. Xavier Chevrier (Italien) 1:08:23 Stunden
  3. Hans-Peter Innerhofer (Österreich) 1:08:32 Stunden
  4. Christopher Richards (Großbritannien) 1:08:48 Stunden
  5. Miguel Corbera (Spanien) 1:08:57 Stunden
  6. Alberto Vender (Italien) 1:09:05 Stunden
  7. Christian Mathys (Schweiz) 1:09:12 Stunden

    14. Daniel Lustenberger (Schweiz) 1:09:49 Stunden
    15. Maximilian Zeus (Deutschland) 1:10:01 Stunden
    22. Jéremy Hunt (Schweiz) 1:11:19 Stunden
    41. Markus Hartinger (Österreich) 1:18:36 Stunden

Nationenwertung (beste drei Platzierungen in Addition gewertet)

Gold: Italien 16 Punkte
Silber: Schweiz 27 Punkte
Bronze: Frankreich 41 Punkte

  1. Spanien 45 Punkte
  2. Großbritannien 48 Punkte
  3. Österreich 51 Punkte
  4. Norwegen 60 Punkte
  5. Tschechische Republik 80 Punkte
  6. Slowenien 93 Punkte
  7. Portugal 110 Punkte

Off-Road Europameisterschaften 2022 in El Paso

European Athletics