Alle guten Dinge sind drei für Jepchirchir

Die Olympiasiegerin Peres Jepchirchir gewann nach dem New York City Marathon im November auch den Boston Marathon. In einem hochspannenden Duell bei einem der schnellsten Rennen in Boston überhaupt setzte sie sich auf der Zielgerade gegen Ababel Yeshaneh durch. Es war ein würdiges Duell beim Jubiläumsrennen für die Frauen.

Peres Jepchirchir bei den Olympischen Spielen in Sapporo. © SIP / Johannes Langer

Dreimal attackierte Peres Jepchirchir in einem Duell, das der gängigen US-amerikanischen Beschreibung eines dramatischen Sportmoments, ein „nail biter“, mehr als nur gerecht wurde, mit Ababel Yeshaneh. Zweimal konterte die Äthiopierin in ihrem locker und regelmäßig wirkenden Laufstil und ging erneut an die Spitze. Nur der letzten Attacke der etwas erschöpft und mit letzter Kraft agierend wirkenden Kenianerin konnte sie keine Antwort hinterherschicken. Und so kam es tatsächlich, dass Peres Jepchirchir binnen neun Monaten drei monumentale Marathon-Triumphe auf ihre Habenseite ziehen konnte: die Olympische Goldmedaille in der Hitze von Sapporo, der Sieg in New York mit einer taktischen Meisterleistung und der Triumph beim ältesten Stadtmarathon der Welt, der seine 126. Auflage feierte. Forciert durch den puren Willen. „Es war richtig schwierig heute auf dieser Strecke. Ich hatte das Gefühl, dass Ababel sich stark fühlt. Ich war schon so müde, aber wollte weiterhin puschen und habe die Hoffnung nie verloren, dass es sich am Ende ausgeht. Ich bin unheimlich dankbar und fühle mich geehrt, hier als Siegerin zu stehen“, gab die 28-Jährige zu Protokoll, die ihren Status als Nummer eins in der Marathon-Welt dank dieser Siegesserie zementierte – trotz der Riesenleistung von Brigid Kosgei beim Tokio Marathon.

Peres Jepchirchirs Halbmarathon-Splits: 1:09:41 / 1:11:20 Stunden
Peres Jepchirchirs 5km-Teilzeiten: 17:42 / 16:39 / 16:49 / 16:00 / 16:10 / 17:00 / 17:26 / 16:53 / 7:22 (2,195 km) Minuten

Ein besonderes Jubiläum

Es war ein Feiertag für 10.558 Marathonläuferinnen, die die Ziellinie in der Boylston Street in Boston erreichten, und all jene, die gestartet, aber nicht ins Ziel gekommen sind. Denn beim ältesten jährlich ausgetragenen Marathonlauf der Welt (wenn man vom Pandemiejahr absieht) jährte es sich am traditionellen „Patriots’ Day“, Feiertag im US-Bundesstaat Massachussetts, zum 50. Mal, dass Läuferinnen offiziell teilnehmen durften. Nina Kuscsik aus den USA gewann am 17. April 1972 in einer Zeit von 3:10:26 Stunden. Sie war, wie auch andere Teilnehmerinnen der offiziellen Premierenausabe, vor Ort und wurde gefeiert. Die Siege von Roberta Gibb und Sara Mae Berman (je drei) in den Jahren vor 1972 wurden nachträglich hinzugefügt, beide starteten wie Katherine Switzer damals inoffiziell.

Der RunAustria-Bericht des Männerrennens

Evans Chebets größter Triumph

Rasanter Mittelteil

Von den Wetterbedingungen her bescherte die Jubiläumsausgabe den Läuferinnen perfekte Marathonbedingungen mit Sonnenschein, Temperaturen im niedrigen zweistelligen Bereich und Zig-Tausenden marathonbegeisterten Zuschauern entlang der Strecke. Sportlich bescherte sie der Marathon-Welt eine der spannendsten Entscheidungen beim Boston Marathon und eine der interessantesten Marathonläufe der letzten Zeit. Hochkarätig bestückt „bummelte“ das Feld die Bergabpassage von Hopkington bis zur Zwischenzeit bei Kilometer fünf in einer Zeit von 17:41 Minuten. Doch dann nahm das Elitefeld, das acht Minuten nach den Männern startete, langsam Schwung auf und die beiden Favoritinnen Peres Jepchirchir und Joyciline Jepkosgei präsentierten sich erstmals formatfüllend im TV-Bild.

