Die Innerhofers – Naturburschen, die das Laufen lieben

Manuel und Hans-Peter Innerhofer sind die neuen heimischen Aushängeschilder des Berglaufs und Trailrunnings bei den Männern. Im Gespräch mit RunAustria schildern die Zwillinge ihre Leidenschaft zum Laufen in der Natur und ihrer Lieblingsdisziplin und wie sie dorthin gekommen sind, wo sie heute stehen. Am kommenden Wochenende treten sie für das Nationalteam bei den Berglauf-Europameisterschaften auf den Kanarischen Inseln an.

© Salomon

„Ich liebe es, in den Bergen zu laufen, weil beim Berglauf verliert man keine Gedanken über Distanz, Lauftempo oder Puls. Man läuft nur auf Körpergefühl: Fühle ich mich gut, dann etwas schneller. Fühle ich mich erschöpft, dann reduziere ich etwas. Ich kann meinen Kopf ausschalten und da laufen, wo ich mit der Natur alleine bin.“ Wenn Manuel Innerhofer über den Berglauf spricht, erinnern seine Sätze an eingeübte PR-Passagen für eine Teildisziplin einer Sportart, für die Österreich hervorragende geografische Voraussetzungen bietet. Aber es sind ehrliche Aussagen, die seine Emotionen beschreiben. „Die Belohnung eines jeden Berglaufs ist der schöne Ausblick oben. Das ist doch viel, viel besser, als wenn die eigene Haustür deine Ziellinie ist. Kommst du oben an, hast du das geschafft, was du dir vorgenommen hast, als du weggelaufen bist. Und du hast die Natur um dir genossen.“

RunAustria-Tipp: Die Vorberichterstattung auf die Berglauf-Europameisterschaften 2022.

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Mit Leidenschaft auf den Berg

Im Rahmen eines Medienevents ihres Ausstatters Salomon in Bayern nehmen sich Manuel und Hans-Peter Innerhofer dankenswerterweise viel Zeit für ein Gespräch über sich, ihren Werdegang und ihre Leidenschaft. Die beiden sind echte Zwillinge, nicht nur optisch, sondern auch in ihren Gedanken. Manuel übernimmt im Gespräch etwas energischer die Initiative. Doch was er sagt, hätte Hans-Peter vermutlich fast wortgleich ebenfalls gesagt. Spricht der eine, hört der andere zu und unterstützt die Aussagen mit einem Nicken, jederzeit bereit Fehlendes zu ergänzen. „Das Entscheidende beim Berglauf ist, den Berg zu bezwingen“, fokussiert Hans-Peter. Das Erreichen eines Ziels sei ein Lernprozess, an dessen Beginn Gehschritte erlaubt und erwünscht seien. Es gehe um den Fortschritt, und es müssen nicht immer befestigte Wege oder Steige sein. Berglauf sei im Training Kreativität und Abenteuerlust. Natürlich gehe es im Wettkampf gegen Kontrahenten und gegen die Zeitmessung, aber im Kern gehe es um das Körpergefühl bei hoher Anstrengung und das Lernen, sich und seine Fähigkeiten einzuschätzen.

Diese Leidenschaft teilen die Innerhofer-Zwillinge liebend gerne, nicht nur kommunikativ. Jeden Dienstagabend leiten sie in Mühlbach, dem Standort ihres Vereins LC Oberpinzgau, einen Lauftreff für ambitionierte Läuferinnen und Läufer. Fordernde Einheiten stehen auf dem Programm, oft bergan. Gelaufen wird gemeinsam und trotzdem jeder für sich. „Laufen wir Intervalle bergan, fordert sich jeder in seinem Bereich. Eine Minute hinauf und dann kehren alle um und joggen wieder hinunter, wo sich alle wieder treffen, um wieder loszulegen“, schildert Hans-Peter. Eine Gruppe von 20 versammelt sich fast immer vor dem Schuhregal im Kofferraum der Innerhofers.

