Andrea Mayr strebt bei Berglauf-EM Edelmetall an

Erstmals finden die Berglauf-Europameisterschaften im Rahmen der dreitägigen Off-Road Europameisterschaften statt. Der ÖLV ist mit einem kleinen, aber leistungsstarken Team und durchaus hohen Ambitionen auf die Kanarischen Inseln gereist.

© ÖLV

Aushängeschild des heimischen Berglaufs ist die sechsfache Berglauf-Weltmeisterin und vierfache Berglauf-Europameisterin Andrea Mayr (SVS Leichtathletik), die bergauf auch im Alter von 42 Jahren noch zu den Schnellsten Europas gehört. „Ich bin immer noch Leistungssportlerin“, betont die Medizinerin an den Salzkammergut Kliniken, „Keine Leistungssportlerin wird jemals sagen, ich will eine schlechte Platzierung erreichen. Ich wünsche mir gute Beine, dass ich mich im Wettkampf wohlfühle und dass das bestmögliche Resultat herauskommt.“

Nationale Dominanz, internationale Klasse

Vor fünf Wochen hat sich die Oberösterreicherin in Knittelfeld ihren 15. Staatsmeistertitel in ihrer Lieblingsdisziplin im Laufsport geholt, vor drei Wochen beim steilen Kathrinberglauf in Bad Ischl ihren zweiten Wettkampf der Saison siegreich gestaltet. Den Vergleich auf internationalem Parkett gab es bisher in diesem Jahr nicht, die internationale Berglaufsaison steht am Beginn und wartet gleich mit dem kontinentalen Höhepunkt auf. Mayr stört das nicht und erinnert sich, früher ganz bewusst auf internationale Vergleiche vor dem Saisonhöhepunkt verzichtet zu haben, um sich nur auf sich zu konzentrieren.

RunAustria-Tipp: Die Entscheidungen bei der Off-Road Europameisterschaften werden von European Atheltics im Livestream übertragen.

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Ihr Wettkampf in der südlichsten Region Europas, die mit den klimatischen Verhältnissen am Alten Kontinenten so gar nichts am Hut hat, startet am Freitagvormittag um 11:05 Uhr mitteleuropäischer Zeit bei prognostizierten, angenehmen Laufbedingungen mit Temperaturen um die 20°C. Mayr erzählt, dass ihre Trainingseinheiten ein gutes Gefühl bei ihr hinterlassen haben, betont aber, sich im internationalen Feld schwer einschätzen zu können. Auch wenn die Strecke mit einer Länge von knapp neun Kilometern und einer Höhendifferenz von 997 Höhenmetern vielleicht etwas weniger steil ist, als sie es sich wünschen würde, hat sie Edelmetall fest im Blick: „Natürlich wünsche ich mir die optimale Tagesverfassung und nach dem Start ein Gefühl, dass ich den Berg hinauffliegen kann. Das Problem: Diese Tage kann man in einer langen Karriere an einer Hand abzählen.“

Da jeder Berg unterschiedlich sei, hänge viel davon ab, wie sehr Strecke und Bedingungen einer Athletin entgegenkommen, außerdem übernehme die Tagesverfassung eine entscheidende Komponente. Die dreifache Berglauf-Europameisterin Maude Mathys aus der Schweiz (2017-2019) – und damit nach zwei Jahren Pandemie bedingter Absagen Titelverteidigerin – ist wohl die stärkste Kontrahentin im 48 Athletinnen aus 17 Nationen umfassenden Starterfeld. Mayr rechnet zudem noch mit der Italienerin Francesca Ghelfi, deren starke Entwicklung ihr in den letzten beiden Jahren aufgefallen ist, und den Tschechinnen. „Die Konkurrenz ist bestimmt stark, mir wird sicherlich nicht fad auf der Strecke“, sagt sie mit einem Lachen.

Doppelstart für Innerhofer-Zwillinge?