Nach Kilometer 15, als topografisch die ruhigste Phase des Marathons begann, kam es zu einem Tempowechsel. Nur wenige Minuten später fiel das Elitefeld in einzelne Bestandteile. Vorne bildete sich eine Dreiergruppe mit der ehemaligen Weltrekordhalterin im Halbmarathon, Ababel Yeshaneh. Die hielt sich stetig im Windschatten von Jepchirchir auf, während Jepkosgei konstant auf der gegenüberliegenden Straßenseite lief, als wären sich die beiden kenianischen Topläuferinnen spinnefeind. Was das Trio in der Anfangsphase an Zeit verlor, wurde jetzt mehr als wettgemacht. Mit Kilometer-Splits von 3:10 bis 3:15 Stunden brachten sich die Führenden nun auf Kurs Streckenrekord, der in Boston bei einer Zeit von 2:19:59 Stunden liegt (Buzunesh Deba, 2014).

Jepksogei fällt zurück

Bei der Durchgangszeit bei Streckenhälfte (1:09:41) hatte das Trio 39 Sekunden Vorsprung auf eine fünfköpfige Verfolgergruppe, in der Mitfavoritin Degitu Azimeraw, die am Ende chancenlos war und erstmals in ihrer Karriere über 2:20 Stunden blieb, die kenianische Altmeisterin Edna Kiplagat und deren Landsfrauen Mary Ngugi, Monicah Ngige und Viola Cheptoo liefen. Die US-amerikanische Hoffnung auf ein Top-Ergebnis, Molly Seidel verlor in dieser Phase an Boden und stieg später aus.

An der Spitze war das rasante Tempo vorbei, als der Vorsprung auf über eine Minute anstieg und die schwierige Passage mit den drei Hügeln anstand. Der letzte, der Heartbreak Hill hat große Berühmtheit erlangt, in diesem Rennen spielte er nicht den Scharfrichter. Denn die Drei an der Spitze blieben beisammen, auch wenn sie in den Anstiegen ein paar Sekunden an Vorsprung einbüßten. Fünf Kilometer vor dem Ende konnte Jepkosgei, amtierende Siegerin des London Marathon, das Tempo nicht mehr halten und brach ein. Am Ende fiel sie bis auf Rang sieben zurück.

Drei Attacken, zwei Konter

Das Duell zwischen Jepchirchir und Yeshaneh ging auf Bostoner Stadtgebiet in die heiße Phase. Bis dahin war die Äthiopierin, die noch nie unter 2:20 Stunden gelaufen ist, stets hinter Jepchirchir geblieben. In der finalen Phase spannte sie sich vor ihre Kontrahentin und bestimmte so das Tempo. Beide wirkten angestrengt, in der Bergabpassage vom Heartbreak Hill gab es keine Beschleunigung, womit der acht Jahre alte Streckenrekord relativ bald deutlich außer Reichweite geriet. Viel bedeutender war aber der Kampf um den Sieg. Eineinhalb Kilometer vor dem Ziel attackierte die Kenianerin ein erstes Mal. Die Äthiopierin schloss gut eine Minute später die Lücke wieder. Doch weil sie die vorletzte Kurve des Rennens beinahe verpasste, huschte Jepchirchir innen durch. Yeshaneh berichtigte die Reihenfolge wieder, als die Kenianerin einen smarten, zweiten Angriff lancierte. Sie schob sich unmittelbar vor der letzten Linkskurve in Führung. Doch die Äthiopierin konterte die Attacke und eilte in Führung liegend die Zielgerade hinunter. Jepchirchir wartete mit angestrengter Miene geduldig und bündelte die letzten Kräfte für die entscheidende Attacke kurz vor dem Zielband, das sie in 2:21:01 Stunden durchbrach.

Pure Enttäuschung bei Yeshaneh

Nach optischen Maßstäben, was den Laufstil und den nach außen erkenntlichen Erschöpfungsgrad betrifft, hätte die Äthiopierin diesen Marathon gewinnen müssen. Dass sie hinter der Ziellinie mit zwischen den Schultern Richtung Oberkörper gesenkten Kopf saß und mehrfach versuchte, die TV-Kamera wegzuschicken, sprach Bände. Und das obwohl Yeshaneh auf dem schwierigen Marathonkurs in Boston ihre persönliche Bestleistung nur knapp verpasste. Der Coup im Duell mit der Olympiasiegerin war greifbar, auch das doppelt so hohe Preisgeld als für den zweiten Platz von stattlichen 150.000 US-Dollar.

