ÖLV-Duo mit Optimismus zum 10.000m-Europacup

Andreas Vojta und Peter Herzog versuchen am Samstag beim Europacup über 10.000m-Lauf, der erstmals in Pacé vor den Toren von Rennes in der französischen Region Bretagne über die Bühne geht, die Qualifikation für die Europameisterschaften in München zu schaffen. Gefordert wird eine Zeit von 28:15,00 Minuten. Die Entry List verspricht einen spannenden Wettkampf, denn ein Großteil der kontinentalen Elite hat gemeldet – wenngleich einige Topstars nicht dabei sind.

© ÖLV / Alfred Nevsimal

Andreas Vojta (team2012.at) hat die Qualifikationszeit von 28:15,00 Minuten seit Monaten fest im Blick. Schließlich hat der Niederösterreicher seinen Hauptfokus vom 5.000m-Lauf, den er 2018 bei den Europameisterschaften in Berlin bestritten hat, sukzessive in Richtung längerer Distanzen verlegt. Bevor die Aufmerksamkeit dem Marathon gilt, liegt er 2022 auf dem 10.000m-Lauf. „Das Potenzial ist da, das Limit zu unterbieten“, stellt der 32-Jährige klar und erzählt von guten, soliden Trainingseinheiten im Vorfeld. Das Abschlusstraining absolvierte er aus beruflichen Gründen am Olympiastützpunkt in Rif vor den Toren Salzburgs, am morgigen Donnerstag geht es in den Nordwesten Frankreichs.

RunAustria-Tipp: Der Europacup wird am Samstag im Livestream von European Athletics auf der eigenen Website und auf dem eigenen Youtube-Kanal live übertragen.

Die Harmonie der Gruppe

Vojta hat sich trotz der Extrapunkte für die Weltrangliste bewusst gegen ein Staatsmeisterschaftslauf über 10.000m entschieden, wo ihm ein Solorennen geblüht hätte. Er setzt auf eine motivierende Event-Atmosphäre beim Europacup, ein leistungsstarkes Umfeld und eine gute Gruppe, die ein Anvisieren des Zeitlimits erleichtert. „Im Idealfall finde ich eine Gruppe vor, in der ich sieben oder acht Kilometer mitlaufen kann, die ein konstantes Tempo ohne die berühmten Ziehharmonika-Effekte anschlägt und eine Pace anschlägt, die auf das Unterbieten des EM-Limits hinzielt“, hofft Vojta. Ein solch ideales Szenario ist nicht unwahrscheinlich, denn beim diesjährigen Europacup sind viele mit dem Wunsch, das Limit zu laufen, am Start.

Für Vojta ist es sein drittes Antreten bei einem 10.000m-Europacup. Die Entwicklung, daraus einen stimmungsvollen Event zu kreieren, begrüßt er sehr. Bei einem 10.000m-Lauf sei das wesentlich wichtiger als auf den Mittelstrecken und sogar beim 5.000er, wo der volle Fokus auf das Laufen da ist. 25 Runden sind eine lange Wettkampfdauer, anregende Rahmenbedinungen wie Zuschauer an der Bahn, Musik oder Moderation mögen da helfen, auf den letzten zwei Kilometern alles aus dem Körper herausholen zu können. 2018 in London gelang ihm das, als er in seinem ersten ernsthaften 10.000m-Lauf eine Zeit von 28:33,99 Minuten gelaufen ist. Eine Marke, die er unter steigender Erfahrung bisher zweimal knapp steigern konnte.

Ein außergewöhnliches Debüt

Vojta ist es gewohnt, als Einzelkämpfer zu Laufentscheidungen zu reisen. Daher freut er sich besonders, dieses Mal in Peter Herzog (Union Salzburg LA) in Begleitung eines Landsmanns nach Frankreich zu fliegen. Der 34-Jährige hat nach seinem aufgrund einer muskulären Verletzung abgebrochenen Qualifikationsversuch im Marathon Plan B ergriffen und sich nach vollständiger Genesung der Oberschenkelverletzung in der Vorbereitung auf den 10.000m-Lauf fokussiert. Hier sieht er eine gute Chance, den Traum von einer EM-Teilnahme doch noch zu realisieren. „Mit fast 35 das Profi-Debüt im 10.000m-Lauf zu geben, obwohl ich von der Überdistanz komme, ist schon eine eigene Geschichte“, lacht er.