In der Allgemeinen Klasse der Männer ist Österreich mit einem Trio vertreten, weswegen zusätzlich zu den drei Einzelplatzierungen eine Platzierung in der Nationenwertung (Addition der Platzierungen) angestrebt wird. Manuel und Hans-Peter Innerhofer (LC Oberpinzgau) sowie Markus Hartinger (LTV Köflach) – die Top-Drei der diesjährigen Staatsmeisterschaften – bestreiten am Sonntag mit Start um 9:30 Uhr unserer Zeit den 17,6 Kilometer langen Up&Downhill-Bewerb mit einer Höhendifferenz von 858 Metern im An- und Abstieg. Sowohl die Zwillinge aus dem Oberpinzgau als auch der Steirer fühlen sich in diesem Bewerb wohler, da die Innerhofer-Zwillinge bergab stark laufen und Hartinger nicht der klassisch ausgebildete Bergläufer ist. Da allerdings das Streckenprofil für den Uphill-Bewerb am Freitag mit Start um 11:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit den beiden Salzburgern entgegenkommen könnte, sind sie vom Verband für beide Bewerbe nominiert worden. Sie wollen sich nach Ankunft auf La Palma den Kurs begutachten und danach entscheiden, ob sie am Freitag an den Start gehen werden. Kriterium ist, dass die beiden ähnliche Chancen für sich sehen wie am Sonntag. Die Tendenz ging vor Abflug in der Heimat Richtung Doppelstart.

„Am richtigen Tag ist vieles drin“

Dabei will Manuel Innerhofer auch seine hohen Ambitionen in den Wettkampf transportieren, schließlich ist er bei internationalen Meisterschaftsrennen zuletzt dreimal in Folge in die Top-Ten gelaufen (zweimal Europameisterschaften, einmal Weltmeisterschaften) und hat sich damit in der Szene einen Namen gemacht. Dennoch dämpft er trotz guten Trainingsleistungen die Erwartungen, da er nach einem Muskelfaserriss im Frühjahr erst einen Wettkampf (Gold bei den Staatsmeisterschaften) in den Beinen hat, verspricht aber sein Bestes zu geben: „Es ist unser erster internationaler Auftritt seit langem. Die Konkurrenz ist daher sehr schwierig einzuschätzen, viele haben bei nationalen Meisterschaften oder Straßenläufen gezeigt, wie stark sie in Form sind. Natürlich ist ein Top-Ten-Platz ein naheliegendes Ziel. Wenn alle Faktoren – Wetter, Strecke und Tagesverfassung passen – ist einiges drin.“ An einem sehr guten Tag hält der 26-Jährige auch einen Medaillengewinn für nicht unmöglich. „,Mani’ hat jeden, der da am Start ist, schon einmal geschlagen!“, erzählt sein Zwillingsbruder, sichtlich mit Stolz.

Hans-Peter verbesserte im Frühling seine persönlichen Bestleistungen im Marathon, im 10km-Straßenlauf und im Halbmarathon klar und geht nicht nur mit sehr viel Selbstvertrauen, sondern auch mit einem gesteigerten Leistungsniveau in die Berglaufsaison – seine erste Staatsmeisterschaftsmedaille ist ein Indiz dafür. „Tagtäglich habe ich im Training die beste Referenz, denn ,Mani’ gehört zur Europaklasse. Ich sehe, wie gut ich mithalten kann und bin daher optimistisch“, so Hans-Peter. Er nimmt sich eine Top-20-Platzierung als Orientierung vor – im Wissen, dass auf dem europäischen Level kein Taktieren, sondern Vollgas vom ersten Schritt gefragt ist. Hartinger ist zum ersten Mal bei einer Berglauf-EM dabei und blickt wie Innerhofer auf einen gelungenen Frühling mit dem Höhepunkt einer Halbmarathonzeit unter 1:05 Stunden in Berlin zurück. Sein Abschneiden könnte für die Positionierung in der Teamwertung sehr relevant sein.