Für Jepchirchir war dieser Sieg der wohl schwierigste aus dem Dreifach-Triumph der letzten Monate. Hoch qualitativ war er dennoch, denn nur Deba 2014 (als Rita Jeptoo, die noch eine Minute schneller war, wegen Dopings nachträglich disqualifiziert wurde) und die Kenianerin Margaret Okayo im fernen Jahr 2002 haben in Boston je eine schnellere Siegerzeit erreicht als Peres Jepchirchir an diesem Ostermontag.

Routiniers Ngugi und Kiplagat mit starken Leistungen

Im Kampf um Platz drei mussten Azimeraw und Cheptoo, die bei ihrem Debüt im November Zweite beim New York City Marathon war, über die Hügel hinweg abreißen lassen. Es kam zu einem spannenden Dreikampf und auf den breiten Straßen von Boston zu einem Duell. Mary Ngugi, auch als Mary Wacera bekannt, zweifache WM-Medaillengewinnerin im Halbmarathon und ehemalige Frau des verstorbenen Marathon-Stars Samuel Wanjiru, sicherte sich wie im Vorjahr den dritten Platz, fabrizierte in einer Zeit von 2:21:32 Stunden die mit Abstand beste Marathonzeit ihrer Karriere. Die Tatsache, dass ihr Rückstand am Ende lediglich eine halbe Minute war, zeigte auch, dass das Duell Jepchirchir gegen Yeshaneh am Ende keines mehr am Anschlag des Tachos war, sondern ein Kampf mit den verbliebenen Kräften.

Charlotte Purdues Halbmarathon-Splits: 1:11:39 / 1:13:47 Stunden
Charlotte Purdues 5km-Teilzeiten: 17:42 / 16:41 / 16:23 / 17:07 / 17:13 / 17:31 / 17:41 / 17:34 / 7:34 (2,195 km) Minuten

Bemerkenswert ist auch die Leistung von Edna Kiplagat, die im Alter von 42 Jahren eine Zeit von 2:21:40 Stunden erzielte und damit schneller war als bei ihrem Triumph 2017, als sie mit einer denkwürdigen Leistung förmlich über die Hügel flog. Als einzige europäische Topläuferin erreichte Charlotte Purdue in einer Zeit von 2:25:26 Stunden einen guten neunten Platz. Beste US-Amerikanerin war Nell Rojas in persönlicher Bestleistung von 2:25:57 Stunden auf dem zehnten Platz vor der zwölftplatzierten Stephanie Bruce. Die Leistung der 38-Jährigen ist umso bemerkenswert, als dass sie im vergangenen Herbst die Diagnose bekam, an einem angeborenen Herzfehler zu leiden und operiert werden müsse. Sie entschied sich, noch eine Wettkampfsaison in Angriff zu nehmen und Ende 2022 ihre spitzensportliche Karriere zu beenden.

Die ehemalige Boston-Siegerin Desiree Linden finishte in 2:28:47 Stunden auf Rang 13.

Ergebnisse Boston Marathon 2022 der Frauen

  1. Peres Jepchirchir (KEN) 2:21:01 Stunden
  2. Ababel Yeshaneh (ETH) 2:21:05 Stunden
  3. Mary Ngugi (KEN) 2:21:32 Stunden *
  4. Edna Kiplagat (KEN) 2:21:40 Stunden
  5. Monicah Ngige (KEN) 2:22:13 Stunden *
  6. Viola Cheptoo (KEN) 2:23:47 Stunden
  7. Joyciline Jepkosgei (KEN) 2:24:43 Stunden
  8. Degitu Azimeraw (ETH) 2:25:23 Stunden
  9. Charlotte Purdue (GBR) 2:25:26 Stunden
  10. Nell Rojas (USA) 2:25:57 Stunden *
  11. Malindi Elmore (CAN) 2:27:58 Stunden
  12. Stephane Rothstein-Bruce (USA) 2:28:02 Stunden
  13. Desiree Linden (USA) 2:28:47 Stunden
  14. Dakotah Lindwurm (USA) 2:29:55 Stunden
  15. Bria Wetsch (USA) 2:30:42 Stunden
  16. Elaina Tabb (USA) 2:31:34 Stunden
  17. Maegan Krifchin (USA) 2:31:53 Stunden
  18. Kathy Derks (USA) 2:34:54 Stunden *
  19. Natasha Wodak (CAN) 2:35:08 Stunden
  20. Angie Orjuela (COL) 2:35:17 Stunden

* neue persönliche Bestleistung

John Hancock Boston Marathon

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