Das EM-Limit im Blick

Lemawork Ketema und Timon Theuer gehen am Sonntag optimistisch in den Vienna City Marathon. Sie orientierten sich am Ziel, eine Zeit unter 2:14:30 Stunden zu schaffen und sich damit für den EM-Marathon am 15. August in München zu qualifizieren. Die Vorbereitungen auf den VCM stimmen beide optimistisch, am Sonntag einen guten Marathon zu laufen.

Andreas Vojta, Lemawork Ketema und Timon Theuer gehen optimistisch in den Wien Marathon. © VCM / Michael Kvick

Für Lemawork Ketema (SVS Leichtathletik) ist es eine Rückkehr an jenen Ort, an dem er seinen bisher größten Triumph gefeiert hat. 2019, als der Vienna City Marathon letztmals an seinem traditionellen Termin im April über die Bühne gegangen ist. Der seit neun Jahren in Österreich lebende, gebürtige Äthiopier lief damals in einer Zeit von 2:10:44 Stunden über die Ziellinie und verbesserte den österreichischen Marathonrekord von Günther Weidlinger um drei Sekunden. Eineinhalb Jahre später steigerte Peter Herzog (Union Salzburg LA) die Bestmarke in London auf 2:10:06 Stunden.

Ketemas Sternstunde

Eingangs der Pressekonferenz erinnerten die TV-Bilder an die mitreißenden Augenblicke, als Ketema entlang der Zielgerade vor dem Burgtheater, die Zeitmessung am Zielturm fest im Blick, die letzten Kräfte mobilisierte, einen Kontrahenten überholte und seine heute noch gültige persönliche Bestleistung aufstellte. Der Athlet selbst denkt ebenfalls gerne an diese Momente zurück und möchte mit dem VCM 2022 wieder an seine besten Leistungen im Jahr 2019 anknüpfen.

Mit viel Geduld wieder fit

Der VCM 2019 war für Ketema Eintrittstor zum Olympischen Marathon von Sapporo, der mit einem Jahr Verspätung im Sommer 2021 über die Bühne ging. Langwierige Probleme mit der Gesäßmuskulatur, die ihn schon davor behindert hatten, zwangen ihn zur Aufgabe. Es folgte eine längere Pause zum Auskurieren, monatelang standen weder Wettkämpfe noch Training auf dem Programm. „Das war eine lange Zeit für mich und damit auch eine Geduldsfrage. Es ist nicht leicht für den Kopf, wenn man einen so langen Zeitraum seiner Leidenschaft und Hauptbeschäftigung nicht nachgehen kann“, erzählt er. Seit Jänner steht der EM-Achte von Berlin 2018 wieder voll im Training und hat sich drei Monate lang in der äthiopischen Höhenlage auf den Vienna City Marathon vorbereitet. Die Trainingsgruppe vor Ort hat hohe Qualität, zuweilen spulte Ketema je nach Anforderungen in seinem Trainingsplan bis zu 210 Kilometer pro Woche ab. Für Sonntag stimmen ihn seine Trainingsleistungen zuversichtlich. „Mein Hauptziel lautet, die Qualifikation für die Europameisterschaften zu schaffen. Läuft das Rennen für mich gut, spüre ich ein gutes Laufgefühl und sind die Wetterbedingungen top, möchte ich meine Bestzeit ins Visier nehmen“, fasst Ketema die Erwartungen für Sonntag zusammen.

