Grandioses Debüt für Mayer – Hoch und Tief für Österreicher

In ihrem ersten Marathon überzeugte Domenika Mayer und verwies Rabea Schöneborn im Kampf um den deutschen Staatsmeistertitel auf den zweiten Platz. Bei den Männern lief Hendrick Pfeiffer in überlegener Manier zum Gesamtsieg. Aus ÖLV-Sicht lautete die Bilanz: des einen Freud, des anderen Leid.

© Hannover Marathon / Norbert Wilhelmi

„Ich habe nicht allzu viel darüber nachgedacht, was passieren könnte. Manchmal passiert es, dass ein Rennen sehr gut rollt, manchmal nicht. Heute war ein guter Tag für mich“, analysierte Domenika Mayer ihren Coup zurückhaltend als wäre sie ein Routinier. Ist sie nicht, der Hannover Marathon war der erste in ihrer Karriere, bei dem sie auf Anhieb zum deutschen Meistertitel lief. Und das in einer beeindruckenden Zeit, denn mit der Debütleistung von 2:26:50 Stunden schob sie sich auf Anhieb auf Rang elf der ewigen deutschen Bestenliste, kurioserweise auf die Sekunde genau zeitgleich mit ihrer Regensburger Vereinskollegin Miriam Dattke, die diese Zeit im Februar in Sevilla gelaufen ist. Damit ist Mayer mehr als nur eine ernsthafte Kandidatin für einen hochkarätigen internationalen Auftritt für den DLV im Sommer – ob bei den Weltmeisterschaften oder den Europameisterschaften, die in ihrer Heimatregion in München über die Bühne gehen werden.

Domenika Mayers Halbmarathon-Splits: 1:13:36 / 1:13:14 Stunden
Domenika Mayers 10km-Teilzeiten: 35:06 / 69:04 (20km) / 34:52 / 7:48 (2,195 km) Minuten

Ein Negativsplit auf hohem Niveau

Bei kühlen Temperaturen und Wind, aber klarem Himmel und Sonnenschein über Hannover konnte sich Domenika Mayer auf den perfekten Support durch ihren persönlichen Tempomacher Simon Boch verlassen. Ihr Vereinskollege hatte eigene Ambitionen nach gesundheitlichen Problemen in den ersten Monaten dieses Jahres uneigennützig weit hinten angestellt und führte die 31-jährige, zweifache Mutter als Schrittmacher von Kilometer eins bis Kilometer 42 so verlässlich, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Das führte die Debütantin sogar zu einem negativen Split und zur zweitschnellsten Siegerzeit in der nun 30 Ausgaben umfassenden Geschichte des Events. Letzte deutsche Siegerin in Hannover war Anna Hahner im Jahr 2016, neben Mayer der einzige Heimsieg in den letzten 20 Jahren.

Rabea Schöneborns Halbmarathon-Splits: 1:13:37 / 1:13:58 Stunden
Rabea Schöneborns 10km-Splits: 35:07 / 69:22 (20 km) / 35:16 / 7:50 (2,195 km) Minuten

Schöneborn als faire Gratulantin

Die Entscheidung im Rennen und im Kampf um den deutschen Meistertitel fiel in der Phase zwischen Kilometer 25 und Kilometer 30, nachdem das deutsche Top-Duo Domenika Mayer und Rabea Schöneborn in Begleitung der Kenianerin Flomena Chepkiach beim Halbmarathon in einer Zeit von 1:13:36 Stunden durchgegangen war. Mayer und die Kenianerin konnten sich von Schöneborn lösen, die abgeschirmt von ihrem persönlichen Tempomacher Steffen Uliczka das Tempo der Führenden in der nun schnellsten Rennphase nicht mitgehen konnte. Schöneborn hielt den Abstand recht gering, der pendelte eine Zeitlang zwischen 20 Sekunden und einer halben Minute, Boden gut machen auf ihre Konkurrentin um den nationalen Titel konnte die 27-Jährige aber nicht mehr, im Gegenteil. Sie wurde in 2:27:35 Stunden – die zweitschnellste Marathonzeit ihrer Karriere – Zweite und schenkte der Überraschungssiegerin wenige Sekunden nach ihrem Zieleinlauf eine herzliche Umarmung der Gratulation. „Es war ein Kampf heute, ich bin dennoch glücklich, ins Ziel gekommen zu sein“, hielt sich die Silbermedaillengewinnerin in ihrer Analyse kurz.

