Fabel-Streckenrekorde beim Seoul Marathon

Drei Jahre nach der letzten Ausgabe der wichtigsten Laufveranstaltung in Südkorea kehrte der Seoul Marathon mit einem sportlichen Feuerwerk zurück auf die Laufbühne. Die Resultate sorgen aber für Fragezeichen, sie werden noch untersucht.

© Ethan Brooke / Pixabay

2:04:43 Stunden und 2:18:04 Stunden – so hochklassige Siegerzeiten wie jene von Mosinet Geremew und Joan Melly am Ostersonntag 2022 hatte der Seoul Marathon noch nie. Die Streckenrekorde fielen um eine halbe und fast zwei Minuten. Während die Zeiten in den Listen von World Athletics noch nicht auffindbar sind, gibt es im Rennbericht auf der Website des Leichtathletik-Weltverbandes noch keinen konkreten Hinweis, dass ein Fragezeichen hinter den Leistungen steht.

Favoritensieg für Geremew

Das Rennen der Männer entwickelte sich als Ausscheidungsrennen auf extrem hohen Niveau. Insbesondere die erste Hälfte förderte ein schnelles Rennen. Zehn Läufer erreichten mit der Spitzengruppe den Halbmarathon, dann musste mit dem ehemaligen Salzburg-Sieger Martin Kosgey der Erste abreißen lassen. Die Passage zwischen Kilometer 25 und Kilometer 30 war die erste, in der die Spitzengruppe einen Kilometerschnitt von über drei Minuten produzierte, für die Top-Drei des Tages, die alle unter 2:05 Stunden bleiben sollten, sollte es die einzige bleiben. Denn nach Kilometer 30, als die Tempomacher ausstiegen, zerfiel die Spitzengruppe, nachdem ein Läufer nach dem anderen das hohe Tempo nicht mehr mitgehen konnte.

Mosinet Geremews 5km-Teilzeiten: 14:42 / 14:32 / 14:43 / 14:46 / 14:51 / 15:07 / 14:50 / 14:56 / 6:16 (2,195 km) Minuten

Ganz vorne mischte der Brasilianer Daniel Do Nascimento die afrikanischen Favoriten auf und hielt im Landesrekordtempo bis zum Schluss prächtig mit. Vor der Zwischenzeit bei Kilometer 35 setzten sich die beiden Äthiopier Mosinet Geremew und Herpasa Negasa leicht vom Südamerikaner ab, der sechs Sekunden Rückstand aufwies, selbst aber mit einem Polster von acht Sekunden auf die schnellsten Kenianer im Rennen, Mark Korir und Moses Kibet. Der Brasilianer schloss die Lücke auf das führende Duo rund zwei Kilometer vor der Ziellinie, beinahe noch einmal, dann beschleunigte Vize-Weltmeister Geremew und sicherte seinen Favoritensieg ab. Der ehemalige Zweite bei den World Marathon Majors in London und Chicago verbuchte eine Zeit von 2:04:43 Stunden und feierte seinen ersten Marathonsieg seit Dubai 2018, es war die viertschnellste Marathonzeit seiner Karriere. Negasa, Zweiter beim Dubai Marathon 2019, folgte sechs Sekunden später mit der zweitschnellsten Zeit seiner Karriere über die Ziellinie.

Daniel Do Nascimentos 5km-Teilzeiten: 14:42 / 14:32 / 14:43 / 14:46 / 14:51 / 15:07 / 14:56 / 14:52 / 6:22 (2,195 km) Minuten

Erster Südamerikaner unter 2:05 Stunden

Falls die Zeiten des Seoul Marathon noch bestätigt werden, hat einer der Top-Marathons im asiatischen Raum einen neuen Kontinentalrekord für Südamerika produziert. Daniel Do Nascimento, der bei den Olympischen Spielen mit einem Pläuschen mit Eliud Kipchoge während des Rennens in Erinnerung geblieben ist, finishte in einer grandiosen Zeit von 2:04:51 Stunden. Damit blieb er eine Minute und 14 Sekunden unterhalb des bisherigen brasilianischen Landesrekordes und südamerikanischen Kontinentalrekords von Ronaldo Da Costa, der 1998 den Berlin Marathon in einer Zeit von 2:06:05 Stunden gewonnen hat. Im Dezember hatte der 23-Jährige diese Zeit in Valencia noch um sechs Sekunden verpasst. Als Vierter kam der ehemalige Paris-Sieger Mark Korir knapp gefolgt von seinem Landsmann Moses Kibet ins Ziel, der mehrfache Toronto-Champion Philemon Rono musste sich in einer Zeit von 2:07:03 Stunden mit Position sechs zufrieden geben.