Das Wettkampfprogramm der Off-Road EM 2022 (Angaben in mitteleuropäischer Zeit)

  • Donnerstag, 30. Juni um 21:30 – Uphill, Massenrennen (3,1 km, 607 Höhenmeter)
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  • Freitag, 1. Juli um 10 Uhr – Uphill, Junioren (5,3 km, 788 HM)
  • Freitag, 1. Juli um 10:30 Uhr – Uphill, Juniorinnen (5,3 km, 788 HM)
  • Freitag, 1. Juli um 11:05 Uhr – Uphill, Frauen (8,9 km, 997 HM) – Andrea Mayr
  • Freitag, 1. Juli um 11:30 Uhr – Uphill, Männer (8,9 km, 997 HM) – Manuel & Hans-Peter Innerhofer (voraussichtlich)
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  • Samstag, 2. Juli um 9 Uhr – Trail, Männer & Frauen (47,4 km, 2.562 HM in An- und Abstieg)
  • Samstag, 2. Juli um 9:20 Uhr – Trail, Massenrennen (31,7 km, 1.391 HM in An- und Abstieg)
  • Samstag, 2. Juli um 9:40 Uhr – Up&Down, Massenrennen (17,6 km, 858 HM in An- und Abstieg)
  • Samstag, 2. Juli um 10 Uhr – Trail, Massenrennen (47,4 km, 2.562 HM in An- und Abstieg)
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  • Sonntag, 3. Juli um 9:30 Uhr – Up&Down, Männer (17,6 km, 858 HM in An- und Abstieg) (Manuel & Hans-Peter Innerhofer, Markus Hartinger)
  • Sonntag, 3. Juli um 9:45 Uhr – Up&Down, Junioren (5,4 km, 309 HM in An- und Abstieg)
  • Sonntag, 3. Juli um 11:30 Uhr – Up&Down, Frauen (17,6 km, 858 HM in An- und Abstieg)
  • Sonntag, 3. Juli um 11:45 Uhr – Up&Down, Juniorinnen (5,4 km, 309 HM in An- und Abstieg)

Titelverteidiger Adkin startet im Uphill-Bewerb

Der Brite Jacob Adkin, Berglauf-Europameister 2019 in Zermatt, hat für den Uphill-Bewerb am Freitag genannt und zählt dort zu den aussichtsreichsten Kandidaten auf den Titel. Traditionell stark ist das italienische Berglauf-Nationalteam, das von Berglauf-Weltcup-Gesamtsieger Henri Aymonod angeführt wird und mit dem Ex-Europameister Xavier Chevrier und Cesare Maestri, Silbermedaillengewinner beim italienischen Dreifachsieg 2018, weitere starke Athleten beinhaltet, die für beide Bewerbe genannt haben. In den letzten Jahren feierten norwegische Athleten immer wieder tolle Erfolge im Berglauf. Für die Schweiz sind Cédric Lehmann, Daniel Lustenberger, Dominik Rolli, Jonathan Schmid und Jonas Soldini nominiert, die deutschen Farben vertritt Maximilan Zeus. Zeus sowie Lustenberger und Rolli sind für beide Bewerbe nominiert, Jeremy Hunt, Stefan Lustenberger und Christian Mathys starten für die Schweiz in den Up&Downhill-Bewerb.

Interessant ist, dass der französische Verband sein Team rund um Routinier Julien Rancon nur für den Up&Downhill-Bewerb nominiert hat und am Freitag gar nicht vertreten ist. Dazu kommt im Sonntagsbewerb der starke Slowene Timotej Becan. Maude Mathys, die in diesem Jahr die Schweizer Meisterschaften im Marathonlauf für sich entscheiden konnte und eine Olympia-Teilnahme im Marathon in Paris 2024 im Visier hat, ist für beide Bewerbe nominiert und damit auch im Up&Down-Bewerb die Favoritin auf die Goldmedaille. In einem Feature auf der Website von European Athletics sagte sie, dass ihr längere Distanzen und Trailrunning-Bewerbe besser liegen: „Da kann ich all meine Stärken ausspielen.“ La Palma sei die einzige der Kanarischen Inseln, auf der die Schweizerin noch nie gewesen ist. Mit Francesca Ghelfi, Alice Gaggi und Sara Bottarelli aus Italien sowie Sarah McCormack aus Irland ist die Konkurrenz stark. Am Start steht mit Annie Bersagel eine Marathonläuferin, die früher für die USA und nun für Norwegen an den Start geht.

