Nienke Brinkman: eine außergewöhnliche Geschichte

Vor einem halben Jahr war selbst holländischen Laufsportjournalisten der Name Nienke Brinkman nicht selbstverständlich ein Begriff. Selbst der holländische Nationaltrainer wurde auf dem falschen Fuß erwischt, wie holländische Medien nach dem Valencia Marathon 2021 berichteten. Er griff sofort zum Telefon. Nun ist die Athletin, bei der so vieles anders ist, als das, was auf die Beschreibung normal zutrifft, die neue Marathon-Rekordhalterin ihres Landes. Nur die Äthiopierin Haven Hailu absolvierte den Marathon noch schneller als der Shootingstar des holländischen Laufsports.

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Redaktionelle Mitarbeit: René van Zee

Nachdem Nienke Brinkman die Ziellinie des Rotterdam Marathon auf der „Coolsingel“, eine der bedeutendsten Straßen der holländischen Hafenstadt, in einer Zeit von 2:22:51 Stunden überquert und die Sensation vollendet hatte, schüttelten nicht nur Beobachtende ungläubig den Kopf. Auch die 28-Jährige wollte ihr Wunderwerk im ersten Moment gar nicht wahrhaben. „Wir sind zwar im Tempo für den holländischen Rekord losgelaufen, aber die letzten Tagen hatte ich Zweifel in mir. Es ist wirklich ein Traum, den ich so nie erwartet hätte“, sagte sie und sprach ihren Tempomachern ein großes Lob aus. Die Holländerin schaffte in Rotterdam nicht irgendeinen Leistungssprung. Von ihrer ohnehin schon erstaunlichen persönlichen Bestleistung von 2:26:34 Stunden bei ihrem ersten Marathon mit spitzensportlichen Ambitionen kürzte sie über dreieinhalb Minuten ab und überholte zwei kenianisch-stämmige niederländische Laufgrößen in der ewigen Bestenliste. Die dreifache Halbmarathon-Weltmeisterin Lornah Kiplagat, die 2003 in New York eine Zeit von 2:23:43 Stunden gelaufen ist, und Hilde Kibet, die hier in Rotterdam vor elf Jahren in 2:24:27 Stunden knapp geschlagene Zweite hinter der Kenianerin Philes Ongori war. Nun ist der gut 18 Jahre alte holländische Rekord Geschichte, ebenfalls durch einen zweiten Platz.

Der RunAustria-Bericht des Männerrennens

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Die Quereinsteigerin mit hoher universitärer Qualifikation

Die Geschichte von Nienke Brinkman klingt wie ein unwirkliches Märchen. Die ehemalige Hockeyspielerin in der zweiten holländischen Liga hatte im Frühjahr 2020 plötzlich ungewohnte Möglichkeiten im Handlungsmanagement ihrer Freizeit. Ihr Doktoratsstudium der Geophysik an der ETH in Zürich stand unverhofft still, sie nutzte die Zeit, um etwas Neues auszuprobieren: Laufen. Sie legte mit dem Ziel, Stress abzubauen, gemeinsam mit Studienkollegen los und entdeckte ihre neue Leidenschaft.

Nienke Brinkmans Halbmarathon-Splits: 1:11:52 / 1:10:59 Stunden
Nienke Brinkmans 5km-Teilzeiten: 16:51 / 17:20 / 16:54 / 17:00 / 17:04 / 16:50 / 16:55 / 16:51 / 7:06 (2,195 km) Minuten

Die eigentliche Entdeckung war jedoch nicht die Leidenschaft, sondern das Ausnahmetalent. Sie war überrascht, wie leicht ihr das Laufen fiel, sagte sie nach Valencia. In der Schweiz hatte Brinkman danach gestrebt, einen Marathon professionell und gezielt vorzubereiten, um ihr Talent auszuloten. Der Schweizer Triathlon-Trainer Benjamin Ueltschi gab die richtigen Tipps, die Stand-up-Olympia-Qualifikation war nach einer Verletzung unmöglich. Die rasante Entwicklung bis hin zu einer Marathonzeit von 2:22:51 Stunden gelang dennoch, sie ging leicht von der Hand, erzählte Brinkman im Dezember der Amsterdamer Tageszeitung „De Volksrant“. Die Seismologin, die in Indonesien geboren ist, in Leiderdorp, gar nicht weit von Den Haag und Rotterdam, aufgewachsen ist und in der Schweiz ihren Lebensmittelpunkt hat, setzte einen sehr großen Schritt nach dem anderen. Eine nicht unwesentliche Entscheidung: Nach dem Valencia Marathon hat sie sich dem Team von Jos Hermens angeschlossen.