Eine surreale Diskrepanz ab Kilometer 40

Mit einer wesentlich kleineren Spitzengruppe, aber nach mit einem ebenfalls flotten Tempo erreichte die Spitzengruppe der Frauen die Zwischenzeit bei Kilometer 20 in einer Zeit von 1:05:44 Stunden Stunden. Zu diesem Zeitpunkt, mitten in der schnellsten Rennphase mit einem Kilometerschnitt von 3:15 Minuten liefen Joan Melly und Sutume Asefa ihre Kontrehmentinnen Eunice Chumba und Celestine Chepchirchir offenbar müde, die ab Kilometer 35 nicht mehr folgen konnten. Und dann offenbart die Rangliste Fragezeichen. Melly und Kebede liefen an der Spitze den langsamsten 5km-Teilabschnitt des Rennens (17:13), bei der Zwischenzeit bei Kilometer 40 wiesen sie nur zehn Sekunden Vorsprung auf die beiden Verfolgerinnen auf, im Ziel waren es knapp bzw. über zwei Minuten. Die Teilzeit für die letzten 2,195 Kilometer von 5:48 (Chelimo) wäre selbst in einem Männerrennen unrealistisch.

Joan Mellys 5km-Teilzeiten: 16:40 / 16:18 / 16:32 / 16:14 / 16:14 / 16:31 / 16:34 / 17:13 / 5:48 (2,195 km) Minuten *
* die letzten beiden Teilzeiten sind auch in Kombination unrealistisch

Zumindest hinter den Leistungen der beiden Top-Platzierten steht also ein großes Fragezeichen, das dadurch verstärkt wird, da der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) die Zeiten noch nicht in sein System eingespeist hat – dies üblicherweise bei dieser Veranstaltungsbedeutung aber verlässlich binnen Stunden erledigt. Die Siegeszeit von 2:18:04 Stunden ist vorerst neuer Streckenrekord, Asefa erreichte das Ziel acht Sekunden nach der Siegerin in klarer persönlicher Bestleistung. Chumba, die vorerst einen neuen Landesrekord für den Bahrain erzielte (2:20:02), und Chepchirchir blieben knapp über 2:20 Stunden. Die ehemalige Siegerin Guteni Shone kam mit zehn Minuten Rückstand auf Siegerin Melly als Fünfte ins Ziel.

Neo-Rumänin

Joan Melly war in den letzten Jahren eine der schnellsten Halbmarathonläuferinnen der Welt. Seit kurzem startet die aus Kenia stammende Läuferin für Rumänien, bei internationalen Meisterschaften ist sie daher zur Zeit gesperrt und kommt für ein Antreten bei Welt- und Europameisterschaften daher nicht in Frage. Erst kurz vor den Olympischen Spielen 2024 wird ihre Startberechtigung für das osteuropäische Land aktiv. Selbstredend ist Melly aber die erste rumänische Siegerin in der Geschichte des Seoul Marathon und auch die erste aus einem europäischen Verband.

Ergebnisse Seoul Marathon 2022

Männer

  1. Mosinet Geremew (ETH) 2:04:43 Stunden *
  2. Herpasa Negasa (ETH) 2:04:49 Stunden
  3. Daniel Ferreira Do Nascimento (BRA) 2:04:51 Stunden **
  4. Mark Korir (KEN) 2:06:54 Stunden
  5. Moses Kibet (KEN) 2:06:55 Stunden
  6. Philemon Rono (KEN) 2:07:03 Stunden
  7. Felix Kandie (KEN) 2:07:18 Stunden
  8. Alemayehu Belachew (ETH) 2:07:55 Stunden ***
  9. Kenneth Keter (KEN) 2:08:21 Stunden
  10. Jamsran Olonbayar (MON) 2:11:02 Stunden ***

Frauen

  1. Joan Melly (ROM) 2:18:04 Stunden CR * / ***
  2. Stumme Asefa (ETH) 2:18:12 Stunden ***
  3. Eunice Chumba (BRN) 2:20:02 Stunden ****
  4. Celestine Chepchirchir (KEN) 2:20:10 Stunden ***
  5. Guteni Shone (ETH) 2:28:05 Stunden
  6. Netsanet Gudeta (ETH) 2:29:45 Stunden
  7. Choi Kyung Sun (KOR) 2:30:42 Stunden
  8. Shure Demise (ETH) 2:30:46 Stunden
  9. Selly Chepyego (KEN) 2:30:50 Stunden
  10. Kim Do Yeon (KOR) 2:34:31 Stunden

* neuer Streckenrekord
** neuer südamerikanischer Kontinentalrekord
*** neue persönliche Bestleistung
**** neuer Landesrekord für den Bahrain

Seoul Marathon