Sensationelles Finish führt Robert zum Heimsieg

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Kann ein Diamond-League-Rennen über 800m ohne die kenianischen und US-amerikanischen Topläufer für Schlagzeilen sorgen? Kann es, wie das Diamond-League-Meeting am Samstagabend im Stade Charléty von Paris unter Beweis stellte. Benjamin Robert, der auf der internationalen Bühne noch nie für ganz große Furore gesorgt, bisher in der Diamond League mit einem vierten Platz in Monaco 2020 bei einem nicht zur Gesamtwertung zählenden Rennen sein Highlight erlebt, sich aber in den letzten Jahren sukzessive gesteigert hat, sorgte für einen umjubelten Heimsieg. Nicht nur diese Tatsache erstaunte, sondern auch die Qualität der Siegerzeit. Der 24-jährige Lokalmatador blieb zum ersten Mal in seiner Karriere unter 1:44 Minuten und schob sich mit einer Zeit von 1:43,75 Minuten hinter Pierre-Ambroise Bosse und Mehdi Baala auf Rang drei der ewigen französischen Bestenliste. Ausgerechnet in einer Disziplin, die in der bisherigen Diamond-League-Saison mit auffallend langsamen Siegerzeiten zu einer leichten Problemdisziplin avisierte, erzielte Robert in Paris die schnellste Diamond-League-Zeit der Saison und schob sich auf Rang vier der Weltjahresbestenliste – und damit in den Mitfavoritenkreis für die Europameisterschaften in München.

Die doppelte Lücke zum zweifachen Sieg

Robert feierte in Paris auch in seiner Art und Weise einen besonderen Sieg. Eingangs der letzten Kurve lag der Franzose in einem schnellen Rennen, das auch ohne der Weltbesten im Rennen in unter 50 Sekunden rasant angelaufen wurde, nur auf Position vier und drohte auch diese eingangs der Zielgerade zu verlieren. Doch dann schaltete der 24-Jährige einen Gang hoch, fand in der Mitte eine Lücke und dann eine weitere, in die er aggressiv stieß und schnellen Schrittes den Sieg sicherte. „Ich hatte schon das Gefühl, am Limit zu sein. Doch irgendwie habe ich auf der Zielgerade einen Rückenwind verspürt. Es ist schwierig zu erklären, woher diese Kräfte gekommen sind. Es ist eine Lehre: Jederzeit kann alles passieren!“, rekapitulierte der strahlende Sieger, der im Anschluss schwierige Momente zu erleben hatte. Denn Robert wurde eineinhalb Stunden nach dem Zieleinlauf disqualifiziert, später wurde diese Entscheidung aber revidiert.

Zweitbester Franzose war der viertplatzierte Gabriel Tual, der bisher eine hervorragende Saison hatte. Der 24-Jährige lag bis kurz vor dem Ziel selbstbewusst in Führung, konnte aber im Kampf um den Sieg im Endspurt nicht mehr zulegen. Dennoch lief Tual eine persönliche Bestleistung von 1:44,23 Minuten. Die beiden Leistungen sind nur zwei Indizien für die sich ankündigende Renaissance des französischen Laufsports hinblicklich der kommenden Großereignisse in Eugene (WM) und besonders in München (EM). Ein weiteres Indiz ist, dass der ehemalige Weltmeister Pierre-Ambroise Bosse zwar das erste Mal seit vier Jahren die Marke von 1:45 Minuten unterbot, als Sechster des Rennens aber lediglich der drittbeste Franzose war. „Das wird ein großartiger Kampf bei den französischen Meisterschaften“, erwartet Robert.

Abgesehen von den Lokalmatadoren glänzten in Paris auch Peter Bol und Tony van Diepen. Der australische Olympia-Vierte von Tokio 2021 verbesserte in einer Zeit von 1:44,00 Minuten seinen damals in Tokio aufgestellten ozeanischen Kontinentalrekord um 0,11 Sekunden. Der seit Wochen in Topform agierende van Diepen schob sich mit einer persönlichen Bestleistung von 1:44,14 Minuten auf Rang vier der ewigen niederländischen Bestenliste.

Barega dominiert 5.000m

Im 5.000m-Lauf der Männer wurde Selemon Barega seiner Favoritenrolle gerecht und übernahm die Führung in der Gesamtwertung der Diamond League. Der Äthiopier, der in Eugene primär den WM-Titel im 10.000m-Lauf anstrebt, stürmte in der finalen Rennphase im Alleingang über mehrere Runden zu einer Endzeit von 12:56,19 Minuten. „Es war nicht leicht mit dieser Hitze hier, aber das Publikum hat mir sehr geholfen, meine Pace bis zum Ende durchzuhalten“, so der 22-Jährige, der hofft, vom Verband auch für die WM-Entscheidung im 5.000m-Lauf berücksichtigt zu werden. Thierry Ndikumwenayo aus Burundi absolviert die stärkste Saison seiner Karriere und wurde Zweiter vor dem zweifachen Weltmeister Muktar Edris, der in einer Zeit von 13:06,54 Minuten seine zweite Podestplatzierung nach Rom verbuchte. Hinter dem Äthiopier glänzte Jimmy Gressier, eine der größten französischen Hoffnungen in diesem Leichtathletik-Sommer, mit einer persönlichen Bestleistung von 13:08,75 Minuten, mit der er sich auf Rang drei der ewigen Bestenliste Frankreichs schob. Yemaneberhan Crippa, einer der stärksten Europäer auf dieser Distanz, musste aufgeben.