Liebe zur Natur, Neigung zur Rivalität

Wahrscheinlich sprechen selbst in der Alpenrepublik Österreich nicht viele so natürlich über Berglauf. Wer in Neukirchen am Großvenediger, ein Dorf im Oberpinzgau am Südwestzipfel des Bundeslandes Salzburg, der fast ins Tiroler Zillertal ragt, aufwächst, trägt automatisch eine natürliche Beziehung zu Bergen und der Natur in sich. Das Bundesland Salzburg ist flächenmäßig das viertkleinste Österreichs, doch eine Autofahrt in die Landeshauptstadt dauert deutlich über zwei Stunden. Das skizziert die Entlegenheit ihrer Heimat, am Rand jenes Gebiets, in dem die höchsten Berge Österreichs in den Himmel ragen. Wer hier aufwächst, wird naturgemäß auch mit Wintersport groß. Die Innerhofer-Buben betrieben Skilanglauf und Biathlon, die Fahrt zu Biathlon-Sommerbewerben in der Region wirkte für die beiden im Kindesalter wie eine Reise in die weite Welt. Und die beiden spielten Fußball beim Heimatverein, wie irgendwie jeder Bursch weit und breit. Doch die Innerhofers erlebten Sport anders. Sie bewegten sich in ihrer gesamten Freizeit aus einem natürlichen Umfeld heraus, fuhren selbst, etwas abgelegen wohnend, mit dem Fahrrad zum Fußballtraining oder stapften kilometerweit mit den Langlaufskiern auf den Schultern zur Loipe. Die Eltern förderten den Bewegungsdrang der Zwillinge und ermöglichten den Sport, übten aber keinerlei Druck aus und betonten regelmäßig: Macht, was euch Spaß macht! Andere Eltern brachten ihre Kinder zum Training, organisierten das Drumherum, formulierten direkt oder indirekt Erwartungen – viele haben mit dem Sport aufgehört, die Innerhofer-Zwillinge blieben dabei.

In dieser Zeit entwickelten die beiden ihren unheimlichen Ehrgeiz, ihren starken Willen und die Siegermentalität, die sie auszeichnen. Sie entstammt der Rivalität zwischen beiden, die aber immer und absolut Spaß war. Das Heimradeln vom Fußballplatz wurde jedes Mal zum Wettrennen bis zum Garagentor, jede Aktivität mutierte zum Wettkampf. Ihren Eltern sprechen sie aus zweierlei Gründen einen großen Dank aus: erstens, die freie Hand, die sie ihnen ließen, und zweitens die Vorbildfunktion. Die Freizeit wurde in der Familie immer in der Natur verbracht, schon als Kinder begleiteten Manuel und Hans-Peter ihre Eltern beim „Schwammerl procken“ oder bei Wanderungen und sammelten Einträge in ihren persönlichen Kinder-Gipfelalben. Wochenlang verbrachten sie die Zeit im Sommer am Bergbauernhof der Großeltern, wuselten den ganzen Tag herum und erledigten Aufgaben. Ein Naheverhältnis zur Natur, das als fixer Lebensbestandteil auch außerhalb des Sports geblieben ist. Manuel arbeitet als Seilbahntechniker, Hans-Peter als Forstarbeiter. Beide sind immer draußen, ein Bürojob für sie unvorstellbar. „Einmal haben wir zu Weihnachten eine Playstation bekommen“, erinnert sich Hans-Peter. Drei Tage lang hätten die beiden gespielt, dann war ihnen das Teil zu langweilig und es verstaubte im Regal.

Manuel Innerhofer

geboren am 9. Juli 1995

sechsmaliger Berglauf-Staatsmeister
diverse weitere Staatsmeistertitel (u.a. im Halbmarathon 2020)
Sechster bei Berglauf-WM und Berglauf-EM 2019


PB Halbmarathon: 1:05:06 Stunden (Salzburg)
PB 10km-Lauf: 30:11 Minuten (Mooskirchen)
PB 10.000m-Lauf: 29:49,59 Minuten (Salzburg)