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Der etwas andere Ansatz

Auch ansonsten ist bei Brinkman so einiges anders als bei anderen. Sie liebt das Trailrunning: „Erstens brauche ich andere Bewegungen, zweitens hilft es sehr, den Geilst und den Körper zu stärken. Aber natürlich, es ist eine ganz andere Laufdisziplin.“ Und sie liebt es, lange zu laufen. Bis zu vierstündige Läufe im lockeren Dauerlauf sind keine Seltenheit, wie die Kommentatoren im übertragenden holländischen Fernsehen verrieten.

Stadionatmosphäre als Motivation

Brinkman erzählte holländischen Journalisten nach dem Rennen, dass sie den Landesrekord sehr wohl im Kopf hatte, aber sich nicht getraut hatte, darüber zu reden. Als das Rennen gut lief und sie mit einer Steigerung, die einen Negativ-Split anteaserte, der Bestmarke von Kiplagat immer näher kam, erkannten auch die zahlreich erschienen Zuschauer das Potenzial der Sensation und unterstütze die Landsfrau mit lautstarken Anfeuerungen. „Es war eine grandiose Atmosphäre, die Menge hat mich durch die entscheidende Phase gezogen. Meine Familie und Freunde standen in der Nähe, ich habe ihnen im Vorbeilaufen zugewinkt.“ Mit einer außergewöhnlichen Lockerheit sei „Alice im Wunderland“ zum Rekord gestürmt, befanden die niederländischen TV-Kommentatoren. Die zweite Marathon-Hälfte von 1:10:59 Stunden (nach einer ersten von 1:11:52) war die mit Abstand schnellste im Feld, über eine Minute flotter als jene der Siegerin Haven Hailu.

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Favoritensieg durch Hailu

Ebenfalls motivierend waren die Positionsverbesserungen während der zweiten Rennhälfte. Dass Brinkmann mit ihrer genialen Leistung am Ende nicht gewinnen konnte, lag daran, dass die dreiköpfige Spitzengruppe noch deutlich schneller anging. Hailu und die beiden Kenianerinnen Stella Barsosio und Daisy Cherotich überquerten die Zwischenzeit beim Halbmarathon in 1:09:55 Stunden. Die Titelverteidigerin stieg später aus, die Debütantin hatte sich viel zu gemutet und brach auf den letzten Kilometern völlig ein, nachdem sie auf dem 35. Kilometer von Brinkman überholt wurde. Aber Haven Hailu blieb stabil, auch wenn sie ihr Tempo von 3:20 Minuten pro Kilometer im letzten Renndrittel nicht mehr halten konnte. Die 24-jährige Äthiopierin, die bei Jos Hermens unter Vertrag steht, wurde ihrer Favoritenrolle gerecht und feierte ein halbes Jahr nach ihrer persönlichen Bestleistung in Amsterdam (2:20:19) ihren allerersten Wettkampfsieg in einer Zeit von 2:22:01 Stunden.

Haven Hailus Halbmarathon-Splits: 1:09:55 / 1:12:06 Stunden
Haven Hailus 5km-Teilzeiten: 16:14 / 16:41 / 16:31 / 16:47 / 17:03 / 17:13 / 17:04 / 17:06 / 7:21 (2,195 km) Minuten

Neuer kasachischer Marathonrekord

Einen zweiten Landesrekord setzte Zhanna Mamazhanova aus Kasachstan, die 2:07 Minuten unter ihrer bisherigen Bestleistung, die sie im Mai vergangenen Jahres als Siegerin des Improvisationsmarathons im steirischen Fürstenfeld gesetzt hat, blieb. Mit einer Zeit von 2:26:54 Stunden, der zum hervorragenden dritten Platz in Rotterdam führte, ist sie nun auch schneller gelaufen als alle Kasachinnen zu Sowjetzeiten.