Im Kampf um die Bronzemedaille setzte sich die neuntplatzierte Sabine Burgdorf mit knapp eineinhalb Minuten Vorsprung auf Katja Fischer durch. Dritte in der Gesamtwertung wurde noch die Kroatin Matea Parlov-Kostro, die zwei Kilometer vor dem Ende an Chepkiach vorbei gehen konnte. Die 29-Jährige verbesserte sich um 13 Sekunden gegenüber dem Valencia Marathon 2020 und bleibt auf dem vierten Platz der ewigen kroatischen Bestenliste – WM- und EM-Limit inklusive.

© Hannover Marathon / Norbert Wilhelmi

Laufgenuss für Pfeiffer

Bei den Männern konnte Hendrick Pfeiffer trotz der herausfordernden Bedingungen in etwa sein Rennen nach seinen Vorstellungen umsetzen. Kurz nach der Zwischenzeit bei Kilometer 30, die die Spitzengruppe in einer Zeit von 1:33:00 Stunden passierte, setzte sich der Olympia-Teilnehmer von Tokio 2020 ab und konnte in relativ kurzer Zeit ein beruhigendes Polster zwischen sich und dem kenianischen Debütanten Josphat Kiptis legen. „Es herrschte eine grandiose Atmosphäre. Die Zuschauer haben mir sehr geholfen, durch dieses nicht einfache Rennen zu kommen. So habe ich alle meine Ziele heute erreicht“, kommentierte der 29-Jährige, der auch bereits die Marathons in Düsseldorf und Köln gewonnen hat, nach der zweitschnellsten Marathonzeit seiner Karriere. Er überquerte die Ziellinie als erster deutscher Sieger beim Hannover Marathon seit Stephan Freigang im Jahr 1999 in einer Zeit von 2:10:59 Stunden. 1999 war auch das letzte Jahr, als in Hannover beide Siege an Deutsche gingen, bei den Frauen war es damals Claudia Dreher.

Hendrick Pfeiffers Halbmarahton-Splits: 1:05:25 / 1:05:34 Stunden
Hendrick Pfeiffers 10km-Teilzeiten: 30:52 / 62:08 (20 km) / 30:45 / 7:14 (2,195 km) Minuten

Spannender Kampf um die Medaillen

Kiptis, der einige starke Halbmarathonzeiten, erzielt vor einigen Jahren, auf der Visitenkarte hat, finihste in 2:13:47 Stunden auf Rang zwei vor dem Dänen Martin Olesen, der seine persönliche Bestleistung um knapp eine Minute verbesserte. Eine dramatische Entscheidung brachte der Kampf um die Medaillen bei den Deutschen Meisterschaften hinter Pfeiffer, denn trotz der skizzierten Bedingungen liefen alle Ambitionierten persönliche Bestleistungen. Frank Schauer sicherte sich in einer Zeit von 2:14:43 Stunden, eine persönliche Bestleistung um fast zwei Minuten, als Fünfter der Gesamtwertung die Silbermedaille vor Erik Hille, der seinen individuellen Bestwert um dreieinhalb Minuten auf eine Zeit von 2:15:04 Stunden verbessern konnte. Der Überraschungsdritte der Deutschen Meisterschaften setzte sich im Kampf um Edelmetall um eine Sekunde gegen Marcus Schöfisch und drei Sekunden gegen Nic Ihlow durch.