„Ich habe mich gar nicht mehr ausgekannt“

Bei all den Sportarten in der Jugend machte den beiden das Laufen am meisten Spaß und sie erkannten ihr Talent. Beim Biathlon war das Schießen ein lästiges Übel, beim Fußball jagte Hans-Peter noch als Jugendlicher die rechte Außenbahn in Maximalgeschwindigkeit rauf und runter, so dass die Gegner nach wenigen Minuten fluchten. Wie die beiden zum Laufsport und damit auch zu ihren Karrieren kamen, basierte dennoch auf einer Reihe von zufälligen Ereignissen und Begegnungen, die vielsagend für den Werdegang der beiden ist. Die ersten Schritte setzte Manuel, nachdem die beiden beim Nachwuchsrennen beim Ritzenseelauf in Saalfelden einen Doppelsieg gefeiert hatten. Er bekam eine Ausschreibung des Finkenberglaufs in die Hand gedruckt und sagte seinem Vater, aus Spaß wolle er mitmachen. Er war 15 und wurde auf Anhieb Zweiter in der Gesamtwertung vor Helmut Schmuck, ehemals Berglauf-Europa- und -Weltmeister. Schmuck schnappte sich den ahnungslosen Burschen und lud ihn zu den Österreichischen Berglauf-Meisterschaften ins Kleinwalsertal ein. „Mein Papa und einer seiner Freunde haben mich hingebracht. Ich war voll nervös und hätte nie gedacht, gegen die besten Läufer Österreichs eine Chance zu haben. Dann habe ich das U20-Rennen gewonnen, im Ziel ist ein Dopingkontrolleur auf mich zugekommen, ich habe mich gar nicht mehr ausgekannt. Und wenig später hat es geheißen, ich fahr zur Junioren-EM in die Türkei“, erinnert sich Manuel. Die Bedeutung war ihm damals wohl nicht klar, aber das sensationelle Gefühl, einen Trainingsanzug zu haben, auf dem groß „Österreich“ stand, hinterließ tiefen Eindruck. Innerhofer wurde 25. bei der EM und später 31. bei der WM, jeweils in der Juniorenklasse u.a. gegen 19-Jährige – Resultate, die Lust auf mehr machten.

„Glaubt der wirklich, dass wir so schlecht sind?“

Ein zweiter Zufall ereignete sich in Siezenheim vor den Toren Salzburgs. Manuel besuchte dort die Berufsschule und absolvierte entlang der Saalach seine Trainingsrunden. Eines Tages sprang ihm ein Mann in den Weg und hielt ihn an. Er stellte sich als Präsident des Salzburger Leichtathletik-Verbandes vor und erzählte, er hätte bereits von ihm und seinem Bruder gehört. Manuel war perplex und schaute zu dem Mann auf, der ihn zur Teilnahme an dem Bundesländercup in Vorarlberg einlud. Es handelte sich um Peter Bründl, der die Zwillinge später jahrelang trainieren sollte. Hans-Peter blieb länger dem Fußball treu, begleitete Manuel aber zum ein oder anderen Laufevent, darunter zur österreichischen Crosslauf-Meisterschaft ins Innviertel. Er wurde Achter im Nachwuchsrennen, vier Ränge hinter Manuel und ärgerte sich, nicht besser abgeschnitten zu haben. Ganz nach dem Motto: „Für einen achten Platz fahre ich nicht extra nach Oberösterreich.“ Noch auf der Heimfahrt rief er seinen Fußballtrainer an und teilte ihm mit, umgehend in den Laufsport zu wechseln. Alle Teamkollegen konnten ihn nicht umstimmen. Und so saß auch Hans-Peter im Auto, als ihr Papa die Zwillinge nach Jenbach fuhr, wo sie den aus Salzburg kommenden Bus Richtung Vorarlberg bestiegen. „Alle haben sich gekannt, wir waren die vollen Außenseiter. Im Bus herrschte quasi die Stimmung, was wollen denn die beiden da. Peter sagte uns, wenn ihr Fünfter und Sechster werdet, bin ich sehr zufrieden. Wir haben unsere Köpfe zusammengesteckt und gesagt: ,Glaubt der wirklich, dass wir so schlecht sind? Wir fahren doch nicht nach Vorarlberg, um Fünfter zu werden.’ Diese Siegermentalität hatten wir immer schon in uns drin“, erzählt Manuel.

Die beiden trainierten damals noch nach Lust und Laune und völlig ohne Konzept. Beim Bundesländercup im westlichsten Bundesland ÖSterreichs starteten sie über 3.000m, die Innerhofer-Zwillinge waren noch nie auf der Bahn gelaufen und hatten sich auf Anweisung eine Woche vor dem Wettkampf in einem Sportgeschäft Spikes besorgt. Die nächste Laufbahn ist eine Dreiviertelstunde Autofahrt von ihrem Heimatdorf entfernt. Bründl, der später regelmäßig zum Laufbahntraining nach Zell am See fuhr, wo die beiden zu dieser Zeit günstigerweise als Maurer bzw. Trockenbauer in der Lehre auf dem Bau arbeiteten, schrie den beiden in der ersten Runde zu, sie seien viel zu schnell losgelaufen. Doch die Innerhofers kannten nur eine Taktik, die man ihnen heute noch in vielen Wettkämpfen ansieht: dem Schnellsten zu folgen. Das Rennen endete mit einem Doppelsieg der Innerhofer-Zwillinge. Dass im damaligen Rennen Läufer wie Stephan Listabarth oder Luca Sinn waren, wurde ihnen erst später bewusst.