Zhanna Mamazhanovas Halbmarathon-Splits: 1:13:24 / 1:13:28 Stunden
Zhanna Mamazhanovas 5km-Teilzeiten: 17:13 / 17:31 / 17:19 / 17:29 / 17:33 / 17:29 / 17:11 / 17:31 / 7:36 (2,195 km) Minuten

Der vierte Platz ging an Minkhzaya Bayartsogt aus der Mongolei, die in 2:29:25 Stunden die drittschnellste Zeit ihrer Karriere erreichte. Die US-Amerikanerin Tristin van Ord steigerte ihre Bestleistung um dreieinhalb Minuten auf eine Zeit von 2:29:32 Stunden, auch die sechstplatzierte Carolina Wikström aus Schweden und die siebtplatzierte Alisia Vainio aus Finnland, die damals trotz erlangtem Olympia-Limit aus Altersgründen den Marathon in Rio 2016 nicht laufen durfte, blieben unter 2:30 Stunden. Dagegen keine Chance auf eine Spitzenplatzierung hatte die ehemalige Weltmeisterin Rose Chelimo, die von Beginn an ein für ihre Verhältnisse sehr langsames Tempo lief und in einer Zeit von 2:44:22 Stunden finishte.

Rose Chelimos Halbmarathon-Splits: 1:18:10 / 1:26:10 Stunden
Rose Chelimos 5km-Teilzeiten: 17:42 / 18:18 / 18:52 / 19:00 / 19:39 / 19:50 / 20:30 / 21:01 / 9:28 (2,195 km) Minuten

Spezialistin für Erschütterungen

Am Austragungsort war aber die Leistung der im Ausland lebenden Lokalmatadorin, die wie Phönix aus der Asche in die niederländische Marathonszene gestiegen ist. Übereinstimmend freuten sich holländische Medienberichte gestern über eine große Marathon-Zukunft, die Nienke Brinkman bevorsteht. „Sie sah sehr stark aus“, merkte auch Lornah Kiplagat, eine ausgewiesene Kennerin des Laufsports, in ihrem Twitter-Post an. Als nächstes großes Ziel definiert Brinkman den EM-Marathon in München, wo sie nach dieser Leistung zu den Mitfavoritinnen auf die Goldmedaille zu zählen ist. Davor wird sie natürlich einige Trails bestreiten. „Sport ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich will alles dafür geben und einmal an Olympischen Spielen teilnehmen“, sagt sie. Bis dahin hat sie ihr Studium abgeschlossen, plangemäß Ende des Jahres. Ihr Forschungsinhalt ist vielleicht noch kurioser als Marathonrekordlaufen als Quereinsteigerin: Sie beobachtet für die NASA seismologische Bewegungen und Erschütterungen auf dem Mars. Ihren beruflichen Umfang hat sie aufgrund der neuen Laufleidenschaft temporär reduziert. Für eine Erschütterung in der europäischen Marathonszene hat sie mit ihrem Auftritt in Rotterdam jedenfalls gesorgt.

Ergebnis NN Rotterdam Marathon 2022 der Frauen

  1. Haven Hailu (ETH) 2:22:01 Stunden
  2. Nienke Brinkman (NED) 2:22:51 Stunden *
  3. Zhanna Turi-Mamazhanova (KAZ) 2:26:54 Stunden **
  4. Minkhzaya Bayartsogt (MON) 2:29:25 Stunden
  5. Tristin van Ord (USA) 2:29:32 Stunden ***
  6. Carolina Wikström (SWE) 2:29:51 Stunden
  7. Alisia Vainio (FIN) 2:29:56 Stunden ***
  8. Daisy Cherotich (KEN) 2:30:42 Stunden ****
  9. Astrid Verhoeven (BEL) 2:31:39 Stunden ***
  10. Whitney Macon (USA) 2:32:48 Stunden ***

    19. Rose Chelimo (BRN) 2:44:22 Stunden

* neuer holländischer Landesrekord
** neuer kasachischer Landesrekord
*** neue persönliche Bestleistung
**** Marathon-Debüt

NN Rotterdam Marathon