Tolles Marathon-Debüt von Prüller

Aus österreichischer Sicht brachte der Hannover Marathon nur eine Erfolgsstory. Florian Prüller (TSV Steiermärkische Sparkasse Hartberg), Crosslauf-Staatsmeister 2009 und Universiade-Teilnehmer 2008, feierte im Alter von 38 Jahren seine Premiere im Marathon, nachdem er sich jahrelang vom Laufsport zurückgezogen hat. Er erzielte eine Zeit von 2:15:56 Stunden und wurde Zehnter der Gesamtwertung und verlor erst in der finalen Phase den Kontakt zur Gruppe mit den Medaillen-Aspiranten bei den Deutschen Meisterschaften.

Florian Prüllers Halbmarathon-Splits: 1:07:31 / 1:08:25 Stunden
Florian Prüllers 10km-Teilzeiten: 32:12 / 63:35 (20 km) / 32:30 / 7:49 (2,195 km) Minuten

Prüller hatte nach seiner Hochphase in der Leichtathletik Ende des ersten Jahrzehnts des laufenden Jahrhunderts, als er in Venlo eine persönliche Halbmarathon-Bestleistung von 1:04:39 Stunden erzielt hatte, seine leichtathletische Laufbahn unterbrochen und war in Begleitung seiner Frau und zwei Fahrrädern auf Welttournee gegangen. Damals hatte er auch einen Marathon in einer Zeit von 2:31:25 Stunden bestritten. Seit wenigen Jahren trainiert er wieder zielgerichtet und hat sich bereits mit eindrucksvollen Leistungen im 10.000m-Lauf (Österreichische Meisterschaften in Eisenstadt) zurückgemeldet.

Enttäuschung für Steinhammer

Sein erhofftes Comeback mit persönlicher Bestleistung realisierte sich für Christian Steinhammer (ULC Riverside Mödling) nicht. Er musste noch auf der ersten Hälfte, anfänglich in der großen Verfolgergruppe mit Prüller laufend, aufgeben. Rund 18.000 Anmeldungen für alle Bewerbe verzeichnete die 30. Auflage des Hannover Marathons, der erstmals seit 2019 vor beachtlichem Publikum wieder stattfand. Den Marathon finishten rund 2.100 Aktive, rund 5.400 bestritten den Halbmarathon.

Ergebnisse HAJ Hannover Marathon 2022

Männer

  1. Hendrick Pfeiffer (GER) 2:10:59 Stunden *
  2. Josphat Kiptis (KEN) 2:13:47 Stunden *****
  3. Martin Olesen (DEN) 2:14:35 Stunden ****
  4. Wilfred Kiptoo (KEN) 2:14:43 Stunden
  5. Frank Schauer (GER) 2:14:43 Stunden ** / ****
  6. Erik Hille (GER) 2:15:04 Stunden *** / ****
  7. Marcus Schöfisch (GER) 2:15:05 Stunden ****
  8. Nic Ihlow (GER) 2:15:07 Stunden ****
  9. Archie Casteel (SWE) 2:15:22 Stunden ****
  10. Florian Prüller (AUT) 2:15:56 Stunden *****

    DNF Christian Steinhammer (AUT)

Frauen

  1. Domenika Mayer (GER) 2:26:50 Stunden * / *****
  2. Rabea Schöneborn (GER) 2:27:35 Stunden **
  3. Matea Pavlov-Kostro (CRO) 2:28:39 Stunden ****
  4. Flomena Chepkiach (KEN) 2:30:42 Stunden *****
  5. Runa Skrove-Falch (NOR) 2:33:53 Stunden
  6. Vaida Zusinaite-Nekriosiene (LTU) 2:36:04 Stunden
  7. Karen van Proeyen (BEL) 2:36:18 Stunden ****
  8. Pernille Epland (NOR) 2:38:51 Stunden *****
  9. Sabine Burgdorf (GER) 2:41:11 Stunden *** / ****
  10. Katja Fischer (GER) 2:42:39 Stunden ****

* Deutscher Meistertitel
** Silbermedaille Deutsche Meisterschaften
*** Bronzemedaille Deutsche Meisterschaften
**** neue persönliche Bestleistung
***** Marathon-Debüt

HAJ Hannover Marathon