Lange Erfolgsliste

Heute überraschen die beiden 26-Jährigen niemanden mehr. Manuel ist sechsfacher Staatsmeister im Berglauf, dominiert diese Disziplin auf nationaler Ebene nach Belieben, und erreichte bei Welt- und Europameisterschaften bereits drei Top-Ten-Plätze. Dazu kommen Staatsmeistertitel im Crosslauf, im 10.000m-Lauf und mit der wahrscheinlich eindrucksvollsten Leistung auf befestigtem Weg im Halbmarathon. Im Herbst 2020 besiegte er in Salzburg mit einer deutlichen persönlichen Bestleistung von 1:05:06 Stunden den höher eingeschätzten Valentin Pfeil, weil er sich 21 Kilometer lang in dessen Windschatten heftete, durchbiss und im Endspurt besser war. Hans-Peter feierte Erfolge im Crosslauf und wurde sogar Staatsmeister im 3.000m-Lauf in der Halle, heuer gelang die erste Staatsmeisterschaftsmedaille im Berglauf. Er öffnete sich früher als sein Bruder dem Straßenlauf und hat zwei Marathonläufe in den Beinen, Manuel ist von der Faszination Marathon noch nicht gepackt, kann sich aber ein Debüt im Spätherbst vorstellen. Bis dahin stehen die Wettkämpfe im Rahmen der Golden Trail Series ihres langjährigen, treuen Partners Salomon am Wettkampfplan – nach den Berglauf-Europameisterschaften am Wochenende.

Jubel über den Halbmarathon-Staatsmeistertitel 2020. © Jedermannlauf / Alexander Schwarz

Gegenseitiges Puschen auf exklusiven Routen

Der Berglauf verändert sich in den letzten Jahren und verschmilzt mit dem Trailrunning, der für die Breite attraktiver scheint, weil die Platzierung und der Wettkampf unwichtiger sind als im klassischen Berglauf, der manchmal unverschuldet ein bisschen altmodisch daher kommt und immer mit dem Wettkampfgedanken verbunden ist. Das gefällt den beiden nicht so, aber: „Finde heute noch Leute, die auf das Kitzbühler Horn rauflaufen. Das war früher eines der Toprennen und hat immer noch ein attraktives Preisgeld, aber der Event hat die Leute verloren.“ Trailrunning bedeutet längere Distanzen, im Fokus steht das Abenteuer und das Überwinden der Herausforderung. Und möge sein, dass englische Bezeichnungen einfach trendig klingen, die professionelle Vermarktung durch Salomon und das Kreieren von Events rund um den Laufbewerben hilft den Innerhofers als österreichischen Aushängeschild des französischen Unternehmens sehr.

Salomon hätte wahrscheinlich keine Läufer finden können, die das Laufen auf unbefestigten Wegen, mitten in der Natur, vor herrlicher Kulisse, in Österreich authentischer repräsentieren können. „Wir sind den ganzen Tag in der Natur. Wir gehen des Laufens wegen laufen. Und trotzdem zieht es uns immer in die Natur“, sagt Manuel. Die beiden laufen am liebsten dort, wo sie nur wenige Wanderer oder Mountainbiker treffen, dort, wo sie für sich sind. Daher geben sie bei keinen Fotos auf Social-Media den genauen Ort an, die Reserviertheit soll bleiben. Dafür gibt es im Training stets die Voll-Action: „Wir puschen uns bei jeder einzelnen Einheit. Das macht uns stark und das ist ein enormer Vorteil gegenüber anderen. Auch, weil wir uns in- und auswendig kennen.“ Durch die hohe Belastung aus vielen Trainingseinheiten, in denen Motivation durch die Präsenz des Bruders nie ein Problem darstellt, haben die beiden ein derartig gut trainiertes Herz-Kreislauf-System, dass sie in der Lage sind, im Straßenlauf viele Topläufer in Österreich zu fordern. Ohne spezifische Einheiten in der Vorbereitung und mit viel geringerem Trainingsumfang. Das führt dazu, dass die beiden im Training vielleicht auch zu oft ans Limit gehen – vorteilhafter formuliert, sich dem Limit im Training von der anderen Seite nähern. Im Berglauf mag das eine Vorteil sein, denn im Wettkampf muss man einschätzen können, wo das eigene Limit ist. „Kommst du im Berglauf zu früh ans Limit, kannst du nicht wie auf der Straße einfach ein paar Sekunden pro Kilometer reduzieren und du erholst dich ein bisschen. Da verlierst du in Kürze Minuten und erholst dich nicht mehr“, gibt Manuel zu bedenken. Immer wieder wurden die beiden von Verletzungen ausgebremst, es war nie schlimmeres. Und nie waren beide gleichzeitig außer Gefecht.