Die Bewerbe der Altersklasse U20 wurden vom ÖLV nicht besetzt, nachdem sich keine Athletin bzw. kein Athlet bei den Österreichischen Meisterschaften aufgedrängt hat.

Trailrunning-Bewerbe mit Hahner und Dematteis

Der Samstag ist den Trailrunning-Bewerben auf einer 47,4 Kilometer langen Strecke mit einer Höhendifferenz von 2.562 Höhenmetern im An- und Abstieg vorbehalten. Ex-VCM-Siegerin und Marathon-Olympia-Teilnehmerin Anna Hahner startet in diesem Rennen. Bekanntester Name im Männer-Bewerb ist der ehemalige Berglauf-Europameister Martin Dematteis aus Italien. Dessen Zwillingsbruder Bernard ist aus gesundheitlichen Gründen nicht fit für eine EM-Teilnahme, Francesco Puppi fällt mit einem gebrochenen Ellbogen aus. Österreich ist in den Trailrunning-Bewerben mit Daniel Jochum, Andreas Rieder und Claudia Rosegger vertreten.

Das gesamte Wochenende finden auch Rennen für Freizeitläuferinnen und Freizeitläufer statt.

Off-Road EM an der Südspitze Europas

El Paso ist eine Gemeinde auf der Kanarischen Insel La Palma vor der Westküste Marokkos, die im vergangenen Herbst aufgrund des spektakulären Vulkanausbruchs des Cumbre Vieja in den weltweiten Schlagzeilen war. Inklusive der European Mountain Running Trophy als Vorgänger-Veranstaltung finden die Berglauf-Europameisterschaften zum 27. Mal statt, erstmals ist der spanische Verband in der Gastgeberrolle. Die wichtigere Premiere ist jene, dass die Berglauf-Europameisterschaften erstmals im Rahmen der neuen Off-Road Europameisterschaften über die Bühne gehen, die auch die Trailrunning-Bewerbe inkludieren. Erstmals finden ein Uphill- sowie ein Up&Downhill-Bewerb am selben Wochenende statt, bisher wurden die beiden Disziplinen im jährlichen Wechsel, alternierend zu den Weltmeisterschaften ausgetragen.

Die 8,85 Kilometer lange Strecke für den Uphill-Bewerb sieht eine Höhendifferenz von 997 Metern im An- und 68 Metern im Abstieg vor und weist wenig sehr steile Passagen auf, im Mittelteil gibt es neben einem leichten Gefälle eine Passage mit mäßigem Anstieg. Das Ziel befindet sich mitten im Nationalpark auf 1.580 Metern über dem Meeresspiegel an einem Platz mit spektakulärer Aussicht über die Insel. Die Strecke für die Altersklassen U20 ist 5,29 Kilometer lang und weist eine Höhendifferenz von 788 Metern im An- sowie neun Metern im Abstieg auf. Das 17,6 Kilometer lange Up&Downhill-Rennen findet auf einer Strecke mit Start und Ziel in El Paso statt. Nach sechs Kilometern überwiegend im Anstieg führt die Strecke bergab zu einer Wendeschleife und weiter zurück ins Ziel. Insgesamt sind 858 Höhenmeter in An- und Abstieg zu absolvieren, der höchste Punkt der Strecke liegt auf rund 1.100 Metern über dem Meeresspiegel. Die abwechslungsreichen Strecken, die Passagen auf breiten Forststraßen bis schmale Steige beinhalten, wurden für die Off-Road EM designt und sollen die natürliche Kulisse La Palmas präsentieren, die durch die viele Lava, die drei Monate lang über die Insel kroch, teilweise zerstört wurde.

Off-Road Europameisterschaften 2022

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