Ein Debüt, das keines ist

Vor zwei Jahren wäre Timon Theuer (Union St. Pölten) in Topform zum Vienna City Marathon gekommen. Mit seiner Halbmarathonleistung von Barcelona hatte er sich im Vorfeld auf Rang zwei der ÖLV-Bestenliste im Halbmarathonlauf geschoben – 62:34. Die Pandemie verhinderte sein damaliges VCM-Debüt. Mittlerweile ist der Niederösterreicher, wenngleich auf der Startliste so vermerkt, kein klassischer Debütant mehr. Er hat seine fünfte Marathon-Vorbereitung in den Beinen und dabei von Mal zu Mal Fortschritte in seinen Trainingsleistungen gemacht, die immer vielversprechend waren. Am Sonntag soll folgerichtig der erste Marathonzieleinlauf gelingen: „Ich will einen guten Marathon über die Bühne bringen, dann klappt das auch mit den 2:14:30 Stunden.“

Im Rhythmus von Andreas Vojta

Timon Theuer hat der neben seiner spitzensportlichen Karriere auch eine hochkarätige akademische Laufbahn an der TU Wien eingeschlagen. „Ich bin stolz, beides unter einen Hut zu bringen. Natürlich ist viel Einsatz gefordert, um auf beiden Ebenen Leistung zu bringen“, sagt der 27-Jährige. Am Sonntag sieht er in einer gewissen Lockerheit sein Erfolgsgeheimnis. Wichtige Unterstützung wird ihm Andreas Vojta bieten, seit vielen Jahren Österreichs bester Läufer auf den Stadiondistanzen und seit drei Wochen in Besitz einer starken Halbmarathon-Bestleistung aus Prag (63:18). Der 32-Jährige stellt sich wie schon bei den Österreichischen Marathonmeisterschaften 2020 im Wiener Prater als Tempomacher zur Verfügung. Theuer und Vojta haben die letzten Wochen öfters gemeinsam trainiert, die Abstimmung passt. Mindestens 25 Kilometer will Vojta, der sich insbesondere auf die fantastische Atmosphäre des VCM-Sonntags freut, seinem Kollegen den Weg und den Schritt weisen. „Die letzten Kilometer muss Timon alleine schaffen“, schmunzelt er. „Aber er ist gut drauf und auch meine Trainingsleistungen stimmen mich optimistisch, dass unsere Unternehmung am Sonntag glückt.“

Theuer war Österreichs Bester bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften 2020 in Gdynia und verzeichnete bei seiner sportlichen Generalprobe für den Vienna City Marathon eine Zeit von 64:07 Minuten beim Paris Halbmarathon Anfang März, als die Temperaturen rund um den Gefrierpunkt weilten. Ganz anders am Sonntag, wenn frühlingshafte Laufbedingungen den Rahmen für tolle heimische Marathon-Resultate bilden werden. Mit seiner Vorbereitung ist Theuer zufrieden: „Ich habe versucht, jeden Tag gut zu nutzen und die Trainingsqualität auf die Straße zu bringen. Das ist gut gelungen.“ Er ist gesund durch die Trainingsphase gekommen und konnte erstmals seit zwei Jahren in einer Marathon-Vorbereitung von Planungssicherheit profitieren.

Das Miteinander als Impuls für den österreichischen Laufsport

Johannes Langer, der als Rennleiter speziell die beiden heimischen Topläufer betreut, hat gemeinsam mit Athleten-Koordinator Mark Milde leistungsstarke Gruppen zusammengestellt, um die Ambitionen von Ketema und Theuer zu unterstützen. „Es sind spannende Herausforderungen, auf die wir uns freuen können“, so der langjährige Rennleiter beim VCM, der die Zusammenarbeit zwischen Vojta und Theuer als „wichtigen Impuls für den österreichischen Laufsport, sichtbar auf der größten Bühne des heimischen Laufsports“ lobt.

Für die Lokalmatadoren wird es sicherlich auch ein besonderes atmosphärisches Erlebnis, das zusätzlich motivieren wird. „Der VCM ist die geilste und größte Laufveranstaltung in Österreich“, betont Vojta und erzählt, wie er im September am Tag nach seinem Sieg beim Vienna 10K als Zuschauer das starke Bedürfnis spürte, 2022 selbst über die Reichsbrücke zu laufen.

Vienna City Marathon