„Wir sind gleich gut“

Trotz der Rivalität bei jeder Sporteinheit, ist Neid ein Fremdwort. „Für uns gibt es nicht den Besseren und den Schlechteren“, sagt Hans-Peter. „Sicher ist Manuel von seinen Resultaten her erfolgreicher. Dann gibt es abwechselnd einmal einen Wettkampf, wo ich vor ihm ins Ziel komme. Im Training ist es unterschiedlich. Wir sagen immer, wir haben das gleich Niveau.“ Die beiden treten immer gemeinsam auf und sprechen sehr häufig im „Wir“, nicht vom „Ich“ oder vom „Du“. Sie profitieren von sich und nehmen in Kauf, dass sie manchmal als eine Person wahrgenommen werden. „Heute waren die Innerhofer schlecht“, kannten sie schon beim Fußball, obwohl einer der beiden eine großartige Partie gespielt hat. „Wenn einer von uns verletzt ist, so wie ich im Frühling, dann bleibt uns immer noch das Mitfiebern und Mitleben mit dem anderen. Das hilft in solchen Zeiten“, so Manuel. Als Hans-Peter den Rotterdam Marathon lief, hielt er es zuhause kaum aus, als die Zwischenzeit im Liveticker nicht wie erwartet erschien, weil Hans-Peter mit Magenproblemen zweimal stehen bleiben musste. Und erinnerte sich im gleichen Atemzug der Erzählung an eine besondere Episode des Zusammenhelfens. Als Manuel bei den Halbmarathon-Staatsmeisterschaften 2020 mit letzter Kraft Valentin Pfeil folgte, rief ihm der damals verletzte Hans-Peter vom Streckenrand zu: „Du schaust viel besser aus als er!“ Manuel wusste das einzuschätzen und insbesondere, dass es nicht stimmte. Aber wusste dies auch sein Kontrahent?

Hans-Peter Innerhofer

geboren am 9. Juli 1995

diverse Staatsmeistertitel (u.a. Crosslauf) und Staatsmeisterschaftsmedaillen
19. bei der Berglauf-WM 2019


PB Marathon: 2:21:24 Stunden (Rotterdam)
PB Halbmarathon: 1:06:47 Stunden (Salzburg)
PB 10km-Lauf: 29:51 Minuten (Attnang-Puchheim)
PB 10.000m-Lauf: 29:48,83 Minuten (Salzburg)

Self-Made

Seit einigen Jahren agieren die Zwillinge ohne Trainer. Sie bevorzugen die Entscheidungsautonomie und lösten sich vom Druckgefühl. Das Körpergefühl spielt eine wichtige Rolle im Trainingsprogramm, das auf die Saison-Höhepunkte wie der Berglauf-EM am Wochenende ausgerichtet ist. Beide sind überzeugt, dass der Spagat aus Vollzeitberuf und hohen Ambitionen im Sport gelingt. Für die Sommersaison 2022 konnten beide die Arbeitszeit verkürzen: Hans-Peter auf 30 Stunden, Manuel im Sinne des Zeitausgleichs nach der stressigen Wintersaison auf den Pisten. Gerne hätte Manuel damals beim Bundesheer verlängert, um eine sportliche Karriere vorzubereiten. Im Gegensatz zu Laufkollegen, die teilweise ihre Karriere schon beendet haben, bekam Manuel die Unterstützung trotz einer Bronzemedaille im Juniorenrennen der Berglauf-WM 2013 in Polen nicht. Das Problem im Fördersystem: Berglauf ist nicht olympisch! „Warum hat Andrea Mayr nicht dieselben finanziellen Möglichkeiten wie Lukas Weißhaidinger?“, stellen sie als Frage in den Raum. Das Sponsoring von Salomon, das die beiden sogar vor Erlangen der Volljährigkeit erstmals genossen, half genauso wie die Unterstützung vom Landesverband.