Szenarien über eine Qualifikation über den Umweg der Weltrangliste könnten angesichts bereits 28 über Limits oder die Wildcard des Titelverteidigers qualifizierter Athleten (bereinigte Liste mit maximal drei Athleten pro Nation, Anm.) verzichtbar bleiben, weswegen auch für den Salzburger die klare Zielsetzung 28:15,00 Minuten vorgegeben ist. Optimismus schöpft er einerseits aus der Tatsache, diese Zeit auf der Straße bereits einmal unterboten zu haben, andererseits vom Staatsmeisterschaftslauf über 5.000m vor eineinhalb Wochen, als er hinter Vojta Silber gewann. „Für das Selbstvertrauen war dieses Rennen wichtig, weil es mir die Sicherheit gibt. Ich habe eine gute Basis und freue mich auf den Europacup“, so Herzog, der aufgrund seiner fehlenden Erfahrung in Bahnrennen auf einen ähnlich reibungslosen Wettkampfablauf wie beim 5.000m-Lauf in Wien hofft. Dazu sollen ein dynamisches Rennen und die gute Stimmung rundherum helfen, schnell zu laufen. „Ein gleichmäßiges Tempo würde mir schon sehr entgegen kommen. Als Straßenläufer bin ich mit der Geschwindigkeit, die im 10.000m-Lauf gelaufen wird, schon am Limit“, fügt er an.

ÖLV-Duo hofft auf günstige Setzung

Als Erfahrungen hat Herzog gerade einmal zwei 5.000m-Wettkämpfe, einen davon in Spikes, vorzuweisen, keinen einzigen 10.000m-Lauf. Dadurch, dass der erste 5.000er im Jahr 2020 ein Sololauf war, gab es damals keine Positionskämpfe. „Es ist Neuland für mich, keine Frage“, stellt Herzog klar. „Ich bin schon sehr gespannt. Alleine der Blick auf die Startliste ist unheimlich aufregend.“ Die Einteilung in verschiedene Rennen ist noch unklar. Der Salzburger hofft, im gleichen Rennen an den Start gehen zu können wie sein Landsmann: „Das wäre ein großer Vorteil für mich. Andi hat unheimlich viel Erfahrung, wie man sich in einem solchen Rennen verhält. Er wäre ein wichtiger Orientierungspunkt für mich, auch weil er der einzige im Feld ist, den ich einschätzen kann. Das gäbe mir wiederum Rückmeldungen für mein Rennen.“ Dass Schwierigkeiten mit der Pollenallergie der letzten Tage sich negativ auf seine Leistungsfähigkeit am Samstag auswirken, glaubt der heimische Marathonrekordhalter nicht. Der klimatische Wechsel von seiner Heimat in den Nordwesten Frankreichs könnte hilfreich sein.

Auch Andreas Vojta wünscht sich ein rot-weiß-rotes Tandem im selben Lauf: „Es wäre wichtig, eine Bezugsperson im Rennen zu haben. Wir können uns gegenseitig aneinander orientieren und das verleiht Sicherheit. Zumal wir auf einem ähnlichen Niveau unterwegs sind.“ Die Wetterprognose ist vielversprechend. Für Samstagabend ist schönstes Wetter bei Temperaturen unter 20°C, niedriger Luftfeuchtigkeit und etwas Wind angesagt.

Geplantes Programm für den 10.000m-Europacup am 28. Mai 2022 in Pacé

  • 17:50 Uhr – Eröffnung
  • 18:10 Uhr – B-Lauf der Frauen
  • 18:55 Uhr – B-Lauf der Männer
  • 19:35 Uhr – A-Lauf der Frauen
  • 20:20 Uhr – A-Lauf der Männer
  • ab 21:00 Uhr – Siegerehrungen Einzel- & Teamwertungen

„Eine wunderbare Nacht“

Der 10.000m-Europacup hat sich in den letzten Jahren durch ein paar stimmungsvolle Ausrichtungen in London mit speziellem Fokus darauf, den Event attraktiv für Teilnehmende und Publikum zu gestalten, zu einem Höhepunkt für Langstreckenläuferinnen und Langstreckenläufer entwickelt. Kein Wunder, dass ein Großteil der kontinentalen Elite auf dieser Distanz und der Großteil derer, die beim 10.000m-Lauf bei der EM in München eine Rolle spielen wollen, nach Frankreich reisen. Dreimal in Serie wird das Stade Jean-Paul Chasseboeuf in Pacé Austragungsort des 10.000m-Europacups sein, der zuletzt zweimal in London und einmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Birmingham stattgefunden hat. „Pacé als Mittelpunkt Europas – das wird ein großer Moment“, kündigt André Giraud, Präsident des französischen Leichtathletik-Verbandes (FFA), an. Man gab sich Mühe in der Bewerbung, hielt diverse Testwettkämpfe ab, plante Innovationen in der Umsetzung und angelte sich die ehemalige Europarekordhalterin und Europameisterin von München 2002, Paula Radcliffe als Botschafterin.