Galaauftritt von Yavi

Für das sportliche Highlight des Abends in der französischen Hauptstadt sorgte Winfred Yavi im 3.000m-Hindernislauf der Frauen. Als einzige der Weltelite anwesend, nutzte sie die Bühne für ihren bisher größten Auftritt, ihrem ersten Diamond-League-Triumph. Die 22-jährige, mehrfache Asienmeisterin siegte in einer Zeit von 8:56,55 Minuten und verbesserte im Alleingang die Weltjahresbestleistung von Norah Jeruto (Eugene) um fast eineinhalb Sekunden. „Unglaublich!“, freute sie sich im Interview mit der Diamond League, „ich kann es fast nicht glauben, aber ich bin in toller Form.“ Damit ist die gebürtige Kenianerin, die seit vielen Jahren für den Bahrain an den Start geht, auf Rang vier der ewigen Weltbestenliste hinter den Kenianerinnen Beatrice Chepkoech und Norah Jeruto sowie Ruth Jebet, die denselben Werdegang bei den Nationen gegangen ist wie Yavi. Die Äthiopierinnen Sembo Alemayehu und Mekides Abebe hatten gegen Yavi im Kampf um den Tagessieg keine Chance.

Scherrer unterbietet Schlumpfs Schweizer Rekord

Die weiteren großen Geschichten des Rennens schrieben zwei Europäerinnen. Chiara Scherrer aus der Schweiz lief ein äußerst offensives Rennen und verbesserte bei ihrem bisherigen Karrierehöhepunkt in einer Zeit von 9:20,28 Minuten den Schweizer Landesrekord von Fabienne Schlumpf um über einer Sekunde. Als Fünftplatzierte lief die 26-Jährige, die Teilzeit als Physiotherapeutin arbeitet, knapp hinter Elizabeth Bird ins Ziel, die in einer Zeit von 9:19,46 Minuten ihren eigenen britischen Rekord um 0,22 Sekunden steigerte. Die beiden rangieren auf den Rängen zwei und drei der aktuellen europäischen Jahresbestenliste. Lokalmatadorin Alice Finot, die vor knapp einem Monat einen französischen Rekord aufgestellt hat, konnte nicht überzeugen und wurde nur Neunte.

Ergebnisse Meeting de Paris 2022

800m-Lauf der Männer

  1. Benjamin Robert (FRA) 1:43,75 Minuten *
  2. Peter Bol (AUS) 1:44,00 Minuten **
  3. Tony van Diepen (NED) 1:44,14 Minuten *
  4. Gabriel Tual (FRA) 1:44,23 Minuten *
  5. Mohamed Ali Gouaned (ALG) 1:44,43 Minuten *
  6. Pierre-Ambroise Bosse (FRA) 1:44,54 Minuten
  7. Andreas Kramer (SWE) 1:44,75 Minuten
  8. Patryk Dobek (POL) 1:45,15 Minuten

5.000m-Lauf der Männer

  1. Selemon Barega (ETH) 12:56,19 Minuten
  2. Thierry Ndikumwenayo (BDI) 13:05,24 Minuten
  3. Muktar Edris (ETH) 13:06,54 Minuten
  4. Jimmy Gressier (FRA) 13:08,75 Minuten *
  5. Addisu Yihune (ETH) 13:14,40 Minuten
  6. George Beamish (NRL) 13:19,90 Minuten
  7. Mike Foppen (NED) 13:20,34 Minuten
  8. Abdessamad Oukhelfen (ESP) 13:22,77 Minuten

3.000m-Hindernislauf der Frauen

  1. Winfred Yavi (BRN) 8:56,55 Minuten * / ***
  2. Sembo Alemayehu (ETH) 9:09,19 Minuten *
  3. Mekides Abebe (ETH) 9:11,09 Minuten
  4. Elizabeth Bird (GBR) 9:19,46 Minuten ****
  5. Chiarra Scherrer (SUI) 9:20,28 Minuten *****
  6. Zerfe Wondemagegn (ETH) 9:27,75 Minuten
  7. Rosefline Chepngetich (KEN) 9:32,67 Minuten
  8. Kinga Krolik (POL) 9:37,29 Minuten
  9. Alice Finot (FRA) 9:37,46 Minuten

* neue persönliche Bestleistung
** neuer ozeanischer Kontinentalrekord
*** neue Weltjahresbestleistung
**** neuer britischer Landesrekord
***** neuer Schweizer Landesrekord

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Meeting de Paris