Die Partnerschaft bringt auch sportliche Vorteile. Manuel und Hans-Peter orten Ausrüstungsvorteile für sich, wenn am Wochenende Europas Elite im Berglauf um die Medaillen kämpft. Viele laufen mit Straßenlaufschuhen, Salomon habe die perfekten Schuhe für das Laufen in der Natur. Bei der Berglauf-WM 2019 in Argentinien auf schlammigem Untergrund überholte Manuel bergab etliche Kontrahenten, die vor Sturzsorge das Tempo reduzieren mussten und verpasste als Sechster knapp eine Medaille, Hans-Peter lief in die Top-20. „Du brauchst beim Downhill vollstes Vertrauen in deinen Schuh, insbesondere bei schwierigen Bedingungen“, untermalt Manuel. Hans-Peter erzählt, wie fleißig die beiden Schuhe testen. Bei jedem Wetter. Die Annäherung der klassischen Trailrunningschuhe an die moderne Straßenlauf-Schuhtechnologie bewerten beide als positiv. „Bergauf waren die alten Schuhe ideal, aber bergab fehlte der Komfort und die Belastung war höher. Das ist nun besser“, meint Manuel. Hans-Peter erzählt, früher lieber im Trainingsschuh gelaufen zu sein: „Jeder Stoß geht direkt auf die Wadenmuskulatur. Da ist Komfort sehr wichtig.“ Die neue Sockenkonstruktion am oberen Schuhende verhindern, dass Steinchen in den Innenbereich kommen.

Schon die ersten Schritte verrieten, dass Hans-Peter Innerhofer beim Halbmarathon in Salzburg auf Bestzeitkurs war. © Salzburg Marathon / Christian Köhler

Emotional vor dem Rathaus

Die beiden versprühen vor der Sommersaison Vorfreude und Optimismus. Es ist die Jahreszeit, in denen es bei uns in Österreich am schönsten ist in den Bergen. Dort, wo sich die Innerhofers an jedem Tag des Jahres wohl fühlen, in der alpinen Natur. Etwas weniger wohl fühlen sich die beiden auf der Straße, auch wenn Hans-Peter ordentlich Blut geleckt hat. Im Sommer 2021 verpasste er mit einer gebrochenen Rippe die Trailrunningsaison und trat nach Trainingseinstieg bei den Halbmarathon-Staatsmeisterschaften in Kärnten an. Nach der Bronzemedaille in persönlicher Bestleistung war er selbst überrascht über die gute Form und suchte nach Zielen. Der Vienna City Marathon bot sich an. Es war kein Wunder, dass der Marathon in Wien nach der unspezifischen und zu kurzen Vorbereitung misslang, Hans-Peter verpasste den Staatsmeistertitel, die Zeit beschreibt er mit einem Schimpfwort. Aber die Emotionen im Inneren zeigten in die andere Richtung. „Das Gefühl war sauschlecht, aber im Ziel sind mir die Tränen gekommen. Ich war hochemotional. Einfach nur, weil ich es geschafft habe, einen Marathon zu beenden.“

Nach Magenproblemen beim Rotterdam Marathon im April steht der erste gute Marathon noch aus. Den will Hans-Peter im Herbst nachholen, am liebsten im Dezember auf der schnellen Strecke in Valencia. Vorbereiten wird er sich darauf im Oberpinzgau, gewissermaßen der Antithese zur Prater Hauptallee. Flache Laufstrecken sind rar gesät, aber wie in der Rotterdam-Vorbereitung verzichtet er im Vergleich zum Berglauf-Training auf massenweise Höhenmeter. „Im Training laufe ich viel lieber durch die Berge als irgendwo 30 Kilometer im Flachen. In den Bergen fühle ich die Emotionen.“ Dank seiner Wettkampferfahrung ist er von der Faszination Marathon angesteckt. Bei seinem Bruder muss sich die Marathon-Flamme noch entzünden.