Die Britin freut sich auf einen langen Wettkampftag mit Kinder- und Freizeitrennen und ein Publikum, dass ein fast hautnahes Spalier für die besten Läuferinnen und Läufer Europas bilden soll. „Ich bin überzeugt, dass wir eine wunderbare Nacht der Leichtathletik erleben werden“, sagt Radcliffe. „Drücken wir die Daumen, dass sie auch einige hervorragende Leistungen produziert.“ Erst einmal fand der Europacup übrigens auf französischem Boden statt, 2010 in Marseille. Nach dem ehemaligen jährlichen Wechsel ist der Europäische Leichtathletik-Verband (European Athletics) nun an längerfristigen Verträgen interessiert, um den Event-Charakter zu stärken und eine Disziplin, die viele aus dem Olympischen Programm entfernt sehen wollen, in seiner Attraktivität zu stützen.

Zahlreiche der besten Europäer gegeneinander

Bekannte Namen im internationalen Teilnehmerfeld sind Lokalmatador Jimmy Gressier, der in Abwesenheit von Europameister und Europacup-Titelverteidiger Morhad Amdouni, der in den Marathon gewechselt ist, die Hoffnungen auf einen Heimsieg schultert, der Spanier Carlos Mayo, amtierender spanischer Meister, im Vorjahr Europacup-Dritter und 13. der Olympischen Spiele, das norwegische Duo Sondre Nordstad Moen und Zerei Kbrom, das israelische Team rund um Tadesse Getahon, der Türke Aras Kaya, ein zweifacher Crosslauf-Europameister, der Italiener Iliass Aouani oder der Belgier Soufiane Bouchikhi. Ein starkes Team bringt der DLV mit dem Sieger von 2018, Richard Ringer, dem deutschen Meister Simon Boch, Filimon Abraham, Nils Voigt und Homiyu Tesfaye an den Start, die Schweizer Farben werden von Marathon-Routinier Tadesse Abraham und Morgan Le Guen vertreten. Insgesamt haben 73 Läufer aus 27 Nationen gemeldet, 13 können eine persönliche Bestleistung unter 28 Minuten aufweisen, einige weitere haben das Potenzial dafür auf anderen Distanzen bereits nachgewiesen. Auch wenn die vorderste Spitze des europäischen 10.000m-Laufs um dem Italiener Yemaneberhan Crippa, den besten Briten um Marc Scott sowie dem belgischen Duo Isaac Kimeli und Bashir Abdi fehlt, ergibt dies ein starkes, schlagkräftiges Feld.

Deutsches Top-Duo mit Medaillenchancen

58 Läuferinnen aus 19 Nationen haben für das Frauenrennen gemeldet. Deutschland hat mit Alina Reh und Miriam Dattke gleich zwei Läuferinnen am Start, die für die vordersten Plätze infrage kommen. Einen deutschen Sieg gab es im seit 1997 ausgetragenen Europacup viermal bei den Männern (neben Ringer noch Dieter Baumann 1997 und 2022 sowie André Pöllmächer 2007) und zweimal bei den Frauen durch Sabrina Mockenhaupt in den Jahren 2005 und 2013. Favoritin ist Yasemin Can aus der Türkei, die noch nie Siegerin des Europacups war. Ebenfalls zum Kandidatinnenkreis für die Topplätze gehören Stephanie Twell aus Großbritannien, Siegerin 2019, die Französin Mekdes Woldu und die Spanierin Maitane Melero. Neben der deutschen Meisterin Reh und Dattke sind Domenika Mayer, Katharina Steinruck, zuletzt Vierte beim Österreichischen Frauenlauf (siehe RunAustria-Bericht), und Eva Dieterich im Einsatz. Nicole Egger ist Schweizer Einzelkämpferin, der ÖLV ist bei den Frauen nicht vertreten, hat aber in Julia Mayer die Weltrangliste betreffend eine sicherlich interessierte Beobachterin der Ergebnisse aus Pacé.

Denn 18 Läuferinnen haben bei den Frauen den EM-Startplatz in München bereits sicher, bei 27 Startplätzen. Wie bei den Männern fehlt die vorderste Spitze aus Europa rund um Sifan Hassan, Konstanze Klosterhalfen, Eilish McColgan oder Karoline Bjerkeli Grövdal in Pacé. Dennoch kann der Europacup einen Vorgeschmack darauf liefern, was die Leichtathletik-Fans bei den 10.000m-Läufen im Rahmen der Europameisterschaften erwarten wird.